• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 01:30 Uhr Tag für Tag
StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenSubkulturen in der Fankurve26.01.2012

Subkulturen in der Fankurve

Umfangreiche Studie über Ultras in der Fussballszene

Als Ultras werden im Fussball jene Anhänger bezeichnet, die ihren Verein bedingungslos unterstützen. Mittlerweile interessiert sich auch die Wissenschaft für das Thema: An der Fachhochschule Dortmund existiert ein großes Forschungsprojekt dazu.

Von Reiner Scholz

Hannovers Ultra-Fans spannen vor dem Spiel Transparente auf. (Joerg Sarbach/dapd)
Hannovers Ultra-Fans spannen vor dem Spiel Transparente auf. (Joerg Sarbach/dapd)

Samstag 15.30 Uhr. Anpfiff zur Bundesliga. Die Fankurven sind bis auf den letzten Platz besetzt. Vor allem die gut organisierten Ultra-Gruppen der Profivereine sorgen mit ihren nicht endenden Gesängen, den Transparenten und ihren Choreografien für Stimmung. Ultras haben bundesweit Zulauf. Sie sind mittlerweile eine der größten Jugend-Subkulturen in Deutschland. Die Wissenschaft hat sich mit ihr kaum beschäftigt. Einer der wenigen, der die Ultras schon länger begleitet, ist der Berliner Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski

"Im Gegensatz zu anderen Jugendsubkulturen vorher sind sie kein abgeschlossenes Gebilde mit ihren eigenen Identitäten, sondern sie "patchworken" in allen Jugendkulturen rum, die zuvor stattgefunden haben. Sie lernen hier was aus dem Hip-Hop sich zu greifen, da was aus dem Punk. Da was aus den alten Fußballfanbewegungen und das macht sie so vielfältig in jeder Hinsicht, auch in sozialpolitischer Hinsicht, denn man muss auch sagen, dass bei den Ultras und ihre Form der Selbstregulierung sehr viel über Rassismus geredet wird und zwar sehr kritisch. Mittlerweile kann ich in Fanszenen über Nationalismus, ja über Sexismus reden. Als ich vor 20 Jahren angefangen bin als Fans, war das gar nicht möglich. Die haben mich angeguckt wie Aliens."

Am Institut für angewandte Sozialwissenschaften der Fachhochschule Dortmund arbeitet derzeit - das traditionelle Westfalenstadion in Sichtweite - ein Team um Professor Jochem Kotthaus an einer der bislang umfangreichsten Studien über Ultras aus Nordrhein-Westfalen. In qualifizierten Interviews - mittlerweile wurden mehr als 50, teilweise mehrstündig Gespräche geführt - haben die Wissenschaftler bereits tiefe Einblicke bekommen in die Lebenswelt der überwiegend männlich geprägten Fangruppen. Zwar seien die meisten Ultras gegen die Kommerzialisierung des Profi-Fußballs. So kämpfen sie etwa gegen hohe Eintrittspreise und den Verkauf der Stadionnamen an Sponsoren. Doch dezidiert politisch seien die wenigsten, sagt der Lehrbeauftragte und wissenschaftliche Mitarbeiter Sven Kathöfer:
"Viele wollen tatsächlich nur das Hauptthema verfolgen: den Support der Mannschaft. Protestverhalten schleicht sich dann ein, wenn es eine gewisse Veränderung in der Stadionlandschaft gibt - also es gibt eine große Werbetafel vor der Stehplatztribüne -, dann sind dann doch viele Ultras gewillt, geschlossen in einer Gruppe dagegen vorzugehen. Aber ob das jetzt diesen schon fast ideologischen Anti-Kapitalismus betrifft, das findet man nur bei einer Handvoll von Ultras tatsächlich dann wieder."

Die Dortmunder Sozialwissenschaftler haben herausgefunden, dass die Gruppen einerseits sehr integrationsfähig seien, sich als Folge daraus allerdings schwer täten, als belastend empfundenes Verhalten einzelner Mitglieder zu sanktionieren. Das gelte etwa beim Thema Gewalt. Die Szene sei ausgesprochen heterogen. Es gibt in Deutschland nach Schätzungen 10 bis 20.000 Mitglieder und Sympathisanten in über 100 Gruppen. Viele seien offen für jeden Fan, andere würden ihre Mitgliedschaften erst nach einer Art Eignungsprüfung vergeben. Einige Gruppen seien hierarchisch organisiert, die meisten aber basisdemokratisch:

"Diese Konsensbildungen sind sehr, sehr schwierig und meistens entscheiden dann diejenigen, die selten an Erschöpfungszuständen leiden. Es wird ausdiskutiert in den Gruppen. Gerade wenn sich die Gruppe als basisdemokratisch versteht, ist dieser Prozess natürlich ungemein anstrengend, wenn denn 400 Leute da mitreden können und die Entscheidung für eine gewisse Stoßrichtung wird dann oft denjenigen entschieden, dass das Erschöpfungslevel als Letztes erreichen."

Im Laufe des Jahres sollen erste Forschungsergebnisse des Dortmunder Langzeit-Projektes publiziert werden. Sie dürften auf großes Interesse stoßen, denn, - so Professor Jochem Kotthaus - die Ultras seien mittlerweile durchaus zu einer Macht in Fussball-Deutschland geworden:

"Mächtig genug, um die Politik in Wallung zu bringen, mächtig genug, um Ordnungsbehörden in Wallung zu bringen. Mächtig genug, um den DFB und die DFL zum Großteil zu beschäftigen zum Beispiel in Sachen Pyrotechnik auf der einen Seite. Auf der anderen Seite mächtig genug, dass es das Bild ist von Fußball, von Fußballpublikum, was in der Regel in Zeitungen und in Bildmedien publiziert wird. Sie sehen nicht den normalen Fan, sondern sie sehen den Ultra, die Inszenierung von Ultras, das ist das, was sie gerne benutzen."

Dass die Ultras kein zu vernachlässigendes Randphänomen sind, bewies auch ein von ihnen organisierter Fankongress, der kürzlich mit über 500 Teilnehmern und 70 Referenten in Berlin stattfand. Die Kosten von 30.000 Euro brachten die Gruppen selbst auf, Geldangebote wie etwa von der Deutschen Fußballliga, DFL, wurden abgelehnt. Man will unabhängig bleiben. Der Berliner Sozialwissenschaftler Gerd Dembowski, der gerade schwerpunktmäßig zum Thema "Antidiskriminierung im Fußball" forscht, erkennt darin das wachsende Selbstbewusstsein der Ultras, einer in wichtigen Teilen - wie er feststellt - mittlerweile "bildungsbürgerlichen Bewegung" :

"Das sieht man ganz einfach, wie die Leute sich artikulieren, wie elaboriert sie reden können und auch, dass sie nicht umkippen. Anfang der neunzig Jahre habe ich versucht, mit Leuten so Sachen zu organisieren. Die Meinungen wurden auswendig gelernt und dann hat man sich vor dem Sicherheitsbeauftragten des DFB in die Hose geschissen und hat die eigenen Forderungen nicht vorgebracht. Da ist `ne ganze Menge passiert. Natürlich ist Fußball immer noch ein Zugangsmittel für Leute aus bildungsfernen Schichten. Aber die jetzt ins Stadion kommen, die finden diese Bewegung so elaboriert vor und das ist cool. Von daher erreichen Ultras auch bildungsferne Jugendliche, die auf anderen Wegen vielleicht gar nicht erst erreicht werden."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk