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StartseiteRock et ceteraZwischen Laserharfe und Elektropop20.03.2016

Synthesizerpionier Jean Michel JarreZwischen Laserharfe und Elektropop

Der Komponist, Produzent und Performer Jean Michel Jarre zählt zu den Pionieren der elektronischen Musik, mit seinem Debüt "Oxygène" schuf er vor 40 Jahren einen Klassiker der elektronischen Musikgeschichte. Für sein neues Album "Electronica" bat Jarre 30 internationale Stars aus der elektronischen Musikszene um Mithilfe.

Von Thomas Elbern

Der französische Musiker, Komponist und Produzent Jean Michel Jarre posiert vor einem Fenster während eines Interviews zu seinem neuen Album "Electronica 1". (picture alliance / dpa / Luca Piergiovanni)
picture alliance / dpa / Luca Piergiovanni (picture alliance / dpa / Luca Piergiovanni)

Jean Michel Jarre zählt zu den Pionieren der elektronischen Musik, als  Musiker, Komponist, Produzent und Performer. In den 60er Jahren ging er beim französischen Musique-concrete-Begründer Pierre Schaeffer in die Lehre. Die elektronische Musik, so wie wir sie heute kennen, war Anfang der 70er noch in den Kinderschuhen, ja, sie hatte noch nicht mal richtig laufen gelernt. Von traditionellen Instrumenten wie dem Piano oder der Gitarre waren diese Pioniere weit entfernt. Stattdessen wurde Musik mit den ersten Synthesizern und Tongeneratoren erzeugt oder sie bestand nur aus einzelnen Fragmenten, die aus verschiedenen Tonbandschnipseln zusammencollagiert wurden. Jean Michel Jarre war von Anfang an dabei:

"Elektronische Musik kommt woanders her. Sie hat nichts mit amerikanischen Popformat oder mit Rock’n Roll zu tun. Sie hat ihre Wurzeln in Europa. In Frankreich und Deutschland. Stockhausen auf der einen, Pierre Schaeffer und Pierre Henry auf der anderen Seite. Schaeffer war mein Mentor, mein Lehrer und einer, der die Welt verändert hat. Das war der erste, der mir beigebracht hat, das Musik nicht nur aus Noten, sondern auch aus Klang besteht."

Der Klang aus dem Labor

Elektronische Musik entstand anfangs eher in Labors als in traditionellen Tonstudios. Und es wurde alles Mögliche ausprobiert. 

"Man konnte Musik mit Geräuschen machen, in dem man den Wind, den Regen sein Auto oder seinen Hund aufnahm. Das war allerdings damals ziemlich aufwändig. Heute ist jeder DJ auch eine Art Sounddesigner, aber damals galt das als ein wenig verrückt und verschroben. All diese Möglichkeiten in der Musikproduktion, aber auch Distribution haben die Art und Weise verändert, wie wir heute Musik hören." 

Jean Michel Jarre verband die damaligen neuen technischen Möglichkeiten der Musik mit eingängigen Melodien. So entstand vor 40 Jahren das Album "Oxygene". Heute gilt dieses Instrumentalalbum als eine der erfolgreichsten Produktionen der populären elektronischen Musik. Doch 1976, im Erscheinungsjahr, sah das noch ganz anders aus:

"Ok, der Erfolg von 'Oxygene' war eine große Überraschung damals. Dem ging voraus, dass fast alle Plattenfirmen dieses Album abgelehnt haben. Es gab keine Texte, keinen Drummer, keinen Sänger und keine drei Minuten Stücke, die man schön im Radio spielen konnte und dazu kam die Produktion noch aus Frankreich. Schließlich nahm ein kleines Label das Album unter Vertrag. Als 'Oxygene' dann in den Handel kam, wurden nicht wenige Exemplare der LP wieder an die Plattenfirma zurückgeschickt, weil die Hörer dachten, dass das weiße Rauschen am Anfang eine Art Fehler war."

