• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
Seit 00:05 Uhr Lange Nacht
StartseiteWissenschaft im BrennpunktWissen und Macht10.09.2006

Wissen und Macht

Fünf Jahre nach dem 11. September hadern US-Forscher mit der Wissenschaftspolitik ihrer Regierung

Der 11. September 2001 hat auch die Wissenschaftslandschaft in den Vereinigten Staaten gründlich verändert. Von 2002 bis 2004 hat die Regierung die öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung ungewöhnlich stark erhöht. Die zusätzlichen Mittel für die Verteidigungsforschung fließen fast ausschließlich in die Entwicklung neuer Waffensysteme und ähnliche, der Geheimhaltung unterliegende Projekte.

Von Ralf Krauter

Durchleuchtung am Flughafen (AP)
Durchleuchtung am Flughafen (AP)

" In den USA hat die Politik die Wissenschaft vereinnahmt."

" Die Beziehung zwischen Wissenschaftlern und Regierung hat bereits ziemlichen Schaden genommen. "

11. September 2001: Der Tag, der die Welt veränderte.

Als US-Präsident George W. Bush am Abend eine Fernsehansprache hält, haben die Bilder längst die gesamte westliche Welt in kollektiven Schockzustand versetzt: Zwei voll besetzte Passagierflugzeuge, von Terroristen gekapert und in die Türme des World Trade Centres gesteuert.

Das Inferno in Manhattan machte die Vereinigten Staaten vor fünf Jahren zu einem Land im Ausnahmezustand. Der Schutz vor weiteren Terroranschlägen bekam oberste Priorität. Ein Paradigmenwechsel, der das Leben der US-Bürger von Grund auf veränderte.

Alan Leshner ist der Chef der weltweit größten Wissenschaftsorganisation. Als Manager der amerikanischen Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft, kurz AAAS, spricht er für Forscher aus allen Disziplinen. Der 11. September 2001 sagt er, habe auch die Wissenschaftslandschaft in den USA dramatisch verändert.

" Bioterrorismus zum Beispiel - das war vor dem 11. September nie ein Thema. Oder Sicherheit im Flugverkehr und der Schutz vor Angriffen aus dem Internet: Diese Themen hatten zuvor nur ein paar Leute interessiert. Nun bekamen sie zentrale Bedeutung für den Schutz der Landesgrenzen. Die Wissenschaft hatte plötzlich eine neue Forschungsagenda."

Die neuen Prioritäten führten zu einer massiven Aufstockung und Umverteilung der staatlichen Forschungsetats. Von 2002 bis 2004 hat die Regierung die öffentlichen Ausgaben für Forschung und Entwicklung ungewöhnlich stark erhöht. Jährliche Steigerungen von über 10 Prozent ließen die öffentlichen Mittel von knapp 100 Milliarden Dollar im Jahr 2001 auf 135 Milliarden Dollar im aktuellen Steuerjahr anwachsen. 57,5 Prozent davon entfallen auf Waffen- Sicherheits- und Rüstungstechnologie - der höchste Anteil seit dem Ende des kalten Krieges. Die zusätzlichen Mittel für die Verteidigungsforschung fließen fast ausschließlich in die Entwicklung neuer Waffensysteme und ähnliche, der Geheimhaltung unterliegende Projekte.

" Der 11. September führte auch zu Einschränkungen der Reisefreiheit. Für ausländische Wissenschaftler und Studenten ist es heute schwerer, ein Visum zu bekommen. "

Die monatelangen Wartezeiten bei der Visa-Erteilung bremsen den Zustrom kluger Köpfe, auf den die Wissenschaftsweltmacht USA angewiesen ist: Jeder fünfte Wissenschaftler oder Ingenieur in den USA wurde nicht in den Vereinigten Staaten geboren; in den mathematisch-naturwissenschaftlichen Fächern geht jeder zweite Doktortitel an Studenten aus dem Ausland. Ohne die Studiengebühren der internationalen Gäste, wären viele Graduiertenprogramme an amerikanischen Universitäten nicht finanzierbar.

