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StartseiteKalenderblattWeltflucht mit dem Vehikel24.03.2005

Weltflucht mit dem Vehikel

Vor 100 Jahren starb Jules Verne,

Jules Verne hatte große Ziele. Der wissensdurstige Schrifsteller wollte in seinem literarischen Schaffen alles geographische, geologische, physikalische und astronomische Wissen der modernen Wissenschaft zusammenfassen. Dabei flüchtete Verne in eine andere, unschuldige Welt.

Von Cornelie Ueding

Der französische Schriftsteller Jules Verne: "Es geht nicht darum, blind zu reisen. Ich will alles sehen und alles wissen."  (AP-Archiv)
Der französische Schriftsteller Jules Verne: "Es geht nicht darum, blind zu reisen. Ich will alles sehen und alles wissen." (AP-Archiv)

"Es ist offensichtlich, daß Kapitän Nemo entdeckt hat, was die Menschheit bisher vergeblich suchte: die innerste, wahrhaft treibende Kraft des Universums. Diese Entdeckung gab ihm die Herrschaft über das Meer."

"20.000 Meilen unter den Meeren" und 12.000 Bücher an Bord: Mit dem High-Tech-Boot "Nautilus" bricht Kapitän Nemo in einem von Jules Vernes berühmtesten Romanen die letzten Verbindungen zur Zivilisation ab und versinkt in einem Ozean der - Literatur.
Es ist kein Zufall, daß ausgerechnet der Schriftsteller Arno Schmidt dem literarischen Serientäter Jules Verne mehrfach ein Denkmal setzte und über die imaginative Energie des schier unerschöpflichen Geschichtenerfinders staunte: vierzig Jahre lang lieferte der seinem Freund und Verleger Pierre-Jules Hetzel alle sechs Monate einen dicken Roman. Da mochte er klagen, daß er nie Mitglied der Académie Francaise wurde; da mochten manche literarischen Zeitgenossen mäkelen, er habe doch nur einen relativ geringen Wortschatz - gekannt und irgendwie bewundert und zitiert haben sie ihn alle. Literarisch war der Student der Jurisprudenz Jules Verne zwar ein Schnellstarter. Doch auch hier hat Arno Schmidt recht: ein langer Weg war es trotzdem.

"...leichtgewichtige Libretti; ein drittel verloren; ein drittel ungedruckt; alle ein paar Wochen lang aufgeführt & rezensiert & wieder ab, in die Versenkung. Erst als er schon 35 Jahre alt war, fand er die Form, durch die er gerade in diesen Tagen wieder aufsteigt 1863 erschien die erste der "wundersamen Reisen", die "5 Wochen im Ballon".

Es folgten, um nur die bekanntesten Romane zu nennen: "Reise zum Mittelpunkt der Erde", "Reise um die Erde in 80 Tagen", "Die geheimnisvolle Insel", "Die Kinder des Kapitän Grant". Das Reise-Sujet traf den Nerv des auf Expansion, Grenzüberschreitung und Wahrnehmungserweiterung gestimmten gründerzeitlichen 19. Jahrhunderts. Es gelang Jules Verne, den Beweis zu führen, daß Naturwissenschaft und Technik, auch Reise-Technik, nicht nur nicht poesielos sind, sondern sogar der ideale Nährboden für konturiertere, schärfer ausgeleuchtete Phantasien und Traumwelten. Vernes Reisende sind "Global Explorer" und Ich-Sucher, Techniker und Mythologien in einem. Reisen bedeutet ihm ekstatische Vision und magischen Zeitsprung um Jahrtausende zurück, Rückkehr ins eigene Ich, kosmische Vereinigung mit dem All:

"Mitten in diesem Sternnebel, der 140.000 mal größer ist als die Erdkugel, die einst aus ihm gebildet werden soll, fühle ich mich in planetarische Räume mitgerissen. Mein Leib verfeinert sich, wird seinerseits fast körperlos und vermischt sich, einem einzigen Atom vergleichbar, mit den ungeheuren Nebeln, die im Unendlichen ihre flammende Kreisbahn ziehen."

Immer wieder fasziniert Jules Vernes Fähigkeit, konkreten Detailrealismus und Phantasieflug, pragmatische Situation und allegorische Sinnsuche zu verbinden: Jeder Tauchgang, jede Bergbesteigung, jeder Flug und jeder Aufbruch ist zugleich lebensweltliche Erfahrung, allegorische Herausforderung und ein Stück imaginierter Utopie:

"Hören sie, Käpt'n, das ist ja phänomenal! Wie war es möglich, eine Maschine wie diese zu schaffen, und sich so die ungeheuren Kräfte nutzbar zu machen - Kräfte, die der Menschheit unbekannt sind? Wenn ihr Geheimnis enthüllt wird, dann verändert es die Welt.Oder zerstört sie. - Sehen sie, wie friedlich es hier ist. Das Meer ist alles für mich. Ein unerschöpflicher Speicher der Natur, über den ich nach Belieben verfüge."

Im System- und Fortschrittsdenken des 19. Jahrhunderts kommt der sinnlichen Exploration, dem Sehen, Entdecken, Begreifen und Vermessen eine nachgerade theologische Bedeutung zu, die mit wissenschaftlicher Systematik betrieben wird.

Verne, der am 24. März 1905, 77 Jahre alt, starb, war alles andere als zukunftsgläubig - aber er dachte seiner Zeit voraus. Jetzt ist es an der Zeit, das simplifizierende, zur gehobenen Jugendbuch-Sparte driftende Image als eines Science-fiction-Vorläufers einer umfassenden Korrektur zu unterziehen. Verne spielte das Spiel der Marktorientierung auch eine ganze Zeit als perfekter Erfüllungsgehilfe seines eigenen Images mit. Und kam dabei zu kulturkritischen Einsichten, die sich heute, im Zeitalter der Umweltzerstörung und Globalisierung als genauso hellsichtig erweisen wie viele seiner Vermutungen über die Technologien der Welt im XX.Jahrhundert:

"Im Übrigen wird, wenn die Industrie erst alles ihrem Profitinteresse unterworfen haben wird, alles vielleicht recht öde werden! Vor lauter Erfinden von Maschinen werden die Menschen schließlich von diesen aufgefressen werden! Ich habe mir immer vorgestellt, daß der letzte Tag der Welt der sein wird, an dem irgendein gewaltiger Dampfkessel auf drei Milliarden Atmosphären erhitzt wird und unseren Erdball auseinandersprengt.

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