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StartseiteDLF-MagazinBegrenzte Kapazitäten für traumatisierte Flüchtlinge07.01.2016

UnterkünfteBegrenzte Kapazitäten für traumatisierte Flüchtlinge

Im vergangenen Jahr wurde immer wieder über Frauen berichtet, die in Flüchtlingsheimen angegangen oder auf ihrer Flucht vergewaltigt wurden und mit tiefen Wunden in der Seele in Deutschland angekommen sind. In Berlin kümmert sich die Arbeiterwohlfahrt in einer spezialisierten Unterkunft um die traumatisierten Opfer. Doch die Plätze sind begrenzt.

Von Gudula Geuther

Eine Frau auf Lesbos hält ihr Kind auf dem Arm und wartet auf ihre Registrierung. (ANGELOS TZORTZINIS / AFP)
Besonders Frauen werden auf der Flucht häufig Opfer von Gewalt. (ANGELOS TZORTZINIS / AFP)
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"Das ist jetzt ein Vierbettzimmer, und das eigene Bad ist dann hier."

Weiße Fliesen, gelbe Handläufe, in der Duschecke, barrierefrei, eine blaue Babybadewanne. Ein eigenes Bad - unerhörter Luxus.

"Das ist natürlich für die Leute absolut super, vor allem für die schwerkranken, krebskranken, chronisch kranken, Krebspatientinnen und so weiter. Dass das natürlich hygienisch und alles ok ist und sie nicht auf eine Gemeinschaftstoilette oder ähnliches gehen müssen."

Oder für Frauen, die so sehr traumatisiert sind, dass sie jeden Kontakt meiden. Claudia Da Silva steht in dem funktionalen Flüchtlingszimmer, Betten aus hellem Holz stehen locker über Eck, orange-gelbe Bettwäsche schafft eine freundliche Atmosphäre. Die Leiterin des Marie-Schlei-Hauses, das die Arbeiterwohlfahrt betreibt, erzählt Aydan Özoguz, warum eine vermeintlich luxuriöse Unterbringung nötig sein kann - Standard in jeder Wohnung, aber beileibe nicht für Flüchtlinge. Die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung sucht praktische Anschauung im Umgang mit besonders Schutzbedürftigen. Vor allem der Frauen will sie sich in diesem Jahr besonders annehmen.

"Für uns ist es eben besonders wichtig, die Lücken zu finden: Wo sind besonders Lücken in unserem System, wo könnten wir noch sinnvoll tatsächlich etwas an dieser Stelle strukturieren?"

Wo? Überall, so scheint es. Die Flüchtlinge selbst sind überwiegend nicht in der Verfassung, mit Politikern und Journalisten zu reden. Claudia Da Silva berichtet von einer Osteuropäerin, konkreter will sie zum Schutz der Frau nicht werden.

"Das ist eine vergewaltigte und gefolterte Frau, die wir aufgenommen haben, die wir über eine Psychiatrie aufgenommen haben, also wieder mit dem Hinweis: Bitte, ganz dringend, muss in eine kleine Unterkunft – besonders schutzbedürftig. Sie hat dann am ersten Abend schon einen Selbstmordversuch gemacht, kam dann in die Psychiatrie. Da ich ja die Unterlagen hatte, bin ich am nächsten Tag, weil es Wochenende war, sofort in die Psychiatrie gefahren, fand sie dann fixiert im Bett auf der Intensivstation und ich hab dann gesagt, dass das nicht geht mit einer schwer traumatisierten Frau mit dem Hintergrund."

Alleinerziehende, Schwangere, Menschen mit Beeinträchtigungen

Die Einrichtungsleiterin dringt auf Verlegung und kann gerade noch verhindern, dass ein uniformierter Polizist neben der Frau im Krankenwagen sitzt – es waren Uniformierte, die sie gefoltert und vergewaltigt hatten. Es fehle schlicht am Wissen über den Umgang mit traumatisierten Flüchtlingen, glaubt da Silva. Die kräftige Blondine spricht energisch, engagiert. Und es fehlt an Betreuung, sagt sie. Das Marie-Schlei-Haus im Berliner Nordwesten ist die erste solche Einrichtung in Berlin, 2013 gegründet, die Auflage des Bezirks damals: Mehr als 200 Plätze dürften es nicht werden, mit Blick auf den Frieden im Viertel. 190 sind es derzeit. Wer hier angekommen ist, bleibt bis zur Abschiebung oder bis zur eigenen Wohnung, vielleicht jahrelang, es werden selten Plätze frei.

