• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 22:05 Uhr Musikjournal
StartseiteHintergrundZwischen Tradition und Reformen01.12.2004

Zwischen Tradition und Reformen

Zum Image der Gewerkschaften

<em>Wir nehmen das ein Stück weit so wahr, dass uns ein schlechtes Image auch aktiv zugeschrieben wird. Irgendwann bekommen wir immer wieder den schwarzen Peter. Dieses Spiel läuft teilweise von der Politik aus, ganz stark aber auch von einigen Medien aus.</em>

Von Tina Hüttl und Alexander Meschnig

Vertritt die Gewerkschaft noch die Interessen der Arbeitnehmer?  (AP)
Vertritt die Gewerkschaft noch die Interessen der Arbeitnehmer? (AP)

Vor dem schlechten Image selbst kann aber auch Wolfgang Römisch, Verbindungsmann der Dienstleistungsgewerkschaft Verdi zur Bundesregierung, nicht die Augen verschließen. Eine Studie dieses Jahres des Instituts für Meinungsforschung in Allensbach im Auftrag der Körber-Stiftung ergab: nur fünf Prozent der Befragten glauben, dass die Arbeitnehmervertreter etwas zur Lösung der aktuellen Arbeitsmarktprobleme beitragen können. Ganz konkret zeigt sich der Ansehensverlust der Arbeitnehmervertretung darin, dass sie seit Jahren drastisch an Mitgliedern verliert – allein 2003 kehrten 400.000 Mitglieder dem DGB den Rücken.

Doch wer ist schuld am negativen Image? Die Medien? Oder hat die Presse gar nichts mit der Stimmung gegenüber den Gewerkschaften zu tun? Das jedenfalls behauptet der FAZ-Wirtschaftskorrespondent Nico Fickinger:

Ich würde es andersherum drehen und sagen: Wenn eine so große Allianz von SPD über CDU, über Medien, über Wissenschaften und und und alle der gleichen Meinung sind, und nur die Gewerkschaften als einzige nicht diese Meinung teilen, dann sollten sie sich überlegen, ob nicht bei ihnen was falsch läuft und nicht bei den anderen.

Was ist nur los mit den deutschen Gewerkschaften? Die sozialen Reformen der rot-grünen Bundesregierung haben sie inhaltlich und politisch in die Defensive gedrängt. Sich daraus zu befreien, gelingt ihnen offensichtlich nicht. Ihre Proteste gegen den Sozialabbau – Stichwort Hartz IV – sind ohne große Wirkung verpufft. Der gesellschaftliche Umbruch findet auch ohne sie statt. Doch je mehr sie sich den geforderten Reformen verweigern, desto mehr werden sie von der Politik, den Medien und der Wirtschaft unter Beschuss genommen. Es sind beispielsweise die Parolen eines Jürgen Peters, für die viele nur noch ein Kopfschütteln übrig haben:

Wir haben die Nase voll von angeblichen Reformen, die wir bezahlen, und die anderen haben den Nutzen davon. Seit Jahren die gleiche Leier. Erst muss es schlechter werden, damit es besser wird. Erst müssen wir durch ein Tal der Tränen, damit dann wieder die Sonne scheint. So ein Blödsinn!

Die Sonne ist in der Tat nicht in Sicht, die Medien zeichnen ein weitgehend düsteres Stimmungsbild: Statt einer Lösung sehen die meisten Kommentatoren in den Gewerkschaften längst selbst einen Teil des Problems. Ob in der Debatte um Arbeitszeitverlängerung, Kündigungsschutz, Mindestlohn, Einstiegstarife und Verkürzung der Ausbildungszeiten – stets erscheinen sie als "Reformverweigerer". In den Augen mancher kämpfen sie gar für falsche Ziele: Jüngst hat BDI Präsident Rogowski die betriebliche Mitbestimmung zu einem "Irrtum der Geschichte" erklärt. Hans Werner Busch, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Gesamtmetall, sieht das ähnlich:

Natürlich verstehe ich, dass die Gewerkschaften sich nicht darüber freuen. Denn die paritätische Mitbestimmung ist für viele Gewerkschaftsfunktionäre ein attraktives Feld. Hier geht es natürlich auch um Einfluss. Aber international müssen wir darauf achten, dass wir nicht aufgrund dessen, dass wir in den Aufsichtsräten auch fremdbestimmt sind, den Anschluss an die Welt verlieren.

