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StartseiteCorsoDer ironische "Ruf des Wilden"26.02.2015

15. VideonaleDer ironische "Ruf des Wilden"

In Bonn eröffnet heute Abend zum 15. Mal das Festival Videonale. Eine Ausstellung im Kunstmuseum zeigt aktuelle internationale Videoarbeiten und eine Retrospektive aus 30 Jahren Videonale. Bis Mitte April sind an acht weiteren Kunstorten Austellungen und Filmprogramme zu sehen. Das Motto ist: "The Call of the Wild" – Der Ruf des Wilden! – Dem sind wir gefolgt:

Von Peter Backof

Eine typische Filmkamera aus früheren Zeiten. Schwarz-weiß-Aufnahme (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)
Aktuelle internationale Videoarbeiten zeigt ab heute Abend die 15. Videonale im Bonner Kunstmuseum. (Stock.XCHNG / Pawel Zawistowski)

Unablässig fegt der Staubsturm über den kargen Wüstenboden. Die Gelb- und Orangetöne machen das Bild unwirklich: Es wirkt wie von einem anderen Planeten. "MSR – Military Supply Road in Kuwait – eine Straße, die nur benutzt wird, um die Ölraffinerien, die sich an der Strecke befinden, zu beliefern", erläutert Tasja Langenbach, künstlerische Leiterin der Videonale. Der belgische Videokünstler Wim Catrysse hat an dieser Militärstraße gefilmt – unerlaubterweise übrigens – und blieb mit der Kamera hängen: an einem Rudel verwilderter Hunde. Ab und zu fliegt eine Verpackung mit Resten von Essbarem aus einem Lkw-Fenster. Davon leben sie. So haben wir "Straßenköter" noch nie gesehen. Was für ein Sinnbild für die Schwelle zwischen Zivilisation und Wildnis.

Ironische Wildnis: Keine Pionier- und Goldgräber-Romantik

Tasja Langenbach: "Das Wilde – was wir mit 'The Call of the Wild' zu fassen bekommen wollen, ist da, wo sich Ordnungen in Auflösung befinden, wo das, was wir kennen, nicht mehr gilt." "Der Ruf des Wilden" - Motto von Ausstellung und Wettbewerb der Videonale mit 38 künstlerischen Positionen – hat mit einem "Lockruf der Wildnis", mit Pionier- und Goldgräber-Romantik nur am Rande zu tun. Als Sehnsuchtsort taugt die Wildnis nur noch ironisch gebrochen.

Zum Beispiel in dem Filmessay "Energie" von Florian Pugniere und David Raffini aus Nizza. Darin wird ein Auto in einem pittoresken Wald gründlich zu Schrott gefahren. Eine mögliche Deutung: Das ist eine lustig anzusehende Persiflage auf Outdoor-Werbewelten. Kämpfen wir uns wirklich jemals in Funktionskleidung und mit Allradantrieb Tausende von Kilometern durch irgendeine Wildnis, wenn wir entsprechende Produkte kaufen?

Andere Deutungen: möglich und erwünscht; die Arbeiten sind hier in keiner Weise instrumentalisiert: Sie entsprechen nicht unseren Erwartungen an eine Dokumentation, einen Werbespot, einen Clip, den wir in den Social Media teilen.

Tasja Langenbach: "Es ist die Frage: Wie viele Arbeiten zeigt man überhaupt? Weil das Rezeptionsvermögen – was man sich als Betrachter zu Gemüte führen kann an Videokunst – ist halt auch beschränkt. Mit längerem Geduldsfaden bleibt man zwei Stunden, man bräuchte aber den ganzen Tag."

Oder länger: Videos mit Spielzeiten von teilweise über einer Stunde; wie stellt man sie im Paket aus? Das ist hier sehr geschickt gelöst. Neben kleinen Monitoren mit Kopfhörern und gepolsterten Sitzgelegenheiten dienen große, etwa einen Meter fünfzig mal drei Meter große Stellwände als Raumteiler. Darauf werden die Videos über Beamer projiziert. Leicht schräg gestellt, genügen simple Drahtseile, um sie stabil zu halten. So ergibt sich ein im Raum asymmetrisch verschachteltes Blickfeld.

Wilde Rocker und wildgewordene Straßenköter

Und auch inhaltlich sollen die Arbeiten korrespondieren: Ein Film über das Gebirgsmassiv der St. Andreas-Verwerfung. Hier, in Kalifornien, entsteht in stetigem Prozess ein Faltengebirge – bricht sich an der gefilmten Installation einer Altherren-Heavy-Metal Combo, die als Film-Installation auf einem runden Podest rotiert wie eine Spieluhr kurz vor dem Stillstand. Ehemals "wilde" Rocker haben den Akku leer: Und das wiederum bricht sich eben an diesen wieder wild gewordenen Straßenkötern in Kuwait, gleich daneben.
Wie interpretieren aktuell und international Künstler das bewegte Bild? Ja, extrem vielfältig, geradezu im Sinne des Festivalmottos: "Wild und frei". Die Videonale ist dafür Plattform und natürlich auch Lobby für die Position des Videos auf dem Kunstmarkt. Die ist keine leichte: Wer sammelt – im Zeitalter des Umsonstvideos – Videokunst und zu welchem Preis?

Den Auftakt des Festivals markiert ein Kongress mit Vorträgen, Panels, Workshops. Programmleiterin Jennifer Gassmann: "Wie Maschinen und neue Technologien auch überhand nehmen können, damit beschäftigt sich das Programm mit dem Fokus 'The Act of Liberation'. Wie kann man sich aus Fesseln befreien? Wie gehe ich um damit, dass Daten zunehmend überwacht werden?"

Von dem Enthüllungsvideo, das Lecks und Risse sichtbar macht, bis zur Diskussion über Post-Internet-Art, die diese Themen dann auch schon wieder überwindet, reicht das Portfolio.

Und dann – zurück in der Ausstellung – wieder eines dieser Überraschungsmomente: Wütend donnert ein Schimpanse gegen eine Mattscheibe. War ihm etwas zu kopflastig? Die US-Filmemacherin Rachel Mayeri hat Videos für Schimpansen gedreht: "Primate Cinema" – "Chimpanzees will watch TV in captivity!" Die Affen schauen wirklich Programm, sagt sie, und scheinbar tun sie auch kund, wenn ihnen etwas gefällt oder missfällt. Wie und warum, das will sie noch mit Hilfe einer Verhaltensbiologin klären.

Ein vielversprechendes Entdeckerfestival

Und das ist symptomatisch für diese Videonale: Sie ist ein Entdeckerfestival mit viel Situationskomik, die uns aus den Videos förmlich entgegenspringt. Wir werden sehen, Kontexte diskutieren, um dann doch immer wieder von einer Art nie gehörtem Urschrei auf eine weitere, neue Fährte gelockt zu werden. Ein vielversprechendes Festival!

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