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StartseiteSonntagsspaziergangVerschwindende Bäche und einstürzende Höhlen20.03.2016

Südharzer KarstwanderwegVerschwindende Bäche und einstürzende Höhlen

Der Karstwanderweg zieht sich über 250 Kilometer und durchstreift dabei mehrere Bundesländer. Die Landschaft verändert sich beständig - dafür sorgt der Gips in der Landschaft.

Von Eva Firzlaff

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"Hier ist der Parkplatz. Da laufen wir diesen Weg hier durch das Hainholz-Gebiet, hier an den Erdfällen vorbei, gehen zum Beierstein. Hier ist die Beiersteinsenke, gucken wir uns an. Dann hier parallel zum Beierstein hoch. Das ist dann der Rötzel, der Rötzelpfad, der Rötzel-Gipfel, können wir da drüben sehen, den Kamm. Da gehen wir dann zurück zum Parkplatz."

An der Karte erklärt Wulf Ehrig kurz die Sonntagswanderung im Hainholz. Etwa 15 Interessierte sind gekommen, Einheimische und Gäste. Das Naturschutzgebiet Hainholz in der Nähe von Osterode umfasst Wald, sanft geschwungene Wiesen und Weiden, grasbewachsene Hänge, kleine Bergrücken. Und zeigt auf kurzem Weg alle Phänomene des Karsts.

"Hier haben wir eine Quelle und so 200 bis 300 Meter weiter eine Schwinde. Ganz typisch in der Karstlandschaft, wir haben viele Quellen, aber auch viele Schwinden. Warum passiert das? Der größte Teil des Wassers in einem Gipskarstgebiet fließt unterirdisch. Wenn viel Regen fällt, dann fließt auch der Bach weiter über die Wiese. Aber im Normalfall, wenn wenig Regen fällt, wie wir es jetzt sehen, dann verschwindet das Wasser 200 Meter weiter."

Fließt unterirdisch und kommt dann ein paar 100 Meter weiter, es können auch vier bis fünf Kilometer sein, wieder zum Vorschein. Die Quellen und Schwinden. Auf seinem Weg durch den Untergrund löst das Wasser den Gips und es entstehen Höhlen.

"Irgendwann mal bilden sich Höhlen und immer größere Höhlen. Und wenn die Decke darüber nicht mehr tragfähig ist, stürzt das Ganze zusammen. Dann haben wir – wie hier – einen Erdfall."

Wulf Ehrig zeigt auf einen kreisrunden Trichter im Waldboden, zwischen den Bäumen ein Stück ab vom Weg. Durchmesser etwa acht Meter und auch acht Meter tief. Und Firouz Vladi vom Verein Karstwanderweg erzählt:

"Also, ich habe es öfter gehört als ich früher hier in der Gegend kartiert habe, dass mir gesagt wurde: Ja, und da ist da plötzlich ein Loch und da ist mein Pferd verschwunden. Oder westlich von Osterode ist ein Erdfall, der heißt das Postloch, weil da mal eine ganze Postkutsche verschwunden ist. Das ist direkt an der Chaussee von Nordhain nach Osterode."

Ihm war aufgefallen, dass selbst viele Einheimische das Besondere ihrer Umgebung nicht kennen, Schulklassen eher zum Bowling gehen als in den Wald. Deshalb soll der Karstwanderweg am Südrand des Harzes mehr sein, als nur ein Wanderweg.

"Dieser Karstwanderweg – jetzt mit 254 Kilometern Länge am Südharz – ist nicht dazu da, nur zu wandern. Wir haben ja sehr viele Wanderwege im Harz, die alle sehr schön sind, zum Beispiel der Hexenstieg und andere, die aber das Ziel haben, zu wandern. Und der Karstwanderweg hat das Ziel, durch Beschilderung, auch durch eine sehr umfangreiche Website und Erläuterungstafeln, dem Wanderer auch einen tieferen Einblick in die Entstehungsumstände der Landschaft zu vermitteln, gerade im Karstgebiet mit den Höhlen. Ihm zu vermitteln auch das, was der Mensch hier gemacht hat von der Altsteinzeit bis zu Gegenwart, wenn Burgen oder Burgruinen am Wanderweg liegen oder Klöster. Sodass der Wanderer tatsächlich etwas lernen kann, wenn er will. Wir haben natürlich damit das Ziel verbunden, dass die Schulen vor allem ihre Umgebung inhaltlich aufgeschlossen vorfinden als Bildungsangebot."

