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Vitas Garten Sissinghurst

Ein Literarischer Spaziergang durch den Garten der Schriftstellerin Vita Sackville-West

Von Kirsten Zesewitz

Gärten sind Orte der Abgeschiedenheit und Phantasie.
Gärten sind Orte der Abgeschiedenheit und Phantasie. (AP-Archiv)

Jährlich besuchen rund 200.000 Gartenliebhaber die Anlage von Sissinghurst Castle. Es ist der Garten von Vita-Sackville-West, einer engen Freundin Virginia Woolfs. Auch sie war Schriftstellerin. Berühmt wurde sie aber nicht mit ihren Gedichten oder pikanten Affairen, sondern mit ihrem Garten:

Es ist ein Schloss an meiner Tür
"Privat" steht unten an den Stufen.
Mein Garten, Fremder, mag Dich locken
Und alle Wege stehn Dir frei.
Doch bleibe fern von meinem Ort
Ich bin zwar scheu doch unerschrocken.

[Vita Sackville-West: "Mein Garten"]

Wie ein Relikt aus vergangenen Zeiten steht der rote Turm in der Landschaft. Er hat etwas Verwunschenes, mit seinen zwei Spitzen und den mannshohen Eiben, die wie Wachposten am Pflasterweg stehen. Kein Wunder, dass sich Vita Sackville-West sofort in ihn verliebt hat. Violette Rosen klettern an den Ziegeln empor, ihr Duft mischt sich mit Lavendel und Rosmarin. Im Torbogen hängt eine Tafel aus Stein:

" Hier lebte Vita Sackville-West, die diesen Garten schuf.
Geboren in Knole, am 9. März 1892.
Gestorben in Sissinghurst, am 2. Juni 1962. "

Alexis Datta ist Sissinghursts Chefgärtnerin. Sie trägt kurze Hosen und ein dunkles Guinness-Shirt. Die braunen Beine stecken in Wollsocken und Wanderschuhen, am Hals schaukeln Möhrenohrringe.

Vita Sackville-West würde toben, wenn sie wüsste, dass ein Gedenkstein an ihrer Turmtür hängt. Ausgerechnet. Der Turm war das Heiligtum der exzentrischen Schriftstellerin. In die oberste Kammer zog sie sich zurück wenn sie allein sein wollte. Hier schrieb sie Romane und Gedichte, führte Tagebuch.

Ich sage: Niemals, niemals, niemals. Au grand jamais, jamais.
Nicht diese harte Metallschildchen an meiner Tür. ... solange ich lebe,
wird kein National Trust meinen Schatz bekommen.
Nein, nein. Nur über meine Leiche.

[Vita Sackville-West, Tagebuch 29. November 1954]

Alexis Datta kramt den Schlüssel aus ihrer Hosentasche und schließt die Turmtür auf. Vorsichtig steigt sie über den Holzbalken am unteren Ende des Rahmens, den Kopf muss sie einziehen.

... teigen turm hoch, öffnet tür, erklärt bilder an der wand ...
Eine schmale Wendeltreppe führt den Turm hinauf. An den Wänden hängen orientalische Glasbilder: Tanzende Frauen sind darauf zu sehen, Mädchen in prächtigen Kleidern und Soldaten mit Schwertern. Auf halber Höhe zerschneidet ein Fenster die Steinwand, vier handtellergroße Keramikbuchstaben sind in den Sims eingelassen: V.I.T.A.

" Hier war ihr ganz persönlicher Ort. Vita war in vielerlei Hinsicht keine einfache Person, wissen Sie. Sie war ziemlich herrisch, ein wenig arrogant, resolut. Es wird erzählt, dass sie in Kordhosen rum lief, mit kniehohen Stiefeln und einer Männerjacke. Aber sie trug stets ihre Perlenkette. Und einen breiten weißen Hut! Vita war eben eine echte Aristokratin. Groß gewachsen war sie und sehr gut aussehend. Jeder war sofort von ihr eingenommen: Männer und Frauen. Sie muss eine beeindruckende Persönlichkeit gewesen sein, physisch und charakterlich. "

Alexis Datta ist wieder im Garten. Schwungvoll packt sie eine Stiege Veilchen auf ihre Schubkarre. Sie heißen Vita.

Als Vita das Grundstück entdeckte, war Sissinghurst ein Schuttabladeplatz. Von einem Garten konnte keine Rede sein. Die mittelalterlichen Mauern waren verfallen und mit Unkraut zugewuchert. Es gab weder Toiletten noch fließendes Wasser. Vita notierte in ihrem Tagebuch:

Die Unmenge alter Bettgestelle, Pflugschare und Kohlstrünke, zerfetzter Trockenklosetts, Drahtknäuel und Sardinenbüchsen, alles verwoben in einem Wirrwarr von Winden, Brennesseln und Zwergholunder, hätten ausgereicht, jedermann zu entmutigen. Doch als ich den Ort an einem Frühlingstag des Jahres 1930 zum ersten Mal sah, entflammte er augenblicklich mein Herz und meine Phantasie. Ich habe mich sofort in ihn verliebt. Es war Dornröschen Garten: aber ein Garten, der nach Befreiung schrie.

