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StartseiteBüchermarktErinnerungen an Krystyna Żywulska01.09.2014

100. Geburtstag Erinnerungen an Krystyna Żywulska

Sie war Holocaust-Überlebende und Verfasserin des ersten Auschwitz-Berichts, erfolgreiche Satirikerin und Malerin. Das Leben der am 1. September 1914 geborenen polnisch-jüdischen Schriftstellerin Krystyna Żywulska gleicht einem Roman. Die Kölner Autorin Liane Dirks war eine enge Freundin Żywulskas und erinnert an die ungewöhnliche Frau.

Von Marta Kijowska

Das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau. (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)
1949 erschien Krystyna Żywulskas Buch "Ich überlebte Auschwitz". (picture alliance / dpa / CTK / Tesinsky David)

Krystyna Żywulska war nicht ihr richtiger Name - sie hieß in Wirklichkeit Sonja Landau. Und auch neben ihrem korrekten Geburtsdatum, dem 1. September 1914, tauchen einige andere auf. Das Jahr 1918 zum Beispiel: War es die Erfindung einer koketten, auf ihre weibliche Attraktivität sehr bedachten Frau? Oder warum wird manchmal der 18. Januar genannt? Diese Frage weiß die Kölner Autorin Liane Dirks, zu beantworten - eine enge Freundin der Schriftstellerin, der sie posthum ein Buch gewidmet hat: den Roman "Und die Liebe? frag ich sie", eine Art Dokumentation dieser Freundschaft und ein einzigartiges Porträt der Verstorbenen.

Linae Dirks: "Sie war durch und durch eine kokette Frau, aber alles hat sich bei Krystyna damit gemischt, dass sie diese Geschichte hatte, die sie eben hatte. Und darum war der 18. Januar, als ihr die Flucht beim Evakuierungsmarsch aus Auschwitz gelungen ist, der eigentliche Geburtstag, bei dem ihr dann die Freunde und Verwandten ein Heubündel geschenkt haben, weil sie sich ja flüchtend in einen Heuhaufen einfach geschmissen hat. Und genauso wie sie den 18. Januar als ihren Geburtstag gefeiert hat, hat sie den Namen Krystyna Żywulska als ihren neuen Geburtsnamen gefeiert, weil sie mit dem eben in das neue Leben kam, auch wenn sie diese lange Station in Auschwitz erst hatte."

Sie hat bis dahin nicht nur diese eine Station - schon beim Kriegsausbruch ist von ihrem alten Leben nichts mehr da. Sie flüchtet nach Lemberg, doch schon bald folgt sie ihrer Familie nach Warschau. Die nächsten drei Jahre verbringt sie im Ghetto, bis es ihr – wie sie in ihren Erinnerungen erzählt - im Sommer 42 gelingt, von dort auf eine höchst abenteuerliche Weise zu fliehen: Sie geht auf den am Eingang diensthabenden Wachmann zu und zeigt ihm einen Ausweis, der zur Benutzung der Pferdebahn berechtigt, als wäre es ein Passierschein. Sie hat ihre Mutter bei sich, die sie in dem Glauben lässt, der Wachmann sei von ihr bestochen worden.

"'Bitte!', sage ich laut und gebe ihm die aufgeklappte Legitimation. Er kneift die Augen zusammen, blickt auf das Papier. Langsam hebt er den Kopf. Offensichtlich hat er einen Entschluss gefasst. Er nimmt das Gewehr von der Schulter. 'Los, ab!', sagt er kurz. Mit dem Gewehr zeigt er die Richtung: zur arischen Seite. Ich ziehe Mutter mit fort. Wir passieren das Tor."

Lagererinnerungen: "Ich überlebte Auschwitz"

Die Frage, warum der Mann nicht geschossen hat, wird Krystyna noch lange verfolgen. Viel Zeit zum Nachdenken hat sie aber nicht, denn schon bald beginnt sie, im Untergrund zu arbeiten, gerät dabei in die Fänge der Gestapo und wird zum Tode verurteilt. Sie verbringt drei Monaten in dem berüchtigten Pawiak-Gefängnis, von wo sie nach Auschwitz deportiert wird - eine Erfahrung, die alles bis dahin Erlebte weit übersteigt.

Liane Dirks: "Auschwitz ist nach wie vor unaussprechbar. Sie hat es ausgesprochen, und wenn man ihr begegnet ist, hat man - ich möchte wirklich sagen - in ihrer Aura das alles auch gefühlt. Das hat sie auch so anziehend gemacht, und das war auch in der Begegnung wiederum das Große, dass sie es irgendwie auch ausgehalten hat."

Sie hat es gleich nach dem Krieg ausgesprochen und dadurch ihren Lagererinnerungen diesen besonderen Effekt der Unmittelbarkeit gegeben. Ihr Buch, das 1949 erscheint und mit dessen Verfassung sie schon im Frühjahr 1945 begonnen hat, nennt sie schlicht "Ich überlebte Auschwitz", als wollte sie damit ihre Verwunderung darüber ausdrücken, dass ihr dies wirklich gelungen ist - den Gedanken zum Trotz, die sie bei ihrer Ankunft im Lager hatte.

"'So also sieht das alles aus, so also', dachte ich. Im nächsten Moment durchschritten wir das Lagertor. Ich wandte mich um. Plötzlich wurde mir bewusst: Ich befinde mich im Lager. Hier ist Auschwitz - Vernichtungslager. Von hier gibt es kein Zurück mehr!"

