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StartseiteCampus & KarriereWie lerne ich Turbo-Lesen?29.03.2006

Wie lerne ich Turbo-Lesen?

Gehirntraining mit Campus & Karriere

Es gibt Leseratten und Lesemuffel. Doch was im Sessel zu Hause Luxus ist, das ist an der Uni oder am Arbeitsplatz Pflicht: Ohne das Durcharbeiten von Papierbergen oder das Überfliegen von Webseiten geht heute nichts mehr. Doch schnelles, effektives Text-Erfassen will gelernt sein. Deshalb gibt es auf dem Bildungsmarkt immer mehr Anbieter so genannter Turbo-Lese-Kurse.

Von Jens P. Rosbach

Lesestoff für einen Abend? (AP)
Lesestoff für einen Abend? (AP)

" Okay. Alles Klar? Auf die Plätze, fertig, los!"

Trainer Friedrich Hasse ist unbarmherzig. Er hat eine Riesen-Stoppuhr mitgebracht: eine Digitaluhr mit leuchtend roten Ziffern. Alle paar Minuten stellt er eine Lese-Aufgabe - und drückt den Startknopf.

" Auf die Plätze, fertig, los!"

Die Kursteilnehmer: 15 Studierende und Akademiker, die zwei Tage lang Worterkennungs- und Verständnis-Übungen absolvieren. Die Zeit, die sie dafür jeweils benötigen, wird mit Bleistift protokolliert - sekundengenau.

" Auf die Plätze, fertig, los!"

" Ich habe beruflich viel zu lesen und leide praktisch unter einer Papierflut. Und ich möchte schneller durchkommen und auch den Inhalt dazu haben./Ja, der Zeitdruck, der dann zu den Klausuren anfällt. Und man schafft dann die vorgenommene Zeit nicht/Man erwischt ja immer wieder, dass man zu lange an irgendwelchen Texten hängt, die einem nicht unbedingt Spaß machen und deswegen habe ich mich in der Vergangenheit auch immer wieder erwischt, dass man ja lieber das Katzenklo macht, als die wichtigen Texte zu lesen, ne."

Zwischen den Übungen: Wahrnehmungs-Theorie. Trainer Hasse räumt erst einmal mit alten Klischees auf. Etwa mit dem Klischee vom "fließenden Lesen".

" Wir müssen uns erst mal klar machen: Lesen ist immer ein Prozess von Fixierungen. Lesen heißt springen - von einer Symboleinheit zur nächsten."

Das Auge springe zwar, aber der Abstand zwischen den überflogenen Worten sei meistens zu gering, weiß der Experte. Man lese viel zu gründlich - wie in der Grundschule - und zu viel Nebensächliches. Deshalb: Mut zur Lücke!

" Und um wirklich herausfinden zu können, was eigentlich möglich wäre an Geschwindigkeit, ist es notwendig, dass wir zumindest vorübergehend mal ein bisschen loslassen, laufen lassen, locker lassen und es nicht zu genau nehmen. Und deshalb sag ich mal ganz provokant, ich erwarte von Euch, dass Ihr bei dieser Übung mindestens drei Fehler macht! Wenn Ihr die nicht macht, dann habt Ihr noch nicht festgestellt, wie schnell Ihr eigentlich sein könntet."

Nach der "Augengymnastik" geht's darum, in den Texten so genannte Sinn-Signale - wie Substantive und Verben - schneller zu erkennen. Diese sollen dann im Kopf zu möglichst großen Sinn-Einheiten verknüpft werden. Das anvisierte Ziel: das fixe Springen von Sinneinheit zu Sinneinheit - das Turbolesen. Hasse:

" Man kann sich zum Beispiel mal überlegen: Angenommen man liest jeden Tag anderthalb bis zwei Stunden, dann würde eine Verbesserung der Leseeffizienz um nur 25 Prozent - also 25 Prozent schneller lesen und mindestens so viel verstehen wie vorher - im Jahr eine Ersparnis von immerhin 14 Arbeitstagen erbringen. Und 25 Prozent Verbesserung - das ist eigentlich das Minimum, was man hier im Kurs erwarten dürfte."

Anbieter des Spezial-Kurses ist die Weiterbildungsfirma "Improved Reading". Sie führt ihre Lese-Seminare bundesweit an Hochschulen durch - sowie in Unternehmen und Behörden, bis hin zur UNO. Die Wirksamkeit der Schulung ist belegt: So haben Kommunikationsforscher der Freien Universität Berlin eine deutliche Steigerung von Lesegeschwindigkeit und Verständnis durch den Kurs festgestellt. Die Teilnehmer merken es häufig schon nach wenigen Stunden:

" Es ist sehr informativ und ich sehe, dass ich von Übung zu Übung doch Fortschritte mache."

Kleine Aufgabe, um das "Springen des Auges" zu trainieren: Man lese einen Text so oft hintereinander, bis man automatisch nur noch die Schlüsselwörter wahrnimmt. Das Aha-Erlebnis, Füllwörter großzügig vernachlässigen zu können, hilft dann auch bei neuen, bei unbekannten Passagen. Hasse:

"Nehmen Sie doch einfach mal einen Text und eine Stoppuhr zur Hand! Und lesen Sie so schnell Sie können zwei Minuten lang diesen Text, markieren Sie sich die Stelle, bis zu der Sie gekommen sind und lesen denselben Text dann noch mal zwei Minuten lang - und versuchen aber jetzt schneller zu sein. Und dann machen Sie das ganze noch mal! Noch mal zwei Minuten und versuchen wiederum, Ihr voriges Ergebnis zu übertreffen. Und dann, beim vierten Durchgang, stoppen Sie wieder die Zeit - aber jetzt lesen Sie ab der Stelle, bis zu der Sie vorhin gekommen sind. Und Sie werden vermutlich feststellen, dass Sie jetzt sehr viel schneller lesen, als Sie es beim ersten Durchgang getan haben."

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