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StartseiteEine WeltWie ein Wollknäuel aus zwei Fäden26.02.2011

Wie ein Wollknäuel aus zwei Fäden

"Ein-Staaten-Lösung" als Utopie für den Nahen Osten

Nach dem Scheitern der Verhandlungen wollen einige Israelis und Palästinenser den Frieden auf einem völlig anderen Weg erreichen. Über die utopische Idee von der "Ein-Staaten-Lösung" diskutieren Siedler, Palästinenser und israelische Araber.

Von Sebastian Engelbrecht

Grenzzaun an der Grenze Israels zum besetzten Westjordanland (Deutschlandradio - Janine Wergin)
Grenzzaun an der Grenze Israels zum besetzten Westjordanland (Deutschlandradio - Janine Wergin)

Wer heute die Vision von der Zwei-Staaten-Lösung auf einer Landkarte entwerfen will, der kann keine klaren Linien mehr ziehen. Israelische Siedlungen sind über das Ganze palästinensische Westjordanland verstreut. Ost-Jerusalem ist ein Flickenteppich aus jüdischen und arabischen Stadtteilen geworden. Aber nicht nur in dem Gebiet, das der Kern des Staates Palästina werden sollte, leben Juden und Araber in benachbarten Siedlungen nebeneinander. Auch in Israel selbst sind 20 Prozent der Bevölkerung Araber. Die Koexistenz beider Völker in einem Land ist ein Faktum. Und sie ist nicht mehr zu entwirren – wie ein Wollknäuel aus zwei Fäden. Deshalb fordert der israelische Historiker Ilan Pappe:

"Wir denken, dass die Welt ein neues Paradigma braucht, eine neue Perspektive einnehmen muss im Blick auf Israel und Palästina. Wir stecken fest. Und ich denke, dass wir ernsthaft über die Idee einer Ein-Staaten-Lösung nachdenken sollten. Ich denke, das Bemerkenswerte an der Ein-Staaten-Lösung ist doch, dass es da zumindest eine Korrespondenz zwischen der Realität vor Ort und der Idee gibt."

Eine Zwei-Staaten-Lösung würde allenfalls ein palästinensisches "Bantustan" ermöglichen, ein Leben in Enklaven zwischen israelischen Siedlungsgebieten. Dieses Rumpf-Palästina hätte kein eigenes Militär und würde seine Grenzen nicht selbst kontrollieren können. Deshalb läuft im Nahen Osten alles auf eine Ein-Staaten-Lösung zu - meint auch der Palästinenser Sari Nusseibeh, Philosophie-Professor und Präsident der Al-Quds-Universität in Ost-Jerusalem.

"Wenn wir anfangen, den rutschigen Abhang in Richtung Ein-Staaten-Lösung hinabzugleiten und sie erreichen, dann wird das mit Gewalt geschehen und nicht, weil wir es wollen, beide Seiten. Sondern weil wir nicht klug genug waren, die Trennung zu vollziehen und zwei Staaten zu bilden. Auch wenn man heute zwei Staaten bilden würde, dann könnte man trotzdem weiter auf einen Staat hinarbeiten. Wenn beide Seiten das wollen – über eine Art Föderation oder Konföderation irgendwann später."

Anders als Sari Nusseibeh es sich vorstellt, könnte man die Ein-Staaten-Lösung auch zum politischen Programm erheben. Genau das hat sich ein unabhängiges Forum vorgenommen, dem etwa 60 Menschen aus allen Teilen des Landes angehören: jüdische Israelis, arabische Israelis und Palästinenser. Die Gruppe trifft sich seit einem halben Jahr. Das Erstaunlichste: Sogar vier jüdische Siedler gehören dazu. Muhammad Jabali, 31 Jahre alt, israelischer Araber aus Jaffa, hat vor drei Wochen zum ersten Mal an einem Treffen des Forums teilgenommen.

"Es war wirklich komisch. Ich war ziemlich angespannt. Ich glaube, es war das erste Mal, dass ich an einem runden Tisch mit Siedlern saß und nicht nur gegen sie argumentiert habe. Es war das erste Mal, dass ich mit ihnen diskutiert und nicht gestritten habe. Aber vor dem Treffen war ich sehr angespannt, muss ich sagen, ich hatte große Zweifel."

Noch tagt das Forum unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Es besteht vor allem aus jungen Intellektuellen, Juristen, Geschäftsleuten. "Eretz Joschweha", "Das Land seiner Einwohner" nennt sich die Gruppe. Eliaz Cohen, jüdischer Siedler aus Kfar Etzion bei Bethlehem, 39 Jahre alt, macht begeistert mit.

"Ich strebe nach einem demokratischen, säkularen, sozialistischen Staat, der Religionsfreiheit im Rahmen der demokratischen Freiheiten gewährt. Religionsfreiheit für alle Religionen, die es hier gibt, denn wir dürfen nicht vergessen, dass es sich hier um das Heilige Land handelt – alle Religionen laufen hier wie in einer Kapsel zusammen."

Eliaz Cohen wendet sich gegen den Rassismus unter radikalen Siedlern, die den Palästinensern faktisch das Existenzrecht in diesem Land absprechen. Alle seien Kinder Abrahams, Araber wie Juden, meint der Schriftsteller Cohen – und für alle sei im Land zwischen Mittelmeer und Jordan Platz. Sogar für die palästinensischen Flüchtlinge, die heute im Exil lebten. Mit einem Siedler, der solche Ansichten vertritt, lasse sich reden, findet der Palästinenser Muhammad Jabali, Wirtschaftswissenschaftler und Café-Betreiber aus Jaffa.

"Jede Lösung, die die Palästinenser in Israel zwingt, für immer in einem jüdischen Staat zu leben, ist in Wahrheit dieselbe Apartheid, die wir jetzt erleben. Das ist also keine Lösung für uns. - Ich spreche also eindeutig von einem Staat für alle seine Bürger.
Über einen demokratischen, säkularen Staat. Aber ich spreche nicht über eine liberale Demokratie, in dem Sinne, dass wir das nehmen, was wir im Moment haben und allen die Staatsbürgerschaft geben. Ich denke, dass auch das nicht wirklich genug ist."

Für Jabali ist klar, dass der eine Staat für Israelis und Palästinenser kein jüdischer Staat sein darf. Ist das für den zionistischen Siedler Eliaz Cohen nicht inakzeptabel?

"Ich verzichte nicht auf den Zionismus oder den zionistischen Staat. Denn ich denke, dass es in diesem Raum sowohl einen Ausdruck für unsere, die nationale Besonderheit der Juden geben muss, in Form des Zionismus, als auch für die palästinensische nationale Eigenheit. Das heißt, ich denke, dass innerhalb dieses Modells irgendeine Autonomie bewahrt werden muss, vor allem, was Religion, Erziehung und Kultur angeht – nationale Symbole also, aber ohne sie dem anderen überzustülpen."

Über die Details ihrer Vision diskutieren Israelis und Palästinenser in ihrem "Ein-Staaten-Forum" noch – ob es wirklich ein gemeinsamer Staat sein muss oder eine Föderation oder eine Konföderation – und ob nicht auch Jordanien Teil dieses Staatengebildes werden muss.

Die Mehrheit der Israelis empfindet solche Gedankenspiele als Schreckens-Szenario radikaler politischer Kräfte. Die Vorstellung, die Juden könnten in dem gemeinsamen Staat in der Minderheit sein, ist für die meisten eine Angstfantasie. Eliaz Cohen hat keine Angst. Er rühmt das israelisch-palästinensische Dialog-Forum.

"Heute bin ich fähig, die Geschichte aus beiden Blickwinkeln zu betrachten und zu verstehen, dass es sich hier um eine gemeinsame Tragödie handelt und auch eine große gemeinsame Herausforderung. Im selben Land. Und in diese Richtung will ich gehen."

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