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100 Jahre Fotografie

Das erste Bild der Ausstellung stammt aus dem Jahr 1844, vom Erfinder des Positiv-Negativ-Verfahrens William Henry Fox Talbot, und zeigt einen Heuhaufen. Die neuesten Bilder entstanden um 1950, frische Mannequin-Fotos von Richard Avedon. Dazwischen wird allerbeste Fotografiegeschichte erzählt. Das Kunsthaus Zürich zeigt die erweiterte Sammlung der 74-jährigen schillernden Sammler-Persönlichkeit Marc Rich.

Von Christian Gampert |
    Natürlich hat Marc Rich nie selber Fotos gesammelt. Er wollte sich der Schweiz gegenüber dankbar zeigen und stellte dem Kunsthaus Zürich 1989 eine bestimmte Summe zur Verfügung, mit der der damalige Sammlungskurator Guido Magnaguagno einkaufen ging. Vielleicht ist das ja die bessere Lösung: Reicher Mann gibt Geld, Mann oder Frau mit Kunstverstand suchen die Werke aus. So jedenfalls entstand die "Marc Rich Collection", die Basis der Fotosammlung des Züricher Kunsthauses.

    Das erste Bild der Ausstellung stammt aus der Frühzeit der Fotografie, von 1844, ein Heuhaufen von William Henry Fox Talbot, dem Erfinder des Positiv-Negativ-Verfahrens. Die neuesten Bilder entstanden um 1950, frische Mannequin-Fotos von Richard Avedon und ein Stilleben von Irving Penn. Dazwischen wird Fotografiegeschichte erzählt, und zwar nur anhand der allerbesten Beispiele.

    Im Mittelpunkt steht der wichtigste fotografische Richtungsstreit überhaupt, der zwischen den malerisch orientierten "Piktorialisten" auf der einen und den neusachlich, technisch arbeitenden Fotografen auf der anderen Seite.

    Denn die Fotografie fühlte sich anfangs der Malerei unterlegen, sie war ja nur technische Abbildung, und versuchte deshalb per Retusche oder handwerklicher Nacharbeitung, "malerischer" zu wirken - und das hieß, um 1910, natürlich: impressionistischer, symbolistischer. Dann aber kam das Bauhaus und, vorher noch, in Amerika die "Straight Photography” um Paul Strand, Edward Westen, Ansel Adams, die einen ganz neuen, schonungslosen, analytischen Blick favorisierten und die Möglichkeiten des neuen Mediums nutzen wollten.
    Dieser Streit ist in Zürich schön dokumentiert: Auf der einen Seite atmosphärisch großartige Bilder von Alfred Stieglitz, der um die Jahrhundertwende ein Interieur mit einfallenden Sonnenstrahlen komponierte, oder Edward Steichens stilbildende Aufnahme des - im Winterdunst stehenden - New Yorker Flatiron-Gebäudes von 1905.

    Auf der anderen Seite die eher technisch orientierten, experimentellen Bilder von Moholy-Nagy oder auch Albert Renger-Patzsch, der Maschinenteile, Brückenpfeiler, die Äderchen einer Rhabarberpflanze, Kaktusblüten und andere organische oder mineralische Strukturen quasi-naturwissenschaftlich untersuchte.

    Und vor allem Herbert Bayer, dessen Werke dem Kunstmuseum kürzlich geschenkt wurden. Der 1900 geborene Bayer studierte am Bauhaus, erweist sich in seinen Arbeiten aber als surrealistischer Künstler: Er zeigt kopflose Frauen vor Margritte-Wölkchen, Knochenteile, Kegel, Kugeln, Puppenfinger vor Landkarten. Kurator Tobia Bezzola:

    "Es ist gar nicht so, dass das Bauhaus immer kühl und rational ist und die Surrealisten sind wild und traumhaft. Es gibt viele surrealistische Einflüsse auch am Bauhaus - und eben in den Collagen und Montagen von Bayer kommt das wunderbar zum Ausdruck. Das sieht ja aus wie Max Ernst teilweise und hat eine große Qualität."

    Vor allem kommt bei Herbert Bayer ein skulpturales Moment ins Spiel, das sich dann bei anderen Fotografen fortsetzt, zum Beispiel in den Frauenakten der Ruth Bernhard, auch sie, wie Bayer, vor den Nazis nach Amerika geflüchtet. Die Fotografie wird plastisch, sie argumentiert mit Volumina. Und sie wird, vor allem in den 30er und 40er Jahren, experimentell, wie bei Berenice Abbotts Augen im Parabolspiegel oder Harold Edgertons Tennis-Aufschlag, der in einzelne Bewegungs-Segmente zerlegt wird.

    Zum guten Schluss kommen die poetischen Realisten wie Robert Frank und Henri Cartier-Bresson zu Wort, von dem es eine wunderbare Straßenbiegung mit Wendeltreppe und Radfahrer im französischen Hyères zu sehen gibt: Hier legt das Bild selber sein Konstruktions-Prinzip des Kreises, des Kreiselns vor dem Betrachter bloß.

    Ein exquisiter Schnelldurchgang durch die ersten hundert Jahre der Fotografie. Marc Rich übrigens soll nebenbei auch noch Gemälde sammeln und mehrere van Goghs besitzen. Offenbar hortet er die aber zu Hause und behält sie für sich allein.