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StartseiteKultur heuteZeichnung vernetzt29.08.2004

Zeichnung vernetzt

Zehn internationale Künstler in der Städtischen Galerie Delmenhorst

<strong>Zeichnen können wie Goethe, das würde man gern, und dabei war Goethe gar nicht mal Zeichner von Beruf. Natürlich ist die Zeichnung auch oft Ausgangspunkt der Malerei und lässt sich überhaupt verbinden mit anderen Künsten. Im Zeichentrickfilm fand die erste Hochzeit mit den neueren Medien statt, seither hat sich noch mehr getan, wie man nun in Delmenhorst lernen kann.</strong>

Von Rainer B. Schossig

Die Höhlenmalereien von Lascaux gehören zu den größten Kunstwerken der Urgeschichte. (Brown University)
Die Höhlenmalereien von Lascaux gehören zu den größten Kunstwerken der Urgeschichte. (Brown University)

Die Zeichnung gilt als das intimste und älteste, das einfachste und zugleich beweglichste Medium der Kunst. Seit Menschengedenken - den Höhlenzeichnungen von Lascaux, der Keilschrift und den Hieroglyphen -reflektiert die Hand mit dem Griffel den sozialen und religiösen Status Quo ebenso wie den gesellschaftlichen und technologischen Wandel. Haben nun Computer, Griffbrett und Maus den Zeichenstift überflüssig gemacht? Nein: die jüngsten Revolutionen durch neue filmische oder digitalisierte bildgebende Medien haben die Zeichnung nicht geschwächt, sondern im Gegenteil, sagt die Leiterin der Städtische Galerie Delmenhorst Barbara Alms:

Es nicht mehr das intime Medium, dass ich für mich kritzele, es ist auch nicht ein Entwurfsmedium, sondern die Zeichnung selbst geht ins Große und aufs Ganze. Sie beansprucht gesamte Räume, will Welt deuten; sie geht ins Offene, in den öffentlichen Raum, sie verlangt ein Forum.

Das ist die Überraschung dieser Ausstellung, die thematisch Neuland betritt: Zeichnen ist heute aktueller denn je. Dies stellte im Ansatz schon die New Yorker Ausstellung "Drawing Now" vor zwei Jahren fest. Doch jetzt sind in der Delmenhorster Provinz die neuen, zum Teil noch suchenden formalen und inhaltlichen Verknüpfungen, eine Reihe von Beispielen medialer Übergänge zwischen Zeichnung und verschiedensten Medien aufs Anschaulichste zu beobachten. Zum Beispiel wenn etwa der Kölner Experimentartist Roland Schappert mithilfe einfachster Crossover-Techniken Cyberspace und Reality-TV miteinander vermischt, aktuelle Tagesschaubeiträge mit eigenen, inszenierten – gefälschten? – Bildwelten verschneidet. Plötzlich erscheinen die bekannten Charaktermasken aus Politik und Gesellschaft – sonst im blendenden Scheinwerferlicht hinter den obligaten Gebirgen der Mikrofone – durch farbige Nuancen verfremdet oder husch-husch hingezeichnet wie von einem Gerichts-Bildreporter – merkwürdig entfremdet, unglaubwürdig, ja peinlich und grotesk.

Zeichnen spiegelt nach wie vor Denken und Umdenken, Erinnerung und Bewusstseinswandel, so bei William Kentridge, dem im vergangenen Jahr mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichneten Film-Animationskünstler aus Südafrika: Geduldig zeichnend geht er den Schichtungen von Raum und Zeit, Historie und Gegenwart seines leidgeprüften Landes nach. Kentrides nervös kritzelnder und schraffierender Stift, dessen sukzessive Ergebnisse durch tausende von Phasenfotos festgehalten werden, lässt uns Deutsche ahnen, das auch die Vergangenheit der Apartheid nicht spurlos vergeht. Seine Zeichnungen sind von einer poetisch-geheimnisvollen Schönheit und einer fesselnden Melancholie. Auch der junge Niederländer Marcel van Eeden fängt in düster-verwunschenen Schwarz-Weiß-Zeichnungen visuelle Anekdoten und Lappalien, Katastrophales und Triviales aus der Zeit vor seiner Geburt ein. Die linearen Beiträge der deutschen Künstlerinnen Nanne Meyer und Heike Weber scheinen dagegen Fläche und Raum durch übermütig ausschweifende Kompositionen und handfestes Material wie bunte Wäscheleine heiter rhythmisieren, ja befreien zu wollen. Neben dem Katalog, der Arbeiten aller beteiligten Künstler anschaulich darstellt, wird in Verbindung mit der Ausstellung auch ein Internetprojekt angeboten; unter dem Titel www.zeichnungsprojekt.de kann jedermann den Netz-Charakter des Beziehungsgefüges Internet selbst praktisch erfahren, sich einmischen und seine eigenen Ideen zur Idee der Vernetzung beitragen. In Delmenhorst ist man einen neuen Weg gegangen: Man hat nach den inhaltlichen, den geistigen, sozialen und politischen Anliegen der Künstler angesichts der medialen Revolution gefragt; so ergibt sich der Rest wie spielend, fast von selbst.

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