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StartseiteDlf-MagazinDas Entscheidende ist die Deutung05.01.2017

Wahrsagerei in postfaktischen ZeitenDas Entscheidende ist die Deutung

Wahrsagerei wurde Jahrtausende lang im alten Mesopotamien genutzt, um Entscheidungen in Militär und Politik zu treffen. Das Entscheidende dabei war nicht das Orakel, sondern dessen Interpretation. Das gilt heute auch: Die Ereignisse des Jahres 2017 können auch Astrologen nicht vorhersagen, wohl aber ihre Deutung bestimmen.

Von Peter Zudeick

Arbeitstisch eines Wahrsagers: Orakelkarten, Glaskugel und Kreuz liegen schon bereit (imago / Attila Kleb)
Arbeitstisch eines Wahrsagers. (imago / Attila Kleb)
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Bleigießen gegen die Ungewissheit

"Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen." Dieser außergewöhnlich luzide Satz wird Mark Twain zugeschrieben. Und Winston Churchill. Und Karl Valentin. Und Niels Bohr. Vermutlich haben alle drei diesen Satz gesprochen, nur zu verschiedenen Zeiten. Wie auch immer: Wenn schon die Erklärung dessen, was gewesen ist, so schwer fällt, wie dann erst die Bestimmung dessen, was noch kommen soll.

Orakel sind nicht aus sich heraus verständlich

Das war schon bei den alten Griechen so. Das berühmte Orakel von Delphi: Da saß eine Priesterin über einer Felsspalte, aus der Dämpfe emporstiegen, die den Geist der Dame vernebelten. Zu Deutsch: Die war dauerbekifft und hat ständig krauses Zeug vor sich hin gemurmelt, das dann von Orakel-Fachleuten gedeutet wurde.

Im antiken Rom las der staatlich angestellte Augur den Götterwillen aus dem Flug und dem Geschrei der Vögel und anderer Tiere, oder aus deren Knochen und Eingeweiden – Lamm, Schwein, Huhn, Fisch: Vermutlich kam es darauf an, was der betreffende Wahrsager am liebsten aß.

Das Entscheidende dabei: Orakel sind nicht aus sich heraus verständlich. Man muss deuten können. Der Lyderkönig Krösus befragte vor seinem Feldzug gegen die Perser das Orakel von Delphi und bekam zur Antwort: "Wenn du den Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören." Seine Orakelspezialisten gehörten wohl nicht zu den pfiffigsten. Das Ergebnis des Feldzugs war die Zerstörung – seines eigenen Reichs.

Bei der Deutung gibt es nur Ja oder Nein

Es gibt aber auch Erfolgsgeschichten. Lange vor den alten Griechen und Römern und Lydiern hatten sich Sumerer, Assyrer und Babylonier darauf spezialisiert, sich aus tierischen Eingeweiden Rat zu holen. Der Altorientalist Stefan Maul hat deren Wahrsagekunst untersucht und herausgefunden:

"Eine wichtige Entscheidung in Militär und Politik, auch Personalentscheidungen im alten Orient, werden nicht getroffen, ohne eine Evaluation durch eine solche Eingeweideschau vorzunehmen."

Das Ergebnis: Die Völker im alten Mesopotamien waren über Jahrtausende politisch, ökonomisch und militärisch höchst erfolgreich. Der Trick dabei: Die Deutung des Orakels ist nicht besonders kompliziert, weil es nur zwei Möglichkeiten gibt.

Antwort des Orakels nur für kurze Zeit gültig

"Das Ergebnis sagt eigentlich nur Ja oder Nein. Die entscheidende Sache ist, welche Frage wird wie zu welchem Zeitpunkt gestellt."

