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Vorlesen statt Deuten

Verleger Wagenbach beklagt Drang zur Interpretation literarischer Texte

Moderation: Christoph Heinemann

Ein Mädchen liest.
Ein Mädchen liest. (Stock.XCHNG)

Der Verleger Klaus Wagenbach hat ein Plädoyer für das Vorlesen gehalten. Mit kurzen Texten und Gedichten könnten Kinder für die Literatur gewonnen werden, sagte er. Wagenbach beklagte, dass in der jüngsten Vergangenheit im Schulunterricht die Interpretation von Texten in den Vordergrund gerückt sei.

Christoph Heinemann: Von A wie Anglistik bis Z wie Zentralasiatische Sprachen: Das Jahr der Geisteswissenschaften wird heute offiziell in Berlin eröffnet. Nach Angaben des Bundesforschungsministeriums haben sich bislang rund 130 Partner angemeldet, die zirka 450 Einzelveranstaltungen durchführen werden. Mit dem erstmals im Jahr 2000 organisierten Wissenschaftsjahr sollen Forschung und Arbeitsweisen verschiedener Fächer einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt werden. Nach sieben Themen aus Natur- und Technikwissenschaften befasst sich das achte Wissenschaftsjahr nun erstmals mit den Geisteswissenschaften.

Wir haben vor dieser Sendung mit dem Verleger Klaus Wagenbach gesprochen. Ich habe ihn zunächst gefragt, was ihm zum Thema "Jahr der Geisteswissenschaften" einfällt.

Klaus Wagenbach: Hauptsächlich fällt mir natürlich dazu ein, dass sie offenbar überhaupt nichts mehr Wert sind. Zu Geisteswissenschaften fällt mir ein der erschrockene Ausruf eines schwäbischen Feuerwehrmannes. Ich war viele Jahre, ich glaube sogar 30 Jahre war ich in dem Kontrollausschuss des Deutschen Literaturarchivs in Marbach, eine wunderbare Institution, wo alle toten Dichter mit ihren Manuskripten liegen. Bei irgendeiner Feier ist jemand aus Versehen an den roten Feuerwehrknopf gekommen, und ein paar Minuten später stand die gesamte Freiwillige Feuerwehr von Marbach vor der Tür. Dann stellte sich heraus, dass es ein Versehen war. Und der eine Feuerwehrmann sagte im Abgang: 'Da hat einer von den Geistesdackeln draufgedrückt.'

Der Ausdruck "Geistesdackel", der zwar so ein bisschen abschätzig, aber doch respektvoll. Ich glaube, das würde zum Beispiel ein heutiger Feuerwehrmann gar nicht mehr sagen, die Geistesdackel. Es hat irgendeine Versammlung gegeben, und da hat irgendein Idiot auf den Knopf gedrückt, aber dass das ein Geistesdackel war, das fiele ihm nicht ein. Auch der Ausdruck fiele ihm nicht ein.

Heinemann: Sind die Feuerwehrleute heute weniger belesen als früher?

Wagenbach: Ja, das muss man befürchten.

Heinemann: Gilt das für die ganze Gesellschaft?

Wagenbach: Das muss man auch befürchten, ja. Da gibt es natürlich viele Hinweise, viele Theorien, warum das so ist, was das sein soll, wo das hinführen soll, der Mangel an Eselsohren in gelesenen Büchern, wo das hinführen soll. Ich weiß es nicht.

Heinemann: Vielleicht liegt es auch daran, dass geisteswissenschaftliche Texte oft sehr schwer lesbar sind?

Wagenbach: Das waren sie immer. Ich warne Sie! Gucken Sie mal in ein Kafka-Buch der 50er Jahre. Das war vielleicht ein verblasenes Zeug von der Geworfenheit und von Numinosen und weiß der Teufel was alles. Nein, das ist eine uralte, allerdings ein bisschen deutsch, eine alte Eigenart nicht nur der Germanistik, sondern überhaupt der deutschen Geisteswissenschaftler, immer mal die akademischen Folterwerkzeuge vorzuzeigen und zu sagen, ich kann eine gemeine Fußnote schreiben, die niemand sonst erkennt außer dem Gemeinten.