Doch die verschärften Visa-Regeln führten dazu, dass die begehrten ausländischen Studenten den USA den Rücken kehrten. Im Studienjahr 2003/2004 sank ihre Zahl um 2,4 Prozent auf 573 000 - der stärkste Einbruch seit 30 Jahren. Im letzten Jahr sank die Zahl internationaler Studenten um weitere 1,3 Prozent. Eine bedenkliche Entwicklung, die die amerikanische Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft AAAS, seit 2003 anprangert. Wirklich gelöst sei das Problem aber noch immer nicht, beklagt Alan Leshner.

" Die zuständigen Behörden arbeiten daran, die Visa-Vergabe zu beschleunigen. Aber jedes Mal, wenn wir denken, das Problem sei gelöst, taucht irgendein neuer bizarrer Fall auf. Ein Wissenschaftler aus Indien zum Beispiel, wartete monatelang auf ein Visum, um eine Gastprofessur in Florida antreten zu können. Der Konsularbeamte verstand nicht, worum es bei seiner Forschung ging und hatte Angst, sie könnte die Sicherheit in den USA gefährden. Als der Wissenschaftler am Ende doch noch ein Visum bekam, hatte er keine Lust mehr in die USA zu kommen."

Goverdhan Mehta heißt der Chemiker aus Bangalore, dessen Liste internationaler Auszeichnungen ihn eigentlich über jeden Verdacht erhaben macht. Entsprechend hoch schlugen die Wogen im Februar 2006 in Indien, als der Fall publik wurde. Und es ist nur einer von vielen.

Geschichten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten
John McCourt, ein junger Professor aus Irland, kannte sich sehr gut aus mit den Schriften des irischen Dichters James Joyce. Sein Fachwissen war so gefragt, dass ihn eine Universität fern seiner Heimat einlud, ihre Studenten zu unterweisen. John McCourt freute sich über das Angebot und machte sich auf den Weg in das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Bei seiner Ankunft gab es aber leider Probleme. Als Grenzbeamte seine Einreisepapiere kontrollierten, entdeckten sie, dass der irische Professor vergessen hatte, einige wichtige Felder auszufüllen. Das machte ihn in ihren Augen verdächtig. Um sicher zu gehen, dass der Mann nichts Böses im Schilde führte, ließen sie ihn eine Nacht in einen Kerker sperren, wo er jede Stunde von Polizisten geweckt wurde und seinen Namen sagen musste. Am nächsten Morgen setzten die Grenzschützer John McCourt in den nächsten Flieger zurück nach Europa - mit der Auflage, vor der nächsten Einreise seine Papiere in Ordnung zu bringen. Der junge Mann tat, wie ihm geheißen, und versuchte sein Glück kurz darauf erneut - diesmal mit Erfolg. John McCourts Hartnäckigkeit zahlte sich aus. Und so lebt er bis heute im Land der unbegrenzten Möglichkeiten und unterweist Studenten.

20. September 2001: 9 Tage nach den Terroranschlägen in New York und Washington verkündet US-Präsident George W. Bush die Einrichtung des Ministeriums für Heimatschutz - eine neue Behörde, die die landesweiten Maßnahmen zur Terrorabwehr koordinieren soll.

" Die neuen Forschungsprioritäten führten zu massiven finanziellen Umschichtungen. Vor dem 11. September 2001 gab es ja noch kein Ministerium für Heimatschutz. Aber noch im selben Jahr bekam es einen enormen Forschungsetat bewilligt. Ein Teil dieses Geldes waren zusätzliche Mittel, aber ein Teil kam von anderen Einrichtungen - etwa von der für Grundlagenforschung zuständigen national science foundation, die seit vielen Jahren erstmals weniger Geld bekam. Enorme Summen wurden auch in die Bioterrorismus-Forschung der nationalen Gesundheitsinstitute gesteckt. Auch da wurde ein Teil der Mittel anderswo eingespart. Die von der Politik vorgegebenen neuen Schwerpunkte haben die Forschungslandschaft also wirklich beeinflusst. Ein Teil dieser recht einseitigen Veränderungen wird nun wieder korrigiert. Es hat sich herumgesprochen, dass eine breit aufgestellte Forschung der beste Weg ist, sich auf alle Eventualitäten vorzubereiten. "