Und wenn dann Kinder oder Jugendliche nun doch mal ins Hainholz gehen.

"Dann hört man großes Erstaunen: So etwas haben wir hier? Wusste ich gar nicht. Das ist ja spannend hier. Was, und das ist hier alles passiert? Und so etwas gibt es hier? All solche Fragen und solche Äußerungen kommen dann."

Die Gipslager sind eine Hinterlassenschaft des Zechsteinmeeres, das vor 250 Millionen Jahren immer mal ausgetrocknet ist. Über die Zeit hat das Wasser den Gips gelöst und Höhlen gebildet. Von vielen weiß man gar nichts, andere sind gesperrt, weil von oben dicke Batzen runter fallen, da würde kein Helm helfen. Manche kann man angucken. Der Karstwanderweg führt vorbei an der Höhle Heimkehle nahe Nordhausen und an der Iberger Tropfsteinhöhle bei Bad Grund. Die wurde von Bergleuten um 1600 beim Erzabbau gefunden und erst im 19. Jahrhundert zur Schauhöhle mit riesigen Tropfsteingebilden. Das Sensationelle jedoch findet sich im Museum an der Höhle. Knochen von etwa 60 Menschen aus der späten Bronzezeit.

"Wir nennen diesen Clan die älteste genetisch nachgewiesene Großfamilie der Welt. Bislang ist es noch so."

Gefunden in der Lichtenstein-Höhle nahe Osterode, eine der vielen Karsthöhlen, die jedoch nicht zugänglich ist. Diese Höhle war vor fast 3.000 Jahren das Grab eines bronzezeitlichen Familienclans. Das Museum informiert über die Ausgrabungen und die Familie. Ortrud Krause:

"Jetzt stehen wir vor drei Gesichtern aus der Bronzezeit. Also wir schauen Menschen ins Angesicht, die in dieser Ähnlichkeit, wie sie hier dargestellt sind, gelebt haben dürften. Es sind die ersten Menschen, die nicht nur aufgrund ihrer Schädel, also der Knochenmorphologie - die Schädel sehen sie gegenüber -, rekonstruiert wurden, sondern auch aufgrund der DNA-Erkenntnisse. Das heißt, dass die eher dunkle Haare hatten, dass die kein ganz heller Hauttyp waren, dass die keine blauen Augen hatten. Also nicht irgendeinem germanischen Typ entsprechen, wie wir uns den vorstellen. Das wissen wir über die dann ganz sicher. Wir haben es hier zu tun mit einem Vater, einer Mutter und ihrer gemeinsamen Tochter."

Gentests in den Dörfern nahe der Höhle haben Verwandtschaftsbeziehungen bis heute nachgewiesen. Über mehr als 100 Generationen.

Der Karstwanderweg führt zum Zisterzienser-Kloster Walkenried, das über Jahrhunderte eine Wirtschaftsmacht war, im Südharz. Führt zum Konzentrationslager Mittelbau Dora bei Nordhausen, wo Häftlinge im Zweiten Weltkrieg Höhlen ausgebaut haben für die Fertigung der sogenannten V-Waffen. Führt zu Burgruinen und Höhlen. Und durch eine Landschaft, die sich verändert. Nicht von einem Tag zum anderen, aber doch so, dass man es über die Jahre mitkriegt. Zum Beispiel im Hainholz, eine wandernde Felswand.

"In diesem Wald, der vor uns liegt, ist eine Felswand aus Gips. Würden wir die Bäume nicht sehen, guckten wir auf eine Felswand. Diese Felswand lag hier vor diesem Fahrweg. Hat sich seither zurückverlegt, indem sich darin große Höhlen bildeten, diese Höhlen stürzten ein. Es gab Erdfälle mit Teichen, die Teiche verlandeten, sachten wieder ein. Und durch die Auflösung des Gipses geht dieser Prozess verstärkt immer weiter. Diese Felswand löst sich immer weiter auf und rückt immer weiter zurück. Der Fels frisst sich selber auf, und zwar im Gipskarst ausgesprochen schnell. Kalkkarst, wie wir es auf der Fränkischen Alb oder in der Schwäbischen Alb haben, der hat eine Entwicklungsgeschwindigkeit, die 100-mal langsamer als das, was wir hier im Gips sehen. Das heißt, all das, was wir hier sehen, sind sehr frische Formen, eine Zeitdimension, in der der einzelne Mensch schon massive Veränderungen in seiner Umgebung erleben kann."

