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StartseiteTag für Tag"Ich bete: Hoffentlich war es kein Muslim" 11.09.2017

USA"Ich bete: Hoffentlich war es kein Muslim"

Nicht erst seit Donald Trumps Wahlkampf stehen Muslime unter Generalverdacht. Misstrauen bishin zu offenem Hass sind auch eine Folge von 9/11. In Moscheegemeinden wird über den Zusammenhang von Gewalt und Koran diskutiert. Aber das Hauptthema ist: Bloß nicht auffallen.

Von Renardo Schlegelmilch

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Junge Immigranten aus dem Jemen demonstrieren im Januar in Hamtramck gegen Trumps Einreisebann    (imago stock&people)
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"Ich muss sagen, dass ich am Flughafen jedes Mal rausgezogen und extra kontrolliert werde. Ich sage den Leuten immer, dass sie mich lieber eine Dreiviertelstunde später abholen sollen. Das ist allerdings nichts Neues, das läuft leider schon die letzten 12, 13 Jahre so."

Mohammed Khan ist Computer-Ingenieur und lebt seit über 30 Jahren in Amerika. Eigentlich wohnt und arbeitet er in Texas, ist im Moment aber beruflich in Florida unterwegs. In die Moschee in Miami ist er zum Freitagsgebet gekommen. Die Gläubigen hier sind etwas nervös im Moment:

"Die meisten Menschen sind wirklich gute Menschen, nette Leute. Trotzdem haben wir ein paar Probleme, besonders seitdem Trump Präsident geworden ist. Am schlimmsten war es sogar während des Wahlkampfes. In dieser Moschee hatten wir zwei Vorfälle. Das eine war ein Drohbrief, das andere ein tätlicher Angriff auf unser Gebäude."

Abdul Samra ist Imam am Muslim Center for Greater Miami. Ihm und den anderen Gläubigen begegnet grundsätzlich viel Offenheit, sagt er. Seit der Wahl von Donald Trump habe sich die Stimmung im Land allerdings schon verändert. Einzelne Menschen ließen ihrem Hass jetzt freien Lauf. Mohammed Khan, der Computer-Ingenieur aus Texas, kann das bestätigen. Seine Frau, die ein Kopftuch trägt, wurde vor Kurzem beim Einkaufen bedrängt.

"Sie ist aus einem Supermarkt gekommen und eine fremde Frau hat sie angeschrien: 'Geh doch nach Hause!' Innerhalb von Sekunden kamen aber Leute um meine Frau zu verteidigen. Sie haben gesagt: 'Schäm dich, für solche Kommentare. Das ist nicht die amerikanische Art.' Und das war in Texas!"

Bush mahnte Respekt an

Die USA sind von je her ein Einwanderungsland. Es ist selbstverständlich, dass verschiedene Religionen hier aufeinandertreffen. Toleranz gehört zum Alltag. Allerdings hat der 11. September 2001 den Blick auf die Muslime verändert. Vorher spielte die Religionszugehörigkeit der Immigranten keine große Rolle, unmittelbar danach wurde die Religion aber wichtiger als die Nationalität. Die Skepsis gegenüber Muslimen wuchs bis hin zur Feindseligkeit. Sie wuchs so stark und so schnell, dass der damalige US-Präsident George Bush am 17. September die Nation dazu ermahnte, gegenüber Muslimen Respekt zu zeigen, sie seien - so Bush wörtlich - Doktoren, Anwälte, Juraprofessoren, Soldaten, Unternehmer, Ladenbesitzer, Mütter und Väter.

Einen Generalverdacht gegenüber Muslimen spürt Mohammed Khan weniger durch die Menschen auf der Straße als in den Behörden.

"Jetzt nach der Trump-Wahl mache ich mir schon Sorgen. Wenn ich drei Länder hintereinander besuche, geht bei denen schon die Warnlampe an. Warum besucht der drei verschiedene Länder?"

