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Warten auf die nächste Titanic

Kreuzfahrtboom in arktischen Gewässern könnte fatal enden

Von Monika Seynsche

Schifffahrt. - Die Arktis bietet einzigartige Naturschauspiele. Und je stärker sich das Meereis zurückzieht, desto zugänglicher wird der hohe Norden auch für Kreuzfahrtschiffe. Immer mehr Menschen reisen so ins Eis. Den meisten von ihnen allerdings dürfte nicht klar sein, dass sie sich damit in Gefahr begeben.

Walt Meier studiert Satellitendaten. Daten der Eisbedeckung über dem Arktischen Ozean. Und die sind für den Forscher am Nationalen Schnee- und Eisdatenzentrum der USA in Boulder, Colorado jedes Jahr frustrierend.

"Diesen Sommer war weniger Eis da als jemals zuvor, seit wir 1979 mit unseren Satellitenmessungen begonnen haben. Und zwar viel weniger Eis. Noch einmal 20 Prozent weniger als im Jahr 2007, unserem bisherigen Rekordhalter. Das ist wirklich außergewöhnlich und es unterstreicht den Langzeittrend, den wir beobachten. Der Rückgang des Eises beschleunigt sich immer stärker in den letzten Jahren."

Viele Bereiche der Arktis sind heute schon im Sommer eisfrei. Das macht sie attraktiv für Kreuzfahrtschiffe, für die der hohe Norden bis vor kurzem unerreichbar war. Ihre Anzahl habe sich in den vergangenen fünf Jahren vervielfacht, erzählt der Generaldirektor der isländischen Küstenwache, Georg Lárusson.

"Zwischen 80 und 100 große Kreuzfahrtschiffe haben allein in diesem Jahr isländische Häfen angelaufen. Die meisten von ihnen fahren von hier aus noch weiter nach Norden. Die kleineren gen Grönland, wo sie schmale Fjorde besuchen, für die es oft noch keine ordentlichen Seekarten oder hydrographischen Messungen gibt. Andere Schiffe fahren Richtung Spitzbergen. Sie alle transportieren zwischen 100 und 4000 Passagiere. Das ist also sehr viel Verkehr."

Viel Verkehr in einer Region, in der sich das Meereis zwar zurückzieht, aber gleichzeitig auch weniger berechenbar wird. Das weiß Jens Boye aus langjähriger Erfahrung. Er ist Flottenmanager der staatlichen grönländischen Reederei Royal Arctic Line.

"Wir haben immer noch sehr kalte Winter in Grönland. Die letzten zwei, drei Jahre waren besonders kalt, auch wenn die Winter etwas später kommen als bisher. Im Sommer wiederum sehen wir häufiger driftendes Eis. Das bedeutet, es ist nicht einfacher geworden, in grönländischen Gewässern zu navigieren. Früher sammelte sich das Eis in bestimmten Gegenden und wir konnten uns darauf verlassen, dass es dort blieb. Jetzt aber bricht es häufiger auseinander oder schmilzt ab und treibt dann irgendwohin."

Er und seine Kollegen fordern deshalb ein verbindliches Regelwerk für alle Schiffe, die polare Gewässer befahren. An diesem "Polar Code" arbeitet die Internationale Maritime Organisation der Vereinten Nationen zurzeit. Er soll Vorgaben enthalten über die Konstruktion der Schiffe und die Sicherheitsausstattung bis hin zur Qualifikation der Mannschaften. Allerdings sind die Verhandlungen zäh und ein Ergebnis noch nicht absehbar. Dabei wäre ein solches Regelwerk nach Ansicht Jens Boyes gerade für Kreuzfahrtschiffe von enormer Bedeutung.

"Eisberge an sich sind nicht gefährlich. Sie sind groß und lassen sich mit bloßem Auge und dem Radar erkennen. Aber selbst der größte Eisberg schmilzt und irgendwann hat er nur noch die Größe eines Einfamilienhauses und treibt knapp unter der Meeresoberfläche. Wenn Sie nicht ausgebildet sind, so etwas zu erkennen, sehen Sie einen so kleinen Eisberg nicht und rammen ihn. Wenn Ihr Schiff dann nicht robust genug gebaut ist, kommt es zur Katastrophe."

Eine Katastrophe, bei der im Zweifelsfall mehrere Tausend Passagiere innerhalb kürzester Zeit aus dem eiskalten Wasser gerettet werden müssten. Ein Szenario, das Georg Lárusson von der isländischen Küstenwache schlaflose Nächte bereitet.

"Die Küste von Grönland ist weitgehend unbewohnt, es gibt kaum Infrastruktur. Rettungsstationen und -Helikopter sind sehr weit weg. Wenn an der Ostküste Grönlands etwas passiert, dann wäre erst Island die nächste Station. Es könnte also zum Desaster werden."

Weder die Isländische Küstenwache, noch die dänische Marine, die die Gewässer vor Grönland kontrolliert, verfügen auch nur ansatzweise über genügend Mittel, Tausende von Menschen innerhalb von Minuten vor dem Erfrieren im eisigen Wasser zu retten.

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