Busch plädiert dafür, dass Unternehmen zusammen mit ihren Belegschaften Art, Form und Umfang der Mitbestimmung selbst regeln. Doch die Gewerkschaften wollen, so der Vorwurf, über Alternativen nicht diskutieren. Und bestätigen damit wieder einmal ihren Ruf als "Nein-Sager der Nation". Für das Magazin DER SPIEGEL sind sie nur noch eine "Lobby des Stillstands". Einst haben die Gewerkschaften zwar maßgeblich den Sozialstaat der Republik aufgebaut. In seiner Krise allerdings sind sie nicht mehr als Gestaltungs-, sondern nur noch als Gegenmacht präsent, beklagt Wolf Lotter, Redakteur des Wirtschaftsmagazins "brand eins".

Man agiert nicht, man setzt keine Akzente. Man reagiert auf den Kündigungsschutz, man reagiert auf Kündigungen, man reagiert im Allgemeinen. Das Bild der Gewerkschaft als starkes, aktives Werkzeug von Arbeitnehmern, das ist, glaube ich, zerstört.

Das spiegelt sich auch in der aktuellen Umfrage des DGB-Trendbarometers wider: 80 Prozent der Befragten wünschen sich einen stärkeren Kooperationskurs der Gewerkschaftsführung. Über die Hälfte der Deutschen bewertet die Arbeit der Gewerkschaften mittlerweile kritisch. Ein Drittel der Befragten hält Gewerkschaften gar für überflüssig.

Es ist noch nicht so lange her, da waren Gewerkschaften moralisch hoch angesehen. In der Phase der fordistischen Massenproduktion erlebten sie - nicht nur in Deutschland - ihr "goldenes Zeitalter" als selbstbewusster und öffentlich anerkannter Akteur. Noch bis in die 80er Jahre war der Eintritt in die Gewerkschaft für einen großen Teil der abhängig Beschäftigten eine Selbstverständlichkeit.

Heute dagegen haftet ihnen das Image des Ewiggestrigen, des Schwerfälligen und Überholten an. Denn die Realität vieler Arbeitnehmer hat sich gewandelt, eine Mehrzahl der Beschäftigten ahnt längst, dass die weltweite Konkurrenz auch ihre Arbeitsbedingungen nachhaltig verändern wird. Martin Steuer arbeitet im Schichtdienst bei den Berliner Wasserbetrieben. Vieles, was seine Gewerkschaft fordert, versteht er nicht mehr.

Mir geht es um meinen Arbeitsplatz und nicht um irgendwelche zwei Stunden weniger Arbeit in der Woche. Und das kann nicht sein, dass ich als Mitarbeiter in einem Dienstleistungsunternehmen eine Gewerkschaft fragen muss, ob ich nachts arbeiten darf. Das wäre so, als wenn ich einen Feuerwehrmann frage, ob er nachts einen Brand löschen darf - aus gewerkschafts-tarifrechtlichen Geschichten, das sind Undinger.

Immer weniger Menschen arbeiten in einem so genannten Normalarbeitsverhältnis und unter Tarifbedingungen. Der Arbeitsmarkt wächst ausschließlich bei Beschäftigungsformen wie Teilzeitarbeit, Zeitarbeit, Mini-Jobs und Ich-AGs. Die Arbeitsgesellschaft steckt mitten im Umbruch.

Doch gerade die Gewerkschaften tun sich mit diesem Wandel besonders schwer. Noch immer verweist ihre Mitgliederstruktur auf ihre historische Verwurzelung im Arbeitermilieu. Doch das gibt es in dieser Form nicht mehr. Der Verdi-Funktionär Wolfgang Römisch zur veränderten Situation:

Als ich angefangen habe zu arbeiten in den 70er Jahren, da war es durchaus noch so, dass ganze Lehrjahre, wie es früher noch hieß, in die Gewerkschaften eingetreten sind. Da war es klar, aus einem familiären Hintergrund heraus, aus einem weltanschaulichen Hintergrund heraus, das derjenige, der abhängig beschäftigt ist, der Gewerkschaft beitritt. Diese selbstverständlichen Automatismen gibt es heute nicht mehr.

Die Probleme der Gewerkschaften liegen aber nicht nur in der Auflösung einst homogener sozialer Milieus. Das Verhältnis zur Arbeit und zur Idee einer Interessensvertretung hat sich gewandelt. Den modernen Arbeitnehmer kümmert die 35-Stunden-Woche wenig, er arbeitet projektbezogen, so lange es notwendig ist. Für ihn ist die Trennung von Arbeit und Freizeit nur theoretisch, sein Honorar ist in der Regel unabhängig von tariflichen Standards. Seine Interessen vertritt er selbst. So jedenfalls beschreibt der Soziologe und Autor Mathias Stuhr in seinen Büchern die Subjekte der zukünftigen Arbeitsgesellschaft. Er selbst muss es wissen. Einen wie ihn nennt man heute wohl Unternehmer in eigener Sache, kurz: Ich-AG.

Ich bin selbst freier Autor und Publizist, für mich wären die Gewerkschaften nicht die Institution, an die ich mich wenden würde. Die Gewerkschaften sind die Lobby der Arbeitnehmer. Bei der Ich-AG fällt ja quasi alles in eine Person. An welcher Stelle sollen hier noch die Gewerkschaften stattfinden? Ich werde ja nicht bei der Gewerkschaft anrufen, um mit mir selbst zu verhandeln.

Tatsache ist: Immer mehr Gruppen von Arbeitnehmern bleiben den Gewerkschaften fern: Selbstständige, Angestellte, Jüngere, Frauen aber auch ihre traditionelle Klientel, die Arbeiter. Die Gewerkschaften sehen sich daher mit dem Vorwurf konfrontiert, sie repräsentierten nur einen kleinen Teil der Beschäftigten. Gleichzeitig maßen sie sich aber an, für alle sprechen zu wollen.

Dieser Widerspruch kratzt am Image. Doch wesentlich mehr ins Gewicht fallen die über vier Millionen Arbeitslosen in Deutschland. Sie werden immer wieder gegen die Gewerkschaften ins Feld geführt. Das ARD-Kulturmagazin polylux sah die Gewerkschaften deshalb schon in der Rolle einer "Arbeitnehmer-Hamas". Auch wenn hier im Ton vergriffen, die Kritik wird weitgehend geteilt. Sie lautet: Gewerkschaften tun nichts für Arbeitslose, ja noch mehr, sie tragen sogar die Verantwortung für die hohe Arbeitslosigkeit. FAZ-Redakteur Nico Fickinger:

Wichtig ist doch, dass die Arbeitslosen überhaupt erst mal den Weg in die Beschäftigung finden. Es geht ja nicht nur um den reinen Verdienst, es geht um die Selbstbestätigung und das Selbstwertgefühl, das man dadurch erhält, wenn man am Erwerbsleben teilnimmt. Diese Tür wird von den Gewerkschaften verstellt, oftmals auch aus ideologischen Gründen, daran müsste sich was ändern.

Diesen Vorwurf weist Verdi-Funktionär Wolfgang Römisch weit von sich:

Also dazu muss ich sagen, dass es absolut widersinnig ist, die Gewerkschaften nun für die Arbeitslosigkeit verantwortlich zu machen. Und ich muss sagen, dass diejenigen, die so etwas schreiben und äußern, eine sehr doppelbödige Ideologie verfolgen. Denn die Argumentation ist ja folgende: Die Gewerkschaften sorgen für höhere Löhne, sorgen dafür, das diejenigen die Arbeitsplätze haben, sie auch behalten, und deswegen fördern sie die Arbeitslosigkeit. Das ist schlichtweg widersinnig.