Verunsicherung herrscht vor allem durch den Reisestopp für Menschen aus sieben mehrheitlich muslimischen Ländern. Trumps Begründung: Aus diesen Ländern kämen die Terroristen. Obwohl es nie einen nachgewiesenen Fall eines eingereisten Terroristen aus einem der Länder gab, werfen Vorfälle wie in Nizza, Paris, Berlin oder Barcelona auch ein schlechtes Licht auf die Muslime in Amerika.

"Wenn ich in den Nachrichten von einem Anschlag höre, dann bete ich: Hoffentlich war es kein Muslim. Ganz ehrlich. Wenn es jemand anders war, macht es das zwar nicht besser. Aber unsere ganze muslimische Gemeinschaft leidet darunter. Leider sind es immer öfter Muslime, die hinter diesen Anschlägen stecken."

I der Moschee in Miami ist das ein großes Diskussionsthema. Auch hier kam zwischenzeitlich immer wieder ein junger Muslim zum Beten hin, der dann einen Brandanschlag auf die örtliche Synagoge verübt hat. Imam Abdul Samra sagt dazu: Für ihn hätten solche Taten nichts mit seiner Religion zu tun.

"Wir akzeptieren Extremisten nicht als glaubende Menschen"

"Es gibt Extremisten, die anderen Menschen Leid zufügen wollen. Das verurteilen wir. Wir akzeptieren solche Leute nicht als glaubende Menschen. Selbst wenn sie behaupten, dass sie Muslime sind und ihre Taten im Namen des Islam verüben. Das ist schlicht und einfach falsch."

Muslime verlassen das Al-Islah Islamic Center Mosque in Hamtramck nach dem Freitagsgebet (AFP PHOTO/JEWEL SAMAD)Muslime verlassen das Al-Islah Islamic Center Mosque in Hamtramck nach dem Freitagsgebet (AFP PHOTO/JEWEL SAMAD)

Ähnliche Gedanken hört man in Hamtramck, einem Vorort von Detroit in Michigan mit gut 20.000 Einwohnern. Früher war der Ort eine Hochburg der polnischen Einwanderer. 1987 hat sogar Papst Johannes Paul II. die Stadt besucht. Inzwischen sind 80 Prozent der Einwohner Muslime, die mehrheitlich aus Bangladesch kommen. Rechtspopulistische Seiten wie Breitbart nehmen die Stadt gerne als Musterbeispiel für die 'Islamisierung' Amerikas. Geht man durch die Straßen, ergibt sich ein relativ friedliches Bild.

"Da drüben, das große Gebäude ist unsere Islamschule, auf der anderen Straßenseite, das ist unsere Koran-Akademie. Wir sind also von einer Mehrheit Muslime umgeben. Hassverbrechen haben wir hier noch nicht erlebt. Ein bisschen weiter ins Landesinnere kommt sowas aber tatsächlich vor."

Auch nur Menschen, auch nur Amerikaner

Allerdings merken die Menschen auch hier den sozialen Klimawandel.

"Es gibt mehr und mehr Menschen, die ihren Hass jetzt offen zeigen. Aber was will man machen? Du musst einfach du selbst sein. Froh sein, nett sein zu den anderen Menschen. Dann wird hoffentlich auch nichts Schlechtes passieren."

Das Zusammenleben - zumindest in Hamtramck - scheint zu funktionieren, weil beide Seiten darauf achten, keine Angriffsfläche für Kritik und Wut zu bilden. Greg Kowalski ist 66 Jahre alt und hier geboren und aufgewachsen.

"Ich habe das Gefühl, dass viele Immigranten, nicht nur die Muslime, jetzt viel vorsichtiger sind, ein bisschen mehr Angst haben sogar. Sie hören im Moment viel aus Washington, das sie sehr nervös macht. Deshalb versuchen sie im Moment bewusst noch freundlicher zu sein, zu zeigen: Wir sind auch nur Menschen. Wir sind Amerikaner, genau wie ihr."

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