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Zwischen West und Ost, zwischen Romantik und Moderne

Isang Enders und Andreas Hering spielen Robert Schumanns und Isang Yuns sämtliche Werke für Klavier

Von Raoul Mörchen

Warum Schumann dem Cello nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist schwer zu ergründen.
Warum Schumann dem Cello nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist schwer zu ergründen. (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Mit Werken von Robert Schumann und dem Koreaner Isang Yun stellt sich erstmals auf CD Isang Enders vor, der junge Solocellist der Dresdner Staatskapelle. An seiner Seite: der Pianist Andreas Hering. Ob in den eruptiven Werken Yuns oder in der milden Romantik Schumanns: Enders bewährt sich bei seinem CD-Debüt als sensibler und technisch versierter Musiker.

Die neue Platte ist heute ein Debüt: Mit Werken von Robert Schumann und dem Koreaner Isang Yun stellt sich erstmals auf CD der 24-jährige Isang Enders vor, der junge Solocellist der Dresdner Staatskapelle. An seiner Seite ein Freund aus Kindheitstagen: der Pianist Andreas Hering. Das programmatisch ausgefallene Recital, ein Hin und Her zwischen West und Ost, zwischen Romantik und Moderne, ist erschienen beim Label Berlin Classics.

"Robert Schumann: Fünf Stücke im Volkston
op.102 – III"

Gesamtaufnahmen machen gemeinhin viel Mühe: den Musikern, die das Werk eines Komponisten durchsuchen nach der Maßgabe, auch wirklich alles zu finden und dann einzuspielen, was ein Komponist für die Besetzung x oder x plus y geschrieben hat. Mühe machen Gesamtaufnahmen aber oft auch den Hörern, die da im Sessel sitzen und geduldig auch das kleinste hinterlassene Fragment über sich ergehen lassen oder Jugendwerke, die eigentlich nie hätten veröffentlicht werden sollen.

Die Gesamtaufnahme der Werke für Violoncello und Klavier von Robert Schumann dagegen ist gänzlich frei von solcher Mühsal. Streng genommen umfasst sie genau ein einziges Opus: die Fünf Stücke im Volkston op.102.

"Robert Schumann: Fünf Stücke im Volkston
op.102 – II"

Warum Schumann dem Cello nicht mehr Aufmerksamkeit geschenkt hat, ist schwer zu ergründen: An Liebe zum Instrument hat es nicht gemangelt, glaubt man den hinterlassenen Äußerungen des Komponisten und bedenkt man allein die Qualität des Cellokonzerts, das zweifellos zu den besten Arbeiten Schumanns zählt. Doch seinem wunderbaren Konzert hat Schumann nicht einmal eine große Sonate zur Seite gestellt, sondern eben bloß jene Fünf Stücke im Volkston. Im April 1849 entstanden sie, in unruhiger Zeit. In Deutschland hatten sich schon im Jahr zuvor allerorts Menschen erhoben gegen die restriktive Politik der herrschenden Adelsklasse – nationale Einheit, Bürgerrechte und Freiheit waren die Schlagworte jener Monate. Der Furor der Zeit ängstigte den politisch durchaus fortschrittlich denkenden Schumann – zumal er mit seiner Familie ausgerechnet in Dresden lebte, einem Zentrum der Revolution. Statt wie Wagner auf die Barrikaden zu gehen, zog sich Schumann zurück, flüchtete, so scheint es heute, in die biedermeierliche Gegenwelt seiner Musik. Den äußeren Umständen entsprechend entstehen 1848 und 49 eine Reihe von betont privaten Werken, die nicht für den öffentlichen Vortrag, sondern als Hausmusik gedacht sind: darunter neben den Fünf Stücke im Volkston zwei Werke, die der junge Cellist Isang Enders nun ebenfalls für seine Debüt-CD ausgewählt hat: ein Adagio samt Allegro mit der Opus-Zahl 70 für Klavier und Horn und die Fantasiestücke op. 73 für Klavier und Klarinette

"Robert Schumann: Fantasiestück I"

Zwar macht Repertoire-Not gemeinhin erfinderisch, doch um den kargen Bestand an Originalwerken aufzustocken, musste Isang Enders gar nicht mal lange nachdenken: Schumann hatte die Besetzung seiner Werke op. 70 und 73 bewusst offen gehalten – so ließen sie sich auch besser verkaufen. Statt Horn und Klarinette kann die Melodiestimme von einer Geige oder eben auch von einem Cello gespielt werden.