Viel Berechnung, wenig Zauber

Anders gesagt: Der Input war entscheidend. Die Ratgeber, die sich aufs Wahrsagen spezialisiert hatten, stellten dem Orakel Fragen, in die viel politischer, ökonomischer und militärischer Sachverstand eingeflossen war. Außerdem war eine Sicherung eingebaut: Die Antwort des Orakels galt nur für kurze Zeit, sodass eine neue Befragung starten konnte, wenn der Herrscher mit der Antwort nicht einverstanden war.

Also schon damals: viel Berechnung, wenig Zauber. Wo bleibt bloß das Geheimnisvolle, das Magische, das Raunen, das wir doch so gerne mit dem Blick in die Zukunft verbinden?

In den frühen Jahren der Westrepublik soll es das noch gegeben haben. Als es noch Madame Buchela gab, die sich "Pythia der Bundeshauptstadt" nennen ließ. Angeblich rannte ihr die Kundschaft aus den höchsten Politik-Etagen die Bude ein. Konrad Adenauer, Ludwig Erhardt, der Schah von Persien und dessen Erst-Ehefrau Soraya. Auch Helmut Kohl, was aber noch unwahrscheinlicher ist als alles andere. Denn der Oggersheimer hatte eine andere Seherin fest gebucht, die "Pythia vom Bodensee", Frau Noelle-Neumann aus Allensbach, die sich von Frau Buchela nur durch die geringere Präzision der Vorhersagen unterscheidet.

1930-1933 stand Uranus im Zeichen Widder, genau wie heute

Irgendwie geht uns das Geheimnisvolle, das Magische verloren, wenn es um die Zukunft geht. Allein die Astrologie scheint noch etwas von dem alten Zauber zu haben. Da gibt es schöne Orakel wie die von der Hamburger Astrologin Ruth Brummund, die Ende 2005 wusste, dass wir in der Periode 2012 bis 2019 auf den Lebensstandard von 1960 zurückgeworfen werden, und deshalb riet:

"Bauernhöfe nicht aufgeben. Saatgut bewahren wird wichtig. Maschinen instand halten ist sehr nötig." Wer sich dran gehalten hat, ist fein raus. Alsdann: Was sagen die Sterne über 2017?

"Ich hab keine Ahnung, wie 2017 wird." Sagt der Berliner Astrologe Markus Jehle. "Ich hab auch weder den Brexit noch Trump vorhergesehen. Aber was die Astrologie kann, ist, sie kann uns jetzt schon sagen, was das, was 2017 passieren wird, bedeutet."

Immerhin etwas. Auch wenn die Ereignisse nicht in den Sternen stehen, ist ihre Deutung schon vorher möglich. Weil Planeten-Konstellationen aus früheren Zeiten Rückschlüsse auf heute zulassen.

"Beispielsweise sind wir jetzt in einer Zeit, wo astrologische Konstellationen sich ergeben, die analog sind zu der Zeit 1930 bis 1933. Und man muss ja mit Blindheit geschlagen sein, wenn man da nicht gewisse Parallelen sieht."

Damals wie heute stand Uranus im Zeichen Widder. Und diese Konstellation bringt Krisen und Umwälzungen mit sich.

Dem lieben Gott in die Karten schauen

"Dieses Aufbrechen des Egoismus, Nationalstaatsdenken, dieses 'Unterste wird nach oben gekehrt', also auch eine beschleunigte Umkehrung von Machtverhältnissen, die wir ja Anfang der 30er-Jahre mit der Machtergreifung denn auch hatten. Und die Astrologie hätte das auch schon vor zwanzig Jahren vorhersagen können, dass wir 2012 bis 2017 in so einer Periode sein werden."

Mit anderen Worten: "Man kann mit der Astrologie, um es mal poetisch zu formulieren, schon dem lieben Gott in die Karten schauen – ob das was Magisches hat, vielleicht auch."

Immerhin: Etwas vom alten Zauber bleibt uns, auch wenn die Sterne nicht die Zukunft vorhersagen können. Aber jetzt mal unter uns: Will irgendjemand wirklich ernsthaft wissen, was die Zukunft bringt? Na, also.

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