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StartseiteSport am WochenendeUmstrittene Reform01.09.2012

Umstrittene Reform

Nach zwölf Jahren nehmen wieder Sportler mit geistiger Behinderung an den Paralympics teil

Schon jetzt kann man die vierzehnten Sommerparalympics in einem Punkt als historisch bezeichnen: Zum ersten Mal seit zwölf Jahren nehmen wieder Sportler mit geistiger Behinderung an den Spielen teil. Von den 4200 Teilnehmern in London haben 120 eine intellektuelle Einschränkung, sie treten in drei Sportarten an: in der Leichtathletik, im Schwimmen und im Tischtennis. Ein Anfang, sagen die Organisatoren, denn noch gibt es viele Unklarheiten.

Von Ronny Blaschke

Die Leichtathletin Sandra Mast ist eine von zwei Athleten mit einer geistigen Behinderung im deutschen Kader der paralympischen Spiele. (picture alliance / dpa /Fredrik von Erichsen)
Die Leichtathletin Sandra Mast ist eine von zwei Athleten mit einer geistigen Behinderung im deutschen Kader der paralympischen Spiele. (picture alliance / dpa /Fredrik von Erichsen)

Es war der größte Skandal der paralympischen Geschichte: In Sydney 2000 gewann das spanische Basketballteam überlegen Gold. Nach den Spielen legte der Journalist Carlos Ribagorda offen, dass zehn der zwölf Spieler ihre geistige Behinderung nur vorgetäuscht hatten. Ihr Trainer hatte sie im Turnier sogar angewiesen, den Gegner hin und wieder punkten zu lassen. So wollte sich der spanische Behindertensportverband für Sponsoren interessant machen. Das Internationale Paralympische Komitee IPC verbannte Sportler mit geistiger Behinderung fortan aus dem paralympischen Programm. Das Komitee hat lange und kontrovers über ein neues Klassifizierungsverfahren diskutiert, sagt Jan Burns, Professorin für klinische Psychologie und Mitglied von Inas, dem Internationalen Sportverband für Menschen mit intellektueller Beeinträchtigung.

"Wir brauchen eine Balance. Wir versuchen so integrativ und ermutigend wie möglich zu sein, aber wir müssen auch so präzise und streng wie möglich sein. Ein Betrug wie in Sydney darf sich nicht wiederholen. Die Wiedereingliederung ist nun ein wichtiges Signal und wir hoffen, künftig mehr Sportarten und Athleten zu gewinnen. Es wird viel Zeit in Anspruch nehmen, um die bestmöglichen Regeln zu finden."

Das IPC hat für Athleten mit geistiger Behinderung Kriterien aufgestellt: Ihr Intelligenzquotient darf 75 Punkte nicht überschreiten, sie müssen im Alltag auf Hilfe angewiesen sein und die Einschränkung sollte vor ihrem 18. Geburtstag bekannt gewesen sein. Die Sportler müssen in ihren Ländern Intelligenztests durchlaufen. Da diese unterschiedlich sind, führt der Verband Inas weitere Gutachten durch: Wie beeinflusst die kognitive Einschränkung das Talent für eine Sportart. Schließlich werden Reaktionszeit, Erinnerungsvermögen oder Konzentrationsfähigkeit im Tischtennis anders beansprucht als im Sprint. Für Tests müssen Athleten sich im Tischtennis gegen einen Roboter beweisen, Schwimmer werden in Videoaufnahmen analysiert. Ulrich Niehoff von der Bundesvereinigung Lebenshilfe, die sich für Menschen mit geistiger Behinderung einsetzt, hält diese Rekrutierung für entwürdigend. Die Vereinten Nationen fordern schließlich Inklusion, die volle Teilhabe von Menschen mit Behinderung.

"Eigentlich bedeutet Inklusion, dass man nicht mehr so genau guckt nach einer Diagnostik und einer Kategorisierung, zu sagen: der ist behindert und der ist nicht behindert. Eine Akzeptanz von Menschen, so wie sie sind. Bei den Paralympics geht es genau darum: dass man genau festlegt: ist der denn geistig behindert oder nicht. Aber es widerspricht eigentlich der Idee der Inklusion. Weil alle Versuche, dass wirklich wissenschaftlich valide zu tun, höchst problematisch sind."

Die Unterschiede zwischen einer Lernschwäche, dem Down-Syndrom oder einer plötzlichen Vergesslichkeit sind enorm. Ulrich Niehoff hält den Nachweis eines Sportlers für ausreichend, Mitglied einer Werkstatt für behinderte Menschen oder eines betreuten Wohnheims zu sein. Von den 150 deutschen Athleten in London haben zwei eine geistige Behinderung, 1,3 Prozent des Teams: die Leichtathletin Sandra Mast aus Freudenstadt und der Schwimmer André Lehmann aus Potsdam. Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Deutschen Behindertensportverbandes, hielt die Entscheidung des IPC, Sportler mit geistiger Behinderung auszuschließen, stets für falsch.

"’Ich finde es deshalb richtig, dass das jetzt wieder gerade gerückt worden ist, nur im Verhältnis ist ein zu zarter Ansatz. Ich war bei den Deutschen Meisterschaften für Menschen mit geistiger Behinderung im Tischtennis. Was Sie dort gesehen haben, war einfach toll. Und da ist es denn schade, dass man den Menschen mit geistiger Behinderung bei Paralympics praktisch solche Alibizahlen zur Verfügung stellt.""

Rund 400000 Menschen leben in Deutschland mit einer intellektuellen Beeinträchtigung. Ein bis zwei Prozent von ihnen sind in Sportvereinen aktiv, denn auch in der Kreisklasse können Prinzipien des Leistungssports eine Integration unmöglich machen. Unterstützung leisten die Special Olympics. Die Breitensport-Bewegung war 1968 von Eunice Shriver gegründet worden, der Schwester des ehemaligen US-Präsidenten John F. Kennedy. Shriver hatte damals den Anruf einer Mutter erhalten, die ihr Kind nicht in einem Sommercamp unterbringen konnte, daraufhin finanzierte Shriver ein Sportfest für 1000 Menschen mit geistiger Behinderung. Heute gehören drei Millionen Menschen in 175 Ländern zu den Special Olympics, im 1991 gegründeten deutschen Verband sind es 40000. Karl Quade, Chef de Mission des deutschen Paralympics-Teams, über die Anforderungsprofile für Trainer von geistig behinderten Sportlern.

"Es gibt zum Beispiel die leichte Sprache, es gibt bestimmte Kodewörter, es gibt Verbildlichungen in der Kommunikation. So dass man das Training steuern kann, Bewegungsanweisungen geben kann. Das muss man schon spezifisch machen, das kann man nicht ganz verallgemeinern. Das heißt ein Trainer, der sein Handwerk allgemein gelernt hat, muss da schon was dazu lernen."

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