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Verunsicherte Doktoranden

Hochschulen in der Pflicht

Von Susanne Schrammar

Die Einleitung der Dissertation von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg.
Die Einleitung der Dissertation von Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg. (AP)

Die öffentliche Diskussion um Plagiate hat den Druck auf angehende Doktoren erhöht. Die Mitglieder von "Thesis", dem bundesweiten Netzwerk Promovierender, wünschen sich eine bessere Zusammenarbeit mit den Betreuern ihrer Dissertationen.

"Also, man merkt natürlich schon, dass es relativ viele Witze gibt. Damals bei Guttenberg beispielsweise gab es bei Facebook so Nachrichten wie: Mein Doktor ist echt, kann ich bei euch nicht Verteidigungsminister werden?"

"Wenn man sagt, ich bin Doktorand, dann kommen Sachen wie: 'Aber nicht kopieren!' Damit kann man jetzt natürlich rechnen."

"Ich denke, das wird sich alles beruhigen. Jetzt ist es momentan so, dass die Leute die Leute mit Doktortitel hinterfragen, aber ich denke, dass sich das beruhigen wird."

Hat der Doktortitel durch die vielen Plagiatsaffären Schaden genommen? Diese Frage stellen sich auch die Mitglieder von "Thesis", dem bundesweiten Netzwerk Promovierender bei ihrem Jahrestreffen. Sebastian Erxleben aus Berlin hat für sich festgestellt: Durch die öffentliche Diskussion ist der Druck enorm gestiegen. Der Staats- und Sozialwissenschaftler schreibt seit mehr als sechs Jahren nebenberuflich an seiner Doktorarbeit, Ende des Jahres will der Beamte abgeben. Die aktuelle Debatte hält der 38-Jährige für überzogen. Dennoch hat er vor Abgabe seiner Promotionsarbeit ein Lektorat mit einem Plagiatscheck beauftragt. Mehr Eigeninitiative dürfe jedoch nicht die einzige Konsequenz aus den Vorfällen sein, sagt der Doktorand. Betreuende Professoren müssten ihre Kontrollfunktion künftig früher wahrnehmen.

"Da habe ich es oft erlebt, dass Professoren kein Zwischenergebnis vorgelegt bekommen wollen, sondern davon ausgehen, dass es eine eigenständige wissenschaftliche Leistung ist – das stimmt natürlich –, dann aber auch davon Abstand nehmen, sich zwischendurch Arbeitsergebnisse mal anzuschauen, und da könnte man ja schon sehr früh eingreifen, um solche Fälle von vorneherein schon ausschließen zu können."

Die Verunsicherung bei Promovierenden ist groß, sagt Dr. Patricia Schneider, Geschäftsführerin des Doktoranden-Netzwerkes THESIS, die als Friedensforscherin an der Universität Hamburg arbeitet. Seminare zum wissenschaftlichen Arbeiten würden stärker nachgefragt als früher, und viele hätten Sorge, aufgrund einer ungewollt falschen Zitierweise in Plagiatsverdacht zu geraten. Auch sie hält eine bessere Betreuung für notwendig, um die Qualität der Promotionen zu gewährleisten. Ideal, so Schneider, wäre es, wenn sich mehrere Professoren intensiv um einen Doktoranden kümmern könnten, doch auch eine geschlossene Vereinbarung zwischen dem Doktorvater und dem Promovierenden könne helfen.

"Dort werden dann Rechte und Pflichten für beide Seiten festgehalten, zum Beispiel, wie oft man sich trifft, wie oft die Zwischenschritte vorgestellt werde. Aber das bedeutet dann auch, dass nicht nur für den Betreuer bestimmte Verpflichtungen festgehalten werden, sondern eben auch für den Promovierenden. Die sind zwar eigentlich rechtlich unverbindlich, aber sie erzeugen natürlich trotzdem eine Art von Verbindlichkeit und funktionieren."

Die Hochschulen tun zu wenig, räumt "Thesis"-Mitglied Vanessa-Isabelle Reinwand-Weiss ein, die an der Universität Hildesheim inzwischen selbst zwei Doktorandinnen betreut. Zum einen würden Studierende zu wenig vorbereitet und zum anderen mangele es Doktorvätern und -müttern vor allem an Zeit.

"Betreuungszeit ist sehr, sehr knapp bemessen, und im Endeffekt muss man sagen, wenn ein Professor sehr viel Wert darauf legt, dann ist das seine Freizeit, die er hier dafür opfert. Ich denke, hier müsste einfach mehr Raum geschaffen werden. Ständig große Teile zu lesen und qualifizierte Rückmeldungen zu geben, erfordert einfach viel Zeit."

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