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Zeit lässt sich nicht steigern

Die sozialen Folgen des Wachstumszwangs

Von Christian Forberg

Eine Sanduhr im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath.
Eine Sanduhr im Niederrheinischen Freilichtmuseum in Grefrath. (picture alliance / dpa)

Vor zwei Jahren veröffentlichten drei Soziologieprofessoren der Jenaer Friedrich-Schiller-Universität das Buch "Soziologie - Kapitalismus - Kritik". Nun wird die Fortsetzung des kritischen Projektes von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert.

Es reicht uns, sagten sich die Jenaer Soziologieprofessoren, immer wieder die gleichen Argumente zu hören, wenn es um Auswege aus der Krise geht: Mehr Wachstum und Konsum, Anpassung an die Globalisierung und Übernahme von mehr Eigenverantwortung, der Markt allein hat es zu richten, nicht die Gesellschaft, nicht der Staat. - Wie aber sonst?

"Es gibt keine einfachen Lösungen auf das Problem."

Sagt Hartmut Rosa, Professor für allgemeine theoretische Soziologie. Weshalb er sich mit seinen Kollegen Klaus Dörre und Stephan Lessenich zusammenschloss. Drei Forscher, drei Fachgebiete, drei Perspektiven auf das eine Problem: eine grundsätzliche Kritik am modernen Kapitalismus.

"Und was wir deshalb tun wollen ist, unsere Kräfte zu bündeln, um die Frage ökonomisch anzugehen: Wie können wir uns ein Wirtschaftssystem denken, das viele Vorteile der Konkurrenzwirtschaft erhält, aber nicht auf Wachstum angewiesen ist? Welche politischen Änderungen sind nötig, welche Formen von sozialstaatlicher Steuerung, von politischer Steuerung, die nicht auf Wachstum und Beschleunigung per se angewiesen sind, um zu existieren. Und die dritte Seite ist eine kulturelle Seite: Was für ein Maßstab gelingenden Lebens, gelingender Politik und gelingender Gesellschaftsgestaltung können wir finden, der sich ein bisschen löst von der Idee, dass mehr besser sei, dass Wachstum ist, was Lebensqualität steigert. Also wir wollen eine kulturelle, ökonomische und politische Perspektive zusammenfügen, weil wir glauben, dass nur insgesamt eine neue Form moderner Gesellschaft gefunden werden kann."

Hartmut Rosa übernahm den kulturellen Part. Seine theoretische Grundlage ist die Betrachtung der veränderten Zeitstrukturen, die er unter den Begriffen "Beschleunigung" und "gelingendes Leben" zusammenfasst. Sein Ausgangspunkt: Die neuen Kommunikationstechniken haben uns in die Lage versetzt, so viel wie noch nie vorher wahrzunehmen.

"Man kann alle Bücher, die es in der Welt gibt, downloaden, fast umsonst alle Filme angucken usw. Aber das Einzige, was sich nicht steigern lässt, ist die Zeit. Wir haben trotzdem nur 24 Stunden, die wir auf immer mehr Güter, Aufgaben, Kontakte, Möglichkeiten verteilen müssen. Und deshalb wir Zeit sukzessive knapper. An diesem Verknappungsproblem hat der Einzelne fast gar keine Einflussmöglichkeiten."

Das Erstaunliche: Vor noch gar nicht so langer Zeit sei dieses moderne, schnelle Leben als Gewinn an Freiheit, Lebensqualität und Glück erfahren worden. Inzwischen werde der Gewinn auch als Verlust wahrgenommen.

"Was meine jüngeren Überlegungen oder Arbeiten kennzeichnet, ist, dass diese Freiheitsspielräume irgendwann wieder erodiert werden durch die Beschleunigungszwänge und dass deshalb die Beschleunigungslogik nicht mehr zu einer Steigerung von Lebensqualität beiträgt, sondern zu deren Unterminierung."

Hartmut Rosas Schlussfolgerung: Ein Leben kann nur gelingen, wenn der Mensch ausreichend Zeit findet. Die politischen Voraussetzungen dafür muss jedoch die Gesellschaft bieten, was sie aber nicht mehr tue, sagt Stephan Lessenich, Professor für vergleichende Gesellschafts- und Kulturanalyse. Immer massiver werde gefordert, dass sich der Mensch um seine Zukunft selber zu kümmern habe, sich also nicht mehr auf einen Wohlfahrtsstaat verlassen dürfe - in der Krankenversicherung und Altersvorsorge zum Beispiel. Arbeit sei vielfach nur auf Teilzeitbasis zu erhalten und werde im Extrem so schlecht bezahlt, dass am Ende doch wieder der Staat das Lohnminimum aufstocken muss. Flexibilität werde zum Maß aller Dinge. Stephan Lessenich fasst diese Tendenzen unter dem Begriff "Aktivierung" zusammen:

"Hier werden in dem Versuch, passförmige Subjekte für den flexiblen, beschleunigten, landnehmenden Kapitalismus zu schaffen, hier werden neue Standards, neue Normen gesetzt, die viele nicht erreichen können, die systematisch Gewinner und Verlierer produzieren. Wir haben hier eine Reproduktion sozialer Ungleichheit auf einem neuen Niveau und mit einer neuen Rolle des Staates und öffentlicher Institutionen. Die Aktivierungslogik beruht aber auch darauf, das nicht als äußeren Zwang erscheinen zu lassen, sondern den Aktivierungswillen der Menschen selber anzureizen und sie zu einer Selbststeuerung anzuhalten im Interesse von höheren Steuerungszielen."

Nämlich den kriselnden Kapitalismus neue Felder zu erschließen, die bisher nicht von den Regeln des Marktes bestimmt sind. Am Ende entpuppe sich also die Forderung nach Selbstaktivierung als Fernsteuerung. Stephan Lessenich kennzeichnete den Kapitalismus in dreifacher Weise: Flexibel, beschleunigt, landnehmend. Letzteres bezieht sich auf die ökonomische Seite der Betrachtung, die vom Wirtschaftssoziologen Klaus Dörre beigesteuert wird. "Landnahme" bedeutet für ihn: Alles wird in den Verwertungsprozess des Kapitalismus einbezogen.

"Es gibt keine kapitalistische Marktwirtschaft, die sich immer wieder selbst reproduzieren kann. Sondern, das ist der Kern der These, Kapitalismus ist immer darauf angewiesen, ein nichtkapitalistisches Anderes, ein nichtkapitalistisches Außen zu nutzen, um sich immer wieder selbst zu stabilisieren. Dieses Andere kann in Unterschiedlichem bestehen - nichtkapitalistische Territorien, Produktionsweisen, Lebensformen, Schichten usw. Das wäre gewissermaßen das Traditionelle. Es kann aber auch aktiv hergestellt werden, das ist der neue Gedanken daran. "

Das heißt: Bis vor wenigen Jahren seien Lebensgüter wie Wohnen und Wasser, Gesundheit und Bildung aus der Verwertungskette weitgehend ausgenommen worden. Die Gesellschaft gebe davon aber immer mehr auf dem Markt frei. Stattdessen setzt Klaus Dörre auf Wirtschaftsdemokratie, auf Kooperationen, in denen auch die Interessenvertreter der Belegschaften und Konsumentenverbände gefragt sind. Stiftungen zum Beispiel funktionieren anders als börsennotierte Unternehmen. Was auch ein Modell wäre für eine neue Landnahme und damit Entwicklungsmöglichkeit von Kapitalismus, nämlich hin zu einem "grünen Kapitalismus", der auf erneuerbare Energien und behutsames Wachstum baue. Doch der Ruf nach "mehr Wachstum" als gewohnte Reaktion auf die Nöte der Gegenwart habe diese begonnene Entwicklung in den Hintergrund gedrängt:

"Zumindest kurzfristig, aber mit dem Effekt, dass es sich wie ein Bumerang zurückmelden wird, nämlich mit tieferen ökologischen Krisenprozessen. Das ist eine sehr gefährliche Entwicklung, die auch ein autoritäres Potenzial beinhaltet. Und das ist auch die sehr ernsthafte Herausforderung für Soziologinnen und Soziologen, diese Problem wirklich anzupacken."

Was die drei Jenaer Soziologen mit ihrem Buch "Soziologie - Kapitalismus - Kritik" bereits 2009 gemacht haben. Eine anhaltend hohe Aufmerksamkeit habe es jedoch nicht erzielt, meint Stephan Lessenich.

"Ich glaube, was das Besondere an dem Buch, an den Autoren, an dem Projekt ist, dass es längerfristig geplant ist als eine kritische Analyse kapitalistischer Dynamik. Als solches wird es auch wahrgenommen, wird auch der Standort Jena zunehmend wahrgenommen, dass die Soziologie in Jena eine ist, die versucht zu diagnostizieren, kritisch zu reflektieren und nach Alternativen zu fahnden. "

Dazu hat die Jenaer Soziologie vier, wenn es gut läuft, acht Jahre in einem Kolleg Zeit, das von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert wird. Zu diesem werden Wissenschaftler vieler Disziplinen und - die Öffentlichkeit eingeladen: Kein Kritteln im Elfenbeinturm der Wissenschaft soll es werden, sondern ein Forschen im Dialog.

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