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2,4 Millionen für eine Espresso-Maschine

Die beiden jüngsten Dopingsperren gegen Ex-Radprofi Jan Ullrich und Spaniens Radidol Alberto Contador könnten Optimisten zu dem Gedanken veranlassen, es gehe voran mit dem Anti-Doping-Kampf in einer verseuchten Sportart. Doch das Beispiel des russischen Rennstalls Katjuscha zeigt eine andere Realität.

Von Klaus Blume | 12.02.2012

Es war eine großartige Woche für den Sport. Besseres, als die Doping-Urteile gegen Alberto Contador und Jan Ullrich, hätte ihm nicht widerfahren können. Womit aber auch Wasser auf die Mühlen mancher selbst ernannter Anti-Doping-Kämpfer gegossen wurde. Man dürfe eben auch nicht vor einem Tour-Sieger haltmachen, meldete sich - kernig, wie eh und je - auch Hans-Michael Holczer zu Wort.

Moment, mal: Hans-Michael Holczer ? War da nicht was? Als dopingfreie Zone im doping-verseuchten Profi-Radsport hatte der gelernte Schulmeister aus dem Schwäbischen zehn Jahre lang - überaus wortgewaltig - sein Gerolsteiner Team nach außen verteidigt.
Doch wie‘s drinnen wirklich ausgesehen hat, das hatte Holczer - und dabei bleibt er bis heute - zu keiner Zeit bemerkt. Zehn Dopingfälle, vielleicht waren es ja - inklusive aller Vertuschungen - noch viel mehr, wurden zwischen 1998 und 2008 protokolliert. Weit mehr, als in einem der anderen damaligen deutschen Profi-Teams: Nicht bei Wiesenhof, Telekom oder Milram.

Die prominentesten Gerolsteiner Dopingsünder waren 2005 Danilo Hondo; er wurde positiv auf das fast nur im russischen Biathlon benutzte Medikament Carphedon getestet. 2008 fanden französische Fahnder im Blut des WM-Dritten von 2007 , Stefan Schumachers, Spuren des Blutdopingmittels CERA. Ebenso bei Bernhard Kohl, dem Tour-Dritten von 2008, der darauf seine Karriere beendete.

Auch Holczers Vertrauter, der Italiener Davide Rebellin, 2008 Olympiazweiter, hatte in Peking CERA benutzt. Die Medaille wurde ihm aberkannt.

Seit 1. Januar leitet nun Holczer das russische Team Katjuscha, benannt nach jenem furchtbaren Raketenwerfer, der als "Stalin-Orgel" in die Geschichte einging. Schon vor Amtsantritt, im Dezember 2011, handelte der Anti-Doping-Kämpfer Holczer so, wie alle Welt es von ihm erwartet hatte: er entließ stante pede den zweimaligen russischen WM-Zweiten Alexander Kolobnev, denn der stand als einziger Dopingfall in den Tour-Annalen von 2011. Stattdessen verpfichtete Holczer dessen Landsmann Denis Menchov.

Das klang nun gar nicht mehr nach Anti-Doping-Kampf.

Schon 2008 berichtete der Mailänder ´Corriere della Sera` - alles andere, als ein Krawall-Blatt -Menchovs italienisches zehn Millionen schweres Euro-Konto sei um eine Überweisung von 2,4 Millionen an einen unbekannten Empfänger erleichtert worden. Honorar für den italienischen Doping-Arzt Michele Ferrari, mit dem der Russe zusammen gearbeitet habe? Menchov ließ ausrichten, er habe sich endlich mal eine richtig schnuckelige Espresso-Maschine gegönnt.

2009 recherchierten dann nicht nur österreichische Blätter, sondern auch der Londoner Telegraph, Menchov sei in Wien Klient des Dopinghändlers Stefan Matschiner sowie der Blutbank Humanplasma gewesen. Menchov ließ dementieren. Womit die Sache noch lange nicht ausgestanden ist.

Also fragten wir Hans-Michael Holczer, warum er - als Anti-Doping-Kämpfer - ausgerechnet diesen 33-jährigen Russen als neuen Kapitän verpflichtet hat.
Unserem Hinweis, die Brüsseler SPORTWERELD spekuliere, mit Menchov könne er bei Katjuscha ebenso Schiffbruch erleiden, wie einst mit Rebellin bei Gerolsteiner: erst Siege ohne Unterlass, dann die große Doping-Pleite , begegnete Holczer so: "Da gibt es keine Parallelität. Denn Menschov ist nie positiv getestet worden."

Ob er ihm deshalb vertraue? Dafür - so Holczer - "kenne ich ihn zu wenig."
Warum er ihn dann angestellt habe?
Holczer, wortwörtlich: "Leider geht es hier um russischen Radsport, und unser russische Sponsor wollte den Russen Denis Menschov haben."

Der Sponsor will ihn wohl vor allem deshalb, weil nach Contadors Dopingsperre Holczers Stars zu absoluten Top-Favoriten bei der Tour de France 2012 aufrücken: Menschov ebenso wie der Spanier Joaquin Rodriguez. Dieser soll dann Mitte September - gemeinsam mit Alberto Contador und Alejandro Valverde - bei der Weltmeisterschaft die spanische Speerspitze bilden.

Holczer lacht, wenn er behauptet, im Gegenteil zu den beiden anderen sei Rodriguez - noch - nie in eine Doping-Affäre geraten. Das Wörtchen "noch" kann man wohl als Hoffnung interpretieren, muss es aber nicht.