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StartseiteCampus & KarriereHochschule hilft Mittelstand 28.09.2016

WissenstransferHochschule hilft Mittelstand

Noch gilt der deutsche Mittelstand in Europa als Innovationsmotor, doch seit zehn Jahren sinken die Ausgaben für Innovation und Forschung – zu hohes Risiko, zu wenig Geld. Gleichzeitig gibt es 245 Fachhochschulen, die sehr praxisnah forschen und ausbilden. Experten überlegen deshalb, wie der Austausch zwischen Fachhochschulen und Mittelstand besser organisiert werden könnte. Der Deutschlandfunk war Medienpartner der Veranstaltung.

Von Philip Banse

Fachkonferenz in Berlin über die Rolle der Hochschulen als Innovationstreiber für die Regionen (Hochschule Niederrhein)
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"Mein Name ist Thomas Wolff, ich bin geschäftsführender Gesellschafter der Firma Wolfcraft. Wir sind ein Familienunternehmen und ich bin Vertreter der zweiten Generation." Wolfcraft hat 500 Mitarbeiter und produziert Spanntische, Sackkarren und Holzfräsen. "Wir produzieren Werkzeuge für Heimwerker mit Sitz in der Eifel."

Vor einigen Monaten meldete sich ein Professor der Hochschule Koblenz, Standort Remagen. Ein Student wolle im Rahmen seiner Masterarbeit die Transportzeiten von Kisten und Paletten bei Wolfcraft verbessern, ob das ginge. Thomas Wolff schlug ein, denn seine damalige Logistiksoftware war nicht optimal: "Im Augenblick hängen wir vom Lieferanten der Software ab. Wir haben keinen Einfluss auf die Software, auf die Performance. Der Student macht im Rahmen seiner Masterarbeit eine neue Berechnung der Geschwindigkeiten der internen Logistik. Das Resultat für uns ist eine bessere Performance, wir werden schneller im Transport der Paletten und Kisten, wir können die Software beeinflussen und die Schule hat Zugang zu einem hochmodernen Logistiksystem."

"Ist das nicht ungeheuer intelligent? Sie geben Geld einer Hochschule, die gibt es den jungen Leuten, bildet sie aus akademisch und die bringen es dann in den Mittelstand und sorgen dort für Innovation. Diese Partnerschaft zwischen Wirtschaft und Wissenschaft scheint mir eine geniale Idee", sagt Hans-Henning von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein in Krefeld und Vorstandsvorsitzender der "Hochschulallianz für den Mittelstand", einem Zusammenschluss von zehn Hochschulen für angewandte Wissenschaften. In Deutschland gibt es derzeit 245 Fachhochschulen, also Hochschulen, die sehr dezentral und berufsorientiert ausbilden sollen: "Es ist in dieser riesigen Zahl von Hochschulen und in dieser riesigen Zahl von Professoren, die dahinter stecken, ein Wissen vorhanden, was der Wirtschaft nützen könnte und das man nutzen muss. Und das funktioniert meines Erachtens noch nicht ausreichend."

Vorteile für beide Seiten 

Deswegen hat Grünberg mit seiner der "Hochschulallianz für den Mittelstand" eine Konferenz organisiert, die heute in Berlin stattfindet und bei der der Deutschlandfunk Medienpartner ist. "Die Idee dieser Konferenz ist zu zeigen und zu diskutieren, wie wirklich dieser Transfer aus einer Hochschule in die regional orientierte mittelständische Industrie funktioniert."

Denn ein Wissens- und Innovationstransfer hat für beide Seiten Vorteile: Die Hochschule bekommt eventuell Geld, auf jeden Fall aber Zugang zu echten Firmen; mittelständische Unternehmen auf der anderen Seite erhalten Zugang zu Innovationen, die sie sehr dringend benötigen.

Allerdings: "Erstaunlich ist, dass die Innovationsaktivitäten im deutschen Mittelstand seit etwa zehn Jahren rückläufig sind", sagt Thomas Kathöfer von der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungsvereinigungen, einem Industrieverein, der sich für mehr Forschung im Mittelstand einsetzt. Während die Innovationsausgaben bei großen Unternehmen explodierten, sänken sie beim Mittelstand: "Wir sind inzwischen bei drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts, was für Forschung und Innovation ausgegeben wird. Aber offensichtlich entfalten diese Summen keine Wirkung im deutschen Mittelstand."

Dabei seien die Fachhochschulen eigentlich der natürliche Partner des Mittelstands, sagt der Werkzeug-Unternehmer Wolff. Mittelständler hätten oft konkrete Probleme, aber: "Die kommen gar nicht auf die Idee, dass ihnen bei dem Problem die regionale Hochschule helfen kann. Das ist bei denen nicht im Denkschema vorhanden."

Und wenn Mittelständler doch mal drauf kommen, bei ihrer Hochschule anzuklopfen, werde es schnell zu langwierig: "Sie haben auf der Seite des Mittelstandes viele Einzelkämpfer. Die interessiert nur das, was sie gerade für ein Problem haben. Die Hochschule hat aber ein breites Angebot. In Koblenz haben sie Ingenieure, Architekten, Betriebswirte. Was sie machen müssen, ist, das Angebot permanent präsent machen, auf allen möglichen Kanälen. Denn der Unternehmer springt nur dann drauf, wenn er das aktuelle Problem hat. Und dann muss es irgendwo präsent sein, muss er sich dran erinnern können. Das ist eine Herausforderung, da habe ich auch keine Lösung für."

Fachkonferenz in Berlin über die Rolle der Hochschulen als Innovationstreiber für die Regionen (Hochschule Niederrhein)Eindrücke von der Fachkonferenz in Berlin über die Rolle der Hochschulen als Innovationstreiber (Hochschule Niederrhein)

"Die Kooperationen leben vom persönlichen Kontakt, aber vielfach sind sie strukturiert. Und der Mittelstand weiß gar nicht, was können die eigentlich alles? Wer ist da eigentlich zuständig für meine Frage? Wo muss ich eigentlich hin, wenn ich über Forschungskooperation, über Praktika, über studentische Arbeiten oder duale Hochschulmodelle reden will? Klar, das ist alles irgendwo da, aber es gibt keine Zentralität", sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, einer Organisation also, die viel Forschung in Deutschland finanziert. Der Stifterverband wollte sich Übersicht verschaffen und hat die deutschen Hochschulen gefragt, wer denn eine Transfer-Strategie hat, also einen detaillierten Plan, wie Wissen und Innovation aus der Hochschule in den Mittelstand kommen soll. Das Ergebnis: "Jeder sagt, wir beschäftigen uns damit, aber tatsächlich hat nur jede Vierte Hochschule eine dargelegte Transferstrategie."

Fördergelder vom Bundesforschungsministerium

Zu einer guten Strategie gehöre auch die Frage: Wie kann die Hochschule vom Mittelstand profitieren: "Nämlich nicht nur zu fragen, was hat die Gesellschaft, was haben die Unternehmen von unseren Infrastrukturen und unseren Kompetenzen? Sondern auch zu fragen: Was können wir an Forschungsideen, an Infrastrukturen durch gemeinsame Finanzierung und an Forschungsmethodenentwicklung gemeinsam mit den Unternehmen eigentlich lernen, also uns selber weiter entwickeln durch einen dialogisch verstandenen Transferbegriff. Das ist schwierig und das gehört meines Erachtens zu einer Transferstrategie."

Doch eine Strategie zu haben, das heißt noch nicht, sie effektiv und zentral umzusetzen. In Hochschulen seien viele Stellen mit Wissenstransfer befasst, sagt Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband: Ausgründungen, Forschungskooperation, Karriereberatung, Mittelstands-Kooperation: 

"Und sie schauen dann, wo ist das im Organigramm, dann können sie auch gleich Bingo spielen: Dann poppt hier was auf und da poppt was auf und dort was und dort was. Und alle sind unter der großen Verantwortung des Kanzlers. Und dann fragen sie die Transferverantwortlichen im Präsidium: "Wie können sie jetzt auf die ganzen Leute zugreifen?" Antwort: "Ja, eigentlich gar nicht, denn die machen ja immer gerade was anderes, wenn ich auf die Leute zugreifen will." Also die kluge Frage ist: "Wie kann man eigentlich die Synergien, die dort schon bestehen in bestehenden Netzwerken, strategisch für die Organisation nutzen?" Das ist eine große Herausforderung, daran arbeiten viele und ich denke, mit dem Geld des BMBF können sie daran noch stärker und strukturierter dran arbeiten."

Mit dem "Geld des BMBF", damit meint Volker Meyer-Guckel das Förderprogramm "Innovative Hochschule" des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, kurz BMBF. Mit diesem neuen Programm will die Bundesregierung den Hochschulen eine dritte Säule finanzieren: Neben Forschung und Lehre soll "Transfer und Innovation" zur dritten, zentralen Aufgabe werden.

"Das bedeutet, dass Hochschulen, die diesen Weg gehen, es auf den Leitungsebenen verankert haben, dass die Verankerung auf den Leitungsebenen auch so ist, dass das alles auch nicht nur an die jeweiligen Personen gebunden ist, die da gerade sind", sagt Matthias Graf von Kielmansegg, Ministerialdirektor im Bundesforschungsministerium. Über zehn Jahre will sein Haus 550 Millionen Euro für das Programm "Innovative Hochschule" ausgeben: "Wir werden sehen wollen, welche Art von Kooperationsvereinbarung es gibt mit der Umgebung, mit der regionalen Politik, mit der regionalen Wirtschaft. Und wie dauerhaft das ist."

"Ja, das ist genau unser Problem. Diese leuchtende Fahne, bleiben wir mal bei der leuchtenden Fahne." Die leuchtende Fahne, sagt Hans-Henning von Grünberg, Präsident der Hochschule Niederrhein, sei ein selbstleuchtender Stoff, den zwei Studierende an seiner Hochschule entwickelt hätten. VW habe sich dafür interessiert, denn mit diesem leuchtenden Stoff könnte man die Innenräume von Autos beleuchten, sagte der VW-Mann.

"Und dann sagt er, wie könntet ihr das noch ein bisschen weiter entwickeln? Ja, sage ich, dass können wir nun gerade nicht. Wir hätten an der Stelle einen Verwertungsingenieur gebraucht. Und genau dieser Link, der fehlt uns noch, jedenfalls der Hochschule Niederrhein, andere haben das schon, aber diese leuchtende Fahne liegt bei uns im Regal und keiner benutzt sie, weil wir den allerletzten Schritt nicht tun können und an dieser Schnittstelle da hapert es einfach noch."

Deswegen will Hochschulpräsident Grünberg sich beim Programm "Innovative Hochschule" bewerben und eine Transfer-GmbH gründen, gemeinsam mit dem lokalen Mittelstand – damit seine leuchtende Fahne für alle erstrahlen kann.

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