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StartseiteKalenderblatt13.6.1964 - Vor 40 Jahren13.06.2004

13.6.1964 - Vor 40 Jahren

In Kiel läuft mit der „Otto Hahn“ das erste nuklearbetriebene deutsche Frachtschiff vom Stapel

<em>Ich könnte vielleicht für meinen Sohn prophezeien, dass der nur noch auf Kernenergieschiffen um die Welt fahren wird. Und die Ölschiffe werden im Deutschen Museum stehen wie die Kohleschiffe heute.</em>

Von Frank Grotelüschen

Otto Hahn, Chemiker, Aufnahme vom 11.8.1955 in Genf (AP)
Otto Hahn, Chemiker, Aufnahme vom 11.8.1955 in Genf (AP)

Die Hoffnungen sind groß, als in Kiel die "Otto Hahn" zu Wasser gelassen wird. Ihr Stapellauf soll eine neue Ära markieren – das Zeitalter der atomgetriebenen Frachtschiffe. Dass aus den Plänen nichts wurde, dass statt den Ölschiffen die Atomschiffe im Museum gelandet sind, hat vor allem wirtschaftliche Gründe: Ein Kernreaktor als Schiffsmotor hat sich schlicht als zu teuer erwiesen.

1955 läuft das erste Atomschiff überhaupt vom Stapel, das amerikanische U-Boot Nautilus. Auch Deutschland will bei der Nutzung der Kernkraft mitmischen. Schließlich waren hier die Grundsteine gelegt worden; 1938 hatte Otto Hahn die Kernspaltung von Uran entdeckt. Also wird in Geesthacht bei Hamburg ein Forschungszentrum ins Leben gerufen - die Gesellschaft für Kernenergieverwertung in Schiffbau und Schifffahrt, kurz GKSS.

Wir sind im Jahre 57 gegründet, ziemlich kurz nachdem wir uns in Deutschland überhaupt mit der Kernenergie wieder befassen durften”,

sagt der damalige Geschäftsführer Zurmühlen. 1960 schreibt die GKSS einen nuklear angetriebenen Erzfrachter aus - der zweite zivile Atomfrachter überhaupt. Nur die USA haben bereits einen gebaut – die Savannah. Den Zuschlag erhalten Siemens und die Kieler Howaldtswerke. 170 Meter lang soll das Schiff sein, 16 Knoten schnell, Tragfähigkeit 15.000 Tonnen Erz.

Das Herz aber ist der Druckwasserreaktor, er leistet 38 Megawatt. Das Prinzip: Der Reaktor erhitzt Wasser so stark, dass es unter Hochdruck verdampft. Der Dampf treibt eine Turbine an, und diese Turbine dreht die Schiffsschraube. Die Konstrukteure um Erich Bagge sprechen von einem "fortschrittlichen Druckwasserreaktor”. Er soll besser und sicherer sein als der Meiler an Bord der Savannah.

Er enthält Wasser als Kühlmittel. Aber der Reaktor wird nicht wie der Savannah-Reaktor dieses Wasser erst über einen sogenannten Wärmetauscher führen, um dann dort Dampf zu erzeugen. Sondern dieser Reaktor wird das Wasser in seinem eigenen Kessel dazu benutzen, um dort schon Dampf für den Antrieb der Turbinen zu erzeugen.

1963 wird das Schiff auf Kiel gelegt. Ein Jahr später, am 13. Juni 64 folgt der Stapellauf, dem auch Namenspatron Otto Hahn beiwohnt, damals immerhin schon 85. Der Reaktor aber fehlt noch. Es soll noch gut drei Jahre dauern, bis Meiler und Brennelemente eingebaut sind. 52 Millionen Mark hat das Schiff gekostet, davon 27 Millionen der Reaktor. Als die Otto Hahn am 11. Oktober 1968 zu ihrer ersten Probefahrt in See sticht, ist GKSS-Geschäftsführer Zurmühlen noch voller Zuversicht.

Einmal werden die Brennstoffkosten in absehbarer Zeit niedriger sein können als bei Schiffen mit konventionellen Antrieben. Es gibt noch einen 2. Vorteil: Wenn Sie eine lange Reiseroute nehmen, so muss ein konventionelles Schiff 3.000 Tonnen Bunkeröl mitführen. Ein Atomschiff braucht über den Atomreaktor hinaus keinen Brennstoff mitzuführen.

Noch 1968 nimmt das Schiff seinen Betrieb als Erzfrachter auf. Stets mit an Bord sind bis zu 40 Wissenschaftler, die den Reaktor überwachen. 1978, nach zehn Jahren, hat die Otto Hahn 650.000 Seemeilen abgespult und 80 Kilogramm Uran verbraucht – alles ohne größere technische Schwierigkeiten, wie die Experten versichern.

Die GKSS erklärt die Mission für beendet. Der Reaktor wird ausgebaut, 1982 sticht die Otto Hahn als gewöhnliches, dieselgetriebenes Containerschiff wieder in See. Technisch gesehen sei das Projekt ein Erfolg gewesen, meinen die Fachleute. Wirtschaftlich aber haben sich die Hoffnungen nicht erfüllt.

So hatte man den Preis für die Entsorgung unterschätzt – 22 Millionen Mark. Zudem gehen Ende der 70er Jahre mehr und mehr Leute gegen die Atomkraft auf die Straße, protestieren gegen Brokdorf und Gorleben. Die Folge: Die Pläne für atomgetriebene Zivilschiffe verschwinden in der Schublade. Nur in der Marine, in U-Booten und Flugzeugträgern, setzt sich der Nuklearantrieb durch. Hier spielt Wirtschaftlichkeit bekanntlich nur eine Nebenrolle.

Und die GKSS, jenes Forschungszentrum, das die Otto Hahn einst konzipiert und betrieben hat?

Nun, auch hier hat man die Flaggen gewechselt – und befasst sich statt mit Kerntechnik heute mit Membranen, Materialien und Küstenforschung.

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