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Unentdeckte Perle der Südstaaten

Eine Rundreise durch die Südstaatenstadt Meridian am Mississippi

Von Rudi Schneider

Die Südstaatenstadt Meridian am Mississippi.
Die Südstaatenstadt Meridian am Mississippi. (Rudi Schneider)

Die meisten Amerikatouristen steuern zunächst die großen Nationalparks und die großen Metropolen an der Ost- oder Westküste an. Das weitläufige Land hat allerdings darüber hinaus viele, weniger bekannte Schatztruhen zu bieten - wie beispielsweise das frühere Land der Choctaw Indianer, die weite Landstriche am Mississippi besiedelten.

Meridian ist eine Stadt im Staat Mississippi, die während der vergangenen 180 Jahre, seitdem die ersten Siedler am Sowashee Creek ankamen, viele sehenswerte Relikte ihrer Blütezeit bewahrt hat. Unser erstes Ziel führt uns in den Martin Luther King Drive, wo das Merrehope Haus, ein Juwel viktorianischer Architektur, schon von Ferne mit seinen großen, weißen Säulen zu einem Besuch einlädt.

Hinter der reich verzierten Eingangstür, die wir über einige Holzstufen erreichen, wartet Willard Clearman auf uns, die uns mit einer einladenden
Geste durch das sehenswerte Haus führt. Die 20 Räume, die 1968 liebevoll restauriert wurden, beherbergen heute eine Sammlung von Möbeln, die noch teilweise von den früheren Bewohnern des Hauses stammen. Gleich im Eingangsbereich finden wir einen kleinen, reich verzierten Tisch, der unter der Tischplatte einen Spiegel aufweist, der unsere Neugier erregt:

"Das nannte man einen 'Petticoat-Tisch'. In dieser Zeitperiode trugen die Ladies hier in den Südstaaten bodenlange Röcke und der Petticoat durfte auf keinen Fall unten sichtbar sein. Mit diesem Spiegel unter dem Tisch wurde dann geprüft, ob der Petticoat sichtbar war."

Während Willard erzählt, tauchen Bilder aus dem Film "Vom Winde verweht" in meiner Erinnerung auf, als Rhett Butler Big Mama einen solchen roten Petticoat schenkte. Im Erdgeschoss befindet sich der Parlor, das ist das Wohnzimmer, in dem man sich gerne mit Gästen traf. Ein Piano fällt auf, dessen Front wunderbare Einlegearbeiten zeigt. Auf einem kleinen Schild an der Seite lese ich "Made in Germany". Schlägt man die Elfenbeintasten an, ist das Alter ahnbar:

"Dieses 'Square Grand Piano' wurde 1875 in Deutschland gebaut. Es wurde in St. Louis, Missouri, gekauft und per Schiff über den Mississippi nach Vicksburg verfrachtet. Von dort aus wurde es mit einem Pferdefuhrwerk bis hierher transportiert."

Eine Augenweide solcher Antebellum-Häuser sind die oft hohen Räume mit aufwendig gestalteten Stuckdecken. Aber auch eine andere Handarbeit in diesem Haus ist erwähnenswert:

"Auf das Treppengeländer sind wir in diesem Haus besonders stolz. Es besteht aus Walnussholz und ist vollständig handgeschnitzt. Das wäre heute extrem teuer. In den alten Tagen war das eine reine Handarbeit, man hatte keine Maschinen."

Wir schreiten diese bemerkenswerte Treppe hinauf. Nahezu alle Antebellum-Häuser haben eine Gemeinsamkeit, die auch etwas mit der sprichwörtlichen Gemütlichkeit der Südstaaten zu tun hat. Es ist die überdachte Veranda oder der Balkon, wo man nach heißen Sommertagen gerne den kühlen Abend verbracht hat. Die Tür zum Balkon hat jugendstilverzierte Glaseinsätze:

"Das ist ein 'hängender Balkon', der mit Eisenstangen an der Decke verankert ist. Unter uns befindet sich nichts... Dieser wunderschöne Magnolienbaum ist über 100 Jahre alt und rankt sich von hier vorne um die Ecke des Gebäudes bis vor das Schlafzimmer."

Wir verabschieden uns nun von Willard Clearman und dem Magnolienduft rund um das Merrehope-Haus, verbleiben aber noch etwas in der Zeit der Jahrhundertwende und begeben uns in den historischen Highlandpark, den die Stadt Meridian im Jahr 1908 erbaut hat. Der Erholungspark beherbergt in einem großen, runden Gebäude eine Kostbarkeit.

Schon vor dem Tor geben uns diese Klänge eine Idee, was wir im Inneren zu sehen bekommen. Aber lassen wir es uns von Mark Naylor erklären, der dieses große Kleinod betreut:

"Wir stehen in der Mitte des 'Highland-Park Dentzel-Carousel'. Es steht in diesem Park seit 1909 und wurde 1896 von der Firma Dentzel in Philadelphia, Pennsylvania, gebaut. Die Stadt Meridian hat es 1904 auf der Weltausstellung in St. Louis gekauft."

