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StartseiteCampus & Karriere"Vieles ist gut geraten"05.01.2010

"Vieles ist gut geraten"

Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz verteidigt Bologna-Reform

Trotz erheblicher Probleme bei der Umsetzung rechtfertigt Wilfried Müller die Bologna-Reform. Schließlich handele es sich bei der Umstellung um die größte Strukturreform "seit Beginn der modernen deutschen Universität".

Wilfried Müller im Gespräch mit Jörg Biesler

Müller: 2010 wird das entscheidende Jahr für die Bologna-Reform werden. (AP)
Müller: 2010 wird das entscheidende Jahr für die Bologna-Reform werden. (AP)

Jörg Biesler: Die Studenten streiken, die Arbeitgeber und die Hochschulen hängen am Diplom, und die Hochschullehrer sind zu einem nicht unbedeutenden Teil noch nicht warm geworden mit den neuen Strukturen. Bachelor und Master sollten alles leichter machen und flexibler, bis heute überwiegen die Schreckensmeldungen: Überlastung allerorten, Bürokratie und nicht wenige Studiengänge, die heute sogar von den prüfenden Akkreditierungsagenturen als nicht studierbar eingestuft werden. Am Telefon ist jetzt Wilfried Müller, Rektor der Universität in Bremen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz für Lehre und Studium. Guten Tag, Herr Müller!

Wilfried Müller: Einen schönen guten Tag!

Biesler: "Baustelle Bildung" heißt unser Thema in dieser ersten Woche des Jahres. Wird 2010 für die Bologna-Reform das entscheidende Jahr, oder müssen wir uns darauf einstellen, dass es noch lange dauern wird, bis die meisten Studiengänge reibungslos zu studieren sind?

Müller: Also ich glaube, es ist beides richtig. Es wird einerseits das entscheidende Jahr sein, weil wir gegenwärtig eine öffentliche Debatte haben, die ja notwendigerweise dazu führt, dass die Hochschulen sich noch einmal an die Gestaltung der Programme heranmachen. Man muss allerdings dazusagen, es ist nicht alles falsch geraten. Es gibt sehr große Unterschiede zwischen den Fächern und zwischen den Hochschulen und Universitäten. Mein Eindruck ist, vieles ist gut geraten, aber es gibt eine ganze Reihe von Problemen. Aber Änderungen von Curricula, Änderungen von Studiengängen können erst wirksam werden nach der Akkreditierung, sodass die Umsetzung der jetzt beschlossenen Reformen doch noch einige Jahre dauern wird.

Biesler: Kritisiert worden ist ja, dass die Umstellung vergleichsweise schnell erfolgte und jede Hochschule auf eigene Faust versucht hat, die Anforderungen zu erfüllen, übrigens nicht ohne Sorge, dass einer ihrer Kernstudiengänge womöglich durchfallen könnte. Der Druck war also auch verhältnismäßig groß bei der Akkreditierung. Lässt sich die Kooperation der Hochschulen untereinander nun nachholen?

Müller: Also zunächst mal glaube ich, dass die Hochschulen sich unterschiedlich viel Zeit genommen haben. Es gibt Hochschulen, Universitäten, die haben sehr lange im Vorfeld darüber nachgedacht, wie sie es machen und welche Probleme dabei auftreten können. Dazu gehört zum Beispiel meine. Wir haben mehrjährige Vorarbeiten gehabt, bevor wir umgesetzt haben. Auf der anderen Seite hat es dann Hochschulen gegeben, die haben von heute auf morgen umstellen müssen, weil einfach dann der Zeitdruck der Ministerien relativ groß war. Insgesamt würde ich sagen, ja, die Möglichkeiten der Kooperation müssen sehr viel stärker genutzt werden. Es hat natürlich auch über die Hochschulrektorenkonferenzen Abstimmungen und Absprachen gegeben, aber nicht über die Details. Und da würde ich in der Tat ein Problem sehen. Ich glaube, es ist ein Zeitpunkt gekommen, an dem die Hochschulen sich sehr viel stärker abstimmen über das, was sie tun. Beispielweise will ich nur hinweisen auf den Verbund Norddeutscher Universitäten, der gerade dieses jetzt vor einem halben Jahr, vor einem Dreivierteljahr begonnen hat.

Biesler: Es sind ja doch im Wesentlichen die gleichen Probleme, die die Hochschulen plagen.

