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Vorsehung und Religiosität

Der Theologe Rainer Bucher analysiert Hitlers Gottverständnis

Adolf Hitler im Jahr 1937
Adolf Hitler im Jahr 1937 (AP-Archiv)

Hitler selbst bezog sich in seinen Reden und Schriften auffallend häufig auf einen allmächtigen Gott, der das deutsche Volk zur Weltherrschaft und ihn zum Führer im Kampf ausersehen habe. Der katholische Theologe Rainer Bucher hält dies nicht für bloße Taktik, um die Massen hinter sich zu scharen. Er entdeckt darin eine geschichtstheologische Legitimation, die auf die Zeitgenossen Hitlers äußerst attraktiv wirkte. Hajo Goertz hat das Buch gelesen.

Die Münchener studentische Widerstandsgruppe "Weiße Rose" um die Geschwister Scholl wollte den verblendeten Zeitgenossen die Augen öffnen:

Jedes Wort, das aus Hitlers Munde kommt, ist Lüge. Wenn er Frieden sagt, meint er Krieg, und wenn er in frevelhaftester Weise den Namen des Allmächtigen nennt, meint er die Macht des Bösen, den gefallenen Engel, den Satan.

Das Zitat aus einem Flugblatt der Weißen Rose ist einem Buch vorangestellt, das allerdings nicht "Hitlers Dämonologie" betitelt ist. Rainer Bucher analysiert "Hitlers Theologie".

"Hitler verkündigt sein Politprojekt im Namen eines Gottes, und das von Anfang an seines öffentlichen Redens bis zu seinen letzten Worten."

Natürlich ist Hitler für Bucher kein Theologe. Der Autor gebraucht den Begriff im allgemeinen Sinn des Redens von einem Gott. Und das findet sich in Reden und Schriften Hitlers so häufig, dass Bucher sich wundert, warum die weitläufige Forschung über Hitlers Denken und Handeln diese Bezüge nicht längst schon untersucht hat. Der Autor, Professor für Praktische Theologie an der Universität Graz, ist überzeugt:

"Hitler hat, wenn nicht alle Indizien täuschen, an das, was er zu diesem Bereich geschrieben und gesagt hat, wirklich geglaubt. Eines der Indizien ist dafür zum Beispiel die fast unheimliche Konstanz seiner entsprechenden Rede von Gott. Sie zieht sich in nur kleinen Varianten ... von den frühen Reden der so genannten Kampfzeit über "Mein Kampf" bis zu seinen letzten Äußerungen im Januar/Februar 45."

Entschieden wendet sich Bucher gegen die lange und oft vertretene Ansicht, die religiösen Bezüge in Hitlers Äußerungen seien lediglich Propaganda oder das Deckblatt, um die eigentlichen politischen Ziele und die verbrecherischen Mittel zu kaschieren. Hier stimmt der Autor überein mit dem Bonner Religionswissenschaftler Thomas Schirrmacher. In seinem zweibändigen Werk "Hitlers Kriegsreligion", das im vergangenen Jahr erschienen ist, untersucht Buchers Kollege, wie Hitlers Weltanschauung in seinem Gottesbild und seinen religiösen Begriffen verankert ist. Bis in letzte Details setzt sich Schirrmmacher mit der einschlägigen Literatur auseinander, und er liefert dazu eine unübersehbare Fülle von Belegen aus Hitlers Reden und Schriften. Der Preis ist Unübersichtlichkeit, und es mangelt an zusammenfassenden klaren Bewertungen. Dem Religionswissenschaftler Schirrmacher geht es um die Inhalte der Religion Hitlers, nicht um ihre Verwirklichung. Entsprechend seinem Fach, der Praktischen Theologie, will Bucher, wesentlich prägnanter, aufzeigen, wie Hitler seine Theologie umsetzt:

"Wichtiger und wahrscheinlich schlimmer noch für die These, dass Hitler an das geglaubt hat, was er hier geschrieben und gesprochen hat, diese Theologie war wirklich handlungsleitend. Sie kann meines Erachtens erklären, warum Hitler die Ausmordung des europäischen Judentums und überhaupt den Krieg noch weiter betrieb, als selbst für ihn unübersehbar war, dass beides, also die Ermordung des europäischen Judentums wie die Fortsetzung des Krieges sowohl ihn wie Deutschland vernichten wird."

So propagierte Hitler noch am 8. November 1943, mehr als neun Monate nach der Niederlage von Stalingrad, im Münchener Löwenbräukeller seinen Glauben an die Vorsehung, die ihn ausersehen habe als Führer des arischen Rasse und des deutschen Volkes auf dem Weg zur Weltherrschaft:

"Auch ich bin religiös, und zwar tief innerlich religiös. Und ich glaube, dass diese Vorsehung die Menschen wägt, und dass derjenige, der vor den Prüfungen und unter den Prüfungen der Vorsehung nicht bestehen kann, der an ihnen zerbricht, dass der von der Vorsehung nicht bestimmt ist zu Größerem, dass das eine in der Natur gegebene Notwendigkeit ist, dass nur aus einer Auslese die Stärkeren übrig bleiben. Und ich möchte es hier ruhig aussprechen: Wenn mein eigenes Volk an einer solchen Prüfung zerbrechen würde, könnte ich darüber dann keine Träne weinen, es hätte nichts anderes verdient. Das würde sein eigenes Schicksal sein, das es sich selbst zuzuschreiben hat. Das glaube ich aber nie und nimmer."

Es klingt wie Hohn auf den Holocaust und die blutige Geschichte des angefachten Krieges, für Hitler war es bitterer Ernst:

"Die Niederlagen des Krieges werden schlicht als notwendige Prüfung der Vorsehung in das seit Hitlers ideologischen Anfängen im wesentliche stabile System eingebaut. Ich denke, der Vorsehungsbegriff ist die zentrale geschichtstheologische Begründungskategorie ... Er ist sicherlich die funktional wichtigste Kategorie des Hitlerschen Selbstverständnisses in dem theologischen Kontext. Die Vorsehung ist es, welche Hitlers Weg als gerechtfertigt erweist, denn von ihr werden die Erfolge geschenkt, von ihr die Prüfungen auferlegt. "

Kommentiert Bucher. Bestärkt habe Hitler in seiner Selbsteinschätzung, dass die Vorsehung ihn alle Attentatsversuche habe überleben lassen. In seiner letzten Rundfunkansprache am 30. Januar 1945 resümiert er zum Staufenberg-Attentat:

"Es lag in der Hand der Vorsehung, am 20. Juli durch die Bombe, die eineinhalb Meter neben mir krepierte, mich auszulöschen und damit mein Lebenswerk zu beenden. Dass mich der Allmächtige an diesem Tag beschützte, sehe ich als Bekräftigung des mir erteilten Auftrages an. Ich werde daher auch in den kommenden Jahren diesen Weg kompromissloser Vertretung der Interessen meines Volkes weiterwandeln, unbeirrt um jede Not und jeder Gefahr und durchdrungen von der heiligen Überzeugung, dass am Ende der Allmächtige den nicht verlassen wird, der in seinem ganzen Leben nichts anderes wollte, als sein Volk vor einem Schicksal zu retten, das es weder seiner Zahl noch gar seiner Bedeutung nach jemals verdient hat."

In den zentralen Kapiteln seiner Untersuchung befasst sich Bucher mit den Kernbegriffen der Theologie Hitlers: Vorsehung, Gott und Glaube. Sein Gottesbild hat wenig bis nichts mit der christlichen Vorstellung zu tun. In seiner Programmschrift "Mein Kampf", also bereits Mitte der 1920er Jahre, will Hitler seinen völkischen Rassismus jedem Zweifel entheben durch dessen Rückbindung an die Gottesfrage. Rainer Bucher:

"Das ist die rassistisch definierte Volksgemeinschaft als oberster Wert. Dass sie dieser oberste Wert ist, das gründet aber Hitler im Gottesbegriff. Denn es handle sich um nichts Anderes als die dem deutschen Volk ... vom Schöpfer des Universums zugewiesene Mission. Das ist eine Mission, für die das deutsche Volk unter seiner Führung heranzureifen habe. Und dann heißt es eben am Ende des Judenkapitels von "Mein Kampf" in dessen einzigen hervorgehobenen Satz: So glaube ich heute im Sinn des allmächtigen Schöpfers zu handeln, indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn."

Das hört sich heute natürlich absurd an und hätte bereits damals anmaßend wirken können. Bucher geht es auch nicht darum, Hitlers Theologie zu widerlegen; das habe sie selbst getan, meint der Autor. Er geht der Frage nach, wie diese theologische Legitimation einer Politik wirkte, die seinerzeit schon als vermessen und verbrecherisch erscheinen musste. Doch die überwiegende Mehrheit der Deutschen folgt Hitler bis in den Untergang, sie wacht erst nach der Katastrophe auf. Und selbst die bestallten Experten, Kirchenführungen und Theologen, durchschauen die Perfidie nicht:

"Hitlers theologischer Diskurs war für die katholische Kirche eine Herausforderung, an der sie meines Erachtens ... konzeptionell mindestens genauso scheitert ... als sie es moralisch gegenüber den Juden tat. Das kirchliche Amt beantwortete Hitlers Herausforderung ... mit einem Modell regionalisierter Zuständigkeiten von Kirche und Staat. Eine wirkliche Antwort auf Hitlers Theologie fand man weder konzeptionell noch politisch."

Bucher schließt mit seiner Untersuchung eine Lücke in der Erforschung der Mechanismen, mit denen Hitler so viel und so lange geradezu enthusiastische Begeisterung der Massen auslösen konnte. Der Autor zeigt überzeugend auf, dass die theologische Legitimation sowohl für die Überlegenheit der arischen Rasse wie für die Notwendigkeit der Vernichtung des jüdischen Volkes nicht bloß vorgeschoben war. Sie war die Grundlage für das zentrale Handlungsziel Hitlers, an die er selbst glaubte und die deswegen so glaubwürdig schien, dass das Verbrecherische daran den meisten Deutschen, auch Theologen und Kirchenvertretern verborgen blieb. Man wird mit der Analyse Buchers Hitlers Theologie, sein Politikprojekt im Namen eines Gottes, ernster nehmen müssen, als es bislang geschehen ist.

Hajo Goertz über Rainer Bucher: Hitlers Theologie. Erschienen im Echter Verlag Würzburg, 228 Seiten für 16 Euro und 80 Cent. Außerdem Erwähnung fand die zweibändige Untersuchung Thomas Schirrmachers, die unter dem Titel "Hitlers Kriegsreligion" im Bonner Verlag für Kultur und Wissenschaft vorliegt. Sie umfasst 1207 Seiten und kostet 99 Euro.

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