Eigentlich ist es ein Kindertraum... Aber was sage ich, es ist manchmal schwer zu sagen, ob gerade mehr Kinder oder mehr Erwachsene mit leuchtenden Augen auf einem der stolzen Rösser oder einer Giraffe, einem Tiger oder in der Pferdekutsche ihre Runden drehen:

"Beide, das Karussell und das Karussell-Haus, stehen unter Denkmalschutz. Dieses Karussell ist ein seltenes Juwel, denn es ist das einzige "Zwei-Reihen Dentzel Karussell", das heute noch weltweit existiert."

Ein solch riesiges Karussell ist ein komplexes mechanisches Werk, der Antrieb, die Elektrik für tausende bunte Lampen, und die Orgel nicht zu vergessen. Ein Juwel dieser Art nach mehr als 100 Jahren für leuchtende Augen aus aller Welt - so weit reisen sie nämlich an - betriebsbereit zu halten, braucht Karussellfreunde, die viel, viel Zeit und Liebe in jedes Detail investieren:

"Das Karussell ist vollständig, es fehlt nichts. Wir brauchten ganze 15 Jahre, um alle Tiere zu restaurieren. Manche hatten bis zu acht Farbschichten, die vorsichtig abgetragen und nach alten Originalzeichnungen und Fotos wieder neu aufgetragen wurden. Heute sehen sie genau aus wie damals, 1896."

Mark Naylor zieht an der "Brakebar", das ist der Bremsbalken. Langsam und schwerfällig kommen all die bunten Tiere zum Stillstand und für uns wird es Zeit, uns im Highlandpark noch etwas weiter umzusehen.

Brakebar ist eine gute Überleitung zu Brakeman. Der Brakeman arbeitete auf einem Zug und war für die Bremsen verantwortlich, und Züge spielten eine wichtige Rolle in Meridian, erzählt Hal Dixon, der in der Region um Meridian aufgewachsen ist:

"Die Geschichte Meridians ist sehr eng verbunden mit der Eisenbahn. Damals gab es nur eine Eisenbahn zu dieser Zeit, das war die Mobile & Ohio Railroad."

Es kamen weitere Eisenbahnlinien dazu und Meridian wurde zu einem wichtigen Eisenbahnknotenpunkt der Südstaaten:

"In 1907 kamen durchschnittlich 40 Züge pro Tag. Sie hatten Arbeitsplätze für 6000 Leute. Bis 1920 waren es sogar 100 Züge pro Tag."

Einer der Eisenbahner wurde weit über die Grenzen Amerikas berühmt… Es war der "Singing Brakeman" Jimmie Rogers, der in Meridian geboren wurde. Ihm zu Ehren hat die Stadt Meridian am Rande des Highlandparks in einem alten Eisenbahndepot ein Museum errichtet, in dem uns Jean Bishop erwartet:

"Jimmie Rogers wurde am 8. September 1897 geboren und war Amerikas erster Folk-Sänger. Man nannte ihn auch, den 'amerikanischen Jodler'. Er arbeitete, bevor er einer der bekanntesten Country-Stars wurde, bei der Eisenbahn. Lange nach seinem Tod war er der erste Star, der in der 'Country-Music-Hall of Fame' in Nashville geehrt wurde."

Mit Jimmie Rogers "Blue Jodler" bleiben wir noch etwas in dieser Zeit und unternehmen eine kleine Fahrt an den Stadtrand von Meridian in die Causeyville Road, wo wir den General Store von Dorothy Hagwood finden, der seit jener Zeit nicht nur bis heute überlebt hat, sondern auch noch von Dorothy betrieben wird:

"Das alte Gebäude wurde 1869 direkt nach dem Bürgerkrieg eröffnet. Es war zunächst eine 'Trading-Post' für die Choctaw-Indianer, die hier durchkamen. Ab 1895 war es auch das Post-Office. Der Arzt, Dr. Billy Anderson, fungierte als Postmaster und in diesem kleinen Seitentrakt behandelte er seine Patienten. Er hatte hier in diesem Gebäude um 1920 auch die erste Telefonvermittlung, einen Limonadenbrunnen und einen Friseurladen. Als die Eltern meines Mannes das Gebäude kauften, bauten sie Ende der Fünfziger im hinteren Teil ein Kino. Freitags- und Samstagabends zeigte er Filme, der Eintritt kostete einen Nickel."