Im Rahmen der Anfang 2006 ausgerufenen Initiative zur Steigerung der Wettbewerbsfähigkeit will die Regierung nun die Grundlagenforschung deutlich stärker fördern. Der Etat der national science foundation zum Beispiel soll innerhalb der kommenden 10 Jahren verdoppelt werden. Ein deutliches Signal, das sich AAAS-Chef Alan Leshner allerdings schon früher gewünscht hätte. Doch veränderte Prioritäten hin, durchwachsene Finanzierungssituation her - was ihm und anderen Kennern der US-Forschungslandschaft in den letzten Jahren mehr Sorge macht, ist etwas anderes. Es ist der erstaunlich unverhohlene Versuch der Regierung, die Wissenschaft für ihre Zwecke zu instrumentalisieren.

" In den USA hat die Politik die Wissenschaft vereinnahmt."

" Die Beziehung zwischen Wissenschaftlern und Regierung hat bereits ziemlichen Schaden genommen."

" Es ist besorgniserregend, wenn Politiker Informationen verändern, um ihre Sichtweise zu stützen."

Der 11. September 2001 verrückte die Maßstäbe der amerikanischen Außen- und Innenpolitik. Der bis dahin blasse Präsident George W. Bush hatte plötzlich eine Mission. Nachdem er dem internationalen Terrorismus den Krieg erklärt hatte, taten sich zur Differenzierung neigende Zeitgenossen schwer, im weißen Haus Gehör zu finden. Die Welt wurde in Freund und Feind eingeteilt. Und das bekam auch mancher Wissenschaftler zu spüren, dessen Meinung der Regierung nicht ins Konzept passte - sagt Michael Halpern, Sprecher der Wissenschaftlervereinigung Union of Concerned Scientists.

" Anfang 2004 beklagte eine Reihe von Forschern, die Bush-Regierung hätte die Wissenschaft in einem nie da gewesenen Ausmaß missbraucht."

" Das Spektrum der politischen Übergriffe reicht von der fragwürdigen Besetzung wissenschaftlicher Beratungsgremien über die Manipulation von Forschungsergebnissen bis hin zum Maulkorb für Klimaforscher. "

Um die Missstände publik zu machen, unterzeichnete am 18. Februar 2004 eine Reihe führender Forscher einen Aufruf zur Wiederherstellung der wissenschaftlichen Integrität in der Politikberatung.

" Unter den 62 Unterzeichnern waren renommierte Forscher, die auch schon frühere US-Präsidenten beraten hatten. Und die bestätigten alle: So schlimm war es noch nie und es muss sich etwas ändern."

Mittlerweile haben 10.000 Forscher den Appell für wissenschaftliche Integrität unterzeichnet. Um die öffentliche Wahrnehmung zu stärken, dokumentiert die Union of Concerned Scientists auf ihrer Internetseite politische Übergriffe der letzten Jahre. Die Liste ist lang.

" Als die Regierung vor einigen Jahren die Emissionsstandards für Kohlekraftwerke lockern wollte, liefen mehrere Studien zu den Gesundheitsgefahren durch Quecksilber - unter anderem bei der Umweltschutzbehörde EPA. Weil die Ergebnisse eindeutig gegen eine Lockerung der bestehenden Grenzwerte sprachen, wurde ihre Veröffentlichung verzögert."

Unliebsame Forschungsergebnisse in der Schublade vergammeln zu lassen, sei eine gängige Praxis der Regierung, sagt Michael Halpern. Die Besetzung wichtiger Beratergremien mit linientreuen Vasallen eine andere. So geschehen bei der Debatte um schärfere Blei-Grenzwerte.

" Vor der Sitzung des Beratergremiums, ersetzte die Regierung zwei kritische Wissenschaftler durch Experten, die lange im Dienste der Blei-Industrie gestanden hatten. Beide hatten seit Jahren keine wissenschaftlichen Arbeiten mehr publiziert, aber es war klar, dass sie im Sinne der Regierung abstimmen."

Loyalität statt wissenschaftlicher Expertise, Interessenvertreter statt unabhängiger Fachleute - die Studien der Union of Concerned Scientists zeigen: Die Gängelung unbequemer Wissenschaftler hat System.

" Wir haben die Wissenschaftler dreier großer staatlicher Forschungseinrichtungen befragt. Die Antworten waren ziemlich konsistent: Jeder fünfte Forscher, der an der Umfrage teilnahm, wurde schon einmal angehalten, Daten zu manipulieren, Berichte zu fälschen oder irgendetwas ähnliches zu tun, was mit Wissenschaft unvereinbar ist."

Insbesondere Klimaforscher haben derzeit einen schweren Stand. Der republikanische Kongressabgeordnete Joe Barton aus Texas - der Vorsitzende des Ausschusses für Energie und Wirtschaft - inszenierte im Sommer 2005 einen regelrechten Feldzug gegen drei renommierte Klimaforscher und deren Studien zur Erderwärmung. In einem Rundbrief verlangte Joe Barton von den Wissenschaftlern, innerhalb von drei Wochen die Daten, Methoden und Finanzierungsquellen ihrer gesamten Forscherkarriere offen zu legen. Dieser Spießrutenlauf für Wissenschaftler sorgte seinerzeit für eine Menge Wirbel, bevor er schließlich vom republikanischen Vorsitzenden des Wissenschaftsausschusses gestoppt wurde. Seine Begründung: Joe Barton ginge es nicht um wissenschaftliche Klarheit, sondern um politische Einschüchterung.

Geschichten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Der Rechtsgelehrte Philip Cooney hatte sich den Respekt seiner Vorgesetzten durch seinen unermüdlichen Einsatz für ihre Interessen verdient. Die Chefs der größten Öl- und Gaskonzerne im Land der unbegrenzten Möglichkeiten hielten große Stücke auf ihn und freuten sich mit ihm, als ihn der Präsident ins weiße Haus berief - als Stabschef seines Umweltrates. Philip Cooney nutzte die Gelegenheit, um den einen oder anderen Bericht umzuschreiben, der auf seinem Schreibtisch landete. Passagen über die Wirkung von Treibhausgasen lasen sich danach immer weniger dramatisch - schließlich waren die Zusammenhänge ja umstritten und bis zur endgültigen Klärung gab es keinen Grund, Hiobsbotschaften zu verbreiten. Doch leider sah das ein fieser Geschichtenerzähler anders und brachte die Sache unters Volk. Zu allem Unglück schaffte es der böse Schreiberling, die Menschen zu überzeugen, dass das im weißen Haus gängige Umschreiben wissenschaftlicher Berichte verwerflich sei. Philip Cooney musste sich einen anderen Job suchen. Zum Glück wurde er aber schnell fündig. Ein großer Ölkonzern heuerte den verdienten Mann an. Und so fand auch diese Geschichte aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten ein gutes Ende.

Frisierte Forschungsberichte, gegängelte Wissenschaftler und ein Öl-Lobbyist als Klimaberater - natürlich gab es solche Entgleisungen auch früher schon. Doch nach Ansicht vieler Experten sind die Fälle der letzten Jahre symptomatisch für einen grundlegenden Wandel im Verhältnis von Wissenschaft und Politik. AAAS-Chef Alan Leshner ist aufgefallen, dass Forschungsergebnisse immer häufiger von Laien in Frage gestellt werden.