Weil man alleine zwar wandern kann, aber an vielen Besonderheiten eben vorbei geht, lädt die Arbeitsgemeinschaft Karstwanderweg zu Sonntagswanderungen ein mit fachkundiger Begleitung. Wie auch hier bei Questenberg im Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz. Auf der Wanderkarte sind viele Wasserläufe eingezeichnet, wie blaue Äderchen, die aber in keinen Fluss münden, sondern einfach nur aufhören.

"Der Harz hat ja sehr viele Bäche, Quellen, kleinere Fließgewässer und das Wasser fließt von Nord nach Süd ab. Und die Besonderheit eben in dieser Karstlandschaft ist, dass das Wasser auf diesen Karstgürtel auftrifft und dort in diesem löslichen Gestein geschluckt wird. Die Karte zeigt eben ganz deutlich, dass ein Großteil von diesem Wasser, das abfließt nach Süden, nicht mehr in der Goldenen Aue ankommt, sondern im Untergrund verschwindet. Mit Färbeversuchen wurde nachgewiesen, dass das Wasser an verschiedenen Stellen im Bereich der Goldenen Aue oder auch an der Nordseite des Kyffhäusers wieder zutage tritt. Es kommt nicht an einer Stelle, sondern es hat sehr viele verschiedene Austrittmöglichkeiten. Und das ändert sich auch immer wieder."

Mit Christiane Funkel vom Biosphärenreservat stapfen wird über eine Wiese zu einem Bach, der sich hinter Gebüsch versteckt.

"Das ist der Dinsterbach, der kommt auch aus dem Norden, aus dem Südharz und trifft hier auf die Gipsfelswand und verschwindet unterirdisch. Das ist die Dinsterbach-Schwinde. Und sie sehen dort den großen Berg an Steintrümmern, das ändert sich auch laufend, sie sehen oben neu abgebrochene Bereiche. Auch dort gab es mal eine Höhle, die verbrochen ist. Der Bach schlängelt sich jetzt noch ein bisschen durch die Brocken und verschwindet dann im Berg."

Weiter oben auf einem Bergrücken gucken wir auf eine bunt blühende Wiese vor einem schmutzigweißen Haufen.

"Eine Gips-Kuppe, also ein sehr trockener Bereich, wo das weiße Gestein, die weiße Farbe des Gipses, der nicht bewachsen ist, aus dieser bunten Wiese sich hervorhebt. Eben diese besonders trockenen Bereiche und die besonders feuchten Bereiche, die auf kurzer Entfernung nebeneinander liegen, dazwischen diese bunte Mähwiese hier, die machen die Besonderheit des Gebietes aus. Weil sie Lebensraum bieten für eine Fülle von Tier- und Pflanzenarten, die es sonst nirgendwo mehr gibt. Das beeindruckt ja auch viele Wanderer, die hier entlang des Karstwanderwegs kommen."

Unser Ziel ist das Gipfel-Plateau des Questenbergs, hoch über dem Ort.

"Wir müssen uns jetzt mal um 2.700 Jahre zurückversetzen, in die frühe Eisenzeit. Wir sehen links diese kleinen Bergrücken, das sind Wälle. Hier liegen drei hintereinander. Und dort vorne zeichnet sich schon das Eingangstor ab. Dahinter liegt eine 4,5 Hektar große Wallburg. In einer solchen Wallburg, die auch als Volksburg bezeichnet wird, haben sich die Menschen zu bestimmten Situationen, Notzeiten oder Ähnlichem mit ihrem Vieh versteckt, haben sich dort auch Hütten gebaut. Dreifache Wallanlage, das muss eine sehr bedeutende Burg gewesen sein, so sehr haben die hier den Eingangsbereich gesichert."

