Kultur heute / Archiv /

 

Zwischen Himmel und Hölle

Sibylle Lewitscharoffs erstes Drama wird am Nationaltheater Mannheim uraufgeführt

Von Cornelie Ueding

Sibylle Lewitscharoff blickt auf eine lange, erfolgreiche Karriere als Prosa-Autorin zurück.
Sibylle Lewitscharoff blickt auf eine lange, erfolgreiche Karriere als Prosa-Autorin zurück. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

"Vor dem Gericht" heißt das erste Theaterstück der Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff. Und wer bei diesem Titel an Kafka denkt, ist auf der richtigen Spur. Die Autorin schickt ihre sieben Figuren nach einem grotesken Prozess wahlweise in Himmel oder Hölle.

Die Mannheimer Uraufführung von Sibylle Lewitscharoffs modernem morality play "Vor dem Gericht" ist fast so etwas wie eine theatralische Schlusspointe zum kurz zuvor, auch in Mannheim, zu Ende gegangenen Katholischen Kirchentag. Denn bald wird klar, dass dieses Gericht eine Art Jüngstes Gericht ist.

Anfangs sieht alles eher harmlos aus: Ein mittelprächtiges Lokal mit einem zentralen, wenn auch zunächst ganz unauffällig wirkenden Aufzug. Einer nach dem anderen, wie sich herausstellt jüngst Verstorbene, kommen sie durch die Drehtür hereingeweht und werden von einem alert-geschmeidigen Küss-die-Hand-Gnä'Frau-Kellner-Typus in Empfang genommen, mit einem Nummern-Markerl versehen und auf ebenso bemühte wie, ja, dubiose Art bewirtet: der verheißene Wein, das ersehnte Bier – nix als Wasser; statt der bestellten Speisen - leere Teller. Tote in praller Lebensfülle, in Burkhard Kosminskis Inszenierung geradezu karikaturreif lebendig, dürfen nun in diesem 'Wartesaal zur Ewigkeit' noch anderthalb Stunden lang vor sich hinbrabbeln, als wäre nichts geschehen: u.a. ein Installateur in schriller Bikermontur, der Ex-Möwenpick-Manager im knatschgelben Nobelblazer nebst kulturbeflissener Gattin, bis zur roten Schleife am blauen Schuh Ton-in-Ton gesprenkelt, eine schwärmerische Selbstmörderin, oder die stählerne Dame, die sich für was Besseres hält ...

Und auch der auf grantig weanerisch "genialische" Kellner lässt zunächst eher das Gefühl gutbürgerlicher Behaglichkeit - ein Viertele hier, ein Beuscherl dort – aufkommen als das einer finalen Entscheidung: nicht über Leben und Tod, sondern über ewiges Leben oder ewige Verdammnis. Und doch handelt es sich bei dieser merkwürdigen Mischung aus "Jedermann" und "Vorspiel im Himmel", unterlegt mit einem Hauch Kafkaesker Gerichtssituation und einer Prise Nestroyscher Schwadroniererei, um genau das: ein Jüngstes Gericht auf offener Bühne – was den meisten erst spät dämmert.

Am Ende des ambivalenten Geplänkels, des amüsanten ehelichen Nachtarockens, der aufgeblasenen Ichbezogenheit, des juvenilen Aufbegehrens, des senilen Sich-Bescheidens steht: das Urteil. Ein Urteil ohne Zwischentöne. Fahrstuhl nach unten: Hölle. Fahrstuhl nach oben, warmes Licht, leise Erlösungsmusik - na ja, was wohl... Und man kann darauf wetten - muslimische Putzfrau: Himmel; aufmüpfiger Biker: Hölle, und wie - kopfunter; der alte Herr Hofrat mit Hunderl: na, Himmel natürlich; die junge Suizidantin, verlassene Gespielin ihres verheirateten(!) Professors: Hölle, erbarmungslos. Der plötzlich gar nicht mehr gmietliche Kellner würgt, prügelt und tritt die von den außertheatralischen Instanzen offenbar Abgeurteilte knallhart in den Fahrstuhl nach unten. Und die Gerechtigkeitsmühle dreht sich weiter.