Experimentelle Musik trifft auf Pop

Jean Michel Jarre war einer der Ersten, der versucht hat, Popmusik mit Elektronik zu verbinden:

"Was mich extrem beschäftigt hat, war, eine Brücke zwischen der experimentellen und der Popmusik zu bauen. Ich hatte vorher auch in Rockbands gespielt und festgestellt, das Melodien das wichtigste Element in der Musik sind. In der frühen elektronischen Musik war alles viel abstrakter, intellektueller und dogmatischer. Ich hatte für 'Oxygene' genau zwei Syntheziser zur Verfügung. Außerdem hatte ich nur einen begrenzten finanziellen und auch technischen Rahmen, denn es gab damals überhaupt noch nicht soviele Synthesizer. Zu der Zeit waren die großen Studios das Maß aller Dinge. Du sitzt auf der einen Seite des Aquariums und hinter der Glasscheibe sitzt der Toningineur und der kann Gott spielen. Ein Studio zuhause, das wurde nicht ernst genommen. Heute ist es genau umgekehrt. Heute produziert man meist zuhause, während die großen Studios jetzt nur noch gebraucht werden, um ein beispielsweise ein Symphonieorchester oder zwei Musiker gleichzeitig aufzunehmen."

Isolation im Studio

Das "Oxygene"-Album entstand, aus heutiger Sicht in einem sehr technisch limitierten Umfeld, Mitte der 70er-Jahre: Keine Computer, kein Internet, keine Möglichkeit sich mit Anderen zu vernetzen. Die elektronischen Musiker komponierten und arbeiteten in einer Art Soundkapsel, isoliert vom Rest der Welt. Jarre erinnert sich:

"Als ich in den späten 60ern anfing, hatte ich keinerlei Kontakt zu Musikern, die vergleichbares gemacht haben. 1974, als ich schon einige Jahre dabei war, hörte ich zum ersten Mal 'Autobahn' von Kraftwerk. Ich dachte, das ist eine kalifornische Band, die auf Deutsch singt. Ich fand das so cool, als Amerikaner auf Deutsch zu singen und so zu klingen wie eine Techno Version der Beach Boys. Ich sag das deswegen, um zu zeigen, wie das damals war. Vor Erfindung des Internets, wo wir alle wie die Ratten oder verrückte Aliens in unseren Kellern gehaust haben, alle extrem beschäftigt  und nicht wirklich miteinander verbunden."

Technische Entwicklungen und musikalische Stilmittel

Die Geschichte des mittlerweile 67-jährigen Jean Michel Jarre ist sehr eng mit den Entwicklung der elektronischen Musik und der Aufnahmetechnik im Tonstudio verbunden, er hat sie sogar mit voran gebracht. Vom klassischen Tonband zum Computer, der die Audiodaten auf seiner Festplatte speichert, vom Begleitautomat hin zur ausgereiften Drummachine und vom Bandschnipsel zum "Fairlight".

Fairlight war der erste digitale Synthesizer mit Sampling Technik, den sich Anfang der 8oer-Jahre allerdings nur Leute wie Peter Gabriel, Kate Bush, Art of Noise, aber eben auch Jean Michel Jarre leisten konnten.

"Der Fairlight war der erste kommerzielle Sampler und ich habe dieses Instrument wie eine Art Erlösung erlebt. Denn wie ich an die elektronische Musik kam, war mittels Sampling, obwohl das damals noch gar nicht erfunden war. Mit Pierre Schaeffer und Pierre Henry sind wir nach draußen gegangen und haben mit einem Mikro und einem Tonbandgerät Klänge aufgenommen, aus denen wir dann später Musik gemacht haben. Es war eine wahnsinnige Arbeit, mit der Bandmaschine Sequenz an Sequenz zusammenzufügen und die in die richtige Tonart zu transferieren. Auf einmal gibt es ein Instrument, mit dem du das alles machen kannst. Du nimmst deinen Hund auf und kannst eine Sinfonie mit den Geräuschen daraus komponieren. Der Sampler hat die ganze Musik verändert. Nun ist die ganze Welt dein Orchester."

Angekommen im Jetzt

Der rasante technische Fortschritt hat die elektronische Musik stark verändert. Im Klang, aber auch wie sie überhaupt erzeugt wird. Heute werden komplexe Synthesizer im Computer nachgebildet und Effekte, für die früher schränkeweise Equipment nötig war, können heute von einem mittelschnellen Tablet erledigt werden. Jean Michel Jarre hat über die Jahre die Entwicklungen verfolgt und nie das Interesse daran verloren.

"Ich habe mir immer ein grosses Interesse und eine Neugier bewahrt, wenn es um Technologie geht. Denn Technologie diktiert den Stil. Hören sie sich die TR 808 Drummachine an, die soviele Produktionen, von Jeff Mills bis Plasticman beeinflusst, ja Techno an sich mitbegründet hat. Ohne ein Piano gäbe es keinen Chopin, ohne das 78 Rpm Format gäbe es keinen Drei-Minuten-Hit. Es gibt viele Beispiele, in denen die Technik den Stil also vorgibt. Eine Neugier und ein Interesse daran zu haben, gehört zu meinem Job dazu."

Das Konzert als gigantisches Spektakel

Elektronische Musik live auf die Bühne zu bringen, keine leichte Aufgabe in Zeiten, in denen es keine tragbaren Computer gab. Jarre hat sich schon früh damit beschäftigt, wie er ein Livepublikum mit Synthesizermusik unterhalten kann. Schnell wurde klar, hier mussten innerhalb der Liveshow völlig andere Akzente gesetzt werden als beispielsweise bei einer Rockband. Jarre arbeitete mit visuellen Effekten: einer Harfe, deren Saiten aus Laserstrahlen bestehen, ein opulentes  Feuerwerk, eine riesige Leinwand mit Projektionen. Was heute schon fast zum Standard einer grösseren Konzertproduktion gehört: Pioniere wie Jean Michel Jarre haben es zuerst eingesetzt. Was ihm von Anfang an klar war: sein Konzert muss ein Spektakel werden!

"Ich habe schon recht früh begriffen, dass, wenn es um Performance geht, elektronische Musik nicht so wie Rock oder klassische Musik funktioniert. Die Geige, die Trompete, das Cello, die Klarinette und genauso die Gibson und die Fender Gitarre - sie alle sind als Liveinstrumente kreiert worden. Für Konzerte, für die Performance, während man im Studio versucht, ihren typischen Sound aufzunehmen. Bei elektronischen Instrumenten ist es das genaue Gegenteil. Diese Instrumente wurden im Labor für das Studio gefertigt. Die Herausforderung war, diese Instrumente auf der Bühne einzusetzen. Jetzt ist es für die Zuschauer nicht besonders spannend , einen Musiker zu sehen, der zwei Stunden hinter einem Laptop oder einem Synthesizer zu hockt. Mir wurde schon recht früh bewusst, dass ich das anders machen musste. Damals war ich ein großer Fan der deutschen Oper. Die ganze Ausstattung, das Licht, all das um eine komplexe Story zu erzählen, das hat mich sehr beeindruckt. Inspiriert davon, habe ich die technischen Möglichkeiten, die sich mir mit Video, Laser und Lichtspielen geboten haben, versucht voll auszunutzen, um meiner Musik eine Art visuelle Interpretation zu geben."

Pink Floyd versus Jean Michel Jarre

Schon sein erstes Konzert, 1979, auf dem Pariser Place de la Concorde wurde von ausgefeilten Lichteffekten, Feuerwerk und Projektionen begleitet. Über eine Millionen Zuschauer verfolgten dieses audio-visuelle Spektakel. Diese Art von Show kannte man bislang eigentlich nur von großen Theaterproduktionen oder von der britischen Band Pink Floyd. Jarres Debutkonzert sollte zum Spektakel werden, das die Zuschauer so schnell nicht mehr vergessen.

"Damals gab es nicht viele Musiker, die das so gemacht haben. Wenn sie heute diese riesigen Festivals mit elektronischer Musik sehen, dann sieht das ein wenig wie das aus, was ich schon vor 30 Jahren gemacht habe. Rockbands wie die Rolling Stones oder U2 haben am Anfang mit einer Lightshow gespielt und das war’s. Auf einmal hatten die auch alle diese optisch aufwändigen Produktionen. Damit fingen Pink Floyd und ich schon wesentlich früher an. Bevor die Band eine große Pause einlegte, gaben sie ein Fernsehinterview. Schlagzeuger Nick Mason witzelte, wir hören erstmal auf, jetzt lassen wir Jean Michel Jarre den Vortritt."

Jean Michel Jarre in China

Jarres Geschichte ist nicht nur in musiktechnologischer Sicht eine der Superlative: 1981 war er der erste europäische Popmusiker, der nach dem Tod von Mao Zedong in der Volksrepublik China aufgetreten ist. Die Konzerte fanden in Stadien statt, streng kontrolliert und gesichert durch militärisches Personal.

"Um eine lange Geschichte abzukürzen, in China, nach Maos Zeiten, aufzutreten war damals, wie auf dem Mond zu spielen. Das galt für mich, aber auch für die chinesischen Zuschauer. Stellen sie sich ein Land vor, in dem die Menschen 25 Jahre von westlicher Kultur abgeschnitten waren. Sie kannten keine Beatles, keinen Elvis Presley oder Charlie Chaplin. Die ganze Popkultur war an ihnen vorbei gegangen. Die Art von Show, die ich damals konzipiert hatte, war in London, Berlin, Paris oder New York schon neu, also hatte man dergleichen in China erst recht noch nie gesehen. Das war wie ein fantastischer Schock und für mich eines der außergewöhnlichsten Konzerte, die ich je gespielt habe. Es war, wie auf einem anderen Planeten."

Electronica, ein gigantisches Projekt nimmt Formen an

Für sein aktuelles Album "Electronica" bat Jarre gut 30 internationale Stars aus der elektronischen Musikszene um Mithilfe. Er reiste ganze fünf Jahre um die Welt, um mit ausgewählten Musikern für dieses Album zusammenzuarbeiten. Teil Eins des Albums erschien bereits im Oktober 2015, während der zweite Teil Anfang Mai veröffentlicht wird.

Volume 1 und 2 von "Electronica" beleuchtet die Geschichte wie auch die Zukunft der elektronischen Musik aus Sicht von Jean Michel Jarre. Doch vor allem die Art und Weise, wie das Album entstand, ist bemerkenswert:

"Heute läuft die Musikproduktion doch so ab, das sich Produzenten Files über das Internet hin und herschicken. Sie reden nicht miteinander, sie treffen sich nicht mal, sondern spielen da irgendwas dazu. Bei meinem Projekt war es das genaue Gegenteil. Wir haben versucht, den kreativen Prozess gemeinsam zu erleben und zu meiner großen Überraschung waren die meisten Musiker damit einverstanden."

Große Stars der elektronischen Musik

Vince Clarke, Mitbegründer von Depeche Mode, Yazoo und Erasure, Armin van Buuren, international erfolgreicher Trance DJ aus den Niederlanden oder der deutschstämmige Hollywood Filmkomponist Hans Zimmer - das sind nur einige Künstler, die Jarre in ihren Studios besucht hat und mit ihnen an den Songs für "Electronica 1 & 2" gearbeitet hat. Persönlicher Kontakt zwischen Musikern: In einer digitalen und voll vernetzten Welt ist das für Jean Michel Jarre schon fast wieder ein analoger Ansatz:

"Das ist dem ziemlich ähnlich, wie wir beide jetzt reden. Wir sitzen uns gegenüber und können uns in die Augen schauen. Würden wir telefonieren, wäre das schon wieder etwas anders, es würde alles verändern. Und wenn man gemeinsam den kreativen Prozess teilt, ist das auch wieder was anderes. Gemeinsam in einem Raum zu sein, macht einen großen Unterschied. Und das hat nichts mit Technologie zu tun, sondern ist völlig zeitlos. Vor dem Internet gab es das Telefon, davor gab es die Postkarte, es hat sich aber nichts daran geändert, das, wenn man gemeinsam zusammen sitzt und den kreativen Prozess gemeinsam erlebt, das dabei auch andere Dinge herauskommen."

Direkter Kontakt im Studio ändert die Ergebnisse

"Elektronische Musik  zu machen ist oft eh eine ziemlich einsame Sache: Sie sind allein in ihrem Studio, ein wenig wie der Maler in seinem Atelier. Die Geheimnisse, die wunden Punkte, die ganz eigene Heransgehensweise an den Klang. Das erfährt man nur dann, wenn man gemeinsam arbeitet. Ich bin unglaublich dankbar, das so ganz unterschiedliche Musiker wie Massive Attack, Air, Moby, Gary Newman, Vince Clarke, Tangerine Dream und Boysnoize mitgewirkt haben. Sie alle willigten in dieses Experiment ein, diesen sehr persönlichen Moment mit mir zu teilen. Und natürlich sind die Resultate sehr unterschiedlich ausgefallen."

Mit Moby im Studio

Jarre’s aktuelles Album "Electronica" 1& 2 ist ein außergewöhnliches Projekt, das den Franzosen auch wieder in den Fokus der Aufmerksamkeit gebracht hat. Es waren auch die Momente im Studio, die erst so entstehen konnten, weil Jarre vor Ort gereist war. Beispielsweise mitten in Kalifornien mit dem amerikanischen Musiker "Moby":

"Als ich mit Moby in seinem Studio in LA saß, da war wieder dieser Moment. Moby spielte einen D-Moll-Akkord auf seinem Piano, den jedes Kind spielen könnte und sofort hörte man ihn raus. Dieser leicht depressive Anschlag, das ist typisch Moby. Ihn nenne ich immer den Woody Allen des Techno. Er hat diese Unschuld in seinen Melodien, die immer sehr melancholisch sind. All das hat nichts mit Technologie zu tun , sondern kommt von dir selbst."

Treffen zweier Synthesizergiganten

Die Reise, die Jean Michel Jarre für sein Album "Electronica" unternahm, berührte auch seine eigene Vergangenheit. Besonders was die deutsche Elektronikband Tangerine Dream angeht, so gibt es einige Parallelen: Jarre sowie Edgar Froese, Gründer von Tangerine Dream, hatten immer eine sehr ähnliche Vorstellung von Synthesizermusik und fingen beide schon Ende der 60er-Jahre damit an. Jeder hat die Karriere des Anderen über viele Jahre mitverfolgt. Eigentlich schade, das sie erst so spät, kurz vor Edgar Froese’s Tod im Januar 2015, ihre kreativen Köpfe zusammengesteckt haben.

"Wir hatten uns in all den Jahren nie persönlich kennengelernt. Als ich dann nach Wien kam, habe ich mir ein Auto geliehen und bin damit in sein Dorf gefahren. Er empfing mich wie einen alten Freund. Wir hatten so viele gemeinsame Anknüpfpunkte und auch eine ziemliche ähnliche Vision, was Musik und vieles darüber hinaus anging. Für uns beide war dieses Treffen wie eine Art Erleichterung. Als ich wieder ging, nachdem wir in seinem Studio zusammengearbeitet hatten, sagte mir seine Frau Bianca. Du kannst dir nicht vorstellen, welche Freude du Edgar mit deinem Besuch gemacht hast. Alleine der Aufwand, den du mit dieser Reise auf dich genommen hast, in unser kleines Dorf zu kommen, dahinter steckt eine spezielle Art zu denken."

Jean Michel Jarre ist mit "Electronica" wieder zurück in der Gegenwart. Eine beeindruckende Karriere liegt hinter ihm: 80 Millionen verkaufte Tonträger weltweit, gigantische Showspektakel und die erfolgreiche Fusion von Pop und Elektronik in Zeiten, wo das eher noch Neuland war. Allerdings blieb "Oxygene" Jarre’s erfolgreichstes Album. Jener Sound, den Jarre so mitgeprägte, hatte sich längst weiterentwickelt und nun in den 1990ern und 2000ern viele neue und sehr unterschiedliche Stars und Facetten hervorgebracht. Jarre selbst geriet ein wenig Vergessenheit, während Techno, Trip Hop und viele andere elektronische Stile zum Massenphänomen wurden.

Interessant ist, das Jarre viele der aktuellen Protagonisten der synthetisch generierten Musik auf seinen beiden Electronica Alben versammelt hat. Es ist hier wie eine perfekte Fusion aus Vergangenheit und Gegenwart.

Der elektronische Dandy im weißen Anzug

Jarre selbst war ja immer mit seinem schicken weißen Anzug so etwas wie ein Dandy der elektronischen Musik, ähnlich wie ein Bryan Ferry es für den Pop ist. Wie kommt er eigentlich mit dem Älterwerden und all den Nebeneffekten klar?

"Erstmal ist das eine große Ehre, dass Sie mich mit Bryan Ferry vergleichen. Ich mochte immer dieses Dandyimage von ihm, das er in die Rock und Popmusik eingeführt hat. Ich glaube, dass Künstler eine andere Beziehung zur Zeit haben. Mein aktuelles Album hat den Untertitel 'Zeitmaschine'. Ich meine damit nicht die Vergangenheit oder die Zukunft, sondern eher den Umgang mit Zeit. Künstler gehen anders mit Zeit um. Meine Arbeit hat viel mit Sucht zu tun. Ich mache keine Musik um mich selbst zu unterhalten, sondern weil ich nichts anderes kann. Ich bin da wie ein Getriebener. Es ist eine Mixtur aus Frustration und Hoffnung. Die Frustration darüber, schon wieder nicht das erreicht zu haben, was ich wollte und die Hoffnung, das das beim nächsten Mal weniger schlimm ist und mir weniger Schmerzen bereitet. Die Hoffnung, eines Tages das ideale Album, das mir schon immer durch den Kopf ging, zu realisieren. Das ist mein Motor, mein Lebenselixier. Eines Tages dieses Album zu machen. Das wird wahrscheinlich nie passieren."

Altersweisheit und kommende Generationen

Jean Michel Jarre wird also noch weiter perfektionistisch daran tüfteln, seine Vision von Musik umzusetzen. Jarre, eine Art lebendes Lexikon der elektronischen Musik und Forscher, was Synthesizer und Aufnahmetechniken angeht, hat gerade für junge Musiker einen Ratschlag:

"Den Ratschlag, den ich jedem Anfänger oder jungen Musiker auf den Weg geben kann ist: Anstatt immer den neuesten Synthesizern und Klangerzeugern hinterherzulaufen und atemlos zu versuchen, mit der Evolution der Technologie Schritt zu halten, suche dir lieber einen Synth oder ein Plugin aus und arbeite damit sechs Monate. Versuche in diesem abgesteckten Rahmen deine klanglichen Möglichkeiten zu ergründen. So kannst du deinen Stil definieren, denn der kommt immer von dir selbst und nicht von der Maschine oder dem Instrument."

 

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