Auch auf den beiden Bergen gegenüber waren Burgen. Was hat den jetzt kleinen Ort so wichtig gemacht? Heinz Noack:

"Die Lage. Nur die Lage. Das ist das Durchbruchstal durch den Gips-Rücken. In der Mitte, 80 Meter tiefer ist der Talboden, das ist eine uralte Verkehrsverbindung, die man benutzt hat. Das ist das ganze Geheimnis. Von hier aus geht es hoch in den Harz beziehungsweise zweigt in die anderen kleinen Orte hier ab."

Mit der Grubenbahn fahren wir in fast 300 Meter Tiefe durch die Gänge des Röhrigschachtes bei Sangerhausen. Das östliche Ende des Karstwanderwegs liegt im Mansfeld. Wieder hören wir vom Zechsteinmeer vor 250 Millionen Jahren, in dem sich nicht nur der Gips gebildet hat, auch eine mehrere Meter dicke Faulschlammschicht mit allen möglichen Mineralen. Später wurde diese dicke Schicht auf nur 20 Zentimetern zusammengepresst, zur Kupferschieferlagerstätte, die auch Silber enthält.

"300 Meter von hier in nördlicher Richtung, da ist früher die Lagerstätte nach Übertage ausgetreten. Nämlich vor 115 Millionen Jahren hat sich ja hier der Harz aus der Erde herausgedrückt. Und der hat diese Sedimentschichten alle an die Oberfläche gedrückt. So war man in der Lage, das Erz zu finden und dort auch mit dem Bergbau zu beginnen."

Anfangs in kleinen offenen Gruben, doch die Lagerstätte, die 20-Zentimeter-Schicht, verschwindet steil in der Erde, sodass bald Schächte angelegt wurden. Über Jahrhunderte hat man im Mansfeld nach Kupfer gegraben. Unter welchen Bedingungen: Die Bergleute sind gekrochen, haben im Liegen den Stein gebrochen.

"Hier vorne 60 Zentimeter. Dort, wo der Bergmann liegt, da sind es noch 40 Zentimeter. Das war über 700 Jahre die normale Arbeitsorthöhe. 40 Zentimeter deswegen, weil unsere Lagerstätte nur ungefähr 20 Zentimeter mächtig ist. Die lagen immer so auf der Seite, weil die ein Ölgeleucht am Kopf hatten. Hätten die den Kopf gerade gehalten, wäre das Öl ausgelaufen. Heißes Öl gibt schlimme Verbrennungen, viel schlimmer war, das Licht wäre ausgegangen. Also hat er den Kopf immer schön auf die Seite gelegt. Und wenn man das stunden-, tage- wochenlang macht, irgendwann verzerrt sich die ganze Nackenmuskulatur, man kriegt den Kopf nicht mehr gerade und läuft immer so rum. Das waren bei uns immer die Mansfelder Krumphälse oder die Mansfelder Schiefhälse."

Das Erz wurde in eine Kiste auf Rollen gepackt, einem Treckejungen an den Fuß gebunden, der kroch damit zur Sammelstelle. Erst als die Dampfmaschine ins Bergwerk kam, wurden die Gänge größer, musste man nicht mehr kriechen. Erich Hartung war selbst Bergmann.

"Ich habe alles gemacht von klein auf, vom Treckejungen bis zum Obersteiger. Mein Herz schlägt immer noch für den Bergbau und freue mich, dass ich noch ins Bergwerk einfahren kann. Ich denke, dass wir hier den Leuten gut zeigen können, wie es mal war. Unsere Anlage ist ja so, dass man denken könnte, gestern hat hier noch wer gearbeitet. Der Mansfelder Kupferschieferbergbau ist eine Einmaligkeit auf der Welt. Es gibt nirgends Bergbau, der so betrieben wurde wie hier. Alles für diese dünne Schicht. In ganz Deutschland hat man – außer Mansfeld – hat man 9.600 Tonnen Silber produziert. Im Mannsfeldischen allein 14.300 Tonnen Silber. Es gibt nirgends in Deutschland eine größere Silberlagerstätte als hier im Mansfeld."

Doch das ist vorbei. Auf dem Rückweg zur Grubenbahn, die uns zum Förderkorb bringt, stimmt irgendwer die Hymne der Bergleute an. Auch wenn der Oberharz mit dem Brocken bekannter ist, der Karstwanderweg am Südharz bietet verblüffende Natur und besondere Erlebnisse.

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