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StartseiteHintergrundVorhang auf in Iowa02.01.2012

Vorhang auf in Iowa

Wer wird Gegner Obamas bei den US-amerikanischen Präsidentschaftswahlen?

Sieben Bewerber machen sich Hoffnungen, als Präsidentschaftskandidat der Republikaner ins Rennen zu gehen. In Iowa starten die Vorwahlen. Dass sich Newt Gingrich, ein Ehebrecher mit bestenfalls schillernder Vita im Dezember an die Spitze der Umfragen vorarbeiten konnte, zeigt die Verzweiflung vieler Parteimitglieder.

Von Klaus Remme

Newt Gingrich, Kandidat der Republikaner (picture alliance / dpa / Justin Lane)
Newt Gingrich, Kandidat der Republikaner (picture alliance / dpa / Justin Lane)

Vor vier Jahren, am 3. Januar 2008, stellte sich ein gewisser Mike Huckabee vor Kameras und Mikrofone. Noch wurden überall in Iowa Stimmen ausgezählt, doch es war klar: Huckabee, Liebling der christlich-konservativen Wähler, hatte die ersten republikanischen Vorwahlen im Land gewonnen. Mitt Romney, aufgrund seiner finanziellen und organisatorischen Überlegenheit lange Favorit, war gescheitert. In Iowa und wenig später insgesamt:

"Es beginnt in Iowa und endet im Weißen Haus",

gab sich Huckabee in der Wahlnacht überzeugt. Seine Worte gingen schnell unter und Huckabee musste lernen, dass ein Sieg in Iowa keine Erfolgsgarantie in anderen Bundesstaaten bedeutet. Im Lager der Demokraten wiederum bedankte sich gleichzeitig ein ganz anderer bei seinen Anhängern in Iowa für das angeblich Unmögliche:

O-Ton Barack Obama
"But on this January night ... "

Barack Obama muss sich diesmal zunächst noch keine Sorgen machen. Zwar versammeln sich ab morgen auch Demokraten zu Wahlversammlungen, doch parteiintern hat der Präsident keinen Gegner, die Vorwahlsaison dient eher der Mobilisierung der eigenen Basis. Nein, die Musik spielt dieses Jahr bei den Republikanern.

Doch Barack Obama ist ein gutes Beispiel dafür, wie wichtig ein Sieg in Iowa sein kann. Die herausgehobene Rolle der ersten beiden Wahlentscheidungen in Iowa und New Hampshire wird einerseits oft kritisiert. Die Wähler dort sind nicht repräsentativ für die amerikanische Bevölkerung insgesamt, die Beteiligung viel zu gering, heißt es und sicher trifft das zu.

Morgen Abend werden bei den Konservativen in Iowa zwischen 100.000 und 120.000 Wähler erwartet. Ihr Einfluss ist offensichtlich unverhältnismäßig. Andererseits bieten diese beiden Bundesstaaten am Beginn der Vorwahlen die einzige Chance für vergleichsweise unbekannte Bewerber mit begrenzten finanziellen Mitteln und dem Traum der Präsidentschaft.

O-Ton Newt Gingrich
"Hey guys, how are you ..."

Newt Gingrich, hier vor einigen Tagen in einem Einkaufszentrum in Mason City, Iowa. Zufälliger Smalltalk mit Wählern, ein Händeschütteln, ein Foto, mehr ist es oft nicht. Gingrich ist einer dieser konservativen Bewerber, die keine Millionen für Fernsehspots haben und deshalb Klinken putzen müssen.

Tim Hagle ist Politikwissenschaftler an der University of Iowa in Iowa City:

"Die Wähler hier und in New Hampshire erwarten den persönlichen Kontakt. Sie wollen den Kandidaten in die Augen schauen, um mehr über sie herauszufinden."

Auch für langjährige Beobachter hält dieses Jahr Überraschungen bereit. Bewerber, die die meiste Zeit in Iowa verbrachten, fanden sich dennoch oft am hinteren Ende der Meinungsumfragen wieder. Regelmäßig schoss einer der Kandidaten in der Gunst der Wähler hoch, nur um Tage oder Wochen später wieder abzustürzen.

Wie ungewöhnlich waren die vergangenen Monate im Vergleich? Der Historiker Allen Lichtman von der American University in Washington zögert keine Sekunde: Neuneinhalb auf der Skala bis zehn, sagt Lichtman und nennt zwei Gründe. Erstens gebe es keinen Bewerber mit langjährigen Wurzeln im Establishment der Partei, wie das bei Nixon, Ford, Reagan, Dole, den Bushs und zum gewissen Teil auch bei John McCain gegeben war. Zweitens:

"Die Partei ist insgesamt so stark nach rechts gerückt, schon vor der Tea Party, aber vor allem danach, jetzt suchen sie ihren Rechts-außen-Helden und das gestaltet sich schwierig."

Sieben Kandidaten machen sich Hoffnungen: Ein amtierender Gouverneur, zwei ehemalige, ein früherer Senator, zwei Kongressabgeordnete und ein früherer Sprecher des Abgeordnetenhauses - sechs Männer, eine Frau. Drei, vielleicht vier Bewerber werden schnell ausscheiden. Ihnen wird schlicht das Geld fehlen, um weiterzukämpfen.

Sie alle kennen sich gut. Allein in den letzten acht Monaten standen sie in 13 Fernsehdebatten gemeinsam vor der Kamera. Debatten, die diesmal wichtiger waren als in Vorjahren. Nicht weil inhaltliche Differenzen deutlich wurden, im Gegenteil. Angesichts einer erzkonservativen Wählerschaft in den "Primaries" beackern die Kandidaten das ideologische Gelände weitgehend im Konsens.

Steuerkürzungen, Deregulierung, Verfassungstreue, ein entschlossenes Nein zur Gesundheitsreform von Präsident Obama und das Bekenntnis zum amerikanischen Exzeptionalismus, der besonderen Rolle der USA in der Welt, all das gehört zum Pflichtkanon. Nein, es waren rhetorische Schwächen, peinliche Aussetzer und Versprecher, die in Umfragen nach den Debatten gnadenlos bestraft wurden.

Auszug aus einem Wahlspot von Mitt Romney

Mitt Romney verspricht in diesem Wahlspot ein besseres Amerika. Niemand ist so gut vorbereitet wie er. Romney begann den Wahlkampf praktisch unmittelbar nach seiner Niederlage vor vier Jahren. Der finanziell unabhängige ehemalige Unternehmer sieht angesichts hoher Arbeitslosigkeit und Wirtschaftskrise seine Stunde gekommen. Die Debatten hat er weitgehend unbeschadet überstanden, dennoch gelingt es ihm in Umfragen bisher nicht, mehr als 25 Prozent Zustimmung unter konservativen Wählern zu sammeln.

Der Historiker Allen Lichtman bietet eine Erklärung:

"So konservativ sich Romney momentan gerne gibt, er ist und bleibt ein moderater Republikaner aus dem Nordosten. Er ist vorsichtig, macht aber deshalb kaum Fehler."

Die Schwächen Romneys sind den meisten Amerikanern aus dem letzten Wahlkampf bekannt. Er gilt als sogenannter Flip-Flopper, als Mann, der sein Mäntelchen nach dem Wind hängt. Und er ist ohne jedes Charisma. Konservative Wähler seien auf der vergeblichen Suche nach einem perfekten Kandidaten, versucht Dennis Goldford, Politikwissenschaftler an der Drake Universität in Des Moines, der Hauptstadt Iowas, die Schwierigkeiten Mitt Romneys zu erklären:

"Ein Problem ist der Mythos, der rund um Ronald Reagan entstanden ist. Reagan war viel weniger als das aktuelle Bild von ihm. Verglichen damit kann kein Kandidat die Erwartungen erfüllen."

Auch Ronald Reagan höchstpersönlich würde in diesen Vorwahlen kläglich scheitern, ist sich Goldford sicher. Ein Reagan habe sich seinerzeit nicht gescheut, Steuern zu erhöhen, er habe Kompromisse mit Demokraten geschlossen, diese als Gegner, aber nicht als Feinde gesehen.

"Ronald Reagan hat mal gesagt: 'Jeder, der zu 80 Prozent meiner Meinung ist, ist nicht mein Feind.' Doch jetzt gibt es all diese Puristen innerhalb des populistischen Flügels der Republikanischen Partei, die mit fast religiösem Eifer jegliche Ketzerei bekämpfen."