Was da von denen "oben" oder "unten" entschieden wird, letztlich wird es von 'dem da' im Lokal vollstreckt. Ohne wenn und aber. Und ohne die Frage nach dem Sinn dieser Gerechtigkeitsmaschinerie weiter zu vertiefen und nach dem Recht dieser merkwürdigen Rechtsprechung zu fragen. Denn, wie sagt der Kellner so richtig, die Leut geben sich mit "denen Fassaden zfriedn". Kurz gesagt: Auch die Regie begnügt sich in diesem etwas langatmig geratenen Lebensrechtfertigungsreigen mit Fassaden und gängigen Klischees, statt die Außenseite der abgeurteilten Delinquenten und damit die Gerichtsbarkeit mittels der Moralkeule fragwürdig zu machen. So ist dieses erste Stück der studierten Religionswissenschaftlerin Lewitscharoff kaum mehr als ein Beleg für die Tendenz einer merkwürdig diffusen religiösen Bedürftigkeit.

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Kultur heute

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Salzburger Festspiele 2014 Gepflegte Langeweile mit "Don Giovanni"

Festspielhäuser an der Hofstallgasse  in Salzburg

Zum Auftakt der Salzburger Festspiele 2014 wurde eine Neuinszenierung von Mozarts "Don Giovanni" gezeigt. Der Schauplatz: eine Hotellobby mit gedämpften Licht, ein Allerweltsort gepflegter Langeweile. Insgesamt hat die Inszenierung von Christoph Eschenbach und Sven-Eric Bechtolf den Rezensenten nicht überzeugt.

"Fremde Welten", Teil 1Orban, Rechtsrock und der ungarische Nationalstolz

Ungarn demonstrieren am Nationalfeiertag in Budapest für Regierungschef Orban.

Rechtsrock-Bands sind bei Ungarns Jugend sehr beliebt. Sie stehen für einen Nationalismus, der nicht nur als Subkultur gelebt wird: Auch Ministerpräsident Viktor Orbán beschwört den Zusammenhalt gegen Feinde wie die EU. Als historische Ursache dieser Tendenzen gilt der Trianon-Friedensvertrag von 1920.

 

Kultur

Manifesta 10Performances als Unterwanderung des Alltags

Männer leeren Beutel mit Schnee für die Performance "Cold Painting" des russischen Künstlers Pavel Braila.

Performances für die Straße sind in Paris oder Berlin bei Kunstfestivals Routine. In St. Petersburg gehören sie jedoch zum heikelsten Teil der Manifesta. Zumal die polnische Kuratorin, Joanna Warsza, dafür vor allem Künstler aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder Staaten des einstigen Warschauer Paktes eingeladen hat.

Moderne KunstSammlung eines Kunsthändlerehepaars

Blick auf den Eingangsbereich der Fondation Maeght in Saint-Paul de Vence bei Nizza, ein Museum für zeitgenössische Kunst. Das Ehepaar Marguerite und Aime Maeght gründete die Stiftung 1964, um einen Teil ihrer Sammlung dort auszustellen. Der katalanische Architekt Josep Lluis Sert schuf in Zusammenarbeit mit bekannten Künstlern wie Joan Miro, Georges Braque und Henri Matisse das Gebäudeensemble.

Im Hinterland der Côte d'Azur liegt eine der schönsten und bedeutendsten privaten Kunststiftungen der Welt: die Fondation Maeght. Ihre Gründung am 28. Juli 1964 ist der Freundschaft zwischen dem Kunsthändlerehepaar Marguerite und Aimé Maeght und Künstlern wie Giacometti, Miró, Braque, Calder oder Matisse zu verdanken.

FilmAuthentisches Bild von Schillers Liebe zu dritt

Hannah Herzsprung (links, als Caroline von Beulwitz), Florian Stetter (Friedrich Schiller) und Henriette Confurius (Charlotte Lengefeld) in Weimar während der Dreharbeiten von Dominik Grafs Film "Die geliebten Schwestern".

Charlotte und Caroline sind die Schwestern, in die sich der Dichter Friedrich Schiller im Sommer 1788 verliebte - in beide. Dominik Graf hat diese aufregende Dreiecksbeziehung verfilmt. Dabei erweist er sich als ein sinnlicher Filmemacher, der jene historische Epoche eindrucksvoll zum Leben erweckt.