Diese Kontroverse zeigt sehr deutlich das Dilemma, in dem sich die Gewerkschaften befinden. Arbeitslose haben in der Regel andere Interessen als etwa ein Vorarbeiter bei VW. Was dem einen hilft, kann dem anderen schaden. Eine allen gemeinsame Welt lässt sich nur mehr schwer herstellen. Der gewerkschaftliche Spagat, alle und jeden vertreten zu wollen, ist vielleicht zu groß geworden.

Was aber bedeutet heute Solidarität? Ist es heute die uneingeschränkte Einwilligung des Arbeitnehmers in alle Sanierungsprogramme seines Unternehmens, damit die Firma überhaupt überleben kann? Die Berliner Soziologin Irmtraut Schlosser:

Das ist ja ein Kulturkampf, der hier stattfindet. Es gehört zu diesem Kulturkampf dazu, den Begriff der Solidarität auch anders zu besetzen, gewissermaßen umzukurbeln.

Schlosser macht als Ursache für den Bedeutungsverlust der Gewerkschaften den Zeitgeist des Neoliberalismus verantwortlich. Seine Strategie besteht für sie darin, Begriffe umzuwandeln und ihre Bedeutung zu verändern. Die überzeugte Gewerkschafterin sitzt in einem kaum zehn Quadratmeter großen Raum an der Freien Universität Berlin. Das winzige Zimmer fungiert als gedankliche Schnittstelle zwischen Hochschule und DGB. Seit 1990 hat sie die Aufgabe an der Kooperationsstelle, Fragen der Arbeitswelt in Forschung und Lehre zu transferieren:

Da ist es auch wichtig, dass man Erfahrungen über die Notwendigkeit und Nützlichkeit von Gewerkschaften rüberbringt. Das Betonköpfige, das ewig Gestrige, diese ganze Summe von ungeprüften Vorurteilen, die gehen nicht ungebrochen auf die Studierenden über. Ich denke, sie sind offen, weil sie relativ unbeleckt sind. Sie haben einfach keine Ahnung, es ist ein Blank. Wenn man das gescheit einfädelt, dann gibt es da auch ein Interesse, dann kommt so eine Reaktion: Ach, das hab ich ja gar nicht gewusst.

Ist es aber mit mehr Aufklärung tatsächlich schon getan? Oder ist nicht der Gedanke der Repräsentation inzwischen obsolet geworden? Ob Gewerkschaft, Kirche oder politische Parteien – sie alle beklagen ein und dasselbe Phänomen. In einer hoch individualisierten Gesellschaft können sich nur noch wenige mit einer traditionellen Organisation und ihren Werten identifizieren. Auch sieht Identifikation heute anders aus und findet anderswo statt. Sie funktioniert insbesondere für Jüngere mehr über Marken, Moden und Musik, bei manchen aber auch über neue soziale Bewegungen wie Greenpeace oder attac.

Hinter dem Bedeutungsverlust der Gewerkschaften steckt eben auch ein Wertewandel, der viele ihrer Positionen in Frage stellt: Neben einem veränderten Begriff der Solidarität ist es vor allem die Idee der sozialen Gerechtigkeit, die eine neue Deutung erfährt.

Was ganz am Anfang stehen müsste, ist, dass die Gewerkschaften sich von diesem Wieselwort der sozialen Gerechtigkeit verabschieden. Denn die Ungerechtigkeit trifft meistens nicht Millionäre gegen Kleinverdiener, sondern es ist meistens die eigene Klientel, die von den Entscheidungen betroffen ist. Und darüber einmal eine Diskussion zu starten wie: Ist das sozial gerecht, wenn auch Kleinverdiener die Kosten eines ineffizienten Arbeitsmarktes tragen müssen? Das sind so Diskussionen, die werden aus dogmatischen Gründen offenbar aber nicht geführt.