Hier wimmelt es von Puristen. Des Moines, Iowa, Mitte Dezember. Carrie und Stacey Stoelting besingen Nation und Gottvertrauen. Über 1000 Abtreibungsgegner haben sich im historischen Hoyt Sherman Place Theater für eine Filmpremiere versammelt. Etwa 60 Prozent der Wähler in Iowa morgen werden evangelikale Christen sein.

Gleich vier Präsidentschaftsbewerber nutzten deshalb die Gelegenheit, um sich selbst als konservativste Spitze zu empfehlen. Alle versprachen sie beispielsweise, als Präsident öffentliche Gelder für die Familienberatungszentren Planned Parenthood sofort zu streichen. Dort werden zurzeit Schwangerschaftsabbrüche ermöglicht.

Kein Wunder, wenn Wählerin Rosemary Peterson aus Des Moines, gefragt nach ihrer Präferenz, die Achseln zuckt und seufzt:

"Ich mag sie alle."

Newt Gingrich, Michelle Bachman, Rick Santorum und Rick Perry - diese vier kämpfen seit Monaten um ihren Status als sozial-konservative Alternative zu Mitt Romney. Gleichzeitig buhlen sie um die Unterstützung von Anhängern der Tea-Party-Bewegung, also von Wählern, die vor allem eines wollen: Weg mit Obama!

Professor Goldford in Des Moines bringt die Gemengelage am Beispiel von Newt Gingrich auf den Punkt:

"Romney ist der ideale Schwiegersohn. Ein Millionär, erfolgreich, gut aussehend, aber die Liebe fehlt. Für ihn stimmt man mit dem Kopf. Die Populisten hören auf ihren Bauch. Sie wollen einen Kämpfer und Newt Gingrich klingt als würde er ständig einen Baseballschläger in der Hand halten und auf jeden Widerspruch einschlagen. Das finden viele gut."

"Wascht euch und sucht euch dann einen Job."

Die knappe Botschaft von Newt Gingrich für die Occupy-Demonstranten im ganzen Land. Das ist so ein typischer Baseballschlag des konservativen Stars aus den 90er-Jahren. Anders als sein Konkurrent Rick Perry aus Texas muss Gingrich keine Debatte fürchten. Als er kurz vor Weihnachten in einem Uni-Hörsaal in Iowa City sprechen wollte, traf er auf Protest im Occupy-Stil:

Gingrich schmunzelte gelassen in die Menge, ließ seine Gegner für ein, zwei Minuten gewähren und drehte das Ein-Prozent-Argument der Occupy-Bewegung geschickt um, bedankte sich bei den 99 Prozent, die ihn tatsächlich hören wollten und hatte daraufhin freie Bahn.

Er sei sicher ein brillanter Stratege, meint Historiker Allen Lichtman von der American University, aber ohne jede Disziplin, immer bereit zu provozieren und politisch flexibel. Er sei zeitweise für einen Emissionshandel gewesen, für den Zwang zur Krankenversicherung, er habe moderate Positionen in der Einwanderungspolitik vertreten. Gingrich sei eher ein Radikaler, mehr ein Zündler als ideologisch stabil konservativ.

Dass sich Newt Gingrich, ein Washington-Insider, ein Ehebrecher mit bestenfalls schillernder Vita im Dezember überhaupt an die Spitze der Umfragen vorarbeiten konnte, zeigt die Verzweiflung vieler Republikaner auf der Suche nach ihrem Kandidaten. Und anstatt sich um einen Bewerber zu scharen, zersplittert die erzkonservative Basis.

Die Konkurrenz von Mitt Romney bekämpft sich gegenseitig. So wurde Gingrich als vermeintlicher Favorit durch millionenschwere negative Fernsehwerbung seiner Konkurrenz in den letzten Wochen erfolgreich ins Umfrage-Mittelfeld zurückgezogen. Gingrich ein zwanghafter Heuchler, so der Tenor:

Ausschnitt aus einem Wahlspot von Ron Paul

Dieser Spot stammt von Ron Paul, dem ideologischen Außenseiter im Bewerberfeld. Paul, 76 Jahre alt, Kongressabgeordneter aus Texas, bedient den libertären Flügel der republikanischen Partei. Er ist der Purist unter den Puristen, will Ministerien auflösen, den Staat radikal stutzen, US-Truppen heimholen, den Verteidigungshaushalt drastisch kürzen, Auslandshilfe einstellen. Niemand hält die Verfassung höher.

