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StartseiteKultur heuteZwischen Natur, Wissenschaft und Kunst01.09.2012

Zwischen Natur, Wissenschaft und Kunst

Die Ausstellung "Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur" im Berliner Georg-Kolbe-Museum

Schon immer spielten Natur, Pflanzen und lebendige Wesen eine wichtige Rolle in der Kunst. Doch welche Bedeutung haben sie in der Bildhauerei von heute, in den Zeiten von Gentechnologie und radikalen Umwälzungen in den Lebenswissenschaften? Das untersucht jetzt die Ausstellung im Berliner Georg-Kolbe-Museum: "Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur".

Von Carsten Probst

"The Comforter" (2010) von Patricia Piccinini in der Ausstellung: "Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur" im Berliner Georg-Kolbe-Museum (Graham Baring)
"The Comforter" (2010) von Patricia Piccinini in der Ausstellung: "Bios – Konzepte des Lebens in der zeitgenössischen Skulptur" im Berliner Georg-Kolbe-Museum (Graham Baring)

Ist Kultur die neue Natur? Ist Wissenschaft die neue Kunst? Oder etwa umgekehrt? Und vielleicht ist auch alles gar nicht so neu? Schon vor mehr als 180 Jahren gelang es schließlich dem deutschen Chemiker Friedrich Wöhler, die Grenze zwischen künstlichem und natürlichem Leben zu durchbrechen: Er züchtete eine synthetische organische Verbindung: künstlichen Harnstoff. In der Natur ein Endprodukt des tierischen Eiweißstoffwechsels ist künstlich hergestellter Harnstoff mittlerweile ein begehrtes Industrieprodukt: ein kristalliner, ungiftiger, hygienisch unbedenklicher Feststoff mit guten Düngeeigenschaften.

Lässt man Harnstofflösungen an der Luft verdunsten, bilden sich Kristalle, die schließlich zu großen, alles überwuchernden Gebilden wachsen können. Das Wachstum dieser künstlichen Gebilde muss gepflegt und genährt werden, andernfalls kommt es zum Stillstand. Die Kristalle können jederzeit wieder in Wasser aufgelöst werden und in ihrem Zustand verharren, bis ihre faszinierende kleine Binnenwelt wieder zu neuem Leben erweckt wird.

Das Schweizer Künstlerduo Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger ist auf Installationen mit diesem künstlichen Organismus spezialisiert, mitunter verwenden sie ihn für buchstäblich raumgreifende Installationen. Aber im Berliner Georg-Kolbe-Museum reicht eine kleine bescheidene Versuchsanordnung in zwei Porzellanschälchen mit roter und grüner Harnstofflösung, um anzudeuten, worum es geht in dieser Ausstellung.

Die Kristalle wuchern über die Ränder der Schalen und auf die Tischplatte und produzieren dabei ganz von allein kühnes, man könnte sagen, irgendwie jugendstilartiges abstraktes Muster. Ist diese Art von Skulptur nun schon Kunst? Oder noch Natur? Oder eigentlich nur Wissenschaft? Oder nichts von allem? Das Beispiel lehrt: Erhöht sich der Anteil künstlicher, sich am Ende gar selbst reproduzierender Stoffe, geraten alle Begriffe durcheinander. Kunst und Wissenschaft sind dabei traditionell mit dem Begriff menschlichen Lebens verbunden, weil sie als geistige Leistungen gelten. Aber was, wenn sie selbstständige Systeme erzeugen, die nicht mehr viel bis gar nichts mit menschlichem Geist, menschlicher Erfahrung zu tun haben?

Die kleine, ausgeklügelte Berliner Schau liefert keine Antworten auf diese Frage – wie sollte sie auch, schließlich ist sie ja von Menschen gemacht. Aber die Frage selbst formuliert sie in immer neuen, durchaus bedrängenden und beängstigenden Variationen. Die gezeigten Arbeiten illustrieren erfreulicherweise nicht bloß Thesen – sie sind selbst welche.

Wie die merkwürdigen Gebilde des Belgiers Peter Buggenhout, der aus Polyesterstoffen, Papiermaché, Haaren, Blut, tierischen Eingeweiden, Metall und Staub Wesen erschafft, die sich nach menschlichem Ermessen kaum mit irgendetwas vergleichen lassen - mehr Ding denn Bild: aber was für ein Ding?

Zuordnungen sind auch bei den Arbeiten der Südkoreanerin Lee Bul kaum möglich, auch wenn sie nicht mit Dreck und Blut, sondern mit überaus perfekten Oberflächen arbeitet. Ihr merkwürdiges Zwitterwesen aus Mangafigur, exotischer Riesenblüte, Insekt und Raumschiff hängt in der Luft und bleibt für den Betrachter eine unnahbare Gestalt, deren Entstehung auf keinen Ausdruck mehr verweist und nichts mehr kommuniziert außer Anderssein.

Diesen Gedanken nimmt der junge Amerikaner Brandon Ballengée direkt auf, nur von der gleichsam gegenüberliegenden Seite: Seine präparierten und gefärbten Skelette von Baumfröschen weisen teils extreme Missbildungen an den Gliedmaßen auf und lassen die Tiere selber zu Objekten werden, die scheinbar die Natur selber zu Phänomenen außer der Norm geformt hat.

Künstlich erzeugte Mini-Hurrikane des Italieners Donato Piccolo, flauschige, scheinbar atmende Fellkugeln von Altmeister Günter Weseler oder ein täuschend echt aus Ton modellierter Riesenkalmar von David Zink Yi tasten die begrenzte menschliche Wahrnehmungsordnung ab auf ihre Sollbruchstellen. Diese immerhin, so könnte man sich am Ende trösten, sind ganz – natürlich.

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