" Ich habe Politiker sagen hören: Erderwärmung? Ja, da gibt es Klimastudien, die belegen, dass die stattfindet. Aber das sind keine guten Studien."

" Da sagen wir Wissenschaftler: Aber wie wollen sie beurteilen, ob eine Studie schlecht ist? Schließlich hat die Wissenschaft doch sehr zuverlässige eigene Mechanismen, um die Qualität einer Studie zu bewerten."

Dass die etablierten wissenschaftlichen Qualitätsstandards in der politischen Arena immer öfter unter die Räder kommen, hat auch Tony Fainberg am eigenen Leib erfahren. Der Physiker hat bis vor kurzem als Wissenschaftler für Regierungseinrichtungen gearbeitet, unter anderem mehrere Jahre im Pentagon und zuletzt im Ministerium für Heimatschutz.

" Wissenschaftliche Ergebnisse, die nicht auf Regierungslinie sind, werden sehr oft zensiert oder verzerrt - und zwar häufig von Führungskräften, die keinerlei wissenschaftliche Ausbildung haben. "

Von denen gebe es seit der Machtübernahme von George W. Bush ziemlich viele, sagt Tony Fainberg. Wichtige Schaltstellen in den staatlichen Forschungseinrichtungen habe der Präsident konsequenter als seine Vorgänger mit Gefolgsleuten besetzt. Die Gründe dafür sind für Tony Fainberg klar: Ein tiefes Misstrauen gegenüber der Wissenschaft und ihren Erkenntnissen.

" Viele Mitglieder unserer Regierung sehen Wissenschaft sehr kritisch. Das hängt damit zusammen, dass ein Großteil von Bushs Wählern aus konservativ-fundamentalistischen religiösen Kreisen stammt, die bestimmte Ansichten über Gott und die Welt vertreten. Und manche davon haben eben auch Auswirkungen auf die Forschung und den wissenschaftlichen Schulunterricht. Das wichtigste Beispiel ist natürlich die Frage: Was soll man den Schülern in Biologie beibringen? Die meisten Biologen sagen: Das Prinzip der Evolution ist ein Grundpfeiler unserer Wissenschaft und gehört deshalb unbedingt auf den Lehrplan. Aber protestantische Fundamentalisten, die an eine wörtliche Auslegung der Bibel glauben, sehen das anders."

Unter dem wissenschaftlichen Deckmäntelchen "Intelligent Design", hat der Kreationismus in manchem Bundesstaat Einzug in die Lehrpläne gehalten. Die Verfechter dieser religiös inspirierten Lehre glauben, die Vielfalt des Lebens sei allein durch das Wirken eines allmächtigen Schöpfers zu erklären. Urknall und Evolution sind mit dieser Überzeugung unvereinbar. Die Kontroverse erhitzt seit Jahren die Gemüter und spaltet die Nation. Die Einmischung des Präsidenten hat sie zusätzlich angeheizt: Im Sommer 2005 sprach sich George W. Bush dafür aus, die beiden Theorien zur Entstehung des Lebens im Unterricht gleichwertig zu behandeln.

" Die Evolutionstheorie wird von nahezu 100 Prozent aller Fachleute akzeptiert. Der verschwindend kleine Rest unterstützt die "Intelligent Design"-Bewegung. Wenn man diesem Schöpfungsmythos im wissenschaftlichen Unterricht gleich viel Raum gibt, gefährdet das unsere Position als führende Wissenschaftsnation."

Mit Aufklärungskampagnen versucht die Wissenschaftsorganisation AAAS den Vormarsch religiöser Vorstellungen in den Naturwissenschaftsunterricht aufzuhalten. Mit mäßigem Erfolg: Eine aktuelle Studie im Fachmagazin Science belegt: Nur 40 Prozent der US-Bürger akzeptieren die Evolutionstheorie. 1985 waren es noch 45 Prozent gewesen. Eine bedenkliche Entwicklung, findet Alan Leshner.