Als sich die anderen Kandidaten bei der letzten Debatte in Sioux City gegenseitig überboten, wie man die abgestürzte US-Drohne aus dem Iran zurückholen könnte, fragte Paul: Warum flog sie überhaupt dort?

Mit seinen Positionen kann Paul kein Präsidentschaftskandidat werden, doch in Iowa hat er nach Meinung vieler das beste Netzwerk und wird dort gut abschneiden. Kein Temperatursturz, kein Blizzard wird die Ron-Paul-Anhänger morgen Abend davon abbringen, ihren Kandidaten zu unterstützen. Seine Prinzipientreue ist ein Grund für diese Loyalität, sagt der Historiker Allen Lichtman.

Es gibt einen weiteren Grund, Ron Paul im Auge zu behalten. Sollte er nach den Vorwahlen als unabhängiger Kandidat antreten, wird Paul mit möglicherweise fünf bis sieben Prozent landesweit zur Hypothek für den republikanischen Gegner von Barack Obama. Der Kolumnist George Will kommt in der Washington Post auf 13 Bundesstaaten, in denen konservative Stimmen für Ron Paul im November den Ausschlag für Barack Obama geben könnten.

Doch bis dahin ist noch ein weiter Weg. Zunächst profitiert Mitt Romney von der Kakofonie im Lager seiner sozial-konservativen Konkurrenten, gerade in den letzten Tagen verbessert sich Rick Santorum, der frühere Senator aus Pennsylvania, der viel Fußarbeit in Iowa geleistet hat, dem aber Geld und Organisation für einen langen Wahlkampf in den Flächenstaaten fehlen.

Mitt Romney hat gelernt. 2008 investierte er zehn Millionen Dollar allein in Iowa - und verlor gegen den Evangelikalen Huckabee. Als er wenige Tage später in New Hampshire gegen John McCain unterlag, war sein Wahlkampf de facto gescheitert. Diesmal ist ein deutlicher Sieg in New Hampshire wahrscheinlich. Romney hatte das für ihn schwierige Pflaster Iowa diesmal weitgehend gemieden, um hohe Erwartungen nicht erneut zu enttäuschen. Fast schon ironisch, dass er dort jetzt in den Umfragen mit an der Spitze liegt.

Ein Doppelsieg wäre das ideale Sprungbrett für eine schnelle Entscheidung. Noch nie hat ein Republikaner im Wahlkampf für eine erste Amtszeit Iowa und New Hampshire gewonnen.

Restauration oder dauerhafte Umformung durch Barack Obama, bei dieser Wahl geht es um die Seele Amerikas, sagt Mitt Romney immer wieder. In der Regel ignoriert er die parteiinterne Konkurrenz und konzentriert sich auf Kritik am Präsidenten. In Bezug auf die grundsätzliche Bedeutung dieser Wahl stößt der Amtsinhaber ins gleiche Horn. Bei einer Grundsatzrede in Kansas Anfang Dezember wurden die groben Linien der bevorstehenden Auseinandersetzung zwischen Republikanern und Demokraten deutlich. Auch Barack Obama sagte, es gehe um eine Weichenstellung, um Chancengerechtigkeit, um soziale Mobilität und den Erhalt der Mittelschicht.

Kann Obama diesen Streit gewinnen? Sicher, sagt Allen Lichtman von der American University. Wer nur aufgrund der hohen Arbeitslosigkeit auf eine Abwahl des Präsidenten tippe, der liege falsch.

Lichtman hat ein Prognosesystem entwickelt - seine 13 Schlüssel zum Weißen Haus. Indikatoren, die Zustand und Chancen der Präsidentschaft weit über die Arbeitslosenquote hinaus analysieren. In den vergangenen sieben Wahlen lag Lichtman richtig. Er glaubt an eine zweite Amtszeit von Barack Obama.

Die meisten Republikaner wiederum sehen die reale Chance für den Machtwechsel. Sie sehen einen angeschlagenen Präsidenten. Und dies könnte der eine Schlüssel sein, der dem ungeliebten Mitt Romney diesmal die Kandidatur sichert. In Umfragen trauen konservative Wähler vor allem ihm zu, Barack Obama im November zu schlagen. Anders als bei den Zwischenwahlen 2010 könnten sich die Republikaner deshalb jetzt zu einer Kopfentscheidung durchringen - mit Bauchgrimmen, versteht sich!

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