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StartseiteDie neue PlatteDer Weitblick eines Labels 08.11.2015

15 Jahre Ensemble Modern MedienDer Weitblick eines Labels

Seit 35 Jahren gibt es das 22-köpfige "Ensemble Modern", das sich durch seine musikalische Vielfalt auszeichnet. Immerhin schon seit dem Jahr 2000 besteht indes das Label der Formation, genannt Ensemble Modern Medien. Ein Streifzug durch 15 Jahre Labelgeschichte - mit Beethoven, Schönberg und zahlreichen weiteren.

Von Frank Kämpfer

Ein Taktstock in einer Hand (dpa/Britta Pedersen)
28 CDs und zwei DVDs hat das Label EMM inzwischen veröffentlicht. (dpa/Britta Pedersen)

Ist die Rede von Avantgardemusik, so denkt man seit Längerem zuerst an das Ensemble Modern: eine Formation von Spezialisten mit bemerkenswert weitem Blick und Repertoire – mit besonderer Kenntnis verschiedenster Musik des 20. Jahrhunderts und der Gegenwart. 1980 gegründet, hat sich das EM sehr schnell aus einer Studierendenformation zu einem international renommierten Klangkörper entwickelt, der Maßstäbe setzt – für die Interpretation, das Verständnis und die Vermittlung Neuer Musik. Anlässlich seines 20-jährigen Ensemble-Jubiläums wurde das eigene Label gegründet: Ensemble Modern Medien – dessen wiederum 15-jährige Existenz ist heute Anlass für Rückblick und Vorschau: das Ensemble Modern auf dem Schallplattenmarkt. Am Mikrofon Frank Kämpfer – folgen Sie mir durch 15 Jahre Labelgeschichte – am Schluss gibt es eine Novität.

Beethoven – Violinkonzert
Thomas Zehetmair, Violine
Ensemble Modern. Ltg. Ernest Bour
CD EMCD-017, LC 14544
Take 04
Dar.: 0:44

Schnell, leicht, beschwingt fast, und ... ohne große Orchesterbesetzung: Ludwig van Beethovens Violinkonzert D-Dur, op. 61 mit dem Ensemble Modern anno 1987 bei den IGNM-Weltmusiktagen in Köln. Für alle Beteiligten war es ein Experiment: Solist Thomas Zehetmair hatte nie zuvor mit einer Neue-Musik-Formation konzertiert, das Ensemble wiederum musste sich eigens seiner musikalischen Herkunft erinnern – bekanntlich ja erwuchs das EM aus der Jungen Deutschen Philharmonie – und Ernest Bour, der Dirigent, verwirklichte sich einen Traum: Beethovens Erstversion, und zwar endlich im richtigen Tempo. Alle Beteiligten profitierten von dieser unglaublichen Konstellation, der auch dieser Mitschnitt entstammt.

Ernest Bour, Jahrgang 1913, in den 70ern Chefdirigent des SWF Sinfonie-orchesters Baden-Baden, prägte das Ensemble Modern in den Jahren des Anfangs – Mitte der 80er, als man sich endlich in Frankfurt/Main niederließ, und keine Anstrengungen scheute. Neben dem Beethoven-Konzert birgt die CD deshalb noch ein zweites Dokument der Zusammenarbeit aus jener Zeit: die Uraufführung von Iannis Xenakis Alas – einem knapp halbstündigen Werk, das das Zusammenspiel dreier gleichbesetzter Ensembles vorsah. Der WDR-Mitschnitt der Kooperation des Ensembles Modern mit der Gruppe Neue Musik "Hanns Eisler" aus Leipzig und dem Ensemble Köln ist fraglos ein Highlight der Schallplattengeschichte der Neuen Musik. Xenakis hatte für seine Komposition eine besondere Verräumlichung des Klangs vorgesehen. Die drei Ensembles formten demzufolge in der Kölner Philharmonie ein gleichseitiges Dreieck und wuchsen, insbesondere im exzessiven Schlussteil des Werks, zu einer Art Meta-Instrument. Ernest Bour probte bis zu 16 Stunden am Tag und leitete die Uraufführung mit Kompetenz und Bravour.

Xenakis – Alas
Ensemble Modern, Gruppe Neue Musik "Hanns Eisler", Ensemble Köln
Ltg. Ernest Bour
CD EMCD-017, LC 14544
Take 01
dar.: 1.27

Das Ensemble Modern, Ernest Bour und der Westdeutsche Rundfunk – das war seinerzeit, in den 1980ern, eine Konstellation von enormer Tragfähigkeit. In der Labelgeschichte der EMM trägt diese Veröffentlichung die Nummer 17.

