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StartseiteForschung aktuellUnethisch und riskant29.08.2007

Unethisch und riskant

Wissenschaftler erteilen Schwefelkühlung der Erde eine Absage

Klimaforschung. - Der niederländische Meteorologe Paul Josef Crutzen hat vorgeschlagen, der Erderwärmung mit Schwefelpartikeln zu begegnen, die in die Atmosphäre einfallendes Sonnenlicht reflektieren. Wissenschaftler haben das Szenario in einem globalen Klimarechenmodell durchexerziert und stellen ihre Ergebnisse auf der Internationalen Konferenz über Erdsystem-Modellierung in Hamburg vor.

Von Volker Mrasek

Die Erde vom Mond aus gesehen. (AP Archiv)
Die Erde vom Mond aus gesehen. (AP Archiv)

Die Welt macht einfach weiter wie bisher. Sie führt keine Energiewende herbei. Und sie unternimmt auch sonst nichts, um weniger Treibhausgase auszustoßen. Stattdessen folgt sie der kühnen Idee von Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen zur Lösung des Klimaproblems: Große Mengen Schwefelstaub werden in höhere Atmosphärenschichten injiziert. Die sogenannten Sulphat-Aerosole sollen sich wie ein Schleier um die Erde legen und einen Teil des einfallenden Sonnenlichtes zurück ins Weltall werfen. Dieses Szenario haben Forscher aus Deutschland und den USA jetzt in einem Klimamodell durchexerziert, um zu sehen, ob das Konzept wirklich funktioniert:

"In diesem Szenario wird alles, was an Erdöl, Erdgas und Kohle vorhanden ist, verbrannt und in Kohlendioxid verwandelt. Der Mensch beutet sämtliche geologischen Vorkommen fossiler Energieträger aus. Um das Klima dennoch zu kühlen, injiziert er diese Schwefelpartikel in die Atmosphäre."

Viktor Brovkin stellt die neue Simulation jetzt auf der Hamburger Fachkonferenz vor. Der russische Mathematiker arbeitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Fünf Billionen Tonnen - so viel Kohlenstoff steckt schätzungsweise in allen fossilen Ressourcen auf der Erde. In Brovkins Modell geht dieser Kohlenstoff konsequenterweise nach und nach in die Atmosphäre, in Form von CO2:

"Uns interessierte vor allem die Frage: Wie lange bleibt dieses CO2 in der Atmosphäre? Und wir kommen zu dem Ergebnis: Es wird mindestens 10.000 Jahre dauern, bis die CO2-Konzentration in der Außenluft wieder auf ein erträgliches Maß abgenommen hat. Entsprechend lange müsste man dann auch Schwefel injizieren, um den Planeten zu kühlen."

In wissenschaftlichen Veröffentlichungen heißt es immer wieder, Kohlendioxid habe eine Lebensdauer von gut 100 Jahren in der Außenluft. Spätestens dann werde es vom Ozean oder von Landpflanzen aufgenommen. Tatsächlich ist die Kapazität von Meer und Vegetation aber begrenzt. Bei ständig steigenden CO2-Emissionen stoßen sie irgendwann an ihre Grenzen; große Mengen des Treibhausgases verbleiben deshalb in der Atmosphäre. Das werde meist übersehen, sagt Brovkin, und hält die Schwefelung der Atmosphäre deshalb für eine riskante Angelegenheit:

"Hat man einmal damit begonnen, kann man praktisch nicht mehr aussteigen","

so der Potsdamer Forscher.

Technisch wäre es wohl möglich, Schwefel-Aerosole in 10 bis 15 Kilometern Höhe auszubringen, wie es Paul Crutzens Idee vorsieht. Vier Millionen Tonnen wären dazu vermutlich nötig - Jahr für Jahr. Man könnte sie mit Ballonen hinaufbefördern oder gar mit Kanonen hinaufschießen. Doch die Sache käme reichlich teuer: weit mehr als 100 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Solche finanziellen Belastungen könnte nur die gesamte Staatengemeinschaft schultern. Und da wittern Brovkin und seine Kollegen schon die nächste Gefahr:

""Wir bräuchten auf jeden Fall eine internationale Vereinbarung, und das für Jahrhunderte. So etwas hat es noch nie gegeben. Und man muss davon ausgehen, dass die Staatengemeinschaft das gar nicht durchsteht. Setzt man die Schwefelinjektion aber aus, bekommen wir erst recht eine rapide Erwärmung. Nach unserem Modell wird es dann im Mittel um bis zu vier Grad heißer, innerhalb von gerade mal 30 Jahren. Das ist ein Temperaturunterschied wie zwischen der letzten Eiszeit und heute."

Das käme einem Hitzeschock gleich, wie die Forscher sagen. Sie wollen ihre Ergebnisse nun noch weiter absichern durch zusätzliche Simulationen mit anderen globalen Klimamodellen. Doch Viktor Brovkin kann sich kaum vorstellen, dass sich an seiner grundsätzlichen Einschätzung etwas ändern wird. Er hält das Schwefel-Konzept für unethisch:

"Wir genießen alle Vorzüge aus der Nutzung fossiler Energieträger, und spätere Generationen bezahlen dafür."

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