"Robert Schumann: Fantasiestück I"

Mit diesen Kompositionen – und mit der Bearbeitung des bekannten Liedes "Mit Myrten und Rosen" – war die Hälfte des CD-Programms schon verplant. Weil nun Schumanns Werke in Dresden entstanden sind, in der Stadt also, in der Enders mittlerweile lebt, hat der Cellist diese private Parallele zum Anlass genommen, auch den zweiten Teil seines Recitals mit einer persönlichen Note zu versehen: Isang Enders wählte dafür zwei Werke jenes bedeutenden koreanischen Komponisten, dessen Vornamen seine ebenfalls aus Korea stammende Mutter einst für ihn gewählt hatte: Isang Yun.

"Isang Yun"

Als einer der ersten Komponisten hat sich Isang Yun intensiv auseinandergesetzt mit einer Synthese von europäischen Moderne und der Musiktradition Ostasiens. Aus Korea brachte Yun vor allem die Idee einer prinzipiell einstimmigen Musik mit in den Westen: einer Musik, in der Reichhaltigkeit entsteht gewissermaßen durch die harmonische Auffächerung einer einzelnen Hauptstimme und ihre ornamental anmutenden Bewegungen.

"Isang Yun: Nore"

1917 im damals noch japanisch besetzten Korea geboren, 1995 in seiner Wahlheimat Berlin gestorben, hat Isang Yun erst einige Jahren nach seiner Übersiedlung nach Deutschland als Komponist seine eigene Stimme gefunden. In den 70er und 80er-Jahren wurde er schließlich zum prominentesten Vermittler zwischen Ost und West, prominent geworden leider auch durch seine gewaltsame Verschleppung durch den südkoreanischen Geheimdienst und den anschließenden Schauprozess, in dem Yun vor allem der bis heute ja verbotene Besuch des verfeindeten Nordkoreas vorgeworfen wurde und sein provokant erscheinendes Engagement für Frieden und Aussöhnung. Erst dank internationaler Proteste kam der körperlich schwer gezeichnete Komponisten 1969 nach Monaten der Haft und Folter schließlich wieder frei.

"Isang Yun: Nore"

Mag auch eine generelle Liebe zur Gesanglichkeit Robert Schumann mit Isang Yun verbinden und den Cellisten Isang Enders zur Kombination beider bewegt haben: in Fragen politischer Courage scheiden sich die Geister. Auch interpretatorisch möchte man einige Differenzen erkennen. Würde man dem Schumann-Spiel von Enders und seinem Partner Andreas Hering etwas mehr Biss wünschen, etwas mehr Mut zu Akzenten, scharfen Kanten und zu Ausbrüchen, so lässt die Musik von Yun den expressiven Knoten im Nu platzen.
" Isang Yun: Nore"

Ob nun in den eruptiven, von Gesten und Ornamenten aufgewühlten Werken Yuns oder in der von aller Mühsal befreiten, milden Romantik Schumanns: der junge Cellist Isang Enders bewährt sich auf seiner ersten CD als sensibler und darüber hinaus technisch äußerst versierter Musiker: Das in Punkto Intonation ja durchaus heikle Cello ist bei ihm in tatsächlich sicheren Händen – schon rein handwerklich ist hier rein gar nichts zu mäkeln. Wohl auch deswegen hat Enders schon mit 20 die lange vakante Stelle des Solocellisten der Staatskapelle Dresden übernehmen können – und damit die Nachfolge angetreten des heute weithin bekannten Kollegen Jan Vogler. Wie gesagt, ein bisschen mehr innere Spannung könnte sein Spiel wohl noch vertragen, ein genaueres Nachzeichnen von Linien und etwas mehr Mut, Ausrufezeichen zu setzen, dort wo es nötig ist. Sein beherrschtes, im Pianissimo von einer wunderbaren Ruhe beseeltes Spiel und die besonders in schnellen Sätzen souveräne, freie Gestaltung von Tempo und Rhythmus empfiehlt ihn und seinen Klavierpartner Andreas Hering auch so für weitere Exkursion im Herzen und auch am Rande der Kammermusik.

"Robert Schumann: Im Volkston I"

Das war, zum Abschluss unserer Sendung, das erste der "Fünf Stücke im Volkston" von Robert Schumann. Der Satz entnommen der Debüt-CD des Cellisten Isang Enders. Begleitet vom Pianisten Andreas Hering spielt Enders Werke für Cello und Klavier von Robert Schumann und Isang Yun. Die Neue Platte trägt den Titel "Mit Myrten und Rosen", sie ist erschienen beim Label Berlin Classics und wurde Ihnen vorgestellt von Raoul Mörchen.


Mit Myrten und Rosen
Robert Schumann und Isang Yun: Sämtliche Werke für Violoncello und Klavier

Isang Enders, Violoncello
Andreas Hering, Klavier
Berlin Classics 0300430BC
LC 06023

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