Alexis Datta lockert mit einer Hacke den Boden. Zwischen Lavendel und Ziertabak ist gerade Platz für einen Rosenstock. Behutsam setzt sie die Pflanze ins Erdreich, deckt die Wurzeln mit Spänen zu. Alexis hat weiße Strauchrosen ausgewählt, eine alte Sorte, die Vita so gern mochte.

" Es ist Vitas Garten. Nicht meiner, verstehen Sie. Als Gärtnerin ist es meine Aufgabe, den Garten so zu erhalten wie Vita ihn wünschte. Ich muss wissen, was sie an ihm liebte, was ihr wichtig war. Ich habe sehr viel über Vita Sackville-West gelesen: ihre Tagebücher, die Gartenkolumnen ... Und dann bin ich schon so viele Jahre hier, ich sauge den Garten in mich auf. Ich habe gelernt, ihn zu verstehen, Vita zu verstehen – und Harold. "

Die beiden hatten eine ungewöhnliche Beziehung. Vita Sackville-West war eine willensstarke, emanzipierte Frau. Der Diplomat Harold Nicolson ihr perfekter Gegenpart. Vitas Affaire mit der Schriftstellerin Violet Trefusis sorgte für einen Skandal in der adligen Gesellschaft. Virginia Woolf verarbeitete ihre Liebe zu der charakterstarken Vita in dem Roman "Orlando".

Die Konstanten im Leben der Sackville-West blieben jedoch Harold und Sissinghurst. Er plante den Garten, Vita bepflanzte ihn. Gemeinsam wollten sie einen Garten schaffen, der wie ein großes Haus funktionierte. Mit langen Fluren und gemütlichen Zimmern.
Alexis Datta geht durch den Eibengang. Wie ein enger Korridor führt er vom Weißen Garten zum Rosengarten. Plötzlich biegt Alexis nach links ab.

" Jeder Garten hat eine bestimmte Funktion, wissen Sie: Weißer Garten, Cottage Garten, Turmhof – alle klein und intim. Und dann stehen Sie plötzlich hier im Obstgarten. Er ist groß und wild, mit Apfel- und Birnenbäumen, auch ein paar Kirschen. Jetzt ist die Wiese voller Feldblumen, im Frühling waren es Osterglocken und Tulpen. Er sieht romantisch aus, nicht wahr? Mit den gewundenen Pfaden im Gras. Vita liebte das sehr! "

Alexis Datta sammelt Zweige unter den Bäumen zusammen. Ellenlang und gerade müssen sie sein. Die Stäbe sollen die Blumen im Cottage Garden gegen den Wind stützen. Als Alexis genug zusammen hat, stapft sie über die Wiese, am Grabengang entlang zum Cottage Garten. Er sei der persönlichste unter den Gartenräumen, sagt sie. Harold und Vitas Wohnzimmer.

Als müder Schwimmer in den Wellen der Zeiten
Überlasse ich mich schließlich der Wogen Bauch,
sinke durch Jahrhunderte zu andren Breiten:
am Grund liegen begraben Schloss und Rosenstrauch.
Begraben in Schlummer und Zeit,
Verschlafen und rankenbedeckt,
die Steine über und über von Moos befleckt,
der Bergfried den Flechten geweiht.
Im Wasser unten sank ich in ein Bild hinein,
dort regt sich kein Lüftchen, nicht ein Laut stellt sich ein,
ein fernes Trugbild, das bei Berührung vergeht,
untergegangen im tiefen Brunnen der Zeit,
wie im Wasser, das tief in einem Graben steht.

[Vita Sackville-West: "Sissinghurst" (für Virginia Woolf)]

Mit einem Gartenmesser schneidet Alexis Datta die Stöcke zurecht. Die Schwertlilien haben beim Sturm etwas gelitten, sie brauchen Halt. Alexis steckt die Zweige in den Boden, bindet die Stengel daran fest.

Das ist der berühmte Cottage Garten, den Harold und Vita so sehr liebten. Ich mag ihn auch gern, eigentlich ist er mein Lieblingsplatz. Was daran so zauberhaft ist, das sind die Blumen. Dicke, reiche Blumenbeete. Zuerst kommt der Schöterich, dann Tulpen, Iris – und plötzlich ist der Garten voller Blüten! Leuchtende Farben: Rot, Orange und Gelb. Das ist das Besondere an Sissinghurst, das ist Vita Sackville-West! Starke Farben und überbordende Blumenbeete. Wir haben wenige grüne Bereiche im Garten, Vita wollte es reich und bunt. Und ich finde, es funktioniert!

Alexis räumt die Stäbe zusammen und setzt sich auf die Steinstufen. Auch Harold und Vita hatten hier immer gesessen und ihren Tee getrunken: Am South Cottage nahm jeder Gartentag seinen Anfang und hatte sein Ende. Vita nannte ihn den "Sonnenuntergangsgarten":

" Achten Sie einmal auf den Gesang der Vögel. Er kann wirklich laut sein, besonders am Morgen und am Abend. Manchmal wenn ich abends zurückkomme, haben die Vögel den Garten in Besitz genommen. Er gehört nicht mehr den Menschen, er gehört den Vögeln. Das ist zauberhaft. "

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