Die allererste CD offerierte ein ganz anderes Material. Mit Charles Ives ging es zurück an die Anfänge der Moderne in den Vereinigten Staaten. Die Platte dokumentiert Ives' Sinfonie Nr. 4 von 1916, aufgezeichnet im August 1999 bei den Luzerner Musikfestwochen. Ähnlich wie bei Beethoven galt es im Ensemble zunächst, den geistigen Hintergrund der Komposition zu erschließen. Bei Ives war das zum einen die Sympathie für die Naturphilosophen Emerson und Thoreau, und die Ablehnung des europäischen Akademismus. Zum dritten spiegelt das Opus ein akustisches Kindheitserlebnis: Ives' Vater, ein Regiments-Kapellmeister, kommandierte gern mehrere Blasmusiken durchs Städtchen und hörte sich das Durcheinander der Märsche mit seinem Sohn vom Kirchturm aus an. Eine gleichsam räumliche Aufstellung sich bewegender Musiken unter-schiedlichster Machart findet sich auch im zweiten Satz der Sinfonie:

Ives – Sinfonie Nr. 4, dar.: Allegretto
Ensemble Modern Orchestra. Hermann Kretzschmar, Klavier
Ltg. John Adams
CD EMCD-001, LC 14544
Take 02
dar: 1:51

Das Ensemble Modern Orchestra mit der Sinfonie Nr. 4 von Charles Ives – hier geleitet von Franck Ollu, einem dem EM langjährig verbundenen Spezialisten für Neue Musik.

Die nächste CD, die ich Ihnen anspielen will, rührt aus einem Nachwuchs-projekt – aus der Arbeit der IEMA, der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Diese zielt auf Weitergabe des im Ensemble erworbenen Wissens um das Entstehen und Aufführen Neuer Musik. Seit Sommer 2003 bildet dieser Teil des Ensemble Modern eine eigene Institution. Allerdings nicht im Sinne von Akademismus und Indoktrination – die pädagogische Arbeit gestaltet sich vielmehr als Erfahrungsaustausch, als ein wechselseitiges Geben und Nehmen. Junge Urheber und Interpreten lernen im praktischen Umgang mit den Ensemblemitgliedern; für diese bringt jeder Akademie-Jahrgang gewissermaßen mentale Verjüngung. Insbesondere das seit 2004 regelmäßig veranstaltete Internationale Kompositionsseminar der Akademie konfrontiert die erfahrenen Älteren mit den Intentionen der Jüngeren und der ganz Jungen. Eine vor zwei Jahren veröffentlichte Doppel-CD belegt dies. Sie dokumentiert zentrale Stücke der Jahrgänge 2004 – 2011, die in Zusammenarbeit mit dem Ensemble Modern entstanden und zur Aufführung kamen. Hier handelt es sich um Studioproduktionen, die in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Rundfunk entstanden.

Ein kurzes Hineinhören in Johannes Kreidlers "Kantate" No future now von 2008.

Kreidler – No future now. dar.: Barock, Choral/ Singspiel
Ensemble Modern
CD EMCD-001, LC 14544
CD 2 Take 09

dar: 1:11

Musik von Johannes Kreidler – gespielt vom Ensemble Modern mit Johannes Kalitzke am Pult.

Zur Philosophie des Labels Ensemble Modern Medien gehört es, von allen Ensemble-Mitgliedern – es sind 22 derzeit – auch Soloplatten zu pressen. Auf diesen porträtiert sich jeder als Spezialist, als Innovator, Entwickler, der neue Techniken ausprobiert, neue Klänge erfindet, sein Instrument neu definiert. Posaunist Uwe Dierksen beispielsweise hat für seine Doppel-CD zahlreiche eigene Kompositionen eingespielt. Saar Berger präsentiert 17 Arbeiten von Komponisten hauptsächlich mittleren Alters und gibt so einen Überblick über neueste Avantgarde-Literatur für das Horn: Mit dabei: Miroslav Srnka, Dai Fujikura, Samir Odeh-Tamimi, Nina Senk, Anthony Cheung, Vassos Nicolaou.

Fagottist Johannes Schwarz löst sein Instrument nahezu völlig von seinem klassischen Klang: Obertonbereiche werden erschlossen, Multiphonics, beim Fagott lange unerforscht, kommen ins Spiel. Mittels der Elektroakustik erwachsen dem Instrument neue Perspektiven. Hier als Beleg ein Ausschnitt aus Sascha Janko Dragicevic's Arbeit Autogamie.

Sascha Janko Dragicevic – Autogamie
Johannes Schwarz, Fagott
CD EMCD-002, LC 14544
Take 01
dar: 1:29

Johannes Schwarz mit Sascha Janko Dragicevic's Autogamie. Die Solistenreihe bei Ensemble Modern Medien birgt in der Tat einiges Aufregende – die nächste Veröffentlichung ist für Anfang 2016 geplant.

28 CDs und 2 DVDs hat das Label EMM inzwischen veröffentlicht – seit September dieses Jahres ist es im Vertrieb der EDEL AG, einem der größten Musikunternehmen Europas.

Kurioser Weise ist die aktuellste Aufnahme mit dem Ensemble Modern allerdings nicht beim eigenen Label erschienen, sondern in der Edition Zeitgenössische Musik EZM des deutschen Musikrats beim Label WERGO.