"Die Forderung ist, dass sehr viel mehr Einrichtungen für besonders Schutzbedürftige geschaffen werden."

Sagt der Kreisvorsitzende der Arbeiterwohlfahrt Manfred Nowak.

"Dies war insofern ein Glücksfall, weil es eine ehemalige Pflegereinrichtung hier war. Und wir haben behindertengerechte Zugänge..."

Besonders schutzbedürftig sind nach EU-Recht traumatisierte Gewaltopfer wie die Osteuropäerin. Es sind Alleinerziehende und Schwangere. Es sind Menschen mit Beeinträchtigungen, mit Lähmungen etwa oder Amputationen, Blinde. Opfer von Menschenhandel und mehr. Wie viele davon in Berlin ankommen, ist nicht bekannt. In jedem Fall aber sind es viel, viel mehr als die spezialisierten Unterkünfte aufnehmen können.

"Es gibt jetzt drei andere Einrichtungen noch, die besonders Schutzbedürftige aufnehmen. Aber die haben zum Beispiel eine Kapazität von 300 Plätzen und nehmen vielleicht 60 Schutzbedürftige auf. Wenn der Plätze frei meldet, werden alle Flüchtlinge dahingeschickt. Also da wird nicht drauf geachtet: Sind es besonders Schutzbedürftige oder nicht? Sondern es werden einfach die Plätze voll gemacht."

Özoguz: Über das Hilfesystem aufklären

Die Menschen sind darauf angewiesen, dass sich Helfer ihrer annehmen. In Krankenhäusern und Psychiatrien, in der AIDS-Hilfe, in Beratungsstellen, die sie dann vermitteln – oder zu vermitteln versuchen, die inoffizielle Warteliste für das Haus mit Familienzimmern und etwas mehr Personal ist lang. Inoffiziell, weil ja an sich die Stadt die Flüchtlinge zuweist. Die junge Afrikanerin, von der Claudia da Silva berichtet, wäre ohne eine solche Vermittlung nicht im Marie-Schlei-Haus gelandet.

"Die Frau, sehr traumatisiert, war nur im Zimmer, gehörlos, nicht sprechen, nicht reden, keine Gebärdensprache, gar nichts. Es war nicht möglich, mit der Frau zu den Ämtern zu gehen zwecks der Anmeldung, der Registrierung. Das heißt, normalerweise hätten wir die Frau nicht behalten dürfen, weil das wird ja dann geregelt mit der Kostenübernahme. Wir haben sie aber aus humanitären Gründen bei uns behalten. Weil ich kann nicht eine gehörlose junge Frau auf die Straße setzen."

Fünf Monate dauerte der Streit zwischen Land und Bezirk. Das ist zwei Jahre her. Die junge Frau sei inzwischen viel weiter, sagt da Silva. Sie anderswo unterzubringen, etwa in Betreutem Wohnen mit anderen Gehörlosen, sei kaum möglich, schon weil die Frau die Gebärdensprache nicht beherrscht. Es sind extreme Fälle, die die Anstaltsleiterin schildert, aber unter den Flüchtlingen gibt es davon mehr. Und die Integrationsbeauftragte Özoguz weiß, dass auch besonders Schutzbedürftige nicht immer die Hilfe bekommen, die sie brauchen.

"Uns wurde immer wieder gesagt: Wenn die Frauen überhaupt in der Erstaufnahme ankommen, wissen sie ja gar nicht - und es ist ja ein bisschen zufallsabhängig, ob sie nun zu ihnen geschickt werden oder nicht: Wo bekomme ich Hilfe, wenn ich welche brauche. Deutsche Flyer nutzen da in der Regel nichts. Und da haben wir schon darüber nachgedacht, ob man nicht grundsätzlich über das Hilfesystem, was es ja in Deutschland gibt, aufklären müsste."

Da herrscht Einigkeit. Das wäre schon etwas. Es bleibt viel zu tun.

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