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StartseiteForschung aktuellZeichen des Alterns23.08.2012

Zeichen des Alterns

Mehr Neumutationen bei Kindern älterer Väter

Fortpflanzungsbiologie. - Im Gegensatz zur Frau kann der Mann sein Leben lang Keimzellen bilden, doch das heißt nicht, dass bei ihm nicht auch die biologische Uhr tickt. Isländische Forscher berichten heute im Fachmagazin "Science", dass die Mutationsrate in den Spermien mit dem Alter des Mannes ansteigt.

Von Marieke Degen

Charlie Chaplin, der noch mit 73 Vater wurde, war in dieser Beziehung kein Vorbild. (AP)
Charlie Chaplin, der noch mit 73 Vater wurde, war in dieser Beziehung kein Vorbild. (AP)

Immer gehe es nur um die biologische Uhr der Frauen, klagt Kári Stéfansson. Viele denken: Je älter die Mutter ist, desto höher ist das Krankheitsrisiko für das Kind. Ein großer Irrtum, sagt der Geschäftsführer der isländischen Pharmafirma deCODE genetics.

"Das einzige, was sich mit dem zunehmenden Alter der Mutter erhöht, ist das Risiko für eine Trisomie-21. Das Alter der Väter spielt eine viel größere Rolle. Je älter er ist, desto mehr Veränderungen – so genannte Neumutationen - treten im Erbgut der Föten auf. Und damit steigt das Risiko für alle möglichen Krankheiten, die durch solche Mutationen ausgelöst werden können."

Das ist an für sich nicht neu. Immer wieder haben Studien gezeigt, dass es einen Zusammenhang geben muss. Dass Kinder mit einer geistigen Behinderung, mit Autismus oder Schizophrenie eher ältere Väter haben. Die Forscher aus Island liefern jetzt den Beweis. Sie haben die Mutationsrate, also die Anzahl der Neumutationen bei Kindern, genau ermittelt.

"So it looks like the data cannot be really questioned."

Die Daten seien ziemlich eindeutig, sagt Alexey Kondrashov, Genetiker an der Universität von Michigan. Er hat die Studie im Fachblatt "Nature" kommentiert.


"Die Daten zeigen, dass es diesen Effekt wirklich gibt – dass sich das Alter des Vaters negativ auf das Erbgut des Kindes auswirken kann. Und wenn man das nicht will, sollte man früh Kinder bekommen."

Die Isländer haben das Erbgut von 78 Familien entziffert – jeweils vom Vater, von der Mutter und vom Kind – und miteinander verglichen. Sie haben genau gesehen, welche DNA-Stücke das Kind von welchem Elternteil geerbt hat. In den DNA-Stücken vom Vater sind die meisten Neumutationen aufgetaucht. Und je älter die Väter waren, desto mehr Neumutationen haben die Forscher gezählt.

"Durchschnittlich findet man bei jedem Kind um die 60 Neumutationen. Aber ein 36jähriger Vater gibt seinem Kind doppelt so viel Neumutationen weiter wie ein 20jähriger – und ein 50jähriger sogar achtmal mehr."

Der Grund: Männer können ein Leben lang Spermien bilden. Doch im Laufe der Zeit wird der Prozess fehleranfällig. Die Erbinformation in den Spermien enthält dann immer mehr Veränderungen, die an das Kind weitergereicht werden. Kondrashov:

"Bei Frauen ist das anders, ihre Eizellen sind schon fertig angelegt, wenn sie selbst noch ein Fötus sind, und verändern sich auch nicht mehr."

Mütter geben durchschnittlich 15 Neumutationen an ihre Kinder weiter, egal wie alt sie sind. Bei einem 20jährigen Vater sind es im Durchschnitt 25 Neumutationen, bei einem 40jährigen schon 65. Stéfansson:

"Wir wissen, dass das Kind eines 40jährigen ein doppelt so hohes Risiko für eine Schizophrenie oder Autismus hat wie das Kind eines 20jährigen. Und wir wissen, dass Neumutationen das Risiko für Schizophrenie und Autismus deutlich erhöhen."

Das könnte auch erklären, warum Autismus bei immer mehr Kindern diagnostiziert wird. Stéfansson:

"Seit 1970 werden die Väter bei der Zeugung ihrer Kinder immer älter. Und seitdem werden auch immer mehr Fälle von Autismus diagnostiziert. Es ist also möglich, dass dieser Anstieg auf das insgesamt höhere Alter der Väter zurückzuführen ist – zumindest zum Teil."

Wenn ein Mann mit 40 oder 50 ein Kind zeugt, heißt das aber natürlich nicht, dass das Kind zwangsläufig krank wird. Es gehe hier um Wahrscheinlichkeiten, betont Kári Stéfansson.

"Deshalb würde ich auch nicht sagen, ab dem und dem Alter sollten Männer keine Kinder mehr zeugen. Aber sie sollten die Risiken kennen und mit einbeziehen in ihre Entscheidung, ob sie Kinder haben wollen - und vor allem: wann."

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