Dienstag, 09. August 2022

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130 Jahre BASF in China
"Eine Revolution im Reisfeld"

Michael Grabicki war lange Jahre für die Pressearbeit bei BASF verantwortlich und hat nun die 130-jährige Geschichte des Konzerns in China für ein Buch aufgearbeitet. Im Deutschlandfunk berichtete er von schwierigen Anfängen, bahnbrechenden Erfindungen und wichtigen Meilensteinen.

Michael Grabicki im Gespräch mit Klemens Kindermann | 02.04.2015

    Die Eröffnung des Verbundstandorts in Nanjing von BASF und Sinopec 2005.
    Die Eröffnung des Verbundstandorts in Nanjing von BASF und Sinopec 2005 - "ein Meilenstein", sagte Grabicki. (picture alliance / Imaginechina / Yang haipeng)
    Klemens Kindermann: Der Leuchtgas-Fabrikant Friedrich Engelhorn gründet in Mannheim mit Partnern die Aktiengesellschaft Badische Anilin- und Sodafabrik (BASF). Das ist am kommenden Ostermontag genau 150 Jahre her. Das Jubiläum des Chemiekonzerns BASF ist Anlass für uns, ein Stück deutsche Wirtschaftsgeschichte vorzustellen: das Engagement der BASF in China. Das Unternehmen ist heute der größte ausländische Investor im Chemiebereich in der Volksrepublik.
    Wir gehen einen großen Schritt zurück zu den Anfängen dort vor 130 Jahren. Michael Grabicki, lange Jahre für die Pressearbeit bei BASF verantwortlich, hat in mitunter entlegenen Archiven und vor Ort in China recherchiert und soeben ein Buch über die Geschichte des Chemiegiganten dort vorgelegt mit dem Titel "Eine lange Reise". Ich habe Michael Grabicki von der BASF vor dieser Sendung gefragt, wie das eigentlich kam, dass sein Unternehmen schon so früh, im Jahr 1885, diese Reise nach China angetreten hat.
    Michael Grabicki: Im ausgehenden 19. Jahrhundert hat ja eine starke Industrialisierung in Deutschland eingesetzt und das Interesse an China mit seinen faszinierenden Absatzmöglichkeiten war groß. China hatte damals über 400 Millionen Einwohner, also mehr Einwohner als Europa, ein Viertel der Weltbevölkerung, und man sah einfach diesen Riesen-Absatzmarkt. Den sah auch die BASF und sie wollte ihre innovativen Chemikalien - das waren damals Farbstoffe - auch dort absetzen und man beschloss, einen Direktor namens Theodor Sproesser nach China zu schicken. Das war ein erfahrener Kaufmann. Aber der Vorstand wusste auch, wie gefährlich so eine Reise sein kann und dass in China alle möglichen Gefahren auf die Menschen lauern. Also schloss man eine Lebensversicherung auf seinen Kopf ab in Höhe von 100.000 Mark, entspricht heute etwa 800.000 Euro, allerdings unter der Bedingung: Sollte er erfolgreich zurückkehren, dann müsste er die Prämie, wenn er sie weiter haben wollte, dieser Versicherung künftig selbst bezahlen. Die Mission von Herrn Sproesser war erfolgreich. Er fand einen Handelspartner, der künftig dazu beitrug, unsere Produkte auf dem großen chinesischen Markt zu verkaufen.
    "Das ist wirklich eine bahnbrechende Erfindung gewesen"
    Kindermann: Sie haben es schon gesagt, Farbstoffe hat BASF vor allen Dingen verkauft, und bei der Einführung dieser synthetischen Farbstoffe auf dem chinesischen Markt, da hat man sich ja besonderer Marketing-Methoden bedient. Wie sahen die denn aus?
    Grabicki: Man muss sich vorstellen, dass die Menschen, die unsere Produkte dort gekauft haben, ja in der Regel nicht lesen und schreiben konnten. Die wollten aber trotzdem wissen, was ist da drin und von wem kommt das. Also waren auf diesen Blechbüchsen, in denen die Farbstoffe verkauft wurden, farbige Etiketten. Die waren oft sehr kunstvoll gestaltet, enthielten oft auch gleich schon die erste Gebrauchsanweisung, wie man das Produkt einsetzen sollte. Darüber hinaus war unser Logo, unser damaliges Logo da oft drauf zu sehen. Das war das Stuttgarter Pferd und der Bayerische Löwe. Dann wussten die Menschen auch, die dieses Produkt kauften: Aha, da ist das Qualitätsprodukt von der BASF drin.
    Kindermann: Ein weiteres, in der Unternehmensgeschichte von BASF ja ganz zentrales Produkt war der neu entwickelte Kunstdünger, Ammoniumsulfat. Hatte BASF damit auch Erfolg in China?
    Grabicki: Ja. Man muss vielleicht noch kurz was zu Ammoniumsulfat sagen. Das ist wirklich eine bahnbrechende Erfindung gewesen. Sie machte nämlich möglich, dass die stark wachsende Bevölkerung auch mit landwirtschaftlichen Produkten versorgt werden konnte in Europa. Das ist den Arbeiten von Fritz Haber und Carl Bosch zu verdanken, Fritz Haber im Labor und Carl Bosch dann bei der großtechnischen Umsetzung. BASF war der erste Großproduzent von diesem Ammoniak-Dünger. Und man sieht an diesem Produkt allerdings auch gleich die Janusköpfigkeit vieler Erfindungen, denn mit dem künstlichen Ammoniak oder mit dem synthetischen Ammoniak, das man aus der Luft gewinnen konnte, war es neben Kunstdünger auch möglich, jetzt genügend Schießpulver herzustellen und Sprengstoff, was den Ersten Weltkrieg noch länger dauern ließ.
