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Virus - ein ansteckendes Wort

Der Dokumentarfilm "Global Viral" untersucht seine Geschichte

Von Rüdiger Suchsland

Ein Hepatitis-C-Virus (Uni-Freiburg)
Ein Hepatitis-C-Virus (Uni-Freiburg)

"Global Virus" ist eine Art Kulturgeschichte des Wortes "Virus" als Metapher. Von seiner römischen Bedeutung "Gift" bis zum tödlichen Keim in der Medizin und Film bis hin zum Computerschädling: "Global Virus" ist ein beunruhigender Dokumentarfilm - der sich schnell herumsprechen wird.

Viren - sie können etwas Gutes sein. Zum Beispiel, wenn es um Marketing geht. Da ist das "virale Marketing" der neueste Schrei in der Waffenkammer der PR-Fachleute. Zumeist aber sind Viren natürlich böse: Sie transportieren Krankheiten, stecken an, befallen die Menschen. Wir kennen die heute fast schon zur Gewohnheit gewordenen regelmäßigen Epidemie- und Pandemiewarnungen, die von den Medien natürlich genüsslich ausgekostet werden.

Oder die Computer. Da greifen sie das System an, können es lahmlegen, oder fast schlimmer noch sich tarnen, und versteckt operieren in dem Computer, den sie befallen.

Viren gibt es auch in der Sprache. Viren sind Metaphern. Und insofern gilt: Das Gerede vom Virus verbreitet sich selbst viral. Die ganze Welt steckt voller Viren.

"Insofern würde ich sagen, ist dieses ganze Bild des Viralen - des Fremden, der Ratte, der Laus, die es beeinflusst, der Epidemie - dies ist ja ein unglaublich negatives Bild, basierend auf dem Bild einer in sich geschlossenen Einheit, die nicht gestört werden soll."

Das wussten wir wahrscheinlich auch schon vor diesem Film. Doch Madeleine Dewald und Oliver Lammert zeigen uns in ihrem Filmessay, warum das so ist, und wie es dazu kam. "Global Virus" ist eine Art Kulturgeschichte der Virus-Metapher. Es sind unglaublich gute, manchmal unglaubliche, auch vielfältige und komplexe Geschichten, die von der Bakteriologie über das "Manhattan-Projekt" des Atomphysikers John von Neumann bis hin zu selbstreplikativen Computer-Programmen reichen, also Programmen, die sich selbst erneuern.

Die Autoren beginnen mit den Anfängen in der römischen Antike, wo das lateinische Wort "Virus" für "Gift" sich irgendwann vor allem als Bezeichnung für unfassbare, unsichtbare Bedrohungen einbürgerte.
Da ging es noch allein um Krankheiten. Aber jede Krankheit hat einen Körper, den Fremdkörper - und jede Krankheit ist etwas Fremdes - was im Umkehrschluss dann bald zur Identifikation alles Fremden mit der Krankheit führte.
Die Biologen zumindest haben immer noch ein ziemlich unschuldiges Verhältnis zu den Worten, die sie gebrauchen und dem, was sie tun.

""Wenn man das mit den Physikern vergleicht: Die hatten ihr Coming-out mit der Atombombe. Ich denke, jeder, der heute Physik studiert, weiß um das zweischneidige Schwert seiner eigenen Forschung. Das ist eine ständige Diskussion. Und das müssen wir für die Biologen auch hinbekommen."

Aber Sprache ist nie unschuldig, und darum interessiert sich der Film auch mehr für die kulturelle Verwendung.

""Warum muss man auf das Bild der Infektion zurückgreifen, um Kulturprozesse zu beschreiben? Das hat mir noch nie eingeleuchtet. Allein schon die Anwendung des Begriffs 'Virus' zeigt ja im Grunde die Fiktion einer geistigen Gesundheit, die dann irgendwie infiziert wird. Aber wer geht denn von dieser geistigen Gesundheit aus?"

Soweit der Philosoph Manfred Geier.

Madeleine Dewalds und Oliver Lammerts filmische Reise führt vom Seuchendiskurs, der aus der großen Pest des 14. Jahrhunderts stammt, über staatliche "Hygieneprogramme", über Cyberterrorismus und Datenkontamination zu ansteckenden Ideen und Worten:

"Nietzsches Idee einer infizierenden Sprache wird von dem Autor William Borroughs hundert Jahre später wieder aufgenommen. Borroughs sah die Sprache als einen Virus, der in symbiotischer Wechselwirkung mit seinem Wirt, dem menschlichen Geist, manipulativ auf die Wahrnehmung des Menschen einwirkt. Dagegen wollte er die 'Cut Ups' setzen, eine ebenso viral wie die Sprache funktionierende Technik, die nach dem Vorbild der Montage in der Malerei, Texte aus Versatzstücken anderer Texte zusammensetzt. Diese 'Cut Ups', die Borroughs als gutartige virale Gebilde bezeichnete, sollten gegen das gewöhnliche geschriebene Wort angehen, das er als Kontrollelement der Medienmächte betrachtete."

Muss man irgendjemandem noch erklären, wie aktuell dieser Film ist? Natürlich lässt sich auch noch die Finanzmarktkrise mit der Sprache des Viralen beschreiben. Wir wissen nur noch nicht, ob es sich eher um eine Schweinegrippe handelt, die man isolieren kann, bevor sie irgendwann von selbst wieder verschwindet, oder ob die Börsen sich AIDS gefangen haben, und Generationen nun mit der Krankheit leben müssen.

"Global Virus" ist ein beunruhigender hochspannender Dokumentarfilm - selbst so vielfältig, wie sein Thema. Man wünscht ihm viele Zuschauer. Das Hinsehen lohnt.

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