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StartseiteUmwelt und VerbraucherWer ist Schuld an multiresistenten Keimen im Wasser? 05.06.2018

TierhaltungWer ist Schuld an multiresistenten Keimen im Wasser?

Der BUND hat in NRW multiresistente Keime in Gewässern festgestellt und macht die intensive Landwirtschaft mit dem hohen Antibiotika-Einsatz dafür verantwortlich. Die Landwirte wehren sich gegen den Vorwurf und verweisen auf umfassende Hygienemaßnahmen. Die Landesregierung will dem nun systematisch nachgehen.

Von Vivien Leue

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Weidende Kühe an einem Bachlauf (dpa / Tass Smirnov Vladimir)
Der BUND hat in verschiedenen Gewässern multiresistente Keime nachgewiesen - also Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika immun sind (dpa / Tass Smirnov Vladimir)
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"Hier ist der Abferkelstall drin, hier werden die Ferkel geboren, da hinten befindet sich die Ferkelaufzucht …", Landwirt Thomas Gartz steht inmitten seines Betriebes im niederrheinischen Viersen-Dülken und zeigt auf mehrere große einstöckige Gebäude.

"…und dieser Kreislauf wird im Prinzip durch Hygienemanagement immer wieder unterstützt. Wir haben zum Beispiel grüne Stiefel im Abferkelstall, blaue im Ferkelstall und rote im Schweinemaststall."

Niemand auf dem Hof würde sich je trauen, die falschen Stiefel zu benutzen, und dadurch möglicherweise Keime von einem Stall in den anderen zu tragen, sagt der 33-Jährige und wendet sich dem größten Gebäude auf dem Hof zu:

"Also hier ist der neu gebaute Schweinemaststall, der jetzt auch seit zwei Jahren komplett antibiotikafrei geführt wird – was übrigens auch in der Schweinemast nicht unüblich ist."

Multiresistente Keime nachgewiesen

Gartz erklärt das, weil sein Hof und andere Tierzuchtbetriebe in NRW wieder einmal in Verdacht geraten sind, zu viele kranke Tiere zu haben – und deshalb zu viel Antibiotika zu verwenden. Denn der BUND hatte in verschiedenen Gewässern, auch im Kreis Viersen in der Nähe des Schweinemastbetriebes von Thomas Gartz, multiresistente Keime nachgewiesen, also Bakterien, die gegen mehrere Antibiotika immun sind.

BUND-Wasserschutzexperte Paul Kröfges sieht die Entwicklung mit Sorge, dass "praktisch in jeder Probe, die man in landwirtschaftlich beeinflussten Gewässern" nehme, solche Resistenzen finde. Diese spreche dafür, "dass die Resistenzentwicklung voranschreitet und in immer mehr Umweltkompartimenten zu finden ist," sagt Kröfges. Für ihn sei klar, dass die Intensivtierhaltung an dieser Entwicklung mit Schuld sei:

"Es ist mit Sicherheit der entscheidende Hebel in der Tierhaltung anzusetzen, weil dort in großem Umfang nach wie vor Antibiotika eingesetzt werden. In erster Linie dadurch verursacht, dass eine Intensivtierhaltung stattfindet, die eben dazu führt, dass wenn einzelne Tiere krank werden, gleich eine große Herde behandelt werden muss. Und da ist ein erhebliches Potenzial zu sehen, die Tiergesundheit zu verbessern und den Einsatz von Antibiotika zu vermindern."

NRW-Umweltministerium: Antibiotika-Einsatz zurückgegangen

Dieses Pauschal-Urteil will Landwirt Gartz nicht auf sich sitzen lassen. Nicht nur hat er seit zwei Jahren seinen Schweinen keine Antibiotika verabreicht – er setze auch alles daran, dass das so bleibt, erklärt er. Und auch das nordrhein-westfälische Umweltministerium bestätigt auf Anfrage: Der Antibiotika-Einsatz in der Nutztierhaltung ist seit 2011 um etwa die Hälfte zurückgegangen.

Multiresistente Enterobakterien - in einer Petrischale nachgewiesen. (Axel Hamprecht/IMMIH/dpa)Multiresistente Keime in einer Petrischale (Axel Hamprecht/IMMIH/dpa)

"Als Landwirt hat man immer ein Interesse, alles gesund zu halten, sowohl Tiere als auch Acker, als auch alles", betont Landwirt Gartz.

Aber wie schafft er das? Zum Beispiel durch die verschiedenfarbigen Stiefel und andere Hygienemaßnahmen. So müssen sich Besucher meist abduschen, bevor sie den Stall betreten dürfen – weshalb auch Reporter besser nur durch Scheiben die Tiere beobachten sollten.

Apropos beobachten: Auch das sei Teil seiner Arbeit, sagt Landwirt Gartz: "Wenn Sie als Landwirt ihre Sache gut machen wollen, dann gehen sie einfach mal in den Stall, am besten Handy aus, Gedanken frei und gucken sich mal eine halbe Stunde, Stunde eine Gruppe Schweine an. Was die machen, wie die miteinander umgehen, wo die sich am liebsten mit beschäftigen, was sie gar nicht mögen und mit den Erkenntnissen sind sie dann auch in der Lage, einen Schweinestall ordentlich zu führen."

Großflächige Untersuchung geplant

Denn wie bei Kleinkindern gelte auch bei Nutztieren: Wenn sie sich wohlfühlten, wachsen und gedeihten sie. Bleibt das Problem der keimbelasteten Gewässer. Der kleine Fluss Nette, der am Gartzschen Schweinemastbetrieb vorbei fließt und aus dem der BUND auch Proben entnommen hatte, könnte durch Abwässer verunreinigt worden sein, meint Gartz.

Vom Kreis Viersen heißt es, das Auffinden multiresistenter Keime in den umliegenden Gewässern würde noch geprüft. Und das NRW-Umweltministerium will der Sache demnächst systematisch auf den Grund gehen. Für kommendes Jahr ist eine großflächige Untersuchung von Gewässern auf antibiotikaresistente Bakterien geplant.

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