Ein Nickel, das sind ganze fünf Cent. Mr. Hagwood hat über die Jahre in diesem General Store ein ganzes Arsenal von historischen Geräten oder auch Westernpianos gesammelt und einige Geräte sind tatsächlich noch in Betrieb:

"Unser Käseschneider wird hier seit 1898 benutzt, wir haben nur das Brett mal gewechselt. Der Erdnussröster ist ein Straßenautomat aus dem Jahr 1890. Wir haben ihn für 50 Dollar gekauft. Es dauerte fünf Jahre und 8000 Dollar, ihn zu restaurieren, jetzt rösten wir mit ihm jeden Tag frische Erdnüsse. Und das hier ist ein Eiskühler aus dem Jahr 1946, aus dem wir eiskalte Cokes, Säfte und Rootbier in Flaschen anbieten."

Ein Kino im General Store, dazu geröstete Erdnüsse und eine eiskalte Coke. Wir verabschieden uns von Dorothy und machen uns auf in die Innenstadt von Meridian, wo wir ein ganz anderes Kino besuchen wollen, das Hamaza Shrine Theater. Heute ist das würfelartige Gebäude im maurischen Stil mehr als ein Kino, es ist der Temple der Hamaza Shriners, erzählt uns Benny Eggler:

"Die 'Hamaza Shriners' sind Teil des Freimaurerordens, der seit 1892 in Meridian existiert. Der Shrine in Meridian ist Teil des 61. Tempels, der in den Vereinigten Staaten errichtet wurde. Wir sind freie, angenommene Maurer nach schottischem oder europäischem Ritus."

Das einstmalige Theater ist exakt nach den Himmelsrichtungen ausgerichtet, genau im Quadrat. Das erlaubt den Freimaurern, rituelle Feiern abzuhalten.

Die Orgel des Hamaza Shrine Theaters ist eine Sehenswürdigkeit mit Seltenheitscharakter, sie stammt noch aus der Zeit des Stummfilms:

"Wir haben eine Robert-Morton-Theater-Orgel. Sie hat 768 Pfeifen. Sie ist aber nicht mit einer Kirchenorgel vergleichbar, denn sie erzeugt neben der Musik auch alle möglichen Geräusche, die man für Stummfilme brauchte. Das hier ist die Originalorgel, die 1928 installiert wurde und heute noch gespielt wird."

Die vielfältigen historischen Distrikte in Meridian, wo sich architektonische Kostbarkeiten regelrecht aneinanderreihen, illustrieren die ereignisreiche Geschichte der Stadt. Am Ende unseres Besuches kommen wir zum Grand-Opera-House in der 22. Avenue. Dort erwartet uns Penny Kemp:

"Es war das einzige 'Grand-Opera-House' in Mississippi. Es sind eine ganze Handvoll Kriterien, wie die architektonische Struktur, die Zuschauerzahl und etliche weitere, die erfüllt werden mussten, bevor sich ein Theater 'Grand-Opera-House' nennen durfte."

Israel Marx, seine Halbbrüder Levi und Sam sowie Marx Rothenberg errichteten im späten 19. Jahrhundert in der 22. Avenue ein großes Geschäftshaus. Dieses sollte zunächst um ein Hotel erweitert werden, doch dann änderten sie ihre Idee und bauten das Grand-Opera-House, das nun nach einer wechselvollen Geschichte aufsehenerregend restauriert wurde. Fachleute aus der ganzen Welt reisten an, um die Arbeiten zu begutachten:

"Sie waren verblüfft, wie viel in dieser Oper mit Dekor experimentiert wurde. Es war geradezu eine experimentelle Schatztruhe des viktorianischen Stils. Alle viktorianischen Stilelemente sind hier zu finden. Von hochdetaillierten Tapeten- und Wandverkleidungen bis zu den unzähligen Gold-, Silber- und Bronzeornamenten überall im Theater."

Die Partnerschaft der Marx und Rothenbergs beauftragten J.B. McElfatrick von New York, das Design und die Innenarchitektur des Grand-Opera-Hauses zu übernehmen. McElfatrick war ein bekannter Designer, der bereits 200 Theater in den Vereinigten Staaten gestaltet hatte. Dazu zählen das National Theater in Washington D.C. und das Metropolitan Opera House in Philadelphia. Sein Design aus dem Jahr 1890 wurde nun bis ins kleinste Detail wiederhergestellt:

"Die Denkmalschützer haben alle bestätigt, welch außergewöhnliche handwerkliche Qualität die Restauratoren geleistet haben. Man fühlt sich in der Oper wirklich in die Jahrhundertwende zurückversetzt."

In die Jahrhundertwende zurückversetzt, viel Ursprünglichkeit, aber auch eine moderne, pulsierende Stadt, beides kann man in Meridian erleben. Damit beschließen wir unseren Spaziergang in und um Meridian. Über allem steht die sprichwörtliche Gastfreundlichkeit der Südstaaten, die ihre Besucher auf eine Entdeckungsreise einladen.

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