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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenWie genetisch gestaltbar ist der Mensch?24.06.2010

Wie genetisch gestaltbar ist der Mensch?

Die Berlin-Brandenburgische Akademie tagt über unsere biologische Zukunft

Die Genforschung eröffnet vom Heilenden bis Selektiven atemberaubende bis horrende Möglichkeiten der Mensch-Manipulation. Wollen wir das? Wo sind die Grenzen? Wer bestimmt über Aussehen und Lebenswürdigkeit?

Von Bettina Mittelstraß

DNA-Probe (AP Archiv)
DNA-Probe (AP Archiv)

"Wir greifen ins Innerste des Funktionierens des menschlichen Körpers ein. Es klappt noch nicht alles, aber es wird eine ganze Menge schon gemacht und sehr viel wird als Vision entwickelt. Da bin ich überzeugt, dass das in diesen Jahrzehnten sehr stark zunehmen wird: die Konstitution des menschlichen Körpers zu verändern."

Jens Reich ist den meisten als Bürgerrechtler und Essayist bekannt. Als Molekularbiologe und Mitglied des Deutschen Ethikrates sprach er am Dienstagabend in der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften über die Zukunft des Menschen als biologisches Wesen. Die moderne Genforschung will viel und kann schon viel. Ihr Einsatz wird uns Menschen zunehmend ändern. Forschung und Technik zielen derzeit auf erblich beeinflusste Krankheiten und Zivilisationskrankheiten. Man will Ursachen erkennen und therapieren, die Menschheit auf lange Sicht für ein langes Leben gesünder machen.

"Also, Diagnose geht schon eine Menge, wenn man nur weiß, was man suchen will. Das ist manchmal schwierig. Therapie ist - davor haben die Götter noch ganz viele Steine gesetzt. Die Gene-reparierende Therapie ist immer noch Zukunftsmusik, allerdings keine ferne."

Im Auditorium saßen viele Schülerinnen und Schüler im Alter von 18 und 19 Jahren. Für sie und ihre Kinder wird der Blick ins eigene Genom und die neuen biotechnologischen Möglichkeiten Alltag sein.

"Junge Menschen werden voll in diesen neuen Technologien leben in zehn, 20, 30 Jahren. Zum Beispiel ihre Entscheidung bezüglich Kinderbekommen, und welche Kinder, was für Kinder bekommen? Das zeichnet sich klar ab und wird in Zukunft ein Problem sein. Diese Entscheidung ist zu treffen: Will ich ein Kind ganz auf natürliche Weise haben? Will ich irgendwie dieses Kind besser ausstatten, optimieren? Mit vielleicht gentechnischen Methoden? Das ist Zukunftsmusik. Aber was jetzt schon Gegenwartsmusik ist, ist, dass man in Familien vermeiden kann, dass schwere genetische Defekte auftreten. Also solche, die durch ein, zwei Gene lokalisierbar sind."

Wie soll man zukünftig mit den neuen Möglichkeiten für sich und die Nachkommen umgehen? Will man wissen, ob man eine Krankheit in sich trägt, die vielleicht oder auch sicher eines Tages ausbrechen wird? Muss man sich informieren? Welche Konsequenzen hat der Fortschritt der Präimplantationsdiagnostik? Jens Reich:

"Das sind alles Fragen, die in Bewegung sind, und wo auch die gegenwärtige gesetzliche Lage nicht stabil ist, sondern ich denke, dass es früher oder später ein neues Fortpflanzungsgesetz in Deutschland geben wird. Und das sind Entscheidungen, wo die jungen Menschen Bescheid wissen müssen! Denn es betrifft sie selbst. Es ist nicht etwas, was auf dem Mond stattfindet oder in irgendwelchen Kliniken."

Genau deswegen sind die Schüler gekommen. Denn der Vortrag von Jens Reich ist eingebettet in ein neues Angebot, das die Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften neben Schülerlaboren und Schülertagen bietet. GeistesWERKstatt heißt die von der Robert-Bosch Stiftung geförderte Sommerakademie, die eine Woche dauert und sich an Schülerinnen und Schüler in geisteswissenschaftlichen Leistungskursen der Jahrgangsstufen 11 und 12 richtet. Zwölf intensive Workshops mit Wissenschaftlern der Akademie und aus externen Institutionen erwarten sie. Yvonne Pauly, die Koordinatorin für Akademie und Schule, organisierte die GeistesWERKstatt in diesem Jahr zum Thema "Mein Genom und ich".

"Es geht also um die Konsequenzen, die die rasenden Fortschritte in der biomedizinischen Forschung auf, ja, unser Menschen- und Weltbild haben. Die Konsequenzen in juristischer, ästhetischer, philosophischer, theologischer Hinsicht."

Dienstagnachmittag zu Gast in Workshop Sechs. Schüler diskutieren angeregt in kleinen Gruppen. Es geht um Gentests und die Schwierigkeit der Entscheidung: Soll man Kinder testen, wenn in der Familie eine genetisch vererbbare Krankheit auftritt? Soll man Kinder durch künstliche Befruchtung zeugen und Embryonen auswählen? Arbeitsgrundlage sind zwei Fallbeispiele, vorgelegt von Vertretern aus der Geschäftsstelle des Deutschen Ethikrates. Der Leiter der Geschäftsstelle, Joachim Vetter:

"Die Schüler erarbeiten sich bestimmte Perspektiven. Sozusagen die Perspektive des Kindes - was sagt das Kind in der Situation? Wenn ich als Mädchen dann mit BA-CA Brustkrebs oder einem Gen dafür auf die Welt komme, spielt das für mich eine Rolle? Oder sag ich mir: Naja, in 30, 40 Jahren kann man das sowieso heilen. Dann gibt es die Frau und die Mutter, dann gibt es den Partner mit dem Vater und die Perspektive des Arztes. Was sagt der eigentlich dazu? Wie berät der eigentlich? Was sagt er zu den Risiken? Und dann letztlich auch die Perspektive Arbeitgeber, Versicherung."

Zur Präsentation der Ergebnisse gehört dann auch, dass die Schüler generelle ethische Fragen aufwerfen, die sich mit der Möglichkeit von Gentests verbinden.


"Wählen wir in Zukunft aus, wer geboren werden darf? Findet die Selektion der Menschen, die auf dieser Welt sein dürfen, statt, bevor sie überhaupt leben? "

"Und wenn wir jetzt für jeden Gentests machen, ist es dann überhaupt tragbar zu sagen: So, in 30 Jahren hast du dann das. Und in 40 Jahren kommt noch das dazu."

"Und wenn man es von vorneherein weiß, ist man dann auch dazu verpflichtet seinem Partner zu sagen, dass man mit 50 nicht mehr leben wird?"

Das Niveau der Reflexion ist hoch. Die Fragen, die die Schüler beschäftigen, unterscheiden sich kaum von denen des Deutschen Ethikrats. Und man merkt, dass die jungen Menschen wissen, dass sie in ihrem Leben mit solchen Entscheidungen konfrontiert sein werden. Im Internet preisen amerikanische Firmen bereits jetzt Gentests an. Nina Stegler, 18 Jahre alt und Schülerin am Melanchthon Gymnasium in Berlin-Hellersdorf, will mithilfe der Workshop Arbeit an der Akademie eine Haltung dazu finden.

"Wenn ich an meine zukünftige Familie denke, dann muss ich mir darüber im Klaren sein, was ich denke und was ich fühle. Und ich glaube, dafür ist das hier sehr maßgeblich, um halt meine Welt besser wahrzunehmen und sie später auch mal weiterzugeben."

Am Ende beruhigt es die Schüler ein wenig zu erfahren, dass die Selektion von Embryonen zumindest in Deutschland noch verboten ist.

"Ich finde das ist ganz gefährlich. Das kann man beinahe als Euthanasie betrachten, also im Voraus halt schon. Und das ist was ganz Schreckliches und ich hoffe, das wird nie passieren. Weil im schlimmsten Fall wird das dann so, dass man einen Katalog hat und sagt: Mein Kind soll gerne blonde Haare haben, grüne Augen, mittelgroß sein, niemals dick werden - also, alles solche Dinge. Und das wäre ganz furchtbar."

Am Ende des Arbeitstages mit den Schülern macht sich Zuversicht breit, dass sich die Gesellschaft sich nicht völlig unüberlegt in eine hausgemachte und beschleunigte Evolution werfen wird. Joachim Vetter jedenfalls ist von "seinen" Schülerinnen und Schüler beeindruckt.

"Es gibt schon so etwas wie eine intuitive Ethik bei den Menschen. Es gibt einen gesunden Menschenverstand. Und wenn man denen ein bisschen Info vorweg gibt, dann kommen die auch dazu, die Grundsachen für sich sehr schnell zu entscheiden: Was ist richtig und was ist falsch? Das steckt drin."

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