Montag, 27.09.2021
 
StartseiteKalenderblattSymbolfigur der Linken14.07.2021

125. Geburtstag von Buenaventura DurrutiSymbolfigur der Linken

Seine Rolle im Spanischen Bürgerkrieg und der frühe Tod ließen Buenaventura Durruti zu einer Ikone der Linken werden. In Deutschland machte ihn Hans Magnus Enzensbergers Collage-Roman "Der kurze Sommer der Anarchie" bekannt. Geboren wurde der spanische Anarchist am 14. Juli 1896 in León.

Von Julia Macher

Zeitgenössische, schwarz-weiße Reproduktion eines ursprünglich farbigen Porträts von Buenaventura Durruti mit Feldmütze und strahlendem Lachen aus dem 1936 (index / Heritage-Images)
Für Durruti (Aufnahme von 1936) sind Krieg und Revolution zwei Schlachten, die gleichzeitig geschlagen werden müssen. (index / Heritage-Images)
Mehr zum Thema

Anarchist Pjotr Kropotkin Visionär einer freien Gesellschaft

Vor 100 Jahren gestorben: Pjotr Alexejewitsch Kropotkin Zwischen Wissenschaft und Anarchismus

Javier Cercas: "Der falsche Überlebende" Das Böse mit Verständnis bekämpfen

Lieder aus europäischen Widerstandsbewegungen Und die Hand wird zur Faust

Als Buenaventura Durruti im November 1936 in Barcelona zu Grabe getragen wird, säumen Hunderttausende die Straßen und heben, als letzten Gruß an den Anarchisten, die geballte Faust.

Noch nie zuvor habe die Stadt eine solche Menschenmenge gesehen, heißt es im Bericht der anarchistischen Schauspielergewerkschaft. Es ist das Begräbnis eines Mannes, der im revolutionären Spanien der 1930er-Jahre schon zu Lebzeiten ein Mythos geworden war.

Geboren wird Buenaventura Durruti am 14. Juli 1896 in León als zweites von acht Kindern einer Eisenbahnerfamilie.

"Das erste, was ich als Kind um mich herum sah, war das Elend: Nicht nur das unserer Familie, sondern auch das unserer Nachbarn. Das hat mich instinktiv zum Rebellen gemacht", schreibt er an seine Schwester. 

Katz- und Mausspiel mit der Obrigkeit

Buenaventura beginnt mit 14 Jahren eine Lehre als Mechaniker. Er arbeitet im Bergbau und bei der Eisenbahn. Gegen die schlechten Arbeitsbedingungen wird immer wieder gestreikt, Buenaventura ist unter den Rädelsführern. Wegen "radikaler Umtriebe" verliert er schließlich seinen Job, wird aus der sozialistischen Gewerkschaft ausgeschlossen und flieht vor der Polizei nach Frankreich. Das Katz- und Mausspiel mit der Obrigkeit ist von nun an Teil seines Lebens.

Durruti will die Revolution

1920 kommt Buenaventura nach Barcelona. Er schließt sich der anarchistischen Gewerkschaft CNT an und gründet mit Francisco Ascaso und Juan García Oliver die Untergrundorganisation "Los Solidarios". Sie legen Bomben, überfallen Banken, agitieren auch in Frankreich, Mexiko, Chile. Als 1931 in Spanien die Zweite Republik ausgerufen wird, kehrt Durruti zurück und bleibt ein Aufrührer: Die Reformversuche der neuen Regierung empfindet er als halbherzig, er will die Revolution.

Als im Juli 1936 General Franco putscht, schlägt in Barcelona die Stunde des politischen Anarchismus. Bewaffnete Arbeiter beenden den Aufstand der Militärs, das "Komitee der antifaschistischen Milizen" übernimmt de facto die Macht. Vor den öffentlichen Gebäuden weht die schwarz-rote Fahne, Banken und Friseursalons werden vergemeinschaftet, und Buenaventura Durruti führt die "Columna Durruti" an die Front in Zaragoza: Die Männer und Frauen seiner Volksmiliz sind wild entschlossen zu kämpfen, haben aber kaum militärische Ausbildung. Kasernen-Drill lehnt Durruti als Repression ab. Seinen Kritikern entgegnet er:

"Wir laden die Befürworter der Disziplin an die Front ein. Dort können sie sich ein Bild von unserer Moral machen. Wir brauchen keinen Gehorsam, weil wir uns unserer Pflicht und unserer Verantwortung bewusst sind."

"Der Gigant mit dem kindlichen Herzen"

Für Durruti sind Krieg und Revolution zwei Schlachten, die gleichzeitig geschlagen werden müssen. Die Propaganda-Abteilung der anarcho-syndikalistischen Gewerkschaft CNT begleitet den Vormarsch des "Giganten mit dem kindlichen Herzen", wie er gerne genannt wird.

Der französische Ökonom und Soziologe Pierre-Joseph Proudhon.  (AFP) (AFP)Einführung in den Anarchismus
Pierre Joseph Proudhon wurde vor 200 Jahren in Besancon geboren und gilt als der Begründer des Anarchismus. Er kritisierte Staat, Kapital und Kirche. Der Proudhonismus fand in der französischen Arbeiterbewegung in den Jahrzehnten nach seinem Tod am 19.1.1865 in Paris noch eine gewisse Verbreitung.

Erreichen die Anarchisten ein Dorf, verbrennen sie zunächst die Grundbücher, erklären dann den Bewohnern den "libertären Kommunismus": Alles wird geteilt, Geld und Obrigkeit werden abgeschafft. Stellt die Dorfgemeinschaft Pfarrer und Bürgermeister gute Zeugnisse aus, lässt man sie laufen – andernfalls wird exekutiert. In seinem Hauptquartier schwört Durruti die Milizen ein:

"Unsere einzige Chance, den libertären Kommunismus einzuführen, ist die Zerstörung der Bourgeoisie. Die Bauern setzen unsere Theorien bereits in die Praxis um. Mit unseren Gewehren sichern sie ihre Ernte."

Der spanische Diktator General Francisco Franco am 26.05.1974 in Madrid. Im Hintergrund der spanische Thronanwärter und spätere König Juan Carlos. | (UPI/dpa) (UPI/dpa)Wie Spanien um die Aufarbeitung seiner Verbrechen ringt
Am 20. November 1975 starb Spaniens ehemaliger Diktator Francisco Franco Bahamonde. Doch auch Jahrzehnte nach dem Ende seiner Herrschaft sind viele Fragen offen, Opfer-Angehörige warten auf Wiedergutmachung. Ein Gesetz soll die Aufarbeitung voranbringen.

Das Experiment einer herrschaftsfreien Gesellschaft scheitert 

Doch der Sommer der Anarchie währte nur kurz. Die stalinistischen Kommunisten, die der Republik Waffen schickten, forderten ein Ende der revolutionären Experimente und bezichtigten die Anarchisten der Zersetzung. Das europaweit einmalige Experiment einer herrschaftsfreien Gesellschaft sollte bald scheitern.

Am 19. November 1936, im Straßengefecht in der Hauptstadt Madrid, verletzte eine Gewehrkugel Buenaventura Durruti tödlich. Wer sie abgefeuert hat, wurde nie geklärt. Auch die unbeantworteten Fragen zu seinem Tod halten den Mythos lebendig.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk