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"Wie ein geschichtlicher Ausgleich auf emotionaler Ebene"

Corso-Gespräch: Hanna Schygulla über deutsch-französische Verhältnisse

Hanna Schygulla im Gespräch mit Burkhard Birke

Hanna Schygulla: "De Gaulle hatte so ein seltsames Pathos beim Reden"
Hanna Schygulla: "De Gaulle hatte so ein seltsames Pathos beim Reden" (picture alliance / dpa / Frank Leonhardt)

Am 22. Januar 2013 jährt sich zum 50. Mal die Unterzeichnung Élyséevertrags. Deutschlandradio hat Persönlichkeiten in beiden Ländern nach ihrem Verhältnis zum einstigen "Erbfeind" gefragt. Die deutsche Schauspielerin Hanna Schygulla kam 1962, im Jahr des Freundschaftsvertrags, nach Paris.

Burkhard Birke: Wanderer zwischen den Welten und Genres, Schauspielerin, Sängerin und zuletzt auch Regisseurin. In Deutschland aufgewachsen, an vielen Orten dieser Welt gedreht, gearbeitet, gelebt und das Leben genossen. Seit vielen Jahrzehnten leben sie jetzt in Paris in Frankreich, Hanna Schygulla, war das Fügung, Zufall oder eine ganz bewusste Entscheidung damals?

Hanna Schygulla: Es war ein Impuls mit 19, bevor ich das Studium angefangen habe, weil ich auch gar nicht so richtig wusste, was ich nun studieren soll. Der Ruf der großen Welt, für uns das Naheliegende war Frankreich. Paris hat ja immer schon das Flair gehabt. Und dann war natürlich auch Landesflucht im gewissen Sinn mit dabei, weil wir waren die Generation danach und wir hatten also wirklich Schwierigkeiten dieses ganz Natürliche, was sonst so heranwächst, nämlich die Liebe zum Eigenen, zur eigenen Kultur, zum eigenen Land zu entwickeln.

Birke: Also es war ein bisschen so damals: Als Au-pair-Mädchen sind sie das erste Mal nach Frankreich gekommen …

Schygulla: Ja, ich bin als Au-pair-Mädchen als erstes nach Frankreich gekommen. Ich war 19, das war 1962 und das war die erste Begegnung mit dem Französischen. Also da sind zwei große Ereignisse passiert in dem Jahr. Erstens die Kuba-Krise, da hat’s ja jedem die Härchen aufgestellt, das hat jeder mitbekommen, das wir am Rande eines Weltkriegs sind und dann als Zweites, das habe ich damals gar nicht so mitbekommen – eher im Nachhinein, weil für uns eben der de Gaulle, der hatte so’n seltsames Pathos beim Reden, da waren wir ja allergisch auf Pathos. Aber das der Mann so Großes vollbracht hat im Élysée-Vertrag, das der plötzlich eben den Erzfeind Deutschland als Freund erklärt hat, als Vorgabe an Vertrauen, also einfach einen neuen Meilenstein gesetzt hat in einem neuen Verkehr der Länder miteinander. Das wurde einem überhaupt erst nachher so richtig klar was das geheißen hat.

Birke: Wann wurde ihnen das klar, dass das so bedeutend war. Das also von den Erbfeinden eine Freundschaft ausging, die ja richtig Motor für Europa wurde?

Schygulla: Ja, das wurde mir eigentlich erst klar, als Europa sich gebildet hat. Vorher ist schon passiert, dass in der Generation danach, eben wie das so oft so ist, diejenigen die gegeneinander in den Krieg gezogen sind, dass die Kinder von denen dann eigentlich, sehr oft sich ineinander verlieben. Das ist so wie ein geschichtlicher Ausgleich auf einer emotionalen Ebene. Also bei mir war das auch so, ich war dann in Paris, in dieser Au-pair-Zeit verliebt in den Sohn von Exilspaniern, also die vor Franco geflohen sind und die natürlich auch vor den Deutschen geflohen sind, ich sage nur das Stichwort Guernica, und das war also das erste Beispiel dafür. Aber ich sehe das immer wieder, dass Liebesgeschichten passieren, auch eben zwischen Deutschen und Juden. Es waren ja auch die Juden, die ein besonderes Auge auf mich hatten. Auch die vielen französischen Juden und natürlich war mir schon bewusst, dass ich da so ein nationales Kollektivverbrechen im Rücken hatte. Bei aller Unschuld war das auch mit einem Unbehagen verbunden, aber die wollten eigentlich hauptsächlich genau hinschauen, was denn mit denen da los ist und wir sind ja dann auch zur Generation der Neinsager geworden.

Birke: Ist das denn heute immer noch so, dass sie das Gefühl haben, wenn sie in Paris sind und sich dort präsentieren, dass Sie so unter Beobachtung stehen wie das denn auch mit der Vergangenheit ist oder hat sich das normalisiert?

Schygulla: Das kommt darauf an, welche Generation es ist. Also ich zum Beispiel wohne im Marais. Das ist ja früher das jüdische Viertel überhaupt gewesen. Inzwischen hat sich das sehr vermischt, aber in der kleinen Straße, in der ich wohne, war früher eine Schule und irgendwann hab ich da mal hingeguckt. Warum hängt da so ein vertrockneter Strauß, und das war dann schon eine Gedenktafel für die Razzien, die da stattgefunden haben, jüdische Kinder. Und es gibt auch in vielen Straßen, so wie es in Berlin die Stolpersteine gibt, Gedenktafeln: 'Hier hat Samuel … gelebt und hat so und so geendet'. In gewisser Weise gibt es da natürlich noch nicht ganz vernarbte Stellen. Und es wird auch immer, wenn Deutschland Großmachtgehabe an den Tag legt, das reißt wieder das Gedächtnis auf. Das ist auch da jetzt in den ganzen Konflikten, wo Frau Merkel immer behauptet hat, wir wären die ewigen Zahler und es müsste sich ändern und an ganze Länder den Bann der Armut verhängt, also was die Bevölkerung angeht, das wird natürlich schon mit einem wachsamen Auge zur Kenntnis genommen. Ja.

Birke: Das heißt das momentan, so auch aus ihrer Perspektive, aus ihrem Leben in Frankreich so der Eindruck entsteht, als würde Deutschland Europa wieder sein Diktat aufoktroyieren?

Schygulla: Es wird beobachtet. Das ist nicht so als ob das jetzt irgendein anderes Land wäre, aber es spricht sich natürlich herum, dass eigentlich ja sowieso das Übel im ganzen Bankwesen auch liegt. Es geht ja nicht, dass von der Zentralbank für fast Null Prozent von den Banken Geld ausgeliehen wird und die verleihen das dann an die Staaten für sechs oder sieben Prozent. Also da machen die Banken Kasse auf Kosten der Bevölkerung. Wenn natürlich da Deutschland und Frankreich an dieser Regelung rütteln würden und es dazu käme, dass die Banken direkt an die Regierungen verleihen, dann könnte sozusagen aus dieser Zwangsehe: Deutschland-Frankreich eine sehr segensvolle Verbindung entstehen.

Birke: Nun sind ja aus den Erbfeinden, Erbfreunde geworden und wenn ich sie jetzt richtig verstanden hab, Hanna Schygulla ist ja so der soziale Frieden im Moment in Europa ein bisschen in Gefahr, auch durch diese Politik der Bundesrepublik Deutschland, das seine Konditionen aufoktroyieren, diktieren will, den anderen Staaten. Jetzt hat aber die EU den Friedensnobelpreis bekommen. Zu Recht ihrer Meinung nach?

Schygulla: Ja, das war so wie mit Obama. Das sind Vorschuss… es stimmt schon. Es hat ja in Europa noch nie so lange Frieden gegeben, wie jetzt. Nur man vergisst, dass es natürlich auch den Balkan gegeben hat. Das wird so etwas in Schatten gestellt. Das war ja ein großes Erschrecken. Kaum war Europa gegründet, sind im Balkan die schlimmsten Hassgefühle aufgekommen und auch nicht, eigentlich wirklich besänftigt worden durch Europa. Also ich will das Thema nicht vertiefen, aber da hat die EU zum Teil ja auch Aktionen militärischer Art gestartet, die also wirklich tiefe Wunden gerissen haben. Auch ganz konkret gesprochen, Materialien ausprobiert und dergleichen, aber trotzdem finde ich das aus so einem Nobelpreis, das da vielleicht auch etwas Gutes entstehen kann.

Birke: Wie sieht denn ihr Wunsch-Europa aus?

Schygulla: Mein Wunsch-Europa ist ein Europa, das kulturell natürlich ist, wo es nicht nur um Gewinn geht, sondern wo es auch geht um Verständigung, wo jeder was eigenes mitbringt, aber auch ein Ohr hat für den anderen und ein Austausch der Kulturen muss sein, weil wir inzwischen sowieso so vermischt sind und wo auch in den Schulen wirklich von klein auf dieses Bewusstsein herangebildet wird, das wir alle aus den verschiedensten Wurzeln stammen. Man muss nur weit genug zurück gehen. Also wo das Nationalistische überwunden wird, weil aus dem Nationalistischen ist ja nie etwas Gutes entstanden.

Birke: Kommen wir noch mal auf die Person Hanna Schygulla zurück und auf ihr Leben in Paris. Seit über zwei Jahrzehnten, wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wohnen sie jetzt fest in Paris. Warum nicht in Deutschland?

Schygulla: Ja, weil ich da hängen geblieben bin. Also ich bin da hingekommen, das hatte mit einer Liebesgeschichte zu tun und die hat auch lang gedauert und dann bin ich einfach da geblieben und es ist ja auch sehr schön in Paris zu sein. Aber ich bin ja mit einem Bein jetzt auch in Berlin und dann werden wir sehen wie das alles ausgeht, welches das Spiel- und welches das Standbein wird.

Frankreich, Deutschland und Sie? - Große Umfrage von Deutschlandradio, der ARD, Radio France und ARTE

Lese- und Hörtipp:
Hanna Schygulla hat sich als Patin für unsere Fragebogenaktion mit Radio France, Arte und einigen ARD-Sendern zur Verfügung gestellt. Für uns berichtet und reflektiert sie ihre ganz persönliche Sicht zum deutsch- französischen Verhältnis, die Datei können Sie als PDF-Dokument [/url] herunterladen. Zudem können Sie den Text auch - von Hanna Schygulla selbst vorgetragen - als Audio zum Nachhören abrufen.

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