Müller: Ja, es sind weitgehend dieselben Probleme, ja.

Biesler: Und da wäre eine Kooperation ja wirklich sinnvoll. Ist denn dieser Konkurrenzgedanke, der von der Politik an die Hochschulen getragen wurde, vielleicht gar nicht so der richtige gewesen, aus Sicht der Hochschulen?

Müller: Also ich glaube, man muss sich vergegenwärtigen, wie die Situation davor war, und davor hatten wir pro Fach allgemeine Rahmenordnungen, die bundesweit galten. Und in diesen Rahmenordnungen gab es extrem wenig Spielraum. Anders als in der Forschung, in der eine Universität, eine Hochschule ihren eigenen Weg finden konnten, ihr eigenes Profil entwickeln konnten, war das im Bereich der Lehre nie möglich aufgrund dieser allgemeinen Rahmenordnung. Und im Übergang von den allgemeinen Rahmenordnungen für Diplomstudiengänge und auch Magisterstudiengänge zu den Bachelor- und Master-Studiengängen haben die Hochschulen in der Tat, das würde ich eingestehen, den Akzent auf die eigene Profilbildung gelegt und vor diesem Hintergrund die Kooperation mit anderen Hochschulen vernachlässigt.

Biesler: Sind denn die Akkreditierungsagenturen weiterhin sinnvoll? Offensichtlich haben die ja Studiengänge akkreditiert, die sie selbst heute nicht als studierbar bezeichnen. Bernhard Kempen, der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, in dem ja die Hochschullehrer organisiert sind, hat seine Mitglieder aufgefordert, sich an Akkreditierungsverfahren überhaupt nicht mehr zu beteiligen. Ist das der falsche Weg, die Akkreditierung?

Müller: Also ich glaube, die Akkreditierung ist im Prinzip – ich unterstreiche im Prinzip – der richtige Weg, denn wir haben davor ja keine Qualitätskontrolle gehabt. Wir haben davor lediglich allgemeine Rahmenordnungen gehabt, die mussten von den Hochschulen eingehalten werden, und dann wurde die Genehmigung durch die zuständigen Ministerien ausgesprochen. Alles das, was in diesen Zusammenhängen passieren kann, ist gut dokumentiert. Anfang der 90er-Jahre gab es eine Fülle von Beschwerden und kritischen Artikeln über das, was unter den alten Rahmenordnungen alles noch möglich war – vor allem extrem hohe Abbruchraten, aber auch anderes mehr. Die Akkreditierung hatte eigentlich zum Ziel, dafür zu sorgen, dass die Hochschulen die versprochenen Ziele auch einhalten – vor den Ressourcen und vor allem von den internen Kooperationsformen –, und da würde ich in der Tat sagen, hat es am Anfang Probleme gegeben, weil die Agenturen ja auch nur auf die Fachwissenschaftler zugreifen konnten, die bis dahin im Grunde noch gar nicht richtig wussten, um was es bei der Bologna-Reform gegangen ist. Das sieht jetzt anders aus. Die Gutachter, die jetzt für die Agenturen tätig sind, wissen genau, um was es geht, die Probleme sind offensichtlich geworden, sodass ich glaube, dass eigentlich die Akkreditierung erst jetzt anfängt, positiv zu wirken.

Biesler: Das klingt ein bisschen so, als hätte man es gar nicht besser machen können. Ist das tatsächlich so, ist die Umstellung so groß?

Müller: Nein, man hätte es schon besser machen können, das muss ich eingestehen. Man muss sich nur andererseits vergegenwärtigen, es ist die größte Umstellung, die größte Strukturreform seit, ja, Beginn der modernen deutschen Universität, also Berliner Universität 1809/1810. So etwas hat es nie davor gegeben. Und vor diesem Hintergrund glaube ich in der Tat, dass es sehr auf die Vorarbeiten angekommen wäre. Man hätte einiges besser machen können, aber bei einer solchen Reform in diesen Ausmaßen ist nicht alles vorhersehbar gewesen. Ich glaube, man hätte sich noch mehr Zeit nehmen müssen, da gebe ich Ihnen recht.

Biesler: Wilfried Müller, der Rektor der Universität in Bremen und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz für die Bereiche Lehre und Studium, hat uns keine Hoffnung gemacht, dass es 2010 schon alles klappen wird mit der Bologna-Reform. Vielen Dank!

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