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StartseiteEuropa heuteUmstrittene Reaktion auf Antisemitismus08.12.2010

Umstrittene Reaktion auf Antisemitismus

Ex-EU-Kommissar empfiehlt Juden die Auswanderung

In den Niederlanden steigt die Zahl antisemitischer Vorfälle. Orthodoxe Juden aus Immigrantenvierteln werden häufig etwa von marokkanischen Jugendlichen beschimpft. Der Ex-EU-Kommissar Frits Bolkestein schlägt vor, die Juden sollten besser auswandern - und sorgt damit für Empörung.

Von Kerstin Schweighöfer

Die meisten orthodoxen Juden in den Niederlanden leben in Amsterdam. (Stock.XCHNG / Katherina Martin)
Die meisten orthodoxen Juden in den Niederlanden leben in Amsterdam. (Stock.XCHNG / Katherina Martin)

"Ich kann Bolkestein begreifen. Er prangert ein Problem an, das so groß ist, dass es nicht länger negiert werden kann. Aber Bolkestein hat nicht das richtige Rezept, um dieses Problem zu lösen."

Der Amsterdamer Rabbi Menno ten Brink im niederländischen Fernsehen über den Ratschlag seines Landsmannes Frits Bolkestein an die jüdische Gemeinschaft in den Niederlanden. Orthodoxe Juden, die an ihrer Kleidung zu erkennen sind, so der ehemalige Eurokommissar, müssten sich "darüber bewusst sein, dass es für sie in den Niederlanden keine Zukunft gibt". Statt dessen, so Bolkestein weiter, sollten sie ihren Kindern nahelegen, nach Amerika oder Israel zu emigrieren. Als Grund nannte er den Antisemitismus, der vor allem unter marokkanischen Immigranten verbreitet sei - und deren Zahl nehme zu.

Bolkestein machte diese Äußerungen in einem in diesen Tagen erschienenen Buch. Darin prangert der in Amsterdam aufgewachsene jüdische Autor Manfred Gerstenfeld die sinkende Toleranz und den wachsenden Antisemitismus in den Niederlanden an. In einer Tageszeitung hat Bolkestein seine Aussagen in dieser Woche wiederholt - und damit große Entrüstung ausgelöst. Auch bei der Dachorganisation der Amsterdamer Moscheen: "Unsinnig, gefährlich und unakzeptabel", schimpft ihr Sprecher Khalil Aitblal:

"Es geht hier um ein gesellschaftliches Problem, das sich so nicht lösen lässt, das müssen wir gemeinsam tun."

"Das ging daneben!" konstatierte auch der rechtspopulistische Islamgegner Geert Wilders - und zwar, wie so oft in letzter Zeit, per Twitter. "Nicht die orthodoxen Juden müssten emigrieren", so Wilders, "sondern die Marokkaner!".

Die Fraktionschefin der Grünen, Femke Halsema, bescheinigte Bolkestein gar, "kierewiet" zu sein, nicht gut bei Verstand. Und laut Job Cohen, Fraktionschef der Sozialdemokraten und Altbürgermeister von Amsterdam, hat der ehemalige EU-Kommissar "die verkehrte Ausfahrt" genommen: "Vor einem Problem", so Cohen, "solle man niemals weglaufen".

Bei den Betroffenen hingegen herrscht Gelassenheit. So wie Rabbi ten Brink zeigt sich auch Ronnie Naftaniel vom Israelischen Informations- und Dokumentationszentrum CIDI wenig überrascht:

"Bolkestein hat dasselbe schon vor zweieinhalb Jahren gesagt, in einem von uns herausgegebenen Buch. Für uns ist das also nichts Neues, er macht sich einfach Sorgen, es ist ein Aufruf an die Politiker, eine Warnung. Er sagt: Tut endlich etwas! Und das ist gut. Von seinem Ratschlag zu emigrieren, halte zwar auch ich nicht viel, aber über diese Warnung bin ich sehr froh."

Laut CIDI ist die Zahl der antisemitischen Vorfälle im letzten Jahr um 55 Prozent gestiegen. Starke Schwankungen kommen allerdings öfter vor und sind jedes Mal auf Ereignisse im Nahostkonflikt zurückzuführen - sobald dieser nicht länger für Schlagzeilen sorgt, sinkt die Kurve wieder. Aber unterm Strich, so das CIDI, sei in den letzten Jahren doch ein leichter Anstieg zu verzeichnen.

Am meisten betroffen sind orthodoxe Juden aus Immigrantenvierteln wie Slotervaart im Westen von Amsterdam. Dort ist auch der Mörder des islamkritischen Regisseurs Theo van Gogh aufgewachsen. In solchen Vierteln müssen sich orthodoxe Juden auf offener Straße von herumlungernden marokkanischen Jugendlichen und Halbstarken ausschimpfen lassen, sie werden bedroht und bespuckt. Um die Täter auf frischer Tat zu ertappen, will die Stadt Amsterdam Anfang nächsten Jahres einen sogenannten "Lockjuden" einführen. Die Idee stammt von Ahmed Marcouch, bis vor kurzem Bürgermeister von Slotervaart, jetzt Abgeordneter der Sozialdemokraten in Den Haag - und Vorzeigeimmigrant:

"Amsterdamer Juden haben mir erzählt, was ihnen auf dem Weg zur Synagoge alles zustößt, unfassbar, manchen wird der Hitlergruß gebracht, 'Hitler hat ein paar vergessen', wird ihnen zugerufen. Anderen wird eine Geldmünze hinterher geworfen, wegen des Vorurteils, Juden seien geldgierig. Das muss ein Ende haben! Mit einem 'Lockjuden' erhöhen wir die Chancen der Polizei, diese kriminellen Quälgeister zu fassen."

Ausschließlich marokkanischen Immigranten kann der wachsende Antisemitismus allerdings nicht in die Schuhe geschoben werden: Sie machen ihn lediglich sichtbar, da sich diese Vorfälle auf der Straße abspielen. Daneben gibt es verborgenen Antisemitismus, etwa in E-Mails oder Briefen. Das Dokumentationszentrum CIDI hat antisemitische Hassmails analysieren lassen: Gut die Hälfte stammt von betagten alteingesessenen Niederländern.

Um es so weit nicht mehr kommen zu lassen, plädieren sowohl Politiker als auch Vertreter von jüdischen Gemeinschaften dafür, den Holocaust als Pflichtteil im Geschichtsunterricht an allen Schulen einzuführen. Auch das Besuchen von Konzentrationslagern soll für Schulklassen Pflicht werden.

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