Vito Zuraj, geboren 1979 in Maribor in Slowenien, ist gewissermaßen ein Kind der IEMA, er gehörte als Komponist zum Jahrgang 2009/'10 der Internationalen Ensemble Modern Akademie. Das prägte ihn stark. Nicht zufällig also spielen das Ensemble Modern und seine Solisten auf Zuraj's EZM-CD, die in 2015 erschien, eine wichtige Rolle. Der junge Komponist – so Bookletautor Egbert Hiller – vereint Widerstreitenes: er beruft sich beim Komponieren auf seine Intuition, zugleich komponiert er mithilfe spezieller Softwares; Elektroakustik ist wichtig für ihn, ebenso Mikrotonalität. Bei den fünf Kompositionen auf seiner Platte haben zudem die Interpreten einen wichtigen Part – allen voran Saar Berger, für den Zuraj eigens ein Hornkonzert schrieb. Auch Persönliches geht ein in sein Komponieren, etwa die Liebe zum Tennis. In der folgenden Komposition runaround, einem Konzert für vier Blechbläser, ist es die Faszination an Möglichkeiten des Raumklangs, die Zuraj inspirierten. Anklänge an Unterhaltungs-Traditionen, wie sie sich mit Horn, Trompete, Posaune verbinden, sind stellenweis nicht weit entfernt – andererseits lädt die Besetzung geradezu ein, innovative Spieltechniken zu erkunden. Unüberhörbar ist auch ein sportives Moment:

Vito Zuraj – runaround
Ensemble Modern. Ltg.- Johannes Kalitzke
CD WERGO WER 64172, LC 00846
Take 04
dar: 1:31

Seit dem vergangenen Jahr ist auch der Mitschnitt des Gründungskonzerts auf dem CD-Markt. Die Bänder fanden sich in den Archiven des Deutschlandfunks, wo das legendäre Ereignis am 30. Oktober 1980 im Sendesaal am Kölner Raderberggürtel stattfand. Auf dem Programm: Mathias Spahlingers Phonophobie, Friedrich Goldmanns, von Vinko Globokar interpretiertes Posaunenkonzert, Anton Weberns Symphonie op. 21 sowie ein Schlüsselwerk der modernen Ensemblemusik: Arnold Schönbergs Kammersymphonie op. 9 für 15 Instrumente von 1906.

Dieses berühmte Stück war seinerzeit auch Orientierungspunkt für Größe und Art der Besetzung des zu gründenden Ensembles Modern. Es ist ein Werk des Übergangs: klassische Dreisätzigkeit ist unkenntlich gemacht, die tonalen Bindungen sind in Auflösung begriffen. Eine gewisse klassizistische Anmutung ist aber nicht zu verleugnen. Wir blenden uns in das Finale ein.

Arnold Schönberg – Kammersymphonie op. 9
Ensemble Modern
CD EMCD-025, LC 14544
Take 04
dar: 0:40

Soweit Arnold Schönbergs Kammersymphonie op. 9 – in einer Aufnahme mit dem Ensemble Modern. Dessen 35-jähriges Bestehen in diesem Jahr war Anlass zu einem kleinen Rückblick auf die CD-Geschichte und das Label der wichtigsten deutschen Spezialformation für Neue Musik. – Angespielt habe ich Ihnen sehr unterschiedliche Veröffentlichungen: Dokumente der Zusammenarbeit mit Ernest Bour, von der IEMA, Solistenporträts und Highlights wie Ives' Sinfonie Nr. 4 oder das Gründungskonzert 1980. Die neueste Veröffentlichung mit Ensemblemusik von Vito Zuraj ist beim Label WERGO erschienen, im Rahmen der Edition Zeitgenössische Musik des Deutschen Musikrats. Soweit für heute Die neue Platte – vorgestellt von Frank Kämpfer.

Musikablauf:

Musik 1
Beethoven – Violinkonzert
Thomas Zehetmair, Violine
Ensemble Modern. Ltg. Ernest Bour
CD EMCD-017, LC 14544
Take 04
dar: 0:44

Musik 2
Xenakis – Alas
Ensemble Modern, Gruppe Neue Musik "Hanns Eisler”, Ensemble Köln
Ltg. Ernest Bour
CD EMCD-017, LC 14544
Take 01
dar: 1:27

Musik 3
Ives – Sinfonie Nr. 4, dar.: Allegretto
Ensemble Modern. Hermann Kretzschmar, Klavier
Ltg. John Adams
CD EMCD-001, LC 14544
Take 02
dar: 1:51

Musik 4
Kreidler – No future now. dar.: Barock, Choral/ Singspiel
Ensemble Modern
CD EMCD-001, LC 14544
CD 2 Take 09
dar: 1:11

Musik 5
Sascha Janko Dragicevic – Autogamie
Johannes Schwarz, Fagott
CD EMCD-002, LC 14544
Take 01
dar: 1:29

Musik 6
Vito Zuraj – runaround
Ensemble Modern. Ltg.- Johannes Kalitzke
CD WERGO WER 64172, LC 00846
Take 04
dar: 1:31

Musik 7
Arnold Schönberg – Kammersymphonie op. 9
Ensemble Modern
CD EMCD-025, LC 14544
Take 04
dar: 0:40 

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