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Wenn die Zeit die Gefühle bestimmt

Ein interdisziplinäres Forschungsprojekt untersucht die kulturelle Formung von Emotionen

Von Doris Arp

Hausbesetzer-Demo in Berlin 1981: Die Aktivisten stellten Gefühle selbst in den Mittelpunkt ihres Politikverständnisses.
Hausbesetzer-Demo in Berlin 1981: Die Aktivisten stellten Gefühle selbst in den Mittelpunkt ihres Politikverständnisses. (picture alliance / dpa)

Gefühle in der Geschichte sind vergänglich: Selten verschwinden sie ganz, aber sie treten in den Hintergrund und verlieren an Bedeutung, meint die Historikerin Ute Frevert, Direktorin am Berliner Max Planck Institut für Bildungsforschung. Ihr Buch über die Vergänglichkeit von Gefühlen erscheint im März.

Ehre, Scham, Vaterlandsliebe, Heldenhaftigkeit: Das alles sind Begriffe, hinter denen noch im 19. und frühen 20. Jahrhundert große Gefühle standen. Heutzutage sind sie zumindest in europäischen Gesellschaften verblasst. Viele junge Leute werden sogar bezweifeln, ob es sich bei Ehre und Vaterlandsliebe überhaupt um ein Gefühl handelt. Genau diese zeitgeschichtlichen Konjunkturen von Emotion interessieren die Historikerin Prof. Ute Frevert, Direktorin am Max Planck Institut für Bildungsforschung in Berlin. Im März erscheint ihr Buch über die Vergänglichkeit von Gefühlen.

"Meine These ist, dass Gefühle in der Geschichte vergänglich sind, das heißt dass sie nicht immer überall die gleiche Wertigkeit, die gleiche gesellschaftliche Relevanz, die gleiche Bedeutung haben, sondern dass diese Bedeutung wechselt. Und die zweite Aussage ist, Gefühle machen Geschichte."

Seit Januar 2008 beschäftigen sich Historiker um Ute Frevert mit der Frage, ob und wie Gefühle Geschichte machen. Sie spüren ihnen in unterschiedlichen Kulturen und Zeiten nach, analysieren die Veränderungen im Geschichtsverlauf und untersuchen, welche Bedeutung ihnen zukommt. Die Kernthese lautet: Gefühle sind kulturell und sozial geprägt.

Sie sind zu bestimmten Zeiten und in bestimmten Gesellschaften stärker, sichtbarer, kraft- und machtvoller als in anderen. Selten verschwinden sie ganz, aber sie treten in den Hintergrund und verlieren an Bedeutung. Genau diese Differenz interessiert die historische Emotionsforschung. Sie liefert dabei keine eigene Definition von Gefühlen, sondern schaut auf die Beschreibungen der anderen.

"Die Definition, die ich als Historiker geben würde, ist eine ausweichende, die danach fragt, wie sich Definitionen in der Zeit geändert haben und je nachdem wo man hinschaut. Wo sie im Körper lokalisiert werden, ob Gefühle etwas sind, was rein innerlich ist oder ob sie sozial hergestellt sind. Mich interessiert, ob sich Verständnisse davon ändern in der Zeit, ohne dass ich selbst eine Feststellung treffen würde, was sind Gefühle per se und über alle Zeiten hinweg."

Gefühle sind Ausdruck von Geschichte, sie können aber auch selbst Geschichte schreiben, erklärt der Historiker Joachim Häberlen, der im Team von Ute Frevert am Max Planck Institut über Politik und Gefühle forscht.

"Andererseits sind Gefühle relevant für Historiker, wenn wir fragen, wie sich Machtverhältnisse halten in Gesellschaften, wie Diktaturen funktionieren, für solche Fragen braucht man Gefühle, muss man verstehen, ob auf emotionaler Ebene eine Kritik an solchen Regimen formuliert wird."

Mit Hilfe der traditionellen historischen Quellenforschung über Briefe, Tagebücher, Zeitungsartikel, Kinderbücher, Lieder versuchen die Historiker am Institut für Bildungsforschung, die Geschichtsmächtigkeit von Gefühlen aufzuspüren. Emotionen, so die Annahme, motivieren Handlungen und steuern Entwicklungen. Sie sind und waren Gegenstand von Manipulation und Instrumentalisierung in Politik und Wirtschaft aber auch im privaten und zivilgesellschaftlichen Bereich. Geschichtswissenschaftler fragen: An welche Gefühle wurde wann, von wem, mit welchem Ziel appelliert?

"Die Frage für mich ist, wie ich Gefühle im historischen, aber auch im gegenwärtigen Kontext analysieren kann, wie ich Zugriff darauf bekommen."

Methodisch hat es die Emotionsforschung nicht leicht. Gefühle betreffen Denken und Sprache, den Körper und das Handeln gleichermaßen. Sie drücken sich in Kultur, Politik und Alltagshandeln aus, und ihre Dokumente sind Legion. Ein weites Feld also, auf dem sich entsprechend viele Disziplinen tummeln. Die Emotionsforschung boomt in einer Zeit allgemeiner Wertschätzung von Gefühlen. Beherrscht wird sie von zwei gegensätzlichen Grundauffassungen:

Der eine Pol, dem vor allem Psychologen und in jüngster Zeit Neurowissenschaftler anhängen, bildete sich im 19. Jahrhundert aus. Gefühle werden im Gehirn verortet und sie gelten als universell, überzeitlich, biologisch und kulturunabhängig. Sie reduzieren die Bandbreite möglicher Gefühle auf sechs bis acht Basisemotionen wie Angst, Freude, Neugier, Trauer, Wut und Liebe.

Den anderen Pol besetzen vor allem die Anthropologie, Kultur- und Sozialwissenschaften, die Gefühle für kulturspezifisch, sozial konstruiert und veränderbar ansehen. Die Historikerin am Max-Planck-Institut hält das Lager-Denken allerdings für überholt.

"Das ist eigentlich relativ uninteressant. Interessant ist, was Menschen mit diesen evolutionär erworbenen Affektprogrammen eigentlich machen. Da gibt es so viel Vielfalt und Differenz auf der ganzen Erde und in der langen Geschichte, die wir quellenmäßig verfolgen können. Das Spannende steckt immer in der Differenz."

Der Politikhistoriker Joachim Häberlen untersucht die politische Gefühlskultur der Neuen Linken in den 70er- und 80er-Jahren. Ihn interessiert daran vor allem der Wandel in den Ausdrucksformen einer Gesellschaftskritik. Kennzeichnete die historische Arbeiterbewegung beispielsweise noch der gesellschaftliche Kampf um Gerechtigkeit und Mitbestimmung, stellen die Aktivisten der Hausbesetzer, Landkommunen, Friedens- und neuen Frauenbewegung Gefühle selbst in den Mittelpunkt ihres Politikverständnisses.

"In der neuen Linken rücken individuelle Gefühle in das Zentrum der Gesellschaftskritik. Das heißt der moderne, urbane Kapitalismus wird dafür verantwortlich gemacht, dass es angeblich nur noch negative Gefühle wie Angst, Einsamkeit, Frustrationen gibt. Und dagegen richtet sich in der Neuen Linken ein Großteil ihrer praktischen und theoretischen Politik."

Mit Gefühlen gegen Hochhäuser, so kommentierte die Tageszeitung 1981 die bunt bemalten Wände der besetzten Häuser in Berlin. Die Neue Linke besetzte leer stehende Häuser, zog in Landkommunen und machte Straßenmusik zwischen Kaufhof und Karstadt. Sie erklärte das Private zum Politischen und wollte vor allem eines erreichen: schöne Gefühle.

"Die Vorstellung, dass in den 1970er-Jahren die Welt Gefühle grundsätzlich unterdrückt. Und sozusagen der Gegenakt, dass Gefühle zu zeigen, Gefühle zu haben selbst zu einem politischen Akt wird, erklärt sich aus dieser angenommenen allgemeinen Gefühlsfeindlichkeit. Die erklären dann, sich glücklich zu fühlen sei selbst schon ein revolutionärer Akt."

In Frankfurt malte eine Gruppe Fahrradfahrer am helllichten Tag eine Fahrradspur auf die Straße und blockierte so mit Pinsel und Farbeimer die Fahrbahn. In München demonstrierten Radfahrer gegen die Blechlawinen, indem sie Blumen an die Autos klebten. Im "Pflasterstrand", einer von Daniel Cohn-Bendit, dem heutigen Grünenabgeordneten im Europaparlament, Mitte der 70er-Jahre herausgegebenen Frankfurter Stadtzeitung hieß es - Zitat:

Bei schönstem Sonntagnachmittagwetter Straßenspuren zu sperren, mit Pinsel und Farbeimern zu arbeiten, Spuren zu hinterlassen, machte einfach Spaß.

"Wenn man nach konkreten Praktiken fragt, dann gibt es Leute, die anfangen, Straßenmusik zu machen, die sagen, das ist nicht sehr politisch, aber wir bringen Menschen wieder dazu, miteinander zu reden und dabei das Gefühl der Einsamkeit zu überwinden. Und darin wird ein politischer Schritt gesehen."

Der Politikhistoriker Joachim Häberlen wertet Ton-, Bild und Schriftdokumente aus. Die damals populären Stadteilzeitungen sind ihm dabei eine wichtige Quelle. Die zahlreichen darin geäußerten Gefühle einzuordnen, verlange neue Methoden der Geschichtswissenschaft, erklärt der Historiker. Da stehe man noch relativ am Anfang. Aber an der grundsätzlichen Bedeutung von Gefühlen für die Geschichtsschreibung bestehe schon heute kein Zweifel.

"Wenn wir gesellschaftliche Prozesse verstehen wollen, gesellschaftlichen Wandel verstehen wollen, worum es uns Historikern zentralerweise geht, dass wir da nicht umhin kommen, Gefühle anzuschauen."

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