    Aber jetzt kommen wir wieder zurück nach China. Wir waren leider nicht die ersten, die diesen Ammoniak-Dünger nach China einführten, sondern das war die britische ICI. Die bekam durch die Versailler Verträge die Möglichkeit, unsere Patente zu nutzen, und war uns da einen Schritt voraus. Wir mussten die Landwirte in China aber von der Qualität unserer Produkte überzeugen. Dazu haben wir landwirtschaftliche Berater nach China geschickt. Denn die Gilde der Händler, die mit natürlichen Düngemitteln handelte, also menschlichen und tierischen Fäkalien, Hühnerfedern, Abfälle, Speiseabfälle, die wollten sich das Geschäft nicht aus der Hand nehmen lassen. Unsere Mitarbeiter führten also in China vor, wie ein Feld besser wächst, wenn es mit Ammoniak-Dünger versehen wird, und man kann eigentlich von einer Revolution im Reisfeld sprechen. Und wir konnten uns auch gegen diese Widerstände dieser klassischen Düngemittel-Händler durchsetzen, was manchmal sogar darin mündete, dass von denen Felder, Versuchsfelder zerstört wurden.
    "Ein ganz wichtiger Meilenstein in unserer China-Geschichte"
    Kindermann: Kommen wir vielleicht zu anderen Widerständen und machen einen großen Zeitsprung. In China änderte sich ja mit der Gründung der Volksrepublik China das gesamte politische Koordinatensystem. Wie kam denn die BASF damit zurecht?
    Grabicki: Ja, das Geschäft, das vor dem Zweiten Weltkrieg und auch noch während des Zweiten Weltkrieges in China sehr erfolgreich gewesen war, lag dann völlig danieder. Das ging aber allen, die mit China Geschäfte machten, so, denn der chinesische Markt oder Chinas Politik schottete sich ab, unterhielt Beziehungen eher nur noch zu sozialistischen und kommunistischen Ländern, der Westen geriet in Verruf. Die Menschen wurden auch ausgewiesen aus China. Kontakte, Geschäftskontakte gerade in den 50er- und auch in den 60er-Jahren nach China zu finden war sehr schwierig. Es gab die Möglichkeiten über die Leipziger Messe. Da trat die chinesische Importgesellschaft auf, mit der man Verträge über bestimmte Produkte abschließen konnte. Wir schickten auch mal Delegationen nach China, die kleinere Vertragsabschlüsse machen konnten. Aber es war ein sehr mühseliges Geschäft und hatte keinen großen Gesamtanteil an unserem Umsatz.
    Kindermann: Kommen wir in die Gegenwart schon fast. 2005 nahm die BASF ja mit dem chinesischen Unternehmen Sinopec den Verbundstandort in Nanjing in Betrieb. Welche Bedeutung hat das für die Unternehmensgeschichte?
    Grabicki: Das hat eine ganz große Bedeutung. Nanjing, dieser Verbundstandort Nanjing, den wir mit Sinopec, dem größten chinesischen Unternehmen betreiben, war ein ganz wichtiger Meilenstein in unserer China-Geschichte. Vorausgegangen waren Verhandlungen, die nahezu sechs Jahre dauerten, bis wir mit den chinesischen Behörden übereingekommen waren, dass wir diesen Standort bauen konnten. Heute beschäftigen Sinopec und BASF dort gemeinsam über 2000 Mitarbeiter. Wir haben fast 20 große Produktionsanlagen dort hingestellt und stellen pro Jahr drei Millionen Tonnen Chemikalien überwiegend für den chinesischen Markt dort her.
    "Genauso entscheidend waren die Menschen"
    Kindermann: Wenn Sie alles mal zusammenfassen, 130 Jahre BASF in China, was waren die wichtigsten Faktoren für den unternehmerischen Erfolg? Was hätte besser laufen können?
    Grabicki: Bei der Arbeit an diesem Buch habe ich festgestellt, was mich allerdings auch nicht sehr verwundert hat, dass es vorwiegend die innovativen und guten Produkte der BASF gewesen sind, die uns auf diesem chinesischen Markt interessant gemacht haben. Aber genauso entscheidend waren die Menschen, die das Geschäft betrieben haben, und da hat sich für mich eine doch ganz überraschende Konstante herausgestellt. Sowohl die Menschen, die vor 100 Jahren das Geschäft besorgten, wie die Manager in den 90er-Jahren und auch heute verfügen über ganz bestimmte Talente und Fähigkeiten. Sie waren offen gegenüber dieser fremden und neuen Kultur, haben sich darauf eingelassen, waren kreativ beim Entwickeln neuer Geschäftsmodelle und haben über einen doch ausgeprägten unternehmerischen Geist verfügt.
    Kindermann: Michael Grabicki von der BASF über "Eine lange Reise. Die Geschichte der BASF in China von 1885 bis heute", dies auch der Titel seines Buches, erschienen bei Hoffmann & Campe.
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.