Für sie wird es ein Zurückgeben, doch zunächst muss sie das Ganze Martyrium des Auschwitz-Alltags erfahren. Kraft findet sie in Gedichten, die sie für sich und ihre Mitgefangenen schreibt. Und wie immer, hat sie auch viel Glück: Sie erkrankt an Typhus, doch dank der Hilfe einer Aufseherin, die ihr die einzige im Lager erhältliche Spritze gibt, überlebt sie die Krankheit. Bei der Evakuierung des Lagers gelingt ihr die anfangs erwähnte Flucht: Sie wirf sich in einen Heuhafen, bleibt dort, bis die Kolonne vorbeigezogen ist und erreicht das nächste Dorf.

Ghetto-Erinnerungen: "Leeres Wasser"

All das beschreibt sie später in ihrem Auschwitz-Buch, was auch, wie sie findet, als Vergangenheitsbewältigung genügen soll. Sie fängt ein neues Leben an, heiratet einen Jugendfreund, der überzeugter Kommunist ist und in der Parteihierarchie schnell aufsteigt. Doch dann, in den späten Fünfzigern, taucht plötzlich dieser Fremde auf, der ihr alles, was sie vergessen wollte, schmerzhaft ins Bewusstsein ruft: der Sohn von Veit Harlan, dem Regisseur des berüchtigten Propagandafilms "Jud Süß". Ein junger Rebell, der durch ein epochales Werk die Schuld des Vaters tilgen will. Sie werden ein Liebespaar, und ihre Geschichte hat auch in Krystynas Fall literarische Folgen: 1962 schreibt sie ihr zweites Kriegsbuch, "Leeres Wasser", die besagten Ghettoerinnerungen, in denen sie nichts auslässt – weder von dem eigenen Verhalten, noch von dem der anderen.

Liane Dirks: "Sie hat diesen gnadenlos offenen Blick, der ja zum Teil sogar Opfern wehgetan hat, weil – das war ein schwieriger Punkt – man sich gern einseitig stilisiert hat. Dass Menschen auch Schwächen hatten, dass zum Beispiel jemand ins Ghetto zurückgegangen ist als Jüdin, weil sie einen Pelzmantel haben wollte, und es war ihr doch die Flucht gelungen, das war lange Zeit ein Tabuthema."

Neben dem Ghetto-Buch schreibt Krystyna weiterhin ihre satirischen Texte. Sie ist, wie es scheint, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Einige Jahre später lacht allerdings über ihre Pointen und Parodien niemand mehr. Jedenfalls niemand von den Parteigenossen, die sich um den Innenminister Moczar versammeln. Die von ihnen entfachte antisemitische Hetzkampagne von 1968 setzt ein, und auf einmal ist es auch mit Krystynas privilegierter Stellung vorbei - sie ist nur noch eine Jüdin, deren Anwesenheit in Polen nicht mehr erwünscht ist. Sie trennt sich von ihrem Mann und folgt ihren beiden Söhnen ins Ausland. Nach einigen Zwischenstationen lässt sie sich in Deutschland nieder.

Schriftstellerin und Malerin

Liane Dirks: "Das Land hat sie gewählt, weil sie nicht wollte, dass ihre Söhne nach Israel gehen, sie wollte nicht, dass sie zur Armee müssen. Und sie hatte Freunde in Deutschland, die ihr geholfen haben und hier ihr den Anfang ermöglicht haben. Und sie liebte die deutsche Sprache, sie ist in Lodz mit der deutschen Sprache großgeworden. Sie kannte die deutsche Literatur. Da ist die, dem Schicksal von Marcel Reich-Ranicki ähnlich, große Liebe zu dieser Sprache. Und sie las dann auch auf Deutsch, sie las die deutschen Gegenwartsautoren. Sprachlich war das Heimat für sie und, ich denke, politisch dann auch."

Sie entscheidet sich für Düsseldorf, wo sie gute Freunde hat, und mit der Zeit richtet sie sich in ihrem neuen Leben ein. Sie wird oft zu Lesungen aus ihren autobiographischen Büchern eingeladen, schreibt Kurzgeschichten und neue satirische Texte. In den letzten Jahren entdeckt sie plötzlich ihr Maltalent, ihre Bilder werden mehrmals ausgestellt und mit Begeisterung aufgenommen. Sie ist nach wie vor die starke, lebenshungrige Frau, die sie schon immer gewesen ist. Gegen die Leukämie, mit der sie seit Jahren kämpft, kann sie allerdings nicht gewinnen: Sie stirbt am 1. August 1992 und wird auf dem Kommunalfriedhof von Düsseldorf beerdigt. Sechs Jahre später erscheint das Buch von Liane Dirks - eine literarische Verbeugung vor einer Freundin, der sie nach eigenen Worten einige wichtige Erkenntnisse verdankt:

Liane Dirks: "Das ist das, was ich von Krystyna gelernt habe: dass wir Menschen im Äußersten noch fähig sind, unsere, wie soll ich sagen, gestalterische Kraft zu bewahren. Wichtiger als Brot. Deswegen hat sie ja auch diese Gedichte geschrieben - um zu sagen: Ich bin noch Mensch, das nimmst du mir nicht weg. Das ist das Ungeheure an ihr gewesen, weswegen sie auch dringend wieder gelesen werden soll."

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