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Seit 18:40 Uhr Hintergrund
StartseiteComputer und KommunikationDie Digitalisierung der Bundeswehr12.11.2016

Tablet statt G36Die Digitalisierung der Bundeswehr

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen baut die Bundeswehr massiv um und setzt auf eine aktive Rolle im Cyberwar. Das Digitalisierungskonzept sei aber inzwischen aus dem Ruder gelaufen, kritisiert Peter Welchering. Es sei politisch überfrachtet und müsse auf ein Konzept für eine Parlamentsarmee zur Landesverteidigung zurückgeführt werden.

Peter Welchering im Gespräch mit Manfred Kloiber

Ein Bundeswehrtechniker arbeitet 2011 auf dem Flugplatz in Masar-I-Scharif (Afghanistan) an einer Aufklärungsdrohe vom Typ Heron 1. (picture alliance/dpa/Maurizio Gambarini)
Das größte Problem beim Führen von Kriegen ist der Mensch: Wer schießt schon gern auf seinesgleichen? Um diesem Dilemma zu begegnen, sollen Soldaten zunehmend durch Maschinen ersetzt werden. Die stellen auch seltener unangenehme Fragen (picture alliance/dpa/Maurizio Gambarini)
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Manfred Kloiber: Unter Ursula von der Leyen wird nicht nur eine neue Abteilung Cyber- und Informationstechnik im Verteidigungsministerium aufgebaut. Auch zahlreiche Forschungs- und Pilotprojekte zur Digitalisierung der Bundeswehr werden angeleiert. Die Digitalisierung spielt auch bei den Planungen für den Einsatz der Bundeswehr im Inneren eine große Rolle. Und das Digitalisierungskonzept ist eines der wesentlichen Argumente der Verteidigungsministerin, eine aktivere Rolle ihres Hauses in der Cybersicherheitsstrategie der Bundesregierung zu fordern.

Die Studiengesellschaft der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik hat nun am Dienstag und Mittwoch dieser Woche in Bad Godesberg die Konferenz "IT für die Bundeswehr - der Mensch im Mittelpunkt" veranstaltet. Rund 100 Militärs, Sicherheitsforscher und Manager der Industrie haben darüber diskutiert, wo die Bundeswehr aktuell in Sachen Digitalisierung steht. Was war denn für Sie die spannendste Erkenntnis aus dieser Konferenz, Peter Welchering?

Peter Welchering: Es gibt zwei unterschiedliche Welten, wenn von der Digitalisierung der Bundeswehr gesprochen wird. Da gibt es die Welt des Ministeriums, in der offensive Cyberverteidigung, ökonomische Modernisierung durch Informationstechnik und die Agenda "Rüstung" mit digitalen Waffen und Führungssystemen der Zukunft geplant werden. Da geht es dann auch um die Rolle der Bundeswehr in der Cybersicherheitsstrategie der Bundesregierung.

Und dann gibt es die Welt der Truppe. Das ist die Welt "unterhalb der Bürosesselschnittstelle", wie mir einige Soldaten das beschrieben haben. Da geht es um Tablets, auf denen das Führungsinformationssystem nicht ordentlich arbeitet. Es geht um die Einführung der Funktion eines Gruppenführers unbemannte Systeme in einem Infanteriezug. Kurzum, es geht darum, dass die hochfliegenden Digitalisierungspläne aus dem Ministerium im Alltag der Truppe Probleme bereiten. Und dass diese beiden Welten - Ministerium dort - Truppenalltag hier - sich offenbar immer weiter voneinander entfernen.

Einheitliche informationstechnische Struktur für die gesamte Bundeswehr geplant

Kloiber: Ein Lieblingsthema der Ministerialbeamten im Berliner Bendlerblock ist die Integration Künstlicher Intelligenz in die Führungsinformationssysteme. Darum geht es:

Der Name ist sperrig, die Vision gewaltig: Mit dem Projekt "Standard-Anwendungs-Software-Produkt-Familien" sollte ab dem Jahr 2000 eine einheitliche informationstechnische Struktur für die gesamte Bundeswehr aufgebaut werden. Mit eingeplant: In-Memory-Technologie von der SAP und zahlreiche Big-Data-Projekte mit umfangreichen Prognose-Algorithmen, um den Offizieren das Leben zu erleichtern.

Die sollen jetzt zu kognitiven Systemen ausgebaut werden, die für die Offiziere strategische Entscheidungen vorbereiten und sie ihnen teilweise sogar abnehmen. Mit welchen digitalen Waffen werden Cyberangriffe abgewehrt? Welche Unterstützungskräfte werden bei einem terroristischen Angriff wohin geschickt? Solche Entscheidungen sollen mit Hilfe kognitiver Systeme getroffen werden.

Kloiber: Inwieweit sieht da der Offizier im Generalstab seinen Arbeitsplatz bedroht, Peter Welchering?

Welchering: Er sieht ihn durchaus bedroht, aber er sieht vor allen Dingen eine andere Bedrohung. Entscheidungsvorgaben kognitiver Systeme beruhen häufig auf Wahrscheinlichkeitsbetrachtungen. Da wird nicht mehr quer gedacht. Und ein Oberstleutnant im Generalstab hat das so auf den Punkt gebracht: Entscheidungen, die in der Filterblase getroffen werden, können für den Soldaten im Einsatz tödlich sein.

Ein Bundeswehrsoldat sitzt an einem Computer (imago stock&people / Sascha Ditscher)Auch unter Bundeswehrsoldaten wird kritisiert, dass ein kognitives System Querdenken unterminieren könne (imago stock&people / Sascha Ditscher)

Kloiber: Wenn Querdenker von Militärs gefordert werden, verblüfft das aber schon?

"Offiziere vergleichen das kognitive System mit dem Beraterunwesen"

Welchering: Querdenken entspricht dem Prinzip der inneren Führung. Das gibt es immer noch in der Bundeswehr. Aber dieses Prinzip der Inneren Führung sehen nicht wenige durch den Einsatz kognitiver Systeme gefährdet, weil der menschliche Entscheider dann auch seine eigene Verantwortung an das kognitive System delegiert. Das ist von einigen Offizieren verglichen worden mit dem Beraterunwesen. Wer sich nicht traut, eine Entscheidung zu treffen, engagiert einen Berater und kann sich dann auf den berufen, wenn es schief geht. Und das würde mit kognitiven Systemen auch passieren. So die Befürchtung.

Kloiber: Resultiert daraus dann eine ablehnende Haltung im Generalstab, was den Einsatz kognitiver Systeme angeht?

Welchering: Ich habe da eher eine nachdenkliche Haltung wahrgenommen. Ehe aus politischen Gründen der Einsatz kognitiver Systeme verordnet wird, muss zunächst einmal darüber debattiert werden, wie weit die KI-gestützten Strategieempfehlungen gehen dürfen, welche Techniken dafür eingesetzt werden und wie sich das dann konkret auf einen Einsatz auswirkt. Diese Forderung geht übrigens weit über den Einsatz kognitiver Systeme hinaus. Das wird auch bei Konzepten wie dem vernetzten Gefechtsfeld diskutiert.

Forscher entwickeln "Battle Management Language"

Kloiber: Bei dem Thema wird es ja auch wesentlich praktischer als bei den kognitiven Systemen. Denn das vernetzte Gefechtsfeld haben die Soldaten des Gebirgsjägerbataillons in Bad-Reichenhall intensiv ausgetestet.

Standortübungsplatz Traunstein-Kammer des Gebirgsjägerbataillons 231. Normalerweise führen hier in Übungen und auch im Einsatz drei Gruppenführer mit ihren Soldaten die Befehle ihres Zugführers aus. Doch bei den Gebirgsjägern ist nun ein vierter Gruppenführer hinzugekommen - für die Erprobung des vernetzten Gefechtsfeldes. Der ist für unbemannte Systeme, für zwei autonome Bodenfahrzeuge und zwei Drohnen zuständig.

Geübt wurden zwei Szenarien: eine knappe Stunde Marsch und Feindkontakt mit Scharfschützen. Beim Marsch fährt das autonome Fahrzeug dem Gebirgsjägerzug voraus und klärt die Situation. Fällt ein Schuss, erkennt das Bodenfahrzeug mit seinen Sensoren automatisch die Position der Schützen und schickt eine oder zwei Drohnen dorthin. Zur Aufklärung, wer da denn geschossen hat.

Die Gruppenführer des Zuges können auf ihren Tablets oder Smartphones genau mitverfolgen, welche Bilder die Infrarot- oder Wärmekameras der Drohnen aufnehmen und welche Positionsangaben die Sensoren des vorausfahrenden autonomen Fahrzeugs melden. Anhand dieses Lagebildes fällt dann die Entscheidung, wie die feindlichen Scharfschützen bekämpft werden.

Insgesamt zwei Jahr lang haben Wissenschaftler des Fraunhofer-Instituts für Kommunikation, Informationsverarbeitung und Ergonomie und der Bundeswehrhochschule in München untersucht, wie Roboter und andere autonome - oder zumindest unbemannte Systeme - Infanteristen im Einsatz unterstützen können. Dabei herausgekommen ist das Konzept für das vernetzte Gefechtsfeld mit einer eigenen Standardsprache, der Battle Management Language, und einem militärischen Teil für den Kommunikationsstandard LTE.

Kloiber: Peter, kann man sagen, der Infanteriezug der Zukunft besteht dann aus drei Gruppen Soldaten und einer Gruppe Robotern?

Welchering: Zumindest werden Roboter in die Infanteriezüge integriert, können schon heute Aufklärungsarbeit übernehmen. Und es gibt Planungen für Soldaten-Roboter-Teams, bei denen Kampfroboter zum Einsatz kommen. Die Konzepte sind ausgearbeitet, bei der Erprobung wird es schwierig.

Probleme bei der Cyberkriegsführung

Kloiber: Wo liegen die hauptsächlichen Schwierigkeiten?

Welchering: Es fehlen Erprobungskapazitäten, bei denen sich die vielen kleinen technischen Probleme im Alltag zeigen. LTE ist beispielsweise im Einsatz kein hinreichend verfügbares Netz, hier muss auf Tetra zurückgegriffen werden.

Die Soldaten kritisieren, dass sie plötzlich mit Konzepten konfrontiert sind, deren Alltagstauglichkeit gar nicht gegeben ist. Denn solche Erprobungen wie bei den Gebirgsjägern sind noch längst nicht Standard.

Gleichzeitig aber werden Konzepte für die KI-Unterstützung, für Führungsinformationssysteme, für den Einsatz von Kampfrobotern oder für die gesamte Cyberkriegsführung vom Ministerium in die politische Umlaufbahn geschossen, weil die Ministerin hier in Zugzwang ist.

Kloiber: Worin ist dieser Zugzwang begründet?

Digitalisierungskonzept auf den Verteidigungseinsatz beschränken

Welchering: In Sachen Cybersicherheitsstrategie hat das Verteidigungsministerium starke Konkurrenz vom Innenministerium und vom Wirtschaftsministerium. Auch in Sachen Digitalisierung hat das Wirtschaftsministerium die Nase vorn bei den Konzepten. Da will das Verteidigungsministerium mit dem Digitalisierungskonzept für die Truppe einfach mal zeigen, wie es denn gemacht wird. Außerdem erschließt sich das Verteidigungsministerium hier neue Zuständigkeiten.

Offiziell hat man bei der Forderung nach dem Bundeswehreinsatz im Inneren immer mit den Feldjägern und Helikoptern, die die Polizisten unterstützen sollen, argumentiert. In Teilen des Generalstabes und im Ministerium beschäftigt man sich aber bereits mit dem Einsatz von Kampfrobotern, Drohnen und autonomen Erkundungsfahrzeugen mit Sensoren bei terroristischen Großlagen. Und zwischen dieser Diskussion und dem Digitalisierungsalltag in der Truppe liegen wirklich Welten.

Die Bundeswehr soll nun auch im Inneren eingesetzt werden. Auf dem Foto ist eine Bundeswehrübung zu sehen, bei der Bundeswehrsoldaten (l) in Bergen (Niedersachsen) während der Informationslehrübung "Landoperationen" eine Übungs-Demonstration auflösen. (dpa picture alliance / Peter Steffen)Die Bundeswehr soll nun auch im Inneren eingesetzt werden. Auf dem Foto ist eine Bundeswehrübung zu sehen, bei der Bundeswehrsoldaten (l) in Bergen (Niedersachsen) während der Informationslehrübung "Landoperationen" eine Übungs-Demonstration auflösen. (dpa picture alliance / Peter Steffen)

Kloiber: Welche Konsequenzen müssen da für die Digitalisierungsstrategie der Bundeswehr gezogen werden?

Welchering: Die ganz große und überwiegende Mehrheit der Soldaten würde sich wohler fühlen, wenn das Digitalisierungskonzept beschränkt wird, nämlich auf den Verteidigungseinsatz, den diese Parlamentsarmee zu leisten hat. Weg von offensiven Cybersicherheitsstrategien, um politisch zu punkten. Weg von Einsätzen mit Drohnen, Robotern und autonomen Aufklärungsgerät bei terroristischen Großlagen im Inneren. Das Digitalisierungskonzept für die Bundeswehr ist aus dem Ruder gelaufen, weil es politisch überfrachtet wurde. Jetzt muss es wieder auf ein Konzept für eine Parlamentsarmee zur Landesverteidigung zurückgeführt werden.

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