" Wissenschaft und Technologie sind aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken. Deshalb brauchen junge Menschen nicht nur ein grundlegendes Verständnis zentraler wissenschaftlicher Konzepte. Sie müssen auch unterscheiden können zwischen dem, was Wissenschaft ist, und dem, was nur vorgibt, Wissenschaft zu sein. Wenn wir den Kreationisten oder irgend jemandem sonst erlauben, Wissenschaft in ihrem Sinne neu zu definieren, leidet die Bildung - und unsere Kinder laufen Gefahr, international den Anschluss zu verlieren. "

Geschichten aus dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten
Der Forscher James Hansen arbeitete für eine Behörde, die einst sogar einmal Menschen auf den Mond geschickt hatte. James Hansen war ein geschätzter Kollege und Fachmann für die Erwärmung der Erde. Seine Untersuchungen machten ihn sehr sicher, dass die Menschen mit schuld daran sind, dass es auf der Erde immer wärmer wird. Und da James Hansen fand, seine Mitbürger sollten das wissen, sagte er das auch immer wieder laut und deutlich. Das ging so lange gut, bis der angesehene Forscher einen neuen Chef bekam, der etwa 30 Jahre jünger war als er selbst. Der wusste zwar nicht viel von Klimaforschung, war aber überzeugt, dass der alte Mann die Dinge zu einseitig sah und legte ihm deshalb nahe, künftig keine solchen Vorträge mehr zu halten und besser auch gar keine Interviews mehr zu geben. Das fand James Hansen natürlich gar nicht gut. Er wandte sich an einen Schreiberling, der die Geschichte publik machte und Hansens jungen Vorgesetzten so alt aussehen ließ, dass der daraufhin gefeuert wurde. Und so darf James Hansen im Land der unbegrenzten Möglichkeiten auch heute noch öffentlich seine Meinung sagen.

Physikunterricht ohne Urknall, Biologieunterricht ohne Evolutionstheorie - der Kampf um die Köpfe in den amerikanischen Klassenzimmern ist symptomatisch für das zunehmend gespannte Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit in den Vereinigten Staaten.

" Mit Präsident Bush kam eine Gruppe religiöser Fundamentalisten an die Macht. Diese Leute haben heute mehr zu sagen als je zuvor und das beeinflusst auch die Beziehung zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Natürlich spielen da viele Faktoren eine Rolle - nicht zuletzt auch die Tatsache, dass die moderne Wissenschaft immer häufiger menschliche Wertvorstellungen berührt, etwa in der Gentechnik oder der Stammzellenforschung. Die Zahl möglicher Konfliktherde hat in den letzten 10 Jahren zugenommen. Aber Fakt ist auch: Die politische Überzeugung der gegenwärtigen Regierung hat nicht gerade dazu beigetragen, diese Spannungen abzubauen - im Gegenteil: Sie hat sie eher vergrößert."

Fazit? Das Verhältnis zwischen Wissenschaft und Politik in den USA ist gespannt wie lange nicht. Aufgrund politischer Einmischung sehen viele Wissenschaftler an staatlichen Instituten ihre Unabhängigkeit gefährdet. Die Union of Concerned Scientists fordert deshalb Gesetze, die Forscher besser vor politischer Gängelung schützen.

Tony Fainberg, der als Physiker lange für die Regierung gearbeitet hat, glaubt, dass es schwer wird, das gestörte Vertrauen wieder herzustellen.

" Die bekannt gewordenen Fälle von Zensur haben das Verhältnis zwischen Wissenschaftlern und Regierung stark verschlechtert."

Alan Leshner, der Chef der weltgrößten Wissenschaftsorganisation wünscht sich vom amtierenden Präsidenten vor allem eines:

" Er sollte sich bemühen, besser zu verstehen, was Wissenschaft in ihrem Kern ausmacht - um besser beurteilen zu können, was Wissenschaft ist, und was nicht und welche ihrer Ergebnisse man ernst nehmen sollte."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk