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Wie ein Landstreicher

Zwei Bücher des Reiseschriftstellers Patrick Leigh Fermor

Von Brigitte van Kann

Eine Wanderung quer durch Europa, von Hoek van Holland nach Konstantinopel.
Eine Wanderung quer durch Europa, von Hoek van Holland nach Konstantinopel. (AP)

Hyperaktiv, Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom - das wären nur zwei der Befunde, die heutige Erzieher für den jungen Patrick Leigh Fermor parat hätten. Er muss ein ungewöhnliches Kind gewesen sein, hoch begabt, wissbegierig, aber eben nicht zu bändigen. So fliegt er von allen Schulen, bekommt Privatunterricht und macht sich schließlich daran, ein englischer Dichter und Bohemien zu werden.

Letzteres gelingt dem charmanten, trinkfesten jungen Mann in London auf Anhieb, während seine Muse sich ziert: Er produziert nichts als Eselsohren auf weißem Papier und macht ansonsten Party, wie seine Altersgenossen heute sagen würden. Es sieht alles nach Scheitern aus, bis der 18-jährige Patrick Leigh Fermor mitten im nassen Londoner Winter 1933 einen verwegenen Entschluss fasst:

Wie ein Landstreicher würde ich über den europäischen Kontinent ziehen! Ich würde auf Wanderschaft gehen, im Sommer in Heuschobern schlafen, bei Regen oder Schnee Zuflucht in Scheunen suchen, Bauern und andere Wanderer wären meine einzigen Gefährten. Wenn ich von Brot und Käse und Äpfeln lebte ,dann blieb sogar noch ein wenig für Papier und Bleistift und ab und zu einen Krug Bier übrig. Ein neues Leben! Freiheit! Etwas, worüber ich schreiben konnte!

Geschrieben hat er tatsächlich über diese Wanderung quer durch Europa, von Hoek van Holland nach Konstantinopel - allerdings fast ein halbes Jahrhundert später und bereits als einer der großen Reiseschriftsteller Englands: 1977 erschien der erste Teil der Wanderung durch Holland, Deutschland, Österreich und die Slowakei. Neun Jahre später folgte der zweite Teil: Durch Ungarn und Rumänien bis zum Eisernen Tor. Dem Vernehmen nach schreibt der inzwischen über 90jährige Autor am letzten Teil der Reise, die ihn schließlich über Bulgarien nach Konstantinopel führte.

Dem jungen Dörlemann Verlag aus Zürich haben wir die Neu-Entdeckung dieser Bücher zu verdanken. Für deutsche Leser ist das erste mit dem schönen Titel "Die Zeit der Gaben" auch eine Art Heimatbuch: Als fahrender Student, als der er sich ausgibt, bekommt Fermor vielerorts freie Kost und Logis, ein altes Gastwirtehepaar aus Heidelberg bittet ihn, doch über Sylvester und Neujahr zu bleiben, ein Handwerker nimmt den ohnmächtig Betrunkenen aus dem Hofbräuhaus mit nach Hause und bettet ihn auf sein Werkstattsofa. Ist Deutschland wirklich einmal ein so gastfreundliches, offenes Land gewesen? Und das auch noch im Winter 33/34, im ersten Jahr der Naziherrschaft?

Überall in der Stadt hingen nationalsozialistische Fahnen, und das Schaufenster des benachbarten Herrenausstatters präsentierte Parteiuniformen mit allem, was dazu gehörte: Hakenkreuz-Armbinden, Fahrtenmesser und Blusen für die Hitlerjugend und braune Uniformhemden für erwachsene SA-Männer; Manche der Gesichter auf den ausgestellten Fotos kannte ich; Aber die Aufnahmen von Hitler waren zahlreicher als alle anderen. Sie zeigten ihn barhäuptig und mit Braunhemd, im stramm gegürteten Regenmantel, mit zweireihiger Uniform und Schirmmütze oder wie er einem flachsblonden, bezopften Mädchen mit Zahnlücke , das ihm einen Margaritenstrauß reichte, über den Kopf strich. "Was für ein schöner Mann", sagte eine Frau. Ihr Begleiter seufzte zustimmend. Und so schöne Augen, fügte er hinzu.

Für den jungen Engländer ist das alles weniger bedrohlich als grotesk. Freimütig bekennt der Autor, wie unbedarft in politischen Dingen er damals gewesen ist.

Umso besser kennt sich der Wanderer in der Kunst, der Poesie, der Architektur aus. Wie im Fluge lernt er die Sprachen der durchwanderten Länder, schon bald singt er in den Kneipen ihre Volkslieder mit. Er schildert keine Landschaft, ohne nicht auch ihre Mythen und die großen historischen Ereignisse zu imaginieren, deren Schauplatz sie war. Mit immenser Liebe zum Detail ruft er sich Baukunstwerke in Erinnerung und lässt sich zu wilden Theorien hinreißen, etwa der des Landsknechts als Symbol des Heiligen Römischen Reiches auf dem Gipfel seiner Macht- und Prachtentfaltung. Jedem anderen Reiseschriftsteller nähme man solche gelehrten Abschweifungen übel, während Patrick Leigh Fermor sie mit soviel jungenhafter Begeisterung vorträgt, dass sie einfach nur mitreißend sind. Wenn er hin und wieder einen Schritt zurücktritt und sich selbst als naiven, feurigen 19jährigen betrachtet, der damals einen Rucksack voller Hefte, Bücher und Karten durch Europa schleppte - dann tut er es mit Wärme und einem Schuss britischer Selbstironie.

Weckt sein Bericht von der Wanderung durch Deutschland zwiespältige Heimatgefühle, so befinden wir uns im zweiten Band "Zwischen Wäldern und Wasser" auf dem Weg durch Ungarn und Rumänien in einer geradezu archaischen Welt, einer Art exotischem Europa, von dem heute bestenfalls noch ein folkloristischer Abklatsch existiert: Bauern, Schäfer, fahrendes Volk, ein selbstgenügsames Leben unter freiem Himmel, ohne EU-Richtlinien und ohne erkennbare Not. Vom Lagerfeuer mit zottigen Hirten wechselt der junge englische Wanderer ganz unbefangen in Herrenhäuser und Schlösser, deren kauzige, bisweilen hochgebildete Besitzer ihn mit selbstverständlicher Großzügigkeit aufnehmen und am liebsten gar nicht mehr ziehen lassen wollen. In diesen Adelsnestern scheint die Zeit stillzustehen, man spürt die Ruhe vor dem großen Sturm, der sie im Zweiten Weltkrieg für immer hinwegfegen wird.

Es ist ein Wunder, wie genau sich Fermor nach einem halben Jahrhundert an Einzelheiten seiner Wanderung erinnert - gestützt nur auf sporadische Notizen, aber befeuert von einer unbändigen Vorstellungskraft, dem wohl besten Kapital des Reiseschriftstellers. So frisch und anschaulich sind seine Schilderungen, dass man seine Bücher getrost als Schule des Sehens empfehlen kann.

Patrick Leigh Fermor zählt überdies zu den besten lebenden Stilisten des Englischen, und dem Übersetzerehepaar Gabriele und Manfred Allié ist es gelungen, seine reiche, elegante Sprache vollendet ins Deutsche zu übertragen. Manfred Allié, der für den ersten Band allein verantwortlich zeichnet, wurde dafür 2006 mit dem renommierten Helmut M. Braem-Preis geehrt.

" Ich habe noch nie ein Buch übersetzt, wo man soviel recherchieren musste, noch nie ein Buch, wo ich das Gefühl hatte, dass ich eigentlich überhaupt nichts weiß - das geht von den Vokabeln bis zur klassischen Bildung und den Realien des Lebens. Weil ich all die Gegenden, durch die er gewandert ist, nie von Angesicht gesehen habe und mir alles aus Quellen besorgen musste, um - ich will nicht sagen, keine Fehler - aber doch möglichst wenig Fehler zu machen. "

Besonders schwierig gestaltete sich die Recherche für den zweiten Band, die Wanderung durch Ungarn und Rumänien.

" Es ist ja eine Welt, die mittlerweile zum großen Teil versunken ist, manches im wahrsten Sinn des Wortes in Donau-Stauseen. Fermor ist durch Länder und Kulturen gereist, die es nicht mehr gibt. Und gerade wenn es ums Historische geht, ist das Wunder Internet dann doch schnell zu Ende, weil man zwar alle möglichen aktuellen Informationen bekommt, aber nicht unbedingt herausfindet, wie denn ein ungarischer Ort vor 40 Jahren geheißen hat oder wie die Fellmütze, die irgendwelche Hirten aufhaben, bei uns genannt wird. "

Alle Nachschlagewerke im Hause von Gabriele und Manfred Allié wurden gewälzt, Kollegen per Email konsultiert, Geschichtsbücher und Romane durchforstet und nicht zuletzt alte Menschen ausfindig gemacht, die in diesen untergegangenen Welten aufgewachsen sind und sich noch an die alten deutschen Begriffe für dies und jenes erinnern. Übersetzen gilt als das genaueste Lesen und so ist Manfred Allié bei der Arbeit auf eine der Inspirationsquellen seines Autors gestoßen:

" Wenn man ein Wort kennt, und sagt, da passt aber keine Bedeutung - es gibt vielleicht drei oder vier und nichts passt - , dann schlägt man nach und es gibt eine ganz entlegene, die man noch nie gehört hat: das ist dann die, die er verwendet. Er macht das nie, wie manche ihm vorwerfen, um zu prahlen, sondern aus einer Art Sammlerfreude, er sammelt das Entlegene, die komischen Ausdrücke. Ich habe mich zum Beispiel fürchterlich gequält (und auch geärgert) über heraldische Beschreibungen, wo er ganz genau Wappen und die Gewänder von Landsknechten beschreibt. Nach einer Zeit habe ich gemerkt, das ist keine versponnene Gelehrsamkeit, sondern Freude an diesen verrückten Ausdrücken, mit denen das beschrieben wird. Da ich ihn mittlerweile lieb gewonnen hatte, wollte ich diese Freude natürlich auch mitteilen und so gut wie möglich nachbauen. Und da habe ich mir eben Bücher zur Wappenkunde gekauft, um das irgendwie hinzubekommen. "

Der Übersetzer hat es "hinbekommen" und nicht nur "irgendwie" - freuen wir uns also auf den dritten Teil von Patrick Leigh Fermors Wanderung durch Europa, ins Deutsche gebracht von Manfred und Gabriele Allié.

Patrick Leigh Fermor, Die Zeit der Gaben. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von Hoek van Holland an die Mittlere Donau. Der Reise erster Teil. Aus dem Englischen von Manfred Allié. Dörlemann Verlag, Zürich 2005, 415 Seiten.

Patrick Leigh Fermor, Zwischen Wäldern und Wasser. Zu Fuß nach Konstantinopel: Von der mittleren Donau bis zum Eisernen Tor. Der Reise zweiter Teil. Aus dem Englischen von Manfred und Gabriele Allié. Dörlemann Verlag, Zürich 2006, 365 Seiten.

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