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StartseiteBüchermarktVon Liebe und Folter in der Diktatur30.09.2010

Von Liebe und Folter in der Diktatur

Romane von Tomás Eloy Martínez, Martín Caparrós und María Teresa Andruetto

Die argentinische Militärdiktatur war eine der brutalsten des Subkontinents Mehr als 30.000 Menschen wurden während der Militärdiktatur in Argentinien verschleppt, gefoltert und ermordet. Dass nach Jahren der Verdrängung eine gesellschaftliche Debatte und die Strafverfolgung der Verbrechen in Gang kamen, ist nicht zuletzt argentinischen Autoren zu verdanken.

Von Wera Reusch

Die Mütter der Plaza de Mayo erinnern jedes Jahr in Buenos Aires an Menschen, die während der Militärdiktatur 1976-83 verschwanden. (AP)
Die Mütter der Plaza de Mayo erinnern jedes Jahr in Buenos Aires an Menschen, die während der Militärdiktatur 1976-83 verschwanden. (AP)

Die ersten argentinischen Autoren, die sich in ihren Werken mit der Militärdiktatur befassten, galten als Nestbeschmutzer. So zum Beispiel die Schriftstellerin Elsa Osorio. Sie veröffentlichte ihren mittlerweile weltberühmten Roman "Mein Name ist Luz" 1998 in Spanien, weil in Argentinien zunächst niemand das Buch verlegen wollte. Inzwischen haben sich viele namhafte Schriftsteller mit der Diktatur und ihren Folgen beschäftigt. Dass nach Jahren der Verdrängung eine gesellschaftliche Debatte und die Strafverfolgung der Verbrechen in Gang kamen, ist nicht zuletzt argentinischen Autoren zu verdanken. Einer von ihnen war Tomás Eloy Martínez, der Anfang des Jahres im Alter von 75 Jahren starb. Martínez war nicht nur ein sehr bekannter argentinischer Schriftsteller, sondern auch einer der renommiertesten Journalisten Lateinamerikas. Er lebte während der Militärdiktatur und in den Jahren danach im Exil, nachdem er von einer ultrarechten Todesschwadron bedroht worden war. Als letztes großes Werk hinterließ er den Roman "Purgatorio".

"Dreißig Jahre war Simón Cardoso schon tot, als Emilia Dupuy, seine Frau, ihm zur Lunchzeit im Speiseraum von Trudy Tuesday begegnete. In einer der Tischnischen im Hintergrund unterhielten sich zwei Unbekannte mit ihm. Emilia glaubte im falschen Film zu sein und zuckte zurück, wollte wieder gehen, wieder in die Wirklichkeit hinaus, aus der sie kam. Der Atem stockte ihr, die Kehle war trocken, und sie musste sich auf die Theke stützen. Sie hatte ihn ein Leben lang gesucht und sich diese Szene unzählige Male vorgestellt, doch jetzt, da sie sich abspielte, merkte sie, dass sie nicht darauf gefasst war."

So beginnt der Roman von Tomás Eloy Martínez. Er erzählt eine ganz besondere Liebesgeschichte, die ihren Ausgang während der Militärdiktatur nimmt: Emilia ist die Tochter eines einflussreichen Publizisten, der die Generäle propagandistisch unterstützt. Ihr Ehemann Simón ist Kartograph und sympathisiert mit der Opposition. Er wird 1976 während einer Expedition vom Militär entführt und verschwindet spurlos. Emilia ist jedoch fest davon überzeugt, dass ihr Mann noch am Leben ist und sucht ihn jahrelang in verschiedenen Ländern. Als die mittlerweile 60-Jährige ihn schließlich zufällig in einem Restaurant in den USA entdeckt, ist sie überglücklich. Verwunderlich ist nur, dass Simón offenbar keinen Tag gealtert ist und immer noch genauso aussieht wie vor dreißig Jahren. Sehr einfühlsam lotet Tomás Eloy Martínez in "Purgatorio" die Gefühle einer Frau aus, die nicht loslassen kann, solange sie nicht weiß, was mit ihrem Mann geschehen ist. Sie kann auch keine neue Beziehung eingehen, weil ihr dies wie ein Verrat an ihrem Ehemann vorkommt. Martínez schildert das jahrelange Suchen und Warten als ein Fegefeuer, durch das die Angehörigen der "Verschwundenen" gehen.

"Schon der Tod des geliebten Menschen erzeugt reichlich Zerstörung. Wie viel mehr also erst ein Tod, von dem man nicht weiß, ob es ein Tod war? Als man ihr Jahre zuvor erzählt hatte, eine Gruppe Geografen werde zwei Winter in Nuuk in Grönland verbringen, um die Erderwärmung auf einer Karte festzuhalten, stellte sie sich vor, Simón sei bei dieser Expedition dabei. Es war eine dumme Phantasie, aber einige Monate lang hatte sie ihr Trost gebracht."

Mehr als 30.000 Menschen wurden während der Militärdiktatur in Argentinien verschleppt, gefoltert und ermordet. Das Schicksal der "Verschwundenen" ist bis heute nicht restlos aufgeklärt. Man geht davon aus, dass ihre Leichen in Massengräbern verscharrt oder von Flugzeugen aus ins Meer geworfen wurden. Seit Jahrzehnten fordern Menschenrechtsorganisationen die lückenlose Aufklärung und Ahndung dieser Verbrechen, doch ist dieses dunkle Kapitel noch lange nicht abgeschlossen.

Auch der Schriftsteller Martín Capparós hat das Thema der "Verschwundenen" aufgegriffen. Er wählte für seinen Roman "Wir haben uns geirrt" eine ganz ähnliche Ausgangskonstellation: Die Frau des Ich-Erzählers Carlos wird während der Diktatur auf der Straße entführt, in ein Folterzentrum gebracht und taucht nie wieder auf. Auch ihn lässt dieser Verlust nicht zur Ruhe kommen, doch lehnt er Nachforschungen zunächst ab:

"Es gab unzählige Möglichkeiten, keine Tatsache - keine Geschichte, keine Leiche - schloss sie aus oder bestätigte sie, und ich wollte nichts wissen. Ich kann mich noch genau erinnern: Monate später, ich war geflohen, hatte mich in die relative Ruhe der neuen Distanz geflüchtet, es war eine sehr feuchte Nacht, fasste ich den Entschluss, dass ich nichts wissen wollte: Zu wissen, dachte ich damals, hieß schreckliche Hypothesen bestätigt zu finden. Es konnte in jedem Fall nur bedeuten, eine neue Form des Grauens kennenzulernen, und ich zog es vor, die Augen zu verschließen."

Jahrzehnte später erhält Carlos jedoch Hinweise auf Personen, die in der Haftanstalt tätig waren, in die man seine Frau gebracht hatte. Dazu zählt auch ein Priester, der den Folterern allabendlich den Segen erteilte und mittlerweile völlig unbehelligt in einem Dorf lebt. Für Carlos stellt sich die Frage, ob er Rache üben und den Priester umbringen soll.

Der 1957 geborene Martín Caparrós zählt zu den führenden Intellektuellen Argentiniens und lebte während der Diktatur ebenfalls im Exil. Im Gegensatz zu Martínez, der in seinem Roman "Purgatorio" eher leise Töne anschlägt, hat Caparrós ein zorniges Buch geschrieben. Sein Protagonist ist ein Anti-Held, der mit aller Welt streitet und hadert: Er verachtet die Täter, aber auch der offizielle Erinnerungsdiskurs ist ihm zuwider. Die derzeitige argentinische Regierung habe das Thema Vergangenheitsbewältigung für sich gepachtet und benutze es, um von ihrer unsozialen Politik abzulenken, so sein Vorwurf. Auch mit der eigenen Vergangenheit geht der Ich-Erzähler hart ins Gericht. Wie viele seiner Generation gehörte Carlos in den 70-er Jahren einer militanten Gruppe an und fordert nun von seinen ehemaligen Mitstreitern, sich kritisch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Der damalige politische Aktivismus sei Illusionen und Größenwahn erlegen, so seine Erkenntnis im Rückblick:

"Natürlich haben wir uns geirrt. Wie die größten Idioten, wirklich, daran ist nicht zu rütteln: Unsere Versuche waren so untauglich, dass die, die über uns gesiegt haben, sie benutzten, um unser Land ungerechter, schmutziger und dümmer zum machen, als es gewesen ist, bevor wir uns vornahmen, es zu verbessern, und noch dazu haben viele von uns auf diesem Weg ihr Leben gelassen."

;artín Caparrós will mit seinem Roman "Wir haben uns geirrt" eine notwendige Debatte provozieren. Es geht ihm dabei um die schwierige Frage nach einem angemessenen Umgang mit der Vergangenheit - auf persönlicher wie auf politischer Ebene. Dabei scheut er sich nicht, unbequeme Fragen nach alten Idealen und Versäumnissen, nach Schuld, Sühne und Rache zu stellen. Die Handlung des Romans ist dabei allerdings nicht viel mehr als ein Vorwand für die verschiedenen Diskurse des Protagonisten: für seine inneren Monologe, für imaginäre Dialoge mit seiner verschwundenen Frau und für Streitgespräche sowohl mit früheren Genossen als auch mit den damaligen Schergen des Regimes. "Wir haben uns geirrt" ist intellektuell brillant, kritisieren lässt sich jedoch, dass das Buch mehr als Streitschrift denn als Roman überzeugt.