Die fehlende Glaubwürdigkeit ist ein weiterer Faktor für das schlechte Image der Gewerkschaften. Für Nico Fickinger gilt das besonders da, wo Gewerkschaften selbst als Arbeitgeber auftreten. Denn niedrige Lohnzuwächse, Kündigungen von Mitarbeitern, Auslagerung von Serviceleistungen an Dritte - das alles gibt es auch im Unternehmen Gewerkschaft.

Besonders wütend machen kann genau diese Diskrepanz zwischen Rhetorik und Praxis. Für Busch ist sie ein Zeichen mangelnder Ehrlichkeit. Für andere ein Hinweis auf das Dilemma, in dem die Gewerkschaften stecken. Der Zorn entlädt sich dabei weit weniger auf die Betriebsräte mit ihrer konkreten Arbeit vor Ort, als auf die Spitzenfunktionäre. Ist das schlechte Image also vor allem ein Vermittlungs- und Führungsproblem? Das jedenfalls ist die Meinung von brand eins Redakteur Lotter:

Es geht also nicht um die Frage, was Gewerkschaften vertreten. Sondern es geht eher auch um die handelnden Personen und die Art und Weise, wie sie mit der Öffentlichkeit kommunizieren. Dann gibt es auch noch die Repräsentation durch Spitzenfunktionäre wie Peters oder Engelen-Käfer, die problematisch sind, die natürlich jetzt auch von der Vermittlung ihres Standpunktes her nicht dazu angetan sind, das Bild einer offenen Gewerkschaften zu zeichnen.

Was die Agitatoren der Arbeiterbewegung in den 20er Jahren in Berliner Hinterhöfen versucht haben, gilt auch heute noch für Gewerkschaften. Der Einzelne muss sich wieder angesprochen fühlen und der Sinn einer Mitgliedschaft für ihn deutlich werden. Das aber geht nur, wenn die Gewerkschaften sich auf die Bedingungen des modernen Arbeitsmarkts einstellen. Akzeptieren sie diese nicht restlos, müssten die Gewerkschaften mindestens selbst neue Akzente in der Diskussion setzen.

Genau diese Offenheit wird den Gewerkschaften aber von vielen Seiten abgesprochen. Sie setzen auch keine neuen Akzente, so der Vorwurf, den Wirtschaftsredakteur Wolf Lotter exemplarisch für viele erhebt.

Ich glaube nicht, dass die Gewerkschaft ein wirklich tragfähiges Konzept für den Wandel hat. Sondern sie steuert in Deutschland im Grunde genommen auf die Rolle hin – allerdings mit weniger Publizität und weniger Popularität – die die Gewerkschaften unter Thatcher auch in Großbritannien erlebt haben. Sie sterben hier aber leise, in Großbritannien hat man wenigstens noch unter Anteil der Bevölkerung das Begräbnis gesehen.

Für Wolfgang Römisch sind die Gewerkschaften alles andere als tot. Sie sind voll auf Reformkurs.

Der Umdenkungsprozess, das wird ja öffentlich weniger wahrgenommen, der Umdenkungsprozess ist aber im Gange. Wir haben viele Projekte laufen, wie wir neue Arbeitnehmergruppen ansprechen, wie wir uns auf Veränderungen im Bereich der Wirtschaft einstellen, und insofern bin ich da recht zuversichtlich.

Wie die Gewerkschaften in Zukunft wieder vermehrt an Einfluss und Ansehen gewinnen können, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. Es konkurrieren mehrere Modelle, auch innerhalb der Organisation: Die einen wollen mehr in Richtung Dienstleistungsagentur a la Arbeitnehmer-ADAC, andere suchen die Lösung dagegen in der Rückkehr zur gewerkschaftlichen Basis. Das fordert auch der Arbeitnehmer Martin Steuer:

Ich sage nicht, dass wir Gewerkschaften im Prinzip nicht brauchen. Ich bin der Meinung, dass eine gewerkschaftliche Vertretung, die im Großen agiert, nicht auf die Bedürfnisse der Kleinen eingehen kann, das geht nicht. Ich kann eine Interessensvertretung in einer Firma machen, das ist in Ordnung, das ist eine Sache, die ist akzeptabel und das funktioniert auch, weil ich habe den Ansprechpartner, mit dem ich Probleme habe. Die Gewerkschaften sollten sich mehr an der Basis orientieren und sollten mehr zu ihrem Stammgeschäft zurückkommen, nämlich die Interessen der Arbeiterschaft zu vertreten, und dafür muss man aber auch sehen, wo die Interessen der Arbeiterschaft liegen.

Anders als Martin Steuer will die Soziologin Irmtraut Schlosser die Gewerkschaften aus dem betrieblichen Ghetto herausführen. Ihr geht es um eine Erweiterung des Arbeitsbegriffes selbst.

Gewerkschaften haben sich viel zu lange auf Betriebsprobleme beschränkt. An der Stelle haben sich Gewerkschaften diesem Trend angeschlossen, der bedingungslosen Verbetrieblichung von Arbeit und Arbeit ist eben viel mehr als das, was nur im Betrieb ist.

Für Schlosser müssten Gewerkschaften die Menschen direkt an ihrem Wohnort abholen, etwa durch organisierte Projekte für arbeitslose Jugendliche oder ganz einfach: durch Hilfe bei der Kinderunterbringung. Tatsächlich ist es aber der Arbeitsbegriff, mit dem die Gewerkschaften historisch von ihrer Entstehung her eng verbunden sind. Im Kern gewerkschaftlicher Politik steht nach wie vor das Arbeitsverhältnis. Ihre ursprüngliche Aufgabe ist die Begrenzung von Konkurrenz.

Gerade die stößt aber in einer globalisierten Welt mit internationalen Arbeitsmärkten an ihre Grenzen. Es scheint: Die schwierigste Herausforderung für Gewerkschaften besteht darin, den Spagat zwischen Verändern und Bewahren zu meistern. Das ist natürlich schwierig, weil die Gewerkschaften nicht alles akzeptieren können.

Was ist eigentlich unmodern daran, wenn wir in Betrieben, deren Existenz bedroht ist, verhandeln, damit nicht nur die Gläubiger des Betriebes ihr Geld bekommen, sondern auch diejenigen, die in diesem Betrieb zum Teil ja ihr Leben lang gearbeitet haben. So etwas wird heutzutage als unmodern abgestempelt. Ich finde das fatal.

Die Gewerkschaften abschaffen, das wollen noch nicht einmal deren schärfste Kritiker. Und die Mehrheit der Deutschen, sagt das aktuelle DGB-Trendbarometer, hält die Gewerkschaften nach wie vor notwendig. Für Nico Fickinger begeben sich die Arbeitnehmervertretungen jedoch mit jedem Nein mehr in die politische Isolation.

Wenn man aber sieht, dass sich Gewerkschaften allfälligen Reformen verweigern, müssen sie sich nicht wundern, wenn dann auch die Kommentierung entsprechend negativ ist.

Da ist es einfach so, dass wir zu vielen Dingen nein sagen müssen, und ich finde, dass es richtig ist. Wenn dann jemand daraus macht, ihr seid ja nur blöde Nein-Sager, dann trifft uns das, aber es trifft nicht zu.


Kontert Verdi-Funktionär Wolfgang Römisch. Man sieht, in der Diskussion werden verschiedene Sprachen gesprochen. Das Spiel von Vorwurf und Gegenvorwurf wird von allen Seiten betrieben. Aus Reflex wehren die Gewerkschaften manchmal Kritik ab, indem sie Vorstöße der Arbeitgeberseite nur als Angriff auf unverzichtbare Arbeitnehmerrechte begreifen. Neue Ansätze und Ideen der Gewerkschaften gehen dann in der öffentlichen Diskussion unter. Am meisten schaden könnte es am Ende den Gewerkschaften.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk