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StartseiteSprechstundeWoran sterben die Deutschen eigentlich?27.03.2007

Woran sterben die Deutschen eigentlich?

Noch nie wurden so wenige Obduktionen durchgeführt wie heute

Wenn ein Mensch stirbt, dann bleiben oft Fragen. Warum musste das sein? Hätte der Tod verhindert werden können? Aufschluss könnte in vielen Fällen eine Obduktion geben. Die findet aber ganz selten statt. Nur etwa drei Prozent der Verstorbenen in Deutschland wird obduziert. Zu wenige, sagen viele Ärzte - vor allem, weil Obduktionen auch helfen könnten, die medizinische Behandlung der Lebenden zu verbessern.

Von Lutz Bernhardt

Pathologe vor der Arbeit (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)
Pathologe vor der Arbeit (Stock.XCHNG / Adam Ciesielski)

" Schau'n Sie mal her: Es geht um einen 63-jährigen Mann der vor sieben Tagen mit einem akuten Vorderwand-Infarkt über einen Notarzt aufgenommen worden ist. "

Der Pathologe Amjad Naami zeigt dem Oberarzt Herz, Lunge und Hauptschlagader eines Mannes auf dem Sektionstisch. Der Mann wurde vor einer Woche wegen eines Herzinfarktes eingeliefert und erfolgreich behandelt. Gestern klagte der Patient plötzlich über heftige Schmerzen in der Brust, die Ärzte konnten ihm diesmal nicht helfen. Er brach zusammen und verstarb trotz sofortiger Wiederbelebungsversuche. Warum, konnten die Ärzte nicht feststellen. Oberarzt Andreas Donner nimmt eine Pinzette zur Hand und betrachtet das Herz genauer:

Donner: " Haben wir auch frische Ereignisse die zu dem aktuellen Befund passen?"

Naami: " Ganz frische Infarktereignisse lassen sich nicht erkennen..."

Donner: " Aber dann erklärt dieser Herzbefund den plötzlichen Tod des Patienten ja nicht. "

Naami: " Nein. Diesbezüglich muss man sich die Aorta anschauen. Die Hauptschlagader zeigt im thorakalen als auch im abdominalen Bereich ausgeprägte... "

Bei der Untersuchung der Hauptschlagader findet der Pathologe ein etwa zwei Zentimeter großes Loch.

"... ja, hier sieht man das. Das sieht ja auch frisch aus. Das passt ja gut zu dem Schmerzereignis, dass der Patient unmittelbar vor seinem Tod angegeben hat."

Fast zweieinhalb Liter Blut sind in die Brusthöhle des Patienten gelaufen. Jetzt ist klar, bei diesem Notfall hätten die Ärzte dem Patienten nicht helfen können. Er starb an den Folgen des plötzlichen Blutverlustes. Der Fall dieses 63-jährigen zeigt den Nutzen einer klinischen Obduktion. Mit dem Befund aus der Pathologie können die Mediziner beurteilen, ob sie richtig gehandelt haben. In Deutschland werden nur drei Prozent aller Verstorbenen obduziert. Weil es keine einheitliche Gesetzgebung gibt, die die Obduktion im Zweifelsfall vorschreibt, sagt der Aachener Medizinethiker Dominik Groß:

" Wo es keine Gesetze gibt, wird es in der Regel von der Zustimmung der Hinterbliebenen abhängig gemacht. Und diese Zustimmung der Hinterbliebenen wird entweder nicht eingeholt, weil es dem Arzt unangenehm ist, ein Aufklärungsgespräch zu führen in dieser doch emotional belasteten Situation und sie wird unter Umständen auch deshalb nicht gegeben, weil sich der Angehörigen nicht konfrontieren möchten mit diesem Thema. "

Die Angehörigen sehen nicht den Nutzen einer Obduktion. Sie wollen sich nicht vorstellen, wie die Leiche geöffnet wird. Der Umgang mit dem Tod ist den Menschen ohnehin fremd geworden. Viele Menschen haben eine falsche Vorstellung von einer Obduktion, sagt die Leiterin der Aachener Pathologie, Ruth Knüchel-Clarke. So hat die Arbeit der Pathologen beispielsweise nichts mit der rechtsmedizinischen Obduktion zu tun. Es geht ausschließlich um natürliche Todesfälle. Und das Vorgehen ist streng standardisiert. Der Verstorbene wird nicht entstellt, Hände und Gesicht bleiben unberührt:

" Das absolute Bemühen nicht entstellend Organe zu entnehmen ist immer schon gegeben gewesen. Wir obduzieren unter vollständiger Anerkennung der Würde des Menschen, versuchen die Organe zu untersuchen nach der Entnahme, ohne sie zu zerschneiden zu stark und geben nach Möglichkeit große Teile der Organe wieder in den Verstorbenen zurück."

Mehr Obduktionen würden nicht nur zur mehr Qualität in den Krankenhäusern führen. Darüber hinaus würde auch die Gesundheitsvorsorge in Deutschland stark verbessert. Denn die Gesundheitspolitiker, die Krankenkassen und Ärzteverbände beziehen sich bei der Vorsorge auf die offizielle Todesursachenstatistik. Und deren Zahlen stammen aus den Totenscheinen. Ein solcher Schein ist aber häufig das Ergebnis einer relativ oberflächlichen, äußeren Leichenschau des behandelnden Arztes vor Ort. An welchen Krankheiten die Deutschen wirklich sterben, kann bei einer Obduktionsquote von nur drei Prozent überhaupt nicht festgestellt werden, sagt Dominik Groß:

" Es wäre ja schön, wenn wir da mehr Aufschlüsse hätten. Wir könnten pauschal sagen, viele sterben an Krebserkrankungen, viele sterben an Herzkreislauf-Erkrankungen, aber so ganz genau können wir das tatsächlich noch gar nicht sagen."

Im Sektionssaal des Aachener Uniklinikums ist die Untersuchung des 63-jährigen abgeschlossen. Sein plötzlicher Tod konnte im Rahmen der Obduktion geklärt werden:

" Das war schon ein überraschender Befund und wir können alle froh sein, dass in diesem Fall die Obduktion genehmigt wurde und wir diese Untersuchung durchführen konnten. "

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