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StartseiteForschung aktuellMitschuld am Tod von Patienten05.09.2016

Transplantations-Skandal in SchwedenMitschuld am Tod von Patienten

Der Chirurg Paolo Macchiarini transplantierte am renommierten Karolinska-Institut in Schweden zwischen 2011 und 2013 drei Menschen eine Luftröhre aus Plastik - zwei von ihnen starben. Eine Untersuchung des Instituts ergab jetzt, dass die Operationen nicht rechtmäßig waren. Nun müssen sich Arzt und Krankenhaus verantworten.

Von Christine Westerhaus

Die Transplantation der synthetischen Luftröhre im Juli 2011. Zwei der drei operierten Patienten starben (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)
Die Transplantation der synthetischen Luftröhre im Juli 2011 am schwedischen Karolinska-Krankenhaus (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)
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Das Bild, das Sten Heckscher heute von einer der renommiertesten Forschungseinrichtungen der Welt gezeichnet hat, ist mehr als kritisch. Es zeigt das Portrait einer Institution, in der sich Forscher in Führungspositionen in ihrem Streben um Macht und Prestige nicht an Regeln hielten und Warnungen konsequent ignorierten:

"Unsere Untersuchung hat gezeigt, dass es am Karolinska-Institut offenbar eine lässige Attitude gegenüber geltenden Vorschriften gab. Entscheidungen wurden weder begründet noch dokumentiert, und Regeln wurden umgangen oder ignoriert. Als ob die Verantwortlichen nicht verstanden haben, dass diese Regeln wichtig sind, damit eine Institution gut funktioniert."

Transplantationen waren nicht rechtens

Heckscher ist der ehemalige Präsident des obersten Verwaltungsgerichts in Schweden und wurde von der Leitung des Karolinska-Instituts damit beauftragt, den Fall Macchiarini auszuwerten. Bereits am Mittwoch vergangener Woche ergab eine Untersuchung des Karolinska-Krankenhauses, an dem die Transplantationen durchgeführt wurden, dass die Operationen nicht rechtens waren. Sie hätten zuvor von der zuständigen Ethikkommission genehmigt werden müssen, da es sich hierbei eindeutig um Forschung handelte.

Juli 2011: Paolo Macchiarini und sein Team transplantieren einem Patienten im Krankenhaus des schwedischen Karolinska-Instituts eine künstliche Luftröhre. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Luftröhren nicht funktionierten, was einen großen Forschungsskandal zur Folge hatte. (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )Juli 2011: Paolo Macchiarini transplantiert einem Patienten eine künstliche Luftröhre. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass die Luftröhren nicht funktionierten. (picture alliance / dpa - Karolinska University Hospital )

Nun müssen sich Arzt und Krankenhaus verantworten, stellte Kjell Asplund, Leiter der Untersuchung, auf einer Pressekonferenz fest: "Als operierender Chirurg trägt Macchiarini die direkte Verantwortung dafür, dass die Transplantationen durchgeführt wurden. Das ist sehr deutlich. Doch der Klinikchef ist für die Sicherheit der Patienten verantwortlich."

Prestige um jeden Preis

Damit trägt das Karolinska-Krankenhaus eine deutliche Mitschuld am Tod von zwei Patienten, denen Macchiarini Luftröhren aus Plastik eingesetzt hatte. Doch auch das Karolinska-Institut, das alljährlich den Nobelpreis für Medizin vergibt, trägt eine deutliche Mitschuld am Tod dieser Menschen, machte Sten Heckscher deutlich. Die Verantwortlichen hätten sich in dem Bestreben, ein prestigereiches Forschungsprojekt am eigenen Institut voranzutreiben, über alle Regeln hinweg gesetzt:

"Man kann sich aber auch fragen, ob nicht auch die Forschungspolitik dazu beigetragen hat. Das Streben nach Exzellenz, die Ambition, eine Elite auszubilden. Wir sagen nicht, dass das falsch ist. Aber es kann dazu führen, dass die Akteure sich nicht an Regeln halten. Weil sie so darauf bedacht sind, den nächsten Nobelpreisträger am eigenen Institut auszubilden."

Professor Paolo Macchiarini auf einem Foto des Karolinska-Universitätskrankenhauses am 7. Juli 2011 (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)Forschungsdaten gefälscht: Paolo Macchiarini auf einem Foto des Karolinska-Universitätskrankenhauses am 7. Juli 2011 (SCANPIX SWEDEN/EPA/KAROLINSKA UNIVERSITY HOSPITAL/dpa picture alliance)

Am vergangenen Freitag hatte auch Lars Lejonborg, Vorsitzender der Direktion des Karolinska-Instituts, seinen Posten geräumt. Vor ihm sind im Februar bereits der Leiter des Karolinska-Instituts und der Sekretär der Nobelversammlung zurückgetreten. So bekommt das renommierte schwedische Institut die Chance auf einen Neustart, meint Jörgen Svidén, Chefsekretär der Zentralen Ethikprüfungskommission in Stockholm:

"Damit werden solche Fälle hoffentlich in der Zukunft verhindert. Die Leitung des Karolinska-Instituts hatte ja in der Affäre schon relativ früh einen Hinweis von vier Ärzten erhalten, die Macchiarini bei der Institutsleitung anzeigten. Doch obwohl eine Untersuchung später ergab, dass Macchiarini tatsächlich Forschungsdaten gefälscht hatte, entschied die Leitung des Karolinska-Instituts, dass er weitermachen darf. Es ist also sehr wichtig, gute Führungsstrukturen an einer Institution zu haben."

Whistleblower wurden angefeindet

Wichtig sei aber auch, die Selbstkontrolle an Forschungseinrichtungen zu stärken und Whistleblowern bessere Möglichkeiten zu geben. Die Ärzte, die Macchiarini bei der Institutsleitung angezeigt hatten, erlebten schwere Anfeindungen. Kritischen Stimmen sollten dagegen künftig bestärkt und ernster genommen werden, meint Jörgen Svidén. Denn ganz offenbar ermutigen sie auch andere, ihren Verdacht zu melden:

"Wir haben seit Bekanntwerden der Macchiarini-Affäre ungeheuer viele Anzeigen wegen Forschungsbetrug bekommen. Ich glaube absolut nicht, dass das daran liegt, dass die Wissenschaftler plötzlich deutlich mehr pfuschen. Die Bereitschaft, einen Verdacht zu melden, ist einfach größer geworden."

Eine Dienststelle, in dem Forscher ihren Verdacht anonym melden können, hat das Karolinska-Institut bereits eingeführt. Ob er Fälle wie den Macchiarini-Skandal in Zukunft verhindern kann, wird sich zeigen.

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