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100. Geburtstag
Der Macher Helmut Schmidt

Der Hamburger Helmut Schmidt war einer der markantesten Politiker in der Geschichte der Bundesrepublik. In Hamburg wird er vor allem für seinen pragmatischen Einsatz während der Sturmflut 1962 verehrt, weltweit für seine Härte gegen die RAF-Terroristen. Am 23. Dezember wäre er 100 Jahre geworden.

Von Daniel Kaiser | 22.12.2018
    Altkanzler Helmut Schmidt starb am 10. November 2015 in Hamburg
    Altkanzler Helmut Schmidt starb am 10. November 2015 in Hamburg (Imago)
    "Es waren lauter aufgeregte Hühner, und einer musste die Sache in die Hand nehmen." Helmut Schmidt - der Macher. Dieses Image pflegt er sein ganzes Leben lang. Schmidt - ist als Kanzler der mit der schweren Bürde des Amtes. "Ich nehme die Wahl an." "Ich habe vor dieser Macht Angst gehabt – genauer gesagt vor der Verantwortung, die die Macht mit sich bringt. Sie war mich nichts Erwünschtes diese Macht."
    Schmidt ist der Krisenmanager – vor allem in der Zeit des RAF-Terrors."
    "Sie halten sich für eine ausgewählte kleine Elite, welche ausersehen sei, so schreiben sie, die Massen zu befreien. Sie irren sich. Die Massen stehen gegen sie."
    Schmidt ist der mit der klaren Ansage. Das kann schon mal arrogant wirken. Bei Sekretärinnen geht es um den Zustand seines Schreibtischs und bei Spitzenpolitikern wie Hans-Jochen Vogel um den Zustand der Fraktion. "
    "Brigitta, sind Sie das? Was haben Sie mir alles für Mist auf den Schreibtisch gelegt hier? Das sah hier aus wie bei Karstadt. Alles vollgepackt! Hier liegt auch noch was."
    "Helmut Schmidt kam in die Sitzungen mit einer ziemlich deutlichen Vorstellung, was seiner Meinung nach geschehen sollte und hat lange Diskussionen nur in Ausnahmefällen geschätzt und zugelassen."
    Helmut Schmidt, der Musiker
    1981 macht er sich in einer geheimen Kommandosache -wie der SPIEGEL schrieb- auf nach London. Nicht in die Downing Street. Nicht in den Buckingham Palace. Sondern in die legendären Abbey Road Studios, setzt sich an den Flügel und spielt Mozart für eine Plattenaufnahme. Das Konzert für drei Klaviere. Gemeinsam mit Christoph Eschenbach und Justus Frantz: "Kein Journalist konnte sich einkriegen, dass ihr technokratischer Bundeskanzler plötzlich ein Musiker war, der mit dem besten englischen Orchester musizierte Atmo "Helmut! Helmut!"
    Als er 1982 als Bundeskanzler gestürzt und von Helmut Kohl abgelöst wird, empfangen ihn die Hamburger mit einem Fackelzug. Helmut Schmidt ist gerührt. "Nu lasst mi mol en beten sabbeln!"
    Als Herausgeber der Wochenzeitung DIE ZEIT profiliert er sich als Elder Statesman. Mischt sich ein. Hilft dabei, Peer Steinbrück zum SPD-Kanzlerkandidaten zu machen. Steinbrück versteht, warum Schmidt heute populärer ist als damals. "Nach einer langen Phase einer eher moderierenden Politik ist die Sehnsucht nach wie vor sehr stark, die sich in Helmut Schmidt eine Art Projektionsfläche gesucht hat – von einem Politiker, der Führung und Sicherheit in seinem Urteil ausstrahlt."
    In Hamburg verehrt
    Mit einer Sonderbriefmarke, mehreren Büchern und sogar eine Schmidt-Lichtshow in der Hamburger Innenstadt wird an den Altkanzler erinnert: "Herzlich willkommen bei den Schmidts."
    Sein Wohnhaus im Stadtteil Langenhorn, in dem er fast ein ganzes Leben lang mit seiner Frau Loki gelebt hat und in dem auch Giscard d’Estaing und Breschnew zu Besuch waren, kann besichtigt werden. Man hat manchmal den Eindruck, die Hamburger würden ihn, wenn sie denn könnten, am liebsten heilig sprechen. Als Schmidt vor drei Jahren starb, habe die ganze Stadt Anteil genommen, erinnert sich ZEIT-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo.
    "Da standen die Menschen in Zweier- und Dreierreihen Spalier und warfen zum Teil Blumen. Das können sie nicht verordnen. Da sehen Sie, dass er auch in den Herzen der Menschen verankert war. Das schafft heute, glaube ich, kein Politiker mehr."