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Wenn Diktatoren zur Feder greifen

Konstantin Kaminskij und Albrecht Koschorke: "Despoten dichten"

Von Cordula Echterhoff

Scheinbar neigen Gewaltherrscher erstaunlich häufig zu einer poetischen Ader.
Scheinbar neigen Gewaltherrscher erstaunlich häufig zu einer poetischen Ader. (Stock.XCHNG / Elena Buetler)

"Despoten Dichten" heißt das Werk der Autoren Konstantin Kaminskij und Albrecht Koschorke. Der Sammelband gibt in zumeist scharfsinnigen Einzelanalysen einen Einblick in das erstaunlich oft auftretende Zusammenspiel von totalitärer Herrschaft und Schreibkunst.

"Die Tyrannei eines Einzelnen ist die schändlichste aller Tyranneien, doch der Despot ist ein Einzelner, den die Gemeinschaft beseitigen kann, ja, sogar ein unbedeutendes Individuum kann ihn, womit auch immer, beseitigen. Die Tyrannei der Massen dagegen ist die brutalste Art von Tyrannei, denn wer kann sich allein gegen den reißenden Strom, gegen die blinde umfassende Macht stellen?"

Der Autor der Zeilen: Der libysche Despot Muammar al Gaddafi. Mit diesen Worten beginnt seine Erzählung "Die Flucht in die Hölle", die er vor 18 Jahren schrieb. Aus der Rückschau nimmt die Textpassage fast prophetische Züge an. Denn scheinbar schreibt Gaddafi hier von der paranoiden Angst eines Diktators vor seinem Volk. Gaddafi ist nur einer der schreibenden Diktatoren, denen der Sammelband "Despoten Dichten" gewidmet ist. Mussolini, Stalin, Hitler, Saddam Hussein, Kim Il Sung, Turkmenbasi oder Karadzic - sie alle haben geschrieben.

Scheinbar neigen gerade Gewaltherrscher erstaunlich häufig zu einer poetischen Ader. Und das hat einen Grund, wie die beiden Herausgeber - der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke und der Slawist Konstantin Kaminskij - in der Einleitung schreiben:

"Gewaltherrscher müssen die politische Ordnung, die sie auf ihre Person hin ausrichten, in der Regel unter äußerst labilen Umständen erzeugen. Weil sie sich nicht auf eine schon bestehende Legitimitätsgrundlage und auf eingespielte Automatismen stützen können, sind sie gezwungen, in originärer Weise schöpferisch tätig zu werden – und sei es, um eine Vergangenheit zu erfinden, als deren Erbe sie sich ausgeben. So trägt das von ihnen etablierte System Züge einer aus dem Nichts entstandenen, in die Wirklichkeit entlassenen Fiktion. Der Autor kann sich auf diese Weise als Autor eines gigantischen Kunstwerks fühlen, das rein aus seinem Innern entsprungen ist."

Einen Staat erschaffen aus dem Nichts. Creatio ex nihilo. Diese Fähigkeit hat nur Gott oder eben Poeten und Literaten. Auch Gaddafis Schreiben dient dazu, seine Macht zu etablieren, wie der Soziologe Heiner Lohmann in seinem Aufsatz herausarbeitet. So klar die eingangs zitierte Passage scheint, so wirr ist Gaddafis Gesamtwerk. Sowohl seine Erzählungen als auch das "Grüne Buch" - das er 1975, sechs Jahre nachdem er sich an die Macht geputscht hatte, schrieb - entziehen sich systematisch dem Verstehen. Heiner Lohmann schreibt:

"Hingegen legt der hermetische Charakter des Grünen Buches, seine für Kulturfremde objektive Unzugänglichkeit, die systematische Inkohärenz seines Begründungs- und Bedeutungspotenzials die Vermutung eines geschlossenen Weltbildes, eines narrativen Mythos nahe. Mythen sind keine diskursiven Theorien, sie dienen nicht der argumentativen Klärung, sondern der Identitätsstiftung, daher sind sie, einer religiösen Überzeugung ähnlich, nicht widerlegbar."

Gaddafi schafft eine mythische Erzählung, die sich nicht auf einer argumentativen Ebene entschlüsseln lässt. Ihr Sinn erschließt sich nur dem, der – wie Gaddafi selbst – Zugang zum unbewussten, kollektiven Wissen der libyschen Stammesgesellschaft hat. Der von ihm errichtete Staat, so seine Quintessenz, ist der demokratischste. Denn demokratisch ist ein Staat dann, wenn er der traditionellen Stammesgesellschaft am nächsten kommt, auf Verwandtschaftsverhältnissen beruht und führerlos ist. Das setzt Gaddafi unterschwellig als wahr voraus. Dabei entwirft Gaddafi die Illusion, dass sein Staat genau diesen Kriterien entspricht. Und ist der Staat erst einmal als freiheitlich in den Köpfen verankert, so kann sich auf dieser Basis sogar ein restriktiver Militärapparat etablieren und 42 Jahre lang erhalten. Anders als der libysche Diktator dichtet Stalin tatsächlich und lässt dabei jegliches Gefühl für Maß, und Proportion vermissen:

Gedicht von Josef Stalin:

MORGEN

"Eine Rose war erblüht
Und reckte sich das Veilchen zu berühren
Die Lilie erwachte
Und neigte den Kopf in der Brise
Hoch in den Wolken die Lerche sang
Ein zwitschernd Loblied
Während die frohe Nachtigall
Mit sanfter Stimme sagte:
Sei voll von Blüten, o liebliches Land
Frohlocke, Staat der Iberier
Und du o Georgier, durch Lernen
Macht deiner Heimat Freude"


Doch das Lachen über die poetischen Tyrannen bleibt im Hals stecken, wenn man sieht, dass Fiktion und Terror oft eine ganz reale Allianz eingehen. So auch bei Stalin, wie der Slawist Evgenij Dobrenko in seinem Aufsatz darlegt. Stalin hat drei vermeintlich historische Bücher geschrieben, die aber letztendlich literarisch sind. Darin erfindet er Geschichte neu und erschafft das Bild von sich als Führer von Partei und Land. Dabei gibt die Realität der Fiktion Schützenhilfe. Denn das letzte, entscheidende Buch wurde 1938/39 geschrieben - zur Zeit der Moskauer Schauprozesse. Viele von denen, die bezeugen konnten, dass Stalins Geschichtsdarstellung Fiktion ist, wurden hingerichtet. So konnte die Realität ohne lästige Zeugen neu verfasst werden. Das Zusammenspiel von Fiktion und Terror aber ist typisch für totalitäre Scheinwelten; schreiben die beiden Herausgeber und beziehen sich in ihrem Vorwort auf Gedanken, die die deutsche Philosophin Hannah Arendt in ihrem Buch "Elemente totaler Herrschaft" dargelegt hat:

"Von einem bestimmten Moment an ist der Terror solcher Regime nicht mehr gegen Feinde gerichtet, sondern dient allein dazu, die "Stimmigkeit" der geschaffenen "fiktiven Welt" gegen jeden Einspruch der Realität, ja überhaupt gegen dessen Denkmöglichkeiten abzudichten. Die Fiktion, die sich in ihrer inneren Folgerichtigkeit nicht stören lassen will, ruft zu ihrer Realisation den Terror herbei."

Weil aber am Anfang das Wort war, kontrollieren die dichtenden Despoten nicht nur die Realität, sondern mittels Zensur auch die Fiktion, wie der Philosoph Boyan Manchev im letzten Aufsatz darlegt. Und so können sich die Despoten als allumfassende Herrscher fühlen. Der Sammelband "Despoten dichten" gibt in zumeist scharfsinnigen Einzelanalysen einen Einblick in das erstaunlich oft auftretende Zusammenspiel von totalitärer Herrschaft und Schreibkunst. Er macht die Wirkweisen des mächtigen Wortes sichtbar. Und auf einmal wird deutlich, warum auch krude erscheinende Weltentwürfe so lange Bestand haben können. Ein erhellendes und manchmal sogar auch ein amüsantes Buch.

Konstantin Kaminskij; Albrecht Koschorke: "Despoten dichten: Sprachkunst und Gewalt.",
Konstanz University Press,
325 Seiten, 24,90 Euro
ISBN: 978-3-862-53015-1

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