Auch die argentinische Autorin Maria Teresa Andruetto beschäftigt sich mit dem Thema Folter und Haft, sie hat dafür jedoch eine völlig andere Form gewählt. Ihr Roman mit dem Titel "Wer war Eva Mondino?" begibt sich auf die Spur einer Frau, die während der Militärdiktatur aus politischen Gründen inhaftiert war. Andruettos Vorgehen erinnert dabei stark an Heinrich Bölls Roman "Gruppenbild mit Dame": Denn wie bei Böll wird die Geschichte aus der Perspektive eines nicht näher vorgestellten Verfassers erzählt, der zahlreiche Zeugen befragte und die dabei gewonnenen Erkenntnisse in Form eines Untersuchungsberichts darlegt. Der Ton des pseudodokumentarischen Berichts ist denkbar sachlich und um größtmögliche Objektivität bemüht.

"Sie ist einen Meter fünfundsiebzig groß, was über dem Durchschnitt der argentinischen Frauen ihrer Zeit liegt. (…) Ihre Augen sind grün, nicht von dem Grün, das man sich gewöhnlich für Augen wünscht, sondern - nach Aussagen und Fotos zu urteilen - ein dunkles Grün, dessen Farbton man - es sei erlaubt - mit gekochtem Mate vergleichen könnte. Doch selbst wenn es sich nicht um das optimale Grün handelt, scheinen ihre Augen doch wegen ihrer Farbe, ihrer Größe, ihres Glanzes und der Intensität des Blicks bemerkenswert zu sein; das behaupten jedenfalls mindestens fünf der befragten Personen."

Penibel verzeichnet der Verfasser die Aussagen von Angehörigen, Freundinnen, Nachbarn und vielen weiteren Zeitzeugen. Kapitel um Kapitel dringt er weiter in das Leben Eva Mondinos vor, er zitiert Äußerungen über ihr Aussehen und ihre Essgewohnheiten, ihre politischen Ansichten und ihre Liebesbeziehungen. Es zeigt sich jedoch, dass es alles andere als einfach ist, das Wesen und Leben dieser Frau zu ergründen:

"Das größte Hindernis, mit dem sich der Verfasser konfrontiert sieht, ist die Feststellung, dass eine Person in Wirklichkeit viele ist, sodass in dem Maße, in dem die Untersuchung fortschreitet, ( ... ) bestimmte Aspekte widersprüchlich sind und die besagte Person von verschiedenen Zeugen angesehen wird, als handelte es sich um verschiedene Personen mit ganz verschiedenen Leben, sodass der Eindruck entstehen könnte, es wäre nicht die Rede von ein und derselben Person."

Die Widersprüche in den Zeugenaussagen sind besonders eklatant, wenn es um heikle Fragen geht: Bekam Eva Mondino in der Haft ein Kind? Was geschah mit diesem Kind? Wurde es ihr weggenommen? Wer war der Vater des Kindes? Wie kam es, dass sie aus der Haft entlassen wurde? Wer war der Mann, den sie nach ihrer Freilassung heiratete? Ein Folterer? Schließlich trifft der Verfasser auf Eva Mondino selbst: Sie zählt zu den wenigen politischen Gefangenen, die überlebten. Doch wird sie seit dem Ende der Diktatur als Kollaborateurin geächtet, isoliert und verarmt lebt sie außerhalb ihres Heimatdorfes. Zu den entscheidenden Fragen will sie sich nicht äußern. Doch auch die Zeugen sagen nicht die ganze Wahrheit, denn sie haben ebenfalls kollaboriert, denunziert oder Eva Mondino aus Feigheit keine Hilfe gewährt.

María Teresa Andruetto hat einen sehr raffinierten Roman geschrieben: Während die nüchterne Form des Untersuchungsberichts eine lückenlose Rekonstruktion suggeriert, wird gleichzeitig immer deutlicher, dass sich die Frage "Wer war Eva Mondino?" auf diese Weise nicht beantworten lässt, dass die Wahrheit vielmehr zwischen den Zeilen zu suchen ist, in den Auslassungen, im Schweigen. Fast drei Jahrzehnte sind seit dem Ende der Militärdiktatur in Argentinien vergangen - doch sind noch viele Fragen offen und die Wunden noch lange nicht verheilt. Das machen diese Romane allesamt deutlich, jeder auf seine Weise.

Tomás Eloy Martínez: "Purgatorio". Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. S. Fischer Verlag, Frankfurt / M. 2010, 297 Seiten, 19,95 Euro.

Martín Caparrós:" Wir haben uns geirrt". Aus dem Spanischen von Sabine Giersberg. Berlin Verlag, Berlin 2010, 332 Seiten, 24 Euro.

María Teresa Andruetto: "Wer war Eva Mondino?" Aus dem Spanischen von Susanna Mende. Rotpunkt Verlag, Zürich 2010, 135 Seiten, 16 Euro.

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