Heinemann: Das heißt, die Literaturwissenschaft behindert manchmal auch den Zugang zur Literatur?

Wagenbach: Wenn sie sich auf zwei große Aufgaben der Literaturwissenschaft beschränkt in der Regel nicht. Die beiden großen Aufgaben der Literaturwissenschaft sind Monografie, also die Monografie über Autoren oder über bestimmte Entwicklungen, und die Edition. Beides, wie soll man sagen, geht deutlich zurück. Edition und Monografie geht zurück zugunsten der Interpretationswissenschaft, die sich allerdings wirklich ungeheuer verbreitet hat.

Heinemann: Kaum ein Buch, Herr Wagenbach, hat das Interesse für das Mittelalter so sehr gefördert wie "Der Name der Rose" von Umberto Eco.

Wagenbach: Ja!

Heinemann: Worauf sich ja viele Mittelalterforscher beeilten, Eco Fehler nachzuweisen. Ist das typisch für das Verhältnis Literatur und Wissenschaft?

Wagenbach: Ja! Das ist ein interessantes Buch. Das ist ein lustiges, verworrenes, wildes, eher unitalienisches Buch. Was die Geistesdackel anbetrifft, die flicken immer gerne einem am Zeug, besonders wenn es ein produktiver Schriftsteller ist. Da haben sie immer was dran zu meckern.

Heinemann: Warum ist das so?

Wagenbach: Das ist die Aufgabe: Fehlernachweis, wo macht er Fehler? Die Geisteswissenschaften neigen natürlich dazu, Sachen richtig zu stellen, zu korrigieren, besserwisserisch zu kommentieren.

Heinemann: Was antworten Sie jungen Menschen, die fragen, was ihnen Literatur oder Geschichte bringt?

Wagenbach: Da fragen Sie den Richtigen! Denen antworte ich zum Beispiel bei der deutschen Literatur, denen antworte ich, in der deutschen Literatur lerne ich meine Leute kennen. Wer einmal den wunderbaren Kohlhaas von Kleist gelesen hat, der wundert sich nicht mehr über Grabenkämpfe zwischen Eigenheimbesitzern oder bei irgendwelchen Freizeittätigkeiten. Wer einmal die Räuber von Schiller gelesen hat, der wundert sich nicht mehr um den etwas naiven, glutäugigen, glaubensstarken deutschen Jüngling. Da kommt er schon! Oder Simplizius von Grimmelshausen, eine wunderbare, sehr deutsche Figur. Man lernt! Erstens ist es oft unterhaltsam. Deutsche Literatur ist ja nun nicht ganz schlecht und ganz jung, sondern ziemlich alt auch. Man lernt eben auch sein Land kennen und die Leute, die darin wohnen. Ich versage es mir, jetzt näher in die Gegenwart zu gehen, aber da fielen mir auch ein paar Leute ein.

Heinemann: Nämlich?

Wagenbach: Ich versage es mir!

Heinemann: Nennen Sie zwei, drei Namen?

Wagenbach: Zum Beispiel bei Bobrowski, ein vergessener DDR-Autor, was man da erfahren kann über eine Landschaft, die jetzt gar keine deutsche mehr ist, eine polnische oder sogar russische oder litauische Landschaft, was man da erfahren kann über eine gewesene Gegend, über Leute, die ja doch unsere Großeltern oder Urgroßeltern sind, das ist viel. Was man in "Katz und Maus" von Grass erfahren kann über 18-Jährige, 19-, 20-Jährige und ihre unsichere Sehnsucht nach Ruhm - das Ritterkreuz muss es sein -, man erfährt etwas über Land und Leute. Ich belasse es mal bei den beiden Beispielen. Sie sollen mich nicht reizen, sonst wird die Sendung zu lang.

Heinemann: Wie können Deutschlehrer, Herr Wagenbach, Kinder und Jugendliche heute für Goethe, Thomas Mann, Kleist, Grimmelshausen, die Namen, die Sie genannt haben, begeistern?

Wagenbach: Das ist gar nicht so einfach, weil diese Lehrer in einer nicht ganz unschwierigen Lage sind. Sie haben nämlich nicht nur Kinder aus der Mittelschicht und aus der Unterschicht und aus der Oberschicht, was immer auch ein verschiedenes Mitbringen an Literaturkenntnissen oder Buchkenntnissen von zu Hause bedeutet, sondern sie haben auch - wie nennt man das heute? - mit Migrationshintergrund zu tun, denen man überhaupt erst mal Deutsch beibringen muss. Dann wird es schwer. Ich spreche ja öfters mit Lehrern, Deutschlehrern. Die sagen, das ist dann schwer, weil, wenn die Sprachkenntnisse nicht da sind, wie sollen dann Literaturkenntnisse überhaupt entstehen? Also die sind in einer schwierigen Lage.

Trotzdem: Ich würde sagen Vorlesen, Vorlesen, Vorlesen, Vorlesen. Alles das, was die Eltern nicht mehr tun, was die Großeltern nicht mehr tun, was der Pfarrer sowieso nicht tut, Vorlesen. Texte vorlesen, ohne sie weiter zu kommentieren und besonders ohne sie mit diesen furchtbaren germanistischen Folterinstrumenten zu interpretieren, sondern einfach Gedichte vorlesen. Das behält man. Gedichte vorlesen, kleine Texte vorlesen, so einen wunderbaren Text wie "Das unverhoffte Wiedersehen" oder so etwas. Das sind Dinge, die bleiben hängen und plötzlich, 10 Jahre später, 20, 15 Jahre später sagt jemand, der dann schon 35 ist und auch wieder Kinder hat, da hat mir mein Deutschlehrer einen Text vorgelesen, was mag das gewesen sein? Solche Geschichten oder Gedichte bleiben sehr viel mehr hängen als die Kunstvorführungen von Johannes Interpretierovic.

Heinemann: Also weniger Wissenschaft im Unterricht?

Wagenbach: Ja! Originale, keine Kopien.

Heinemann: Herr Wagenbach, 2007 soll also das Jahr der Geisteswissenschaften werden oder sein. Wenn Sie sich eine Überschrift für 2008 wünschen dürften, welches Jahr sollte dann ausgerufen werden?

Wagenbach: Ich antworte Ihnen mit einem Kummer, mit einem Kummer, an dem wir nicht Schuld sind als Verlag, über den Rückgang der Übersetzungen. Ich nenne Ihnen nur das Beispiel Italien. Wir hatten 2005, hatten wir, das müssen Sie sich mal vorstellen, 44 Bücher, die aus dem Italienischen übersetzt worden sind. Davon haben wir, glaube ich, ein Viertel oder die Hälfte gemacht. Das ist so fantastisch wenig, und wenn man sich das vorstellt, dieses Missverhältnis zwischen Europäisierung und der Unkenntnis der unmittelbaren Nachbarn. Das ist ja nicht anders im Französischen. Der Rückgang ist wirklich innerhalb von wenigen Jahren auf die Hälfte, weniger als die Hälfte oft geschehen. Seit, sagen wir mal, gemein Einführung des Euro werden plötzlich nur noch die Hälfte der Bücher übersetzt. Es müsste aber umgekehrt sein, und so ein Jahr - wie immer man das nennt - würde ich mir wünschen.

Heinemann: Sie wissen: Medien lieben Überschriften. Wie kann man es in einen Titel fassen?

Wagenbach: Wie lernen wir durch die Bücher ihrer Autoren unsere Nachbarn kennen?

Heinemann: Das Gespräch mit dem Verleger Klaus Wagenbach haben wir vor dieser Sendung aufgezeichnet.

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