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StartseiteSport am WochenendeVon der BSG Traktor zum SV Germania03.10.2010

Von der BSG Traktor zum SV Germania

Sport-Chronik der Wende: Wie der Sportverein nach Ostdeutschland zurückkehrte

Vor 20 Jahren verschwanden auch die Betriebs-Sportgemeinschaften, die an die Stelle der "bürgerlichen" Vereine getreten waren. Viele gaben sich ihre früheren Vereinsnamen zurück. Zugleich damit verbunden war der Wechsel von Kommando-Strukturen in eine demokratisch strukturierte Sportbewegung.

Von Jens Weinreich

Das finale Ergebnis aller Umbrüche: Der Präsident des Deutschen Sportbunds Manfred von Richthofen, Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, NOK-Präsident Klaus Steinbach und der designierte Vorsitzende des neu gegründeten Deutschen Olympischen Sportbund (AP)
Das finale Ergebnis aller Umbrüche: Der Präsident des Deutschen Sportbunds Manfred von Richthofen, Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker, NOK-Präsident Klaus Steinbach und der designierte Vorsitzende des neu gegründeten Deutschen Olympischen Sportbund (AP)

Wer die Entwicklung der Sport-Vereinslandschaft in den neuen Bundesländern analysiert, muss Zahlen nennen. Die wichtigsten Eckdaten gemäß Angaben des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB):

Demnach stieg die Anzahl der Sportvereine im Osten von 8.595 im Jahr 1990 auf 16.024 im Jahr 2000 und betrug per Dezember 2009 nunmehr 17.955.

Demnach waren im Jahr 1990 rund 2,2 Millionen Ostdeutsche in Sportvereinen organisiert, zehn Jahre später 2,25 Millionen und derzeit rund 2,4 Millionen.

Statistiken aber sind so eine Sache. So hatte der Deutsche Turn- und Sportbund (DTSB) der DDR einst 3,7 Millionen Mitglieder geführt - offenbar wurden Millionen Karteileichen gezählt. Wissenschaftler gehen davon aus, dass es 1989/90 allenfalls 1,1 Millionen reelle Mitglieder waren.

Demnach hätten sich die Mitgliederzahlen, sollten die Angaben des DOSB zutreffen, in den vergangenen zwanzig Jahren ebenso verdoppelt wie die Zahl der Sportvereine.

Das ist erstaunlich.

Norbert Skowronek, Direktor des Landessportbundes Berlin:

"”Unmittelbar nach der Wende hatten wir von meinem damaligen Kollegen aus Ost-Berlin sechs Prozent Mitglieder gemeldet bekommen. Wir liegen heute im Ostteil der Stadt, obwohl wir das nicht mehr so unterscheiden, bei circa elf bis zwölf Prozent, und wir liegen im Westen bei etwas über zwanzig Prozent. Das, was wir ursprünglich mal gedachtet haben, dass wir in fünfzehn bis zwanzig Jahren den gleichen Organisationsgrad haben, hat sich nicht bewahrheitet.”"

Die Zahlen sind das eine. Die Geschichten dahinter, die Inhalte, das andere - die Traditionen ohnehin.

Karin Fehres ist Direktorin des DOSB im Geschäftsbereich Sportentwicklung. Sie sagt:

"”Aber was wir schon feststellen ist, dass wir aus unterschiedlichen Traditionen kommen und uns zunehmend annähern und anpassen. Also unterschiedliche Traditionen meint beispielsweise, dass der Vereinssport im Osten ja im Wesentlichen vom Leistungssport in der DDR geprägt war und sich dann in den letzten zwanzig Jahren sehr sehr stark geöffnet hat und eben auch die Aufgaben für den Breitensport mit wahr nimmt und Angebote entsprechend vorhält.”"

Der Übergang, so haben es die Professoren Jürgen Baur und Sebastian Braun schon im Jahr 2000 in einer Studie formuliert, von "weisungsgebundenen Sportgemeinschaften” zu "selbstorganisierten Sportvereinen” ist gelungen. Erstaunlich daran ist vieles: So haben rund 60 Prozent der Ehrenamtlichen in DDR-Vereinen auch ab 1990 Verantwortung übernommen.

Der Organisationsgrad in ostdeutschen Landessportbünden liegt bis heute allerdings noch deutlich hinter den westdeutschen zurück: Im Westen sind je nach Bundesland 28 bis 40 Prozent der Bevölkerung in Sportvereinen organisiert - im Osten nur 12 bis 16 Prozent. Die Tendenz aber ist steigend, obwohl der Bevölkerungsrückgang anhält. Karin Fehres macht sogar in strukturschwachen Gebieten wie Mecklenburg-Vorpommern Wachstum aus:

"”Obwohl dieser Landstrich ja sehr stark geprägt ist vom Bevölkerungsrückgang, gibt es auch die Entwicklung hin zu Großvereinen, in ähnlicher Tendenz wie in den West-Bundesländern. Das heißt, mit Fitnessstudios, mit einem Kursangebot und mit Angeboten, die eben gerade die breite Masse und Menschen in einem mittleren Alter ansprechen. Sachsen-Anhalt ist auch ein gutes Beispiel. In Halle gibt es diese Vereine, die über diese Form von Breitensport, von Fitnessstudios, von Angeboten in vereinseigenen Fitnessstudios, eben auch Wachstum generieren.”"

Norbert Skowronek hat in Berlin das Zusammenwachsen von Ost- und West-Verbänden und Vereinen maßgeblich gemanagt. Er sagt:

"”Wir haben Vereine gehabt wie den Berliner TSC, der ja leistungssportlich orientiert war, aber als Zivilklub, der relativ schnell die Kurve bekommen hat in die Richtung: Wir brauchen ein umfassendes Angebot im Breiten-, Freizeit- und Gesundheitssport, aber wir machen auch Leistungssport. Also man hat sich breit aufgestellt. Und der Verein gehört heute mit zu den großen Vereinen. Die Vereine, die ausschließlich sich auf die Leistungssportstruktur konzentriert haben, die haben sicher Schwierigkeiten gehabt. SC Berlin, also früher Dynamo, am Anfang nicht so, aber nach ein paar Jahren haben sie es gemerkt, dass es nur in einer breiteren Aufstellung geht.”"

Die Mischung macht's. Auch mit Blickrichtung Wettkampf- und Leistungssport. Das lässt sich statistisch sogar beziffern.

"”Man braucht mehr erwachsene und passive Mitglieder, damit man die Jugendarbeit bis zum Leistungssport unterstützen kann. Und dazu braucht man diese Mischungsverhältnisse. Also für zehn Mitglieder können sie sagen: Ein Jugendlicher, der dann Leistungssport betreiben kann, und der auch aus den Mitgliedsbeiträgen dann gefördert werden kann. Und zwei andere, die dann auch Sport treiben, aber die nicht im leistungssportlichen Bereich in der Spitze dann landen werden.”"

Eine Trennung zwischen Ost- und West gebe es in seinem Verantwortungsbereich nicht mehr, sagt Skowronek:

"”Die Unterscheidung gibt es jetzt nicht mehr. In den ersten Jahren war es das Thema Sportstätten-Sanierung, da haben wir in der Tat noch unterschieden, heute ist es eigentlich ... Wir unterscheiden eigentlich mehr zwischen Nord und Süd, scherzhaft gemeint. Weil der Nordberliner ist ein anderer Typ als der Südberliner. Aber zwischen Ost und West gibt es die Unterscheidungen nicht mehr.”"

Stichwort Sportstätten, stets Gegenstand sportpolitischer Auseinandersetzungen. Der DOSB hat vor einigen Jahren den Sanierungsbedarf in kommunalen und vereinseigenen Sportstätten - in ganz Deutschland - auf 42 Milliarden Euro beziffert. Wie viele Milliarden in den vergangenen zwanzig Jahren in ostdeutsche Anlagen des Breitensports geflossen sind, hat niemand erhoben. Es sind viele Milliarden, wahrscheinlich Dutzende Milliarden. Allein im Goldenen Plan Ost, der Anfang des Jahres eingestellt wurde, waren es in diesem Jahrtausend rund 400 Millionen. Im Konjunkturpaket II weitere 600 Millionen Euro.

Das Ausstattungsniveau hat sich im Osten kolossal verbessert - das ist nicht zu leugnen. Manche sprechen sogar von den berühmten blühenden Landschaften. Ob nun für Sporthallen, Schwimmhallen, Kunstrasenplätze - in Ost-Bundesländern war man findig und eiste viel Geld aus anderen Töpfen los: Investitionsförderungsgesetz, EU-Mittel, Tourismusförderung, Landwirtschaft und vieles mehr.

Das erkennt auch die DOSB-Direktorin Fehres an, mahnt aber gleichzeitig:

"”Da hilft natürlich jetzt das Konjunkturpaket II, was in Teilen auch im Sport ankommt, insbesondere dann auch über den Schulsport, also die Schulsporthallen, die ja vielfach an den Nachmittags- und Abendstunden für den Vereinssport genutzt werden. Aber es ist letztendlich auch nur ein Tropfen auf den heißen Stein, und wir haben schon Sorgen, wenn das Konjunkturpaket II Ende dieses Jahres bzw. nächstes Jahr ausläuft